Afrika ist noch mehr

Halbnackte Trommler - auch das ist Afrika. Der Kontinent hat aber noch viel mehr Gesichter. Foto: Malte LegenhausenSeit vergangenem Donnerstag gastiert “Afrika! Afrika!” vier Tage lang in der Arena. Die Werbung dafür war nicht zu übersehen. Der Mannheimer Veranstalter plakatierte die ganze Innenstadt zu. An hunderten Laternenpfählen und Zäunen wurden illegal Banner und Plakate angebracht, die die Stadt auf Kosten des Veranstalters von einem Trierer Unternehmen abhängen ließ. An Bauzäunen und Privatgrundstücken sind immer noch viele zu sehen. Mehrere Tausend Besucher wurden so oder auf anderem Wege auf die Show aufmerksam, die Premiere am Donnerstag sahen 1500 Zuschauer. Neben beeindruckender Akrobatik und mitreißenden Musikeinlagen zeigt die Veranstaltung aber auch Stereotype. Die Show soll jedoch nach Angaben des Pressesprechers ganz bewusst nicht belehrend sein, sondern Emotionen übertragen.

TRIER. Auf einer riesigen LED-Leinwand erscheinen Zebrastreifen, flackerndes Schwarz und Weiß. Dann stürmt eine Gruppe Tänzer auf die Bühne, ihre Kostüme sind ebenfalls in den Farben des Tieres gehalten, das nun auf der Leinwand erscheint, ihre Gesichter mit Punkten und Strichen bemalt. Trommelmusik tönt durch die Arena und die Gruppe bewegt sich so schnell zum Rhythmus, dass es schwerfällt, ihnen mit den Augen zu folgen – aber sie reißen das Publikum auf Anhieb mit ihrem Tempo mit.

Was darauf folgt, ist eine zweistündige Show mit akrobatischen und tänzerischen Einlagen, untermalt von Live-Musik. Die 77 Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen afrikanischen Ländern bringen das Publikum nicht nur zum Staunen, Lachen und zum Strahlen, sondern auch dazu, sich auf ihren Stühlen mitzubewegen.

Unter den verschiedenen Nummern sind Tänze, die traditionell mit afrikanischen Ländern verbunden sind wie der “gumboot dance” (Gummistiefel-Tanz) aus Südafrika. Er entwickelte sich bei Minenarbeitern zu Zeiten der Apartheit. Die Musik entsteht dabei durch Klatschen, Stampfen und das Schlagen mit den Händen auf die Gummistiefel.

Die aus Tansania kommende Gruppe “Tansania Acrobats” bauen in Windeseile und scheinbar mit Leichtigkeit menschliche Pyramiden und vollführen Handstände auf den Köpfen ihrer Mitartisten. Besonders beeindruckend ist das Trio “Human Balance” aus Äthiopien, die wie in Zeitlupe Hebefiguren formen.

Handstand mal anders zeigen die "Tansania Acrobats". Foto: Malte LegenhausenDer Wiener Künstler André Heller inszenierte die Show “Afrika! Afrika!” bereits im Jahr 2005, die damals noch in einem Zirkuszelt – zeitweise sogar in zwei Zelten parallel – durch Europa tourte. Die 2013 entstandene Neuauflage findet nun in Arenen mit vielen neuen Artisten und großen LED-Leinwänden statt, die gestochen scharfe, kunterbunte Bilder präsentieren.

Doch die Show, so beeindruckend die einzelnen Nummern auch sind, wird vor allem durch Stereotype gestützt, die oftmals mit Afrika verbunden werden. Wenn sie an Afrika denkt, so kommen Charlotte Wey (15), die bei der Premiere im Publikum sitzt, Begriffe wie “Tiere, Sonnenschein und wunderschöne Landschaft” in den Kopf. Diese Bilder werden uns vor allem durch Medien und Filme wie “Nirgendwo in Afrika” nahe gebracht. Afrika (ein ganzer Kontinent, wohlbemerkt) wird darin häufig als weitläufige Graslandschaft mit Löwen, Giraffen und Dörfern aus Lehmhütten gezeichnet.

In der Show werden diese Bilder immer wieder aufgegriffen, indem die Künstler afrikanische Masken tragen, halbnackt und mit bemaltem Oberkörper über die Bühne springen, sich Tiere und Landschaften auf der Leinwand bewegen und überall animalische Muster zu finden sind. Gewiss, auch das ist Teil eines großen, vielfältigen Kontinents. Aber es ist eben nicht alles. Die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie sagte in einem Vortrag im Rahmen einer TED-Konferenz einmal: “Das Problem mit Stereotypen ist nicht, dass sie nicht wahr sind, sondern dass sie unvollständig sind.” Sie zeigen eben nur eine Seite. Adichie setzt sich dafür ein, dass der afrikanische Kontinent nicht nur auf diese und weitere Stereotype reduziert wird, wie es leider häufig der Fall ist.

Wolfgang Klauke, Pressesprecher von “Afrika! Afrika!”, sagt gegenüber 16vor, es seien schon Menschen nach der Show zu ihm gekommen und hätten gefragt, warum Heller den Tänzern Gummistiefel anziehe. Dass es eine Tradition aus Südafrika ist, den Gummistiefel-Tanz aufzuführen, hatten die Kritiker nicht verstanden. Was aber in den Köpfen hängenbleibt, sind mit Fell geschmückte Artisten und laute Trommelmusik – aber nicht, wie diese einzuordnen sind. “Die Show erklärt ganz bewusst nichts. Sie soll Emotionen und Gefühle übertragen – und keine Schulstunde sein”, so Klauke. Dabei wäre eine Erklärung angebracht. Eine Anmerkung zu Beginn der Show, die darauf hinweist, dass das, was das Publikum zu sehen bekommt, nur ein Teil eines Kontinents und nicht repräsentativ für ganz Afrika ist.

“Afrika! Afrika!” präsentiert eine geballte Farbenpracht, ein Schauspiel an Geschwindigkeit und Lebensfreude – geht gleichzeitig aber die Gefahr ein, das Publikum am Abend aus der Arena gehen zu lassen, das den afrikanischen Kontinent weiterhin mit wilden Tieren, ewiger Steppe und bunt bekleideten Menschen assoziiert, statt zu zeigen, wie viel mehr Afrika ist.

“Afrika! Afrika!” ist heute noch um 20 Uhr und an diesem Sonntag um 14.30 und um 19 Uhr in der Arena zu sehen.

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2 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Norbert Damm schreibt:

    Wie viel mehr ist Afrika? Malte Legenhausen läßt diese Frage offen. “Afrika ist noch mehr”. Ob in einer solchen, von einem Europäer inszenierten Show Afrika heute steckt? Keine “Spinnenmenschen”, die auf Holzbrettern mit 4 Rollen darunter über die Märkte rollen im normalen Alltag? Ich höre auf, weil ich merke, daß ich in ein anderes Klischee verfalle würde, was endet mit Kampfanzug und Maschinenpistole. Wie sagt der Pressesprecher: “Die Show soll Emotionen übertragen” . Meine Emotionen liegen, was Afrika angeht, wo anders: Frieden und keinen Hunger. Aber am Ende stellt sich auch hier die Frage: Wer macht den Reibach bei dieser Show?

  2. R.Roos schreibt:

    Wenn die Veranstaltung ja jetzt zu ende ist, kann der Veranstalter die Plakate ja wieder mitholen.
    Hoffentlich war das Bußgeld höher als der Gewinn.

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