Auf gut Deutsch

Von Berufs wegen wusste der französische Pantomime Marcel Marceau: “Sprache ist im ersten Moment immer ein Hindernis für die Verständigung.” Der Bayreuther Philologieprofessor Gerhard Wolf würde möglicherweise zustimmen. Mitten ins vergangene Sommerloch platzten die “bestürzenden” Ergebnisse einer von ihm initiierten Umfrage unter 135 geisteswissenschaftlichen Fakultäten, der zufolge es um die Studierfähigkeit der Erst- und Zweitsemester alles andere als gut bestellt ist. Moniert werden insbesondere massive Mängel bei den Lese- und Schreibkompetenzen. Doch wird die Situation zurecht in düsteren Farben gemalt? Wie geht man an der Universität Trier mit diesem Phänomen um? 16vor-Mitarbeiter Johann Zajaczkowski hört sich auf dem Campus um und fragte bei Dozenten und Professoren nach.

TRIER. Die erste Adresse führt hinauf in die stickigen Höhen des akademischen Elfenbeinturmes. Dort, im 4. Stock des B-Flügels der Universität, hat die Bildungswissenschaftlerin Professor Michaela Brohm ihr Büro. Die langjährige Lehrerin kennt den Tenor der Umfrage: “Die Studierenden von heute können nicht mehr das Niveau halten, dass sie noch vor Jahren hatten.” Konkret werde bemäkelt, dass die Studierenden gravierende Defizite bei Rechtschreibung und Grammatik sowie beim Textverständnis aufweisen und keine komplexen Satzgefüge mehr bilden können.

Die vollständigen Ergebnisse harren noch der Veröffentlichung. Dazu wird es vielleicht nicht kommen, handelt es sich doch lediglich um eine Umfrage unter den Kollegen aus den Geisteswissenschaften. Michaela Brohm weist denn auch darauf hin, dass die Ergebnisse nicht repräsentativ seien. Trotzdem haben die in den Medien zitierten Auszüge aus der “Studie” hohe Wellen geschlagen, griff die Kultusministerkonferenz die Vorwürfe bei der Diskussion um Bildungsstandards beim Abitur auf. Die Existenz der Problematik scheint also evident – auch wenn es bislang an einer validen Beweisführung mangelt, wie es die PISA-Studie für die elementaren Kompetenzen von Schülern darstellt.

“Nicht das Maß aller Dinge”

Mit seinen zu einem lockeren Zopf zusammengebundenen Haaren sieht David Fassnacht ein wenig so aus, als wolle er seinem weiblich dominierten Studienfach Tribut zollen. In diesem Wintersemester hat der gebürtige Kölner in Trier ein Studium der Erziehungswissenschaften begonnen. Natürlich sei die Rechtschreibung und Grammatik der deutschen Sprache wichtig, erklärt er – um sogleich einzuschränken: “Andererseits sollte das nicht das Maß aller Dinge sein”. Es komme vielmehr auf den Inhalt an. Er differenziert: Gerade im Studium sei es wichtig, auch formell sauber und korrekt zu arbeiten. “Aber mir persönlich wäre es nicht sehr wichtig, solange ich verstehe, worum es geht.”

Eine selbstreflektierte Haltung, die nicht so recht zum alarmistischen Unterton in der Umfrage Wolfs passen will. Dr. Frank Meyer, der Leiter der zentralen Studienberatung, weiß aus Gesprächen mit Studienanfängern und Schulabgängern: “In den Beratungssituationen ist das Thema ‘sicheres Deutsch in Wort und Schrift’ praktisch nie ein Thema.” Für den ehemaligen Trierer Stadtschreiber und 16vor-Kolumnisten ist dieser Befund jedoch kein Indiz dafür, dass das Problem vom akademischen Nachwuchs unter den Teppich gekehrt wird. Die Studienbewerber würden vielmehr einfach davon ausgehen, dass ihre schriftlichen und mündlichen Sprachkompetenzen für ein Studium gut genug ausgebildet seien. Dialektisch kehrt er den Spieß um: “Die Schüler und Studenten würden in der Beratungssituation doch offen darüber reden, wenn sie ihre eigenen Sprachkompetenzen problematisch einschätzen würden.”

Woher rührt die Diskrepanz zwischen dem fehlenden Problembewusstsein der angehenden Hochschüler und dem professoralen Erwartungshorizont? Schon Platon wusste die junge Generation mit abfälligen Worten abzuwatschen. Lässt sich die Kritik also als überzogenes Gejammer einzelner Professoren abtun, oder verfängt sie in den Realien des Hochschulalltags?

Ein Vergleich mit der Situation in den sogenannten MINT-Fächern könnte die Vorwände abmindern. Im Bildungsbericht 2012 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung heißt es: “In den Ingenieurwissenschaften und der Mathematik hat mehr als die Hälfte der Anfängerinnen und Anfänger das Bachelorstudium abgebrochen.” Die hohe Abbruchquote ist zu einem Teil auch den hohen Anforderungen an die mathematischen Grundkenntnisse geschuldet. Viele Hochschulen versuchen dagegenzuhalten, indem sie den Studieneinstieg mit vorgeschalteten Aufbaukursen erleichtern.

Pendants für die stärker sprachlich geforderten Geisteswissenschaftler sind indes ungleich schwerer auszumachen. Für Frank Meyer möglicherweise ein Hinweis dafür, “dass das Problem gar nicht so ausgeprägt ist und die Gruppe derjenigen Studierenden, deren Sprachkompetenz gut genug ist, immer noch überwiegt.” Seine positiven Erfahrungen als Dozent spiegeln dies wider: “Auch wenn die Kompetenzniveaus innerhalb eines Studienjahrgangs deutlich auseinanderklaffen, kann ich nicht sagen, dass die Gesamtsituation schlecht war.”

“Dass da etwas im Argen liegt, sieht jeder”

Dennoch: Viele sind überzeugt davon, dass die politisch motivierte Erhöhung der Studienanfängerquote, die derzeit infolge der doppelten Abiturjahrgänge und der Aussetzung der Wehrpflicht 55 Prozent des Jahrgangs ausmacht, zwangsläufig mit Qualifikationseinbußen verbunden ist. Auch das Autorenteam rund um den Bildungsbericht warnt vor einer “Dequalifizierung” von Hochschulabsolventen. Frau Brohm argumentiert folgendermaßen: “Es wäre viel schwieriger, 50 Prozent der Kinder auf das hohe Niveau zu qualifizieren, also senkt man die Standards.” Für Brohm lassen sich die degenerierten Rechtschreib- und Grammatikkompetenzen möglicherweise darauf zurückführen, dass ihnen “in den Prüfungsordnungen nicht mehr viel Nachdruck verliehen wird.” Anhand der aktuellen Abiturprüfungsordnung Rheinland-Pfalz könne man erkennen, dass die Wertschätzung für eine eine gelungene Sprache zurückgegangen sei. Sie zitiert: “Schwerwiegende und gehäufte Verstöße gegen die sprachliche Richtigkeit oder die äußere Form führen zu einem Abzug von einem oder zwei Punkten der einfachen Wertung für die Arbeit.”

Ein Kollege aus der Germanistik sieht eine Teilschuld ebenfalls bei den Gymnasien. An einer Pinnwand vor seiner Tür hängt eine ausgedruckte Kolumne des ZEIT-Autors und Schriftstellers Harald Martenstein, darin dieser über die Schreibschwächen seiner Germanistikstudierenden doziert. Ein Wink mit dem Zaunpfahl?

Hinter der Tür verbirgt sich das Büro von Stephan Stein, seines Zeichens Professor für germanistische Linguistik und neuere deutsche Sprache. In unregelmäßigen Abständen schreibt er in seinen Einführungsveranstaltungen Grammatiktests. Insgesamt hat er einen “sehr heterogenen Eindruck” von den Kenntnissen, die aus der Schulzeit mitgebracht werden. Zwar gäbe es auch Studierende mit einem großen Wissensschatz, doch bei einem Großteil seien die Konzepte in Vergessenheit geraten und damit “nicht mehr für Anwendungszwecke nutzbar.” An anderen Universitäten – etwa in Essen und Zürich – kämen die Kollegen zu vergleichbaren Ergebnissen, so Stein weiter. Von den punktuellen Lamenti erhofft er sich Impulse für die didaktische Grammatik, denn “dass da etwas im Argen liegt, das sieht eigentlich jeder.”

Seines Erachtens wird die Grammatik an den Schulen nicht mehr systematisch unterrichtet, sondern zunehmend an andere Arbeitsfelder gekoppelt. Dadurch empfänden die Schüler das Pauken der Grammatik als langweilig und nebensächlich – zumal sie ohnehin meist nur bis zur Mittelstufe unterrichtet werde. Stein sieht einen Zusammenhang zwischen dem guten Abschneiden einiger Studienanfänger bei den Grammatiktests und ihrem humangymnasialen Hintergrund: “Beim Latein- und Griechischunterricht war man einem Drill ausgesetzt, den man im Deutschunterricht nicht mehr hat.”

Den lebenden Beweis hat der Dozent selbst unter Vertrag. Sören Stumpf ist seit kurzem wissenschaftlicher Mitarbeiter in der germanistischen Linguistik. Auch er ist überzeugt: “Vor allem in Bezug auf Grammatik hat mir mein Latinum viel weitergeholfen.” Dadurch bekäme man ein gutes Basiswissen für grammatische Erscheinungen. Etwaige Schwächen habe er versucht, während des Studiums “sozusagen von Hausarbeit zu Hausarbeit” auszumerzen.

Wer liest denn noch richtige Bücher?

Landet die heiße Kartoffel am Ende also bei den Gymnasien? Zumindest die Schale ließe sich getrost auch an Ursachen außerhalb des schulischen Sektors weiterreichen. Michaela Brohm kritisiert vor allem den Globalisierungs- und Anpassungsdruck. “Die junge Generation muss schnell sein, sie muss immer höhere Qualifikationen einsammeln, und sie muss einen Abschluss haben.” Auch “gesellschaftliche Strukturveränderungen” seien am Werk, so Brohm. Sie kritzelt Pfeile und Kreisel auf ein Blatt Papier und erklärt dazu: “Schriftlich werde kaum noch kommuniziert” – und wenn, dann beschränke man sich auf einen “fragmentarischen Sprachgebrauch.” Auch die mündlichen Sprachgepflogenheiten seien nicht mehr so aktiv. “Die Schüler sitzen passiv-rezipierend vor dem Rechner und haben wenig Sozialkontakte.” Ihr Fanal klingt zeitlos vertraut: “Wer liest denn noch richtige Bücher?” In der PISA-Studie hat sie einen mächtigen Verbündeten. Diese kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass nach wie vor eine Mehrheit der Jugendlichen nicht zum Vergnügen lese.

Von dort ist es nicht mehr weit zum pauschalen Kulturpessimismus. Davor warnt Dorian Steinhoff. Der langjährige Mitveranstalter der ersten monatlichen Lesebühne in Trier hat im vergangenen Sommersemester eine Schreibwerkstatt an der Universität geleitet. Dabei hat er erfreuliche Erfahrungen mit der Zusammensetzung der Teilnehmer gemacht: “Bloggerinnen trafen auf bereits veröffentlichte Autoren, Promotionsstudenten auf jüngere Semester, Vernetzungswünsche auf didaktisches Interesse.” Es gibt sie noch, die an der Sprache Interessierten. Sie werden vielleicht nur weniger. Oder sie leben ihr Faible anders aus, außerhalb der Hochschule. Zu Beginn des Semesters zählte die Veranstaltung laut Steinhoff zwölf Teilnehmer. Am Ende blieben acht übrig. Acht von rund 15.000 Studierenden, die derzeit an der Universität Trier eingeschrieben sind.

“post-standardized times”

Doch bei aller Kritik: Konstruktive Vorschläge sind gefordert, um den Missständen entgegenwirken. Dabei unterscheiden sich die Lösungsansätze nach der fachspezifischen Warte, die sie hervorbringt.

Die Pädagogin Brohm plädiert für die Einführung von sprachlichen Mindeststandards in den Schulen, die “von möglichst allen Kindern und Jugendlichen erreicht werden sollen.” Damit fordert sie eine Abwendung von den üblichen Regelstandards. Bei diesen gehe man nämlich davon aus, dass “10 bis 25 Prozent der Schüler den Standard ohnehin nicht erreichen.” Die Durchsetzung von Mindeststandards sei nicht einfach und erfordere ein erhöhtes Maß an Zuwendung und personellen Ressourcen. Brohm weiter: “Wenn die Lehrer die Standards einfach so vermitteln könnten, dann hätten sie das längst gemacht.” Mit Blick auf den angloamerikanischen Raum erklärt sie: “Dort sieht man die ganze Standardisierungsdebatte schon wieder kritisch und spricht bereits von “post-standardized times'”.

Der Linguist Stein fordert, den Zusammenhang zwischen der grammatikalischen Form und ihrer Funktion deutlicher hervorzuheben. Es sei spannend zu sehen, “welche sprachlichen Effekte sich mit der Grammatik erzielen lassen.” Darüber hinaus könne man die Affinität zur Sprache mithilfe von Phänomenen des Sprachwandels stärken. Die Studierenden würden dadurch sehen, “dass es sich lohnt darüber nachzudenken, was mit der Sprache geschieht.” Sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Stumpf hat indes einen viel direkteren Vorschlag dazu: “Mittlerweile vertrete ich die Ansicht, dass die Substantivgroßschreibung ruhig abgeschafft werden kann.” Der nördliche Nachbar Dänemark sei 1949 diesen Weg gegangen, einfach so. Stumpf ist begeistert und verweist auf diverse Studien: “Seitdem ist in den Schulen viel mehr Zeit für andere Aspekte.”

Wem das alles nicht taugt, um das “Hindernis Sprache” zu überwinden: Ende der 70er Jahre hat Marceau in Paris eine Schauspielschule gegründet. Die hohe Kunst der Pantomimik lässt sich dort noch immer erlernen.

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1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Stefan Ivo schreibt:

    Sowohl der Blogautor Johann Zajaczkowski als auch die von ihm Befragten (unter der Prämisse, dass die durch Anführungszeichen gekennzeichneten Äußerungen tatsächlich wörtliche Zitate sind) bemühen sich ja redlich um den Nachweis, dass es mit der Sprachkompetenz der älteren Generation auch nicht so weit her ist.

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