Auf Georg Schmitts Spuren

Der romantische Komponist Georg Schmitt, der in Zurlauben geboren wurde und nach Paris ging, blieb lange vergessen, bis Maria Schroeder-Schiffhauer ihn vor 40 Jahren für die Trierer wiederentdeckte und über den damaligen Kulturdezernenten Walter Blankenburg, den heutigen Ehrenvorsitzenden des Vereins Trierisch, Herbert-Michael Kopp, und einige wenige andere eine kleine Schmitt-Renaissance anstoßen half. Nach Jahren der Stagnation könnte die jetzt neue Impulse bekommen. Dafür verantwortlich zeichnet Professor Wolfgang Grandjean.

TRIER. Die neue und erste umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung von Leben und Werk des 1821 geborenen Trierers nähert sich dem Abschluss. Verfasser ist Wolfgang Grandjean, seines Zeichens selber ein Sohn der Stadt und nach jahrzehntelanger Abwesenheit als Essener Musikprofessor wieder hier wohnhaft. Grandjean, Sohn eines Angestellten beim Generalvikariat, vertrat als junger Mann oft den damaligen, jüngst verstorbenen Rudolf Kneip an der Liebfrauener Kirchenorgel. Wie Schmitt nahm Grandjean ein Musikstudium auf, und wie jener trat er als Komponist in Erscheinung. Anhaltendes Quellenstudium, häufig in Paris, wo Schmitt ab 1846 lebte, ließen ihn einiges, was Schroeder-Schiffhauer verklärt dargestellt hatte, kritisch sehen, aber auch Stärken des Komponisten entdecken, die der Beachtung bisher entgangen waren.

Grandjean studierte die Quellen neu und erstellte von einem der umfangreichsten und, wie er urteilt, wertvollsten sinfonischen Kompositionen des Zurlaubeners das vollständige Aufführungsmaterial: gedruckte Partitur, Klavierauszug, Gesangs- und Orchesterstimmen und sogar eine eigenhändige, flüssig zu lesende Übersetzung des französischen Librettos. Der Professor ließ auch gar nichts aus, um Dirigenten das Werk mundgerecht zu unterbreiten.

Dennoch fand das Ganze bei der Trierer Theaterleitung keine Gnade. Hier wiederholte sich, was viele aus der Stadt immer wieder berichten, die mit einer tragenden Idee hervorzutreten die Naivität besitzen. Dem Sinne nach: „Wir prüfen das wohlwollend, Sie hören von uns.“ Man fragt irgendwann, nach Monaten vielleicht, vorsichtig nach. Keine Reaktion. Fragt wieder nach. Endlich die übliche Auskunft: passt nicht in unser Konzept. Außerdem haben wir kein Geld. Wir wünschen viel Erfolg.

Es wäre dabei ein leichtes, das Oratorium aufzuführen. Das Werk, das die Berufung Mose auf den Berg Sinai, den Tanz der unter Aaron unten verbliebenen Israeliten ums Goldene Kalb, Gottes Strafandrohung und Israels Einlenken thematisiert, stellt – eine etwas hochliegende Chorstelle ausgenommen – keine übermäßigen Anforderungen an die Mitwirkenden, weder zahlenmäßig noch in Bezug auf aufführungstechnische Besonderheiten.

Es bedient sich geschmackvoll und gekonnt einer Tonsprache ungefähr auf der Linie Donizetti, Gounod, Verdi, sicher im Gegensatz zu dem, was Komponisten in Deutschland damals protegierten, aber alles andere als seicht oder billig-sentimental. Es gibt einprägsam übers Werkganze wiederkehrende Motive, das eine Stunde oder etwas mehr beansprucht, und eine dramaturgisch gut angelegte diskrete Zunahme an Komplexität und Schlagkraft. Ohne Frage – an Hinterlassenschaften dieses Niveaus lässt sich das geistige Leistungsvermögen einer Stadt ablesen. Triers Bürger haben ein Recht darauf, dieses Potential kennenzulernen. Und die Verantwortlichen in den Institutionen am Augustinerhof haben die Pflicht und Schuldigkeit, das Profil der Region zu präsentieren.

Inzwischen liegt das Material bei einem Vertreter der freien Chorszene. Die Karte Luxemburg soll erst gezogen werden, falls auch diese Prüfung aus materiellen oder anderen Gründen im Sande verläuft. Das Nachbarland reüssiert bekanntlich mit seinen Künstlern. Mehr als ein Dutzend Komponisten und etliche Literaten auf nicht viel mehr Einwohner als eine mittlere Stadt bei uns erhalten vom Staat und privaten Institutionen Aufträge, Künstler wie der allerdings herausragende Joseph-Emille Kutter im Museum einen eigenen Saal. Ob die Luxemburger Haltung einmal auf uns überspringt?

Grandjean trat selber regelmäßig als Komponist hervor. In seinem eigenhändigen Werkkatalog mit 43 Nummern spielt ambitionierte Kammermusik, stellenweise unter Einbezug der Elektronik, eine wichtige Rolle. Wen wundert’s – hat er doch bei Ikonen deutscher Nachkriegsmusik wie Karlheinz Stockhausen studiert. An der Folkwang-Hochschule anschließend war das Publikum für Avanciertes einfach da. Aber auch die spezialisierten Musiker und Musikstudenten. Die meisten Kompositionen des Musiktheorieprofessors wurden in Essen uraufgeführt und nachgespielt.

Überraschenderweise erklang eine der letzten Eigenkompositionen, die Grandjean abschloss, aber nicht dort, sondern in Trier zuerst: im Rahmen einer Veranstaltung des damaligen Vereins „Freischaffende Musiker Trier“. Grandjean spielte selbst den diffizilen Klavierpart. Diffizil vor allem deswegen, weil Saiten zwischendurch mit Xylophonklöppeln angeschlagen werden mussten. Die Wirkung der Komposition bezwang durch ihre selbstverständliche Synthese aus avancierten Mitteln und sich unmittelbar mitteilender Anmut, maßgeblich getragen von der feinen pianistischen Kultur des Komponisten.

Jenseits des überschaubaren Zuhörerkreises in der Tuchfabrik fand das Ereignis keine Beachtung. Klar, dass Grandjean das Klima der Essener Hochschule in Trier nicht wiederzufinden erwartete. Hierher kam er mit seiner Frau gewiss aus anderen Gründen zurück. Aber ein bisschen mehr Aufgewecktheit und Sinn für Maßstäbe traut er den Trierern – und einem Teil der Trierer Presse – in Zukunft schon zu. Immerhin widmet er eine Menge Zeit, Energie und sogar Spesengelder den Spuren des Trier-Pariser Komponisten Georg Schmitt und der Wiederbelebung von Repertoire, für das es sich lohnt.

Das pathologische Trierer Misstrauen gegenüber allem Nichtprovinziellen wird schwerlich von heute auf morgen zu brechen sein. Da dürften noch eine Weile folkloristische Banalitäten abgefeiert, komplexer Strukturiertes und Kritisches dagegen deklassiert oder, noch bequemer, totgeschwiegen werden. In Anlehnung an jenes, auch von einem Trierer auf den Weg gebrachte, „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ könnte der angeglichene Wahlspruch lauten: „Kreative der Stadt, tretet hervor und zeigt, dass ihr Schneid habt!“

Leichter gesagt als getan. Unterhalb einer bestimmten Personenzahl wird selbst Minderheit nicht einmal mehr als Minderheit wahrgenommen. Trotzdem. Es kann noch Vernetzung stattfinden. In den nächsten Jahren sollen in regionaler Erstaufführung in Trier und Umgebung Kompositionen Wolfgang Grandjeans erklingen, und 2014, wer weiß, vielleicht auch Schmitts „Le Sinai“ – herausgegeben von ihm.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Horst Lorig, TR-Ehrang schreibt:

    Ein hochinteressanter, informationsreicher Artikel. Der Autor “unterschlägt”allerdings in sympathischer Bescheidenheit die eigenen Verdienste in Bezug auf zahlreiche Konzerte in denen er Klavier- und Liedkompositionen von Georg Schmitt spielte. Auf mehreren CD-Aufnahmen, produziert vom Verein Trierisch, läßt Klp. Bungert den Wahlpariser Trierer eindrucksvoll erklingen. Auch Domorganist Josef Still und Achim Müller, Kirchenmusiker an “St. Martin” in Trier, sind engagierte Interpreten von G. Schmitts Orgel- und geistlicher Chorlitertur. Nun ist zu hoffen, daß sich mit der angekündigten Veröffentlichung einer wissenschaftlich fundierten Person- und Werkbeschreibung des Komponisten Georg Schmitt durch Prof. Wolfgang Grandjean eine “Aufführungsrenaissance” beginnt.
    Horst Lorig, Trier-Ehrang.

  2. Achim Müller schreibt:

    Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit dem geistlichen Werk Georg Schmitts. Zwei seiner Messen sowie einige Motetten wurden in St. Martin für Trier erstaufgeführt. Klauspeter Bungert, der bei diesen Aufführungen stets an der Orgel saß, komplettierte die Gottesdienste und Konzerte darüberhinaus mit Orgelwerken Schmitts. Mein Versuch, die Es-Dur -Messe für Tenor- und Bass-Solo, sowie einst. Chor und Orgel beim Verlag Josef Butz unterzubringen, scheiterte mit dem Kommentar: zu seicht und passt nicht in unser Programm – man höre und staune – wegen der Besetzung. In einer Zeit, in der Chöre immer kleiner werden, ja um ihre Éxistenz bangen, gibt es nicht viele Auswahlmöglichkeiten, um klangschöne und trotzdem festliche Musik aufzuführen. Somit bestätigten sich die im o. a. Artikel angeführten Beispiele.
    Schade für die Musik, schade für die Stadt Trier, die sich ihres berühmten Sohnes wahrhaftig nicht zu schämen braucht.

  3. Andrew Levine schreibt:

    Eine erfreuliche Ergänzung. Am 07. September 2014 führte der Konzertchor Trier unter Leitung von Jochen Schaaf das Oratorium “Le Sinai” in St. Maximin auf. Es musiziert das Philharmonisches Orchester Trier. Solisten: Evelyn Czesla (Sopran), Peter Diebschlag (Tenor), Tobias Scharfenberger (Bariton), Nico Wouterse (Bassbariton) und Michael Haag (Bass).

    http://bit.ly/1uH1ay3

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