Babylon: ein Selbstversuch

Letztes Wochenende wollte ich es aufgeben: das Kolumnenschreiben. “Gut so!”, wird mancher sagen. Aber es handelte sich dabei um eine existenzielle Krise. Es war nämlich letzte Woche nix los in Trier, worüber ich etwas schreiben wollte. Also natürlich war was los, zum Beispiel Moselfest. “Schreib doch darüber, wie voll es auf dem Zurlaubener Fest ist”, empfahl mir ein Dutzend Leute. Aber ich will nicht dauernd über Stadtteilfeste schreiben, sonst denkt man noch, ich sei nur zum Spaß in Trier. Als ich schon kurz davor war, die 16vor-Redaktion tränenerstickt anzurufen: “Ich geb’s auf! Entlasst mich bitte aus der medialen Knechtschaft”, da passierte etwas, das mich kolumnentechnisch in die nächste Woche rettete.

TRIER. Ein ukrainischer Austauschstudi meinte, ganz nebenbei, zu mir: „Was mich an Trier fasziniert ist, dass du mindestens zehn Sprachen hörst, wenn du durch die Fußgängerzone spazierst. Gehst du übrigens zum Zurlaubener Fest? Du könntest doch drüber schreiben, wie voll…“ „Moment“, unterbrach ich ihn. “Vielleicht waren’s gefühlt zehn Sprachen. Ich glaube nicht, dass es wirklich so viele wären, wenn man mitzählen würde.” „Doch, bestimmt, mindestens zehn! Fremdsprachen! Also ich meine: Deutsch nicht mitgezählt.“

Das muss ich ausprobieren! Ich also am Samstagmittag zur Porta. Von dort will ich einmal quer durch die Fußgängerzone bis zur Stresemannstraße… und Sprachen sammeln. Mindestens zehn. Gleich auf dem Porta-Nigra-Platz höre ich Holländisch. Na, das war ja vorhersehbar. In der Nähe der Porta hört man immer Holländisch. Diesmal von zwei älteren Damen. Sie gehen zielstrebig auf den “Römerexpress” zu. Ich hätte Lust, sie eine Weile zu verfolgen, um zu sehen, ob sie sich etwas aus irgendwelchen Automaten ziehen. Aber heute habe ich eine andere Mission.

Vorm Dreikönigshaus bemerke ich, wie sich ein junger, extrem gut gekleideter Mann von einer einkaufstütentragenden Passantin abwendet und „Merci“ sagt. Er dreht sich zwei ebenfalls auffällig elegant gekleideten Frauen zu, erklärt ihnen was auf Französisch, und beide lächeln ihn vielsagend an. Auch denen würde ich gerne eine Weile hinterherschlendern. Mir war gar nicht klar, wie viele potenzielle Geschichten in der Trierer Fußgängerzone lauern. Kurz bevor es links in die Glockenstraße geht, höre ich, wie sich zwei Luxemburger lautstark über einen gewissen „Fränk Schleck“ unterhalten, der bei der Tour de France wohl vom Vëlo gefallen ist (so viel Letzeburgisch verstehe ich gerade noch). Ich lasse die Luxemburger mit ihren nationalen Sorgen allein und denke: „Unglaublich, noch nicht mal am Hauptmarkt, und schon habe ich unsere drei westlichen Nachbarsprachen abgehakt“.

Auf dem Hauptmarkt entdecke ich eine italienische Familie. Eigentlich wollte ich aus Prinzip alle Italiener ignorieren, weil „die“ „uns“ aus der EM geworfen haben. Andererseits haben die mir so ein Public Viewing erspart. Außerdem ist die Szene dermaßen klischeehaft-italienisch, dass ich sie gar nicht übersehen kann: Mann, Frau, ein Töchterlein und ein kleiner Junge, dem die anderen drei eine Mütze anzuziehen versuchen („mettiti il capellino!“). Dagegen wehrt sich der Kleine, weil er in der Kinderkappe uncool aussieht. Ich bin sicher, dass sämtliche Passanten von der Steipe bis zum Domplatz dieses Familiendrama mitbekommen, das, knapp und faktisch übersetzt, wahrscheinlich folgendermaßen abläuft:

Mutter: Luca Senior, setz Luca Junior mal die Kappe auf, der kriegt sonst einen Sonnenstich.
Luca (jun.): Ich will die blöde Kappe nicht!!! (wirft sie zu Boden)
Luca (sen.): Er will die blöde Kappe nicht!!! Chiara, heb mal die Kappe auf.“
Chiara: Soll er doch selber die blöde Kappe aufheben!!! (macht beeindruckenden Schmollmund). Usw.
Bis die Mutter endlich sagt: Luca! (an Junior UND Senior gewandt). Du ziehst jetzt die Kappe an, sonst gehen wir NICHT zu unseren Landsleuten Eis essen.“

Luca jun. lässt sich von sen. die Kappe aufsetzen, weil er nicht schuld sein will, wenn am Ende die ganze Familie deutsches Eis essen muss.

Kaum ist die Familie aus dem Sichtfeld, höre ich neben mir eine Stimme, die gerade eine kleine Gruppe auffordert: „The Hols-faller-steak is only 8,40 Euro, so let’s get in!“ – Super, fünf von zehn Sprachen sind schon geschafft.

Zur Halbzeitpause setze ich mich in eine Straßenkneipe ein paar Schritte abseits des Hauptmarkts und gönne mir ein Bier. Die Bedienung spricht zwar fließend Deutsch, aber mit lustigem Akzent. Wie sich herausstellt, ist sie Schwedin, und findet es überhaupt nicht anzüglich, als ich sie bitte, ein paar Wörter auf Schwedisch zu sagen. Das schaffen nicht mal Jogis Jungs: Sogar in der Halbzeitpause zu punkten!

Zurück auf dem Hauptmarkt renne ich beinah in eine kleine Reisegruppe, die gerade eine Führung auf Spanisch kriegt. Ich schmunzle, als ich die gurrenden „rrrrs“ und die gesäuselten „s“-Laute höre.

Danach werde ich so übermütig, dass ich bei der achten Sprache ein klein bisschen schummele. Als Nr. 8 zähle ich nämlich: Saarländisch! Ja, was?! Die Vorgabe hieß doch: alle Sprachen außer Deutsch! Aber hören Sie selbst:

Er: „Solle mir net mol endlich ebbes esse gehn? Mir sinn wei schon en Schdunn hei, onn hann noch nix gäss!“
Sie: Ei jo, hascht jo Recht, dann könnde mir jo ach grad was trinke.
Er: Ei, das menn ich awwer aach!

Bei keiner anderen Sprachgruppe stellt man zwischen „Ihm“ und „Ihr“ so viel Einmütigkeit fest, wenn es darum geht, sich zunächst einmal ordentlich dem Essen und Trinken zu widmen.

Danach wird’s eng. Es passiert eine ganze Weile nichts. Ich höre zwar weitere Holländer und nochmal Englisch, aber die hab ich ja schon, und es darf nicht doppelt gezählt werden. Dann endlich, da wo’s gegenüber von Mohr’s Gässchen zum Kornmarkt geht, höre ich ein deutlich vernehmbares „dobrze, dobrze!“ Mehrere Frauen stehen vor einem Kleidergeschäft, nehmen Blusen von Kleiderständern, halten sie sich vor die Brust und wollen von den anderen wissen, wie ihnen die Farbe steht. Sie sprechen schnell und durcheinander, und ich kann nicht exakt feststellen, welche Sprache genau es ist. Russisch? Polnisch vielleicht? Egal. Jedenfalls eine slawische Sprache und davon hab ich noch keine. Und wenn ich nicht gleich noch irgendeine Sprache finde, war sowieso alles für die Katz, egal ob das jetzt Russisch oder Polnisch war.

Bis zur Fußgängerampel Stresemannstraße passiert sprachlich nichts mehr. Mist. Knapp gescheitert! Ich beschließe gerade, gleich ins “Astarix” zu gehen, um mich mit einem Glas Bier zu trösten, da sprechen mich zwei junge asiatische Männer an und fragen – in bestem Englisch – wo das Karl-Marx-Haus sei. Ich strahle sie an und frage: „Could you ask that in Chinese for me, please!“ Sie sehen erst mich komisch an, dann sich gegenseitig, dann sagt einer der beiden etwas zu mir. Auf Chinesisch. Ich habe den Eindruck – oder mache mir zumindest vor – dabei das Wort „Marx“ rausgehört zu haben. „Over there!“ sage ich freundlich und zeige an ihnen vorbei zum Karl-Marx-Haus. Und dann recke ich die Arme hoch und juble „Geschafft! Zehn!“

Die beiden Chinesen reden besorgt auf Chinesisch auf mich ein. „Sorry Jungs, ich spreche kein Chinesisch.“ Die beiden diskutieren heftig, als sie in Richtung Karl-Marx-Haus abziehen. Wahrscheinlich geht der Dialog wie folgt:

1. Chinese: Sag mal, dieser Marx war wohl nicht der einzige Trierer, der was an der Waffel hatte.
2. Chinese: Vielleicht war das eben auch nur der Dorfdepp.
1. Chinese: Ja, kam mir auch so vor. Trotzdem: Falls sich hier noch mehr Leute so freuen, wenn sie Chinesisch hören, sollten wir mit unserem Englisch zurückhaltender sein.

Ich hatte es tatsächlich geschafft. Zehn Sprachen in der Trierer Fußgängerzone (na ja, sagen wir 9 ½ und runden auf). Und was habe ich damit bewiesen? Nix! War doch nur zum Spaß. Trotzdem: Probieren Sie das mal in Paderborn oder Hildesheim! Oder nein: Probieren Sie das doch selbst mal in der Trierer Fußgängerzone! Lassen Sie sich ruhig Zeit, bummeln Sie! Aber schlagen Sie erst mal meine zehn! Ich selbst versuche mich demnächst bei der gleichen Strecke auf elf zu steigern!

Ich biege von der Brückenstraße bei „Miss Marples“ so beschwingt nach links zum “Astarix”-Durchgang ab, dass ich beinah einen älteren Mann umrenne, der eine schwere Kiste trägt. „Oh leck“, rutscht es mir heraus, „dat wär fascht schiefgang!“ „Marjuu! Mach e‘mol mellish!“, meinte der Mann barsch, „dau basst wohl net von hei!“ Verdammt. Hört man das? Wenn der ukrainische Austauschstudi hinter mir hergegangen wäre, hätte der jetzt seine elf Fremdsprache!

Nachbemerkung: Ei, natürlich war ich dann noch auf dem Zurlaubener Fest. Zweimal sogar. Da kann man sich unbeschwert amüsieren, wenn man keine Kolumne drüber schreiben muss.

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6 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Helga Dreher schreibt:

    Endlich wieder Dienstag und damit eine Kolumne von Frank Meyer. Schön, lustig, lokal und international. Saarländisch als Fremdsprache – wunderbar. Ich bin von nun an im Zweifel, ob mein Vorzugsdialekt Sächsisch bleiben wird oder ich zu Saarländisch überwechsele, noch dazu, da mein langjähriger Staatsratsvorsitzender (Honecker, nicht Lafontaine) sprachlich seine Herkunft nicht verleugnen konnte. Schade nur, dass bei so einer Kolumne das Phonetische zu kurz kommt. Mein Tag hat dank der Kolumne gut begonnen. Aber – fragt man sich – wo bleiben Backes Hermann, Meier Kurt und es Hildegard?

  2. Katharina Brodauf schreibt:

    Lieber Frank,

    das ist eine echte Herausforderung zum Wettbewerb.
    Schade, daß Du keine plattdeutsch oder saterfriesisch sprechenden Menschen angetroffen hast, denn hier handelt es sich- im Gegensatz zum saarländischen oder trierischen Dialekt – um zwei ECHTE Sprachen und du wärst nicht bei 9 1/2 (Wochen) stehengeblieben…
    ;-)
    Auf jeden Fall: weiter so!
    Wir sind schon am Montag gespannt auf Deine nächste Kolumne, weil sie immer ein Stück Heiterkeit in unseren Bureau-Alltag bringt!
    Herzlich grüßend
    Die Kollegin aus der “Beletage”

  3. Rainer Barczaitis schreibt:

    Da braucht es keinen Ukrainer: Was um alles in der Welt heißt “Marjuu!”? Und “Mach e’mol [ok, das versteh ich noch, aber jetzt:] mellish”? Was für eine Sprache ist das??

    Das fragt ein Hesse, der erst in Gummersbach, danach lange in Niedersachsen gelebt hat und jetzt in Dresden wohnt – nützt ihm alles nix…

  4. A. Zender schreibt:

    @ Rainer Barczaitis:

    Ich denke, es war “Maju” gemeint und nicht “Marjuu”. “Maju” steht für “Maria und Josef” und wird in Trier als Stoßgebet und Ausdruck der Verwunderung verwendet. Den Namen “Maju” trägt auch der bedeutendste rheinland-pfälzische Medienpreis, der von http://www.staatsfunk.de vergeben wird:

    http://www.staatsfunk.de/aktionen/majupreis.htm

  5. Rainer Derws schreibt:

    Hallo,

    toll geschrieben, interessantes Thema.
    Da sieht man mal wieder, was in unserer kleinen engstirnigen und verborten Stadt so los ist:
    Von überall her kommen sie!!!
    Das gibt richtig internationales Flair!
    Danke!

  6. Stephan Jäger schreibt:

    @Rainer Derws

    „in unserer kleinen engstirnigen und verborten Stadt“

    Die Stadt ist schön, nach oben genauso weit offen wie alle anderen und kann nix dafür…

    Städte haben keine Stirnen. Leute haben Stirnen. ;o)

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