„Braucht Trier eine feministische Diskussion?“

Kara, Fauntella: Die Frau auf dem Bananenboot. Eine Streitschrift für die Liebe, das Glück und über den real existierenden Feminismus. GelbesBlau Verlag, Berlin.“Die Frau auf dem Bananenboot”. Ein eigenwilliger Titel für eine “Streitschrift für die Liebe, das Glück sowie über den real existierenden Feminismus”, in der die Berliner Autorin Fauntella Kara Stellung nimmt zur derzeit laufenden Genderdiskussion um Quote, Emanzipation und Aufschrei. In ihrem Werk bezieht sich Kara auch auf Trier – als Hort des Friedens zwischen den Geschlechtern? Als Beispiel für den Umgang untereinander führt die Schriftstellerin einen Ausschnitt einer Talkshow an, in der sich ein ehemaliges Paar auf ungewöhnliche Weise beschimpft.

16vor: Mit Ihrem Buch „Die Frau auf dem Bananenboot“ beteiligen Sie sich an der Feminismus-Debatte und verbreiten Ihre These. Ein weiteres Buch zum wohlfeilen Thema?

Kara: Eher ein nötiges Buch zum Thema. In den vergangenen Tagen wurde die Schauspielerin Salma Hayek wieder durch die feministische Welt getrieben, weil sie sich für Männer genauso einsetzen würde wie für Frauen, wenn Männer das gleiche Unrecht erfahren würden. Sie sei für Gleichberechtigung. Das hat Vertreterinnen des Extremfeminismus auf den Plan gerufen, die nun gegen Hayek Stimmung machen und ihr vorwerfen, sie sei verwirrt. So etwas fällt nur Frauen ein.

16vor: Wie sehen Sie den Feminismus?

Kara: In meinen Augen ist der Feminismus eine extremistische, rassistische, exkludierende Ideologie, die einzig und allein dem Machterhalt einer akademischen Clique dient. So! Damit ist es raus. Da tingelt eine ältere Dame mit Schweizer Bankkonto durch die Fernsehsendungen und erklärt mir, wie ich als Frau zu sein, zu leben und zu denken habe. Das ist doch diktatorisch! Als arbeitende Frau in einem hundsnormalen Beruf hat man gar nicht die Zeit sich mit den Werken der Berufsfeministinnen auseinanderzusetzen. Diese befehlen mir und anderen Frauen, wie sich Feminismus definiert und das ich eine ganz schlechte Frau bin. Bin ich aber nicht! Und so ging es vielen Frauen, in meinem Alter, in meiner Situation. Dann sagen die Berufsfeministinnen, wir hätten einen feministischen Burnout und seien meschugge. Mein Buch versucht, darauf eine Antwort zu geben aus der Sicht einer berufstätigen, unakademischen, normalen Frau.

16vor: Fordern Sie die Quote?

Kara: Nein. Ich möchte meinen Berufsweg aufgrund meiner Qualifikation meistern und mir nicht das Label anhängen lassen, ich sei nur in dieser Position, weil ich eine Frau sei und die Quote erfüllt sein müsse. Wenn Länder wie Frankreich es ohne Quote schaffen, mehr Frauen in Führungspositionen zu haben, dann kann das Instrument nicht funktionieren.

16vor: Feministinnen werfen Frauen vor, die sich unter anderem gegen die Quote oder ganz und gar gegen den Feminismus und feministische Denkerinnen positionieren, sie seien verwirrt. Sind Sie es?

Kara: Ja.

16vor: Inwiefern?

Kara: Wer ist nicht verwirrt, wenn er Judith Butler liest. Ich habe nicht verstanden, was die Frau mir sagen will. Ich habe das Buch gelesen. Mich damit beschäftigt, aber ich habe es noch immer nicht verstanden. Dann bin ich sogar zur Humboldt-Uni gegangen und habe einen Lektürekurs belegt. Aber weder ich noch die anderen Teilnehmer haben verstanden, was die Frau uns mitteilen will. Nur zwei ganz schlaue Menschen haben immer genickt, konnten es aber auch nicht auf verständliche Sätze herunterbrechen.

16vor: Ist der Feminismus also überflüssig?

Kara: Nein. Er ist dann überflüssig, wenn die Ungleichheit zwischen Frau und Mann sowie zwischen Mann und Frau beseitigt ist. Diese Ungleichheit gibt es, zum Beispiel im Berufsleben, wenn Frauen für die gleiche Arbeit weniger verdienen als Männer, wenn Frauen Nachteile erfahren, weil sie sich um die Familie kümmern müssen und von ihnen verlangt wird, dass der Adventskranz pünktlich im Wohnzimmer leuchtet.

16vor: Sie beziehen sich in ihrem Buch auf Trier. Warum?

Kara: Ich lebe und arbeite in Berlin und von hier aus betrachtet ist Trier das andere Ende Deutschlands und irgendwie das absolute Gegenteil zu Berlin. Der Gegenentwurf, aber auch eine Realität in unserem Land. Eine ganz andere Welt. Gerade in den letzten Wochen mit den Feiern zum Mauerfall ist mir aufgefallen, dass hier in Berlin immer ein Schwerpunkt auf den Osten des Landes gelegt wird. Im Fernsehen gibt es nur Filme mit ostdeutschen Themen. Aber es gab auch dieses Westdeutschland. Dafür steht in meiner Vorstellung Trier, eine wohlbehütete Stadt, in der man sich nicht verlaufen kann.

16vor: Also provinziell?

Kara: Nein. Auf gar keinen Fall. „Provinz“ und „provinziell“ sind Fremdzuschreibungen, die aus der kulturellen Verunsicherung von Städtern stammen. Trier ist nicht provinziell.

16vor: Sondern?

Kara: Der Mensch, der mich in der Buchwerdung begleitete, kommt aus der Region Trier und hat mir zum Verständnis seiner Heimat im Internet den Filmausschnitt von zwei Menschen des bildungsfernen Milieus aus Trier gezeigt, die an einer dieser Krawall-Talkshow teilnehmen. Die Diskussion in dieser Sendung ist konfliktgeladen und eskaliert und jeder Deutsche, vor allem jeder Berliner, würde dann, wenn Argumente nicht mehr weiterhelfen, in sprachliche Gewalt verfallen. Das machen die Trierer nicht, sondern entweichen auf eine für mich sehr beeindruckende Weise. In Berlin hieße das kurz und knapp: „Auffe Fresse.“ In Trier sagt der erste Mensch: „Wäsch disch mol!“ Der andere Mensch antwortet: „Wäsch dau disch.“ Dabei benutzen die beiden eine unglaubliche, beinahe zärtliche Sprachmelodie. Damit sind die beiden Trierer den Berlinern weit überlegen, wenn man Gewalt sprachlich soweit abstrahieren kann, dass man sich auf Reinigungsrituale bezieht. Und das waren eine Frau und ein Mann, die sich gegenseitig zum Waschen aufforderten.

16vor: Und das ist dann ein Beispiel dafür, dass der Feminismus in Trier funktioniert?

Kara: Ich weiß nicht, ob der Feminismus in Trier funktioniert. Braucht Trier überhaupt eine feministische Diskussion oder ist Trier nicht schon auf der Metaebene angelangt? Ich weiß es nicht. Die Trierer haben tausend Jahre längere Erfahrung im urbanen Zusammenleben als die Menschen in Berlin. Triererinnen und Trierer haben dabei mit ihrer Mundart eine andere Sprache und Sprachwirklichkeit entwickelt. Wir können die Welt ja nur in der Sprache erfassen, beschreiben und denken, die uns gegeben ist. Sprache zementiert unser Weltbild. Da haben die Butler und all die anderen Denker schon Recht.

16vor: Aber das ist jetzt keine feministische Erkenntnis!

Kara: Nein. Aber dass Sprache männlich dominiert ist schon. Damit auch die Welt, wie wir sie sehen. Aber auch bei Sprachverwendung gibt es Ungerechtigkeiten zulasten des Manns. Fällt mir gerade auf. Wir sagen Politiker_*Innen, aber kein Mensch spricht von Mörder_*Innen. Das überlassen wir Frauen mal ganz fix den Männern. Und schreiben Sie das bitte mit Unterstrichen, Sternchen, Binnen-I. Ich möchte ja niemanden verletzten und vergessen.

16vor: Gibt es noch andere Ungleichheit zwischen Mann und Frau?

Kara: Männer dürfen nicht im Synchronschwimmen bei Olympia antreten. Eine Frechheit. Ich möchte Typen in bescheuerten Posen im Schwimmbecken sehen. Dafür werde ich mich einsetzen.

16vor: Weitere Pläne?

Kara: Ein Buch über den Maskulinismus schreiben und unbedingt Trier besuchen.

Kara, Fauntella: Die Frau auf dem Bananenboot. Eine Streitschrift für die Liebe, das Glück und über den real existierenden Feminismus. GelbesBlau Verlag, Berlin. ISBN 978-3-9817064-1-3 (Print, ab 9,99 Euro) und ISBN 978-3-9817064-0-6 (eBook, ab 3,98 Euro).

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4 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Alexander Schmidt schreibt:

    Dass “Feminismus eine extremistische, rassistische, exkludierende Ideologie” sei, wird auch nicht richtiger (aber schlimmer), wenn es von einer Frau behauptet wird. Ich kann dieser Interviewpartnerin nur in einem Punkt zustimmen: Dass sie verwirrt ist. Wäre dieser Text am 1. April erschienen, es wäre eine gelungene Karikatur des antiintellektuellen Geschwätzes über den Feminismus gewesen. Nur leider hat 16vor sich tatsächlich entblößt, so jemandem ein Forum zu bieten.

  2. H.R. von Medard schreibt:

    Mutige Frau. Alle Achtung. Aber dass jetzt ein Mann schon den Feminismus verteidigen muss, ist für mich ein Zeichen, dass nicht mehr viel übrig geblieben ist von der Emanzipation. Wo sind sie denn die ortodoxen Feministinnen? Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass sie das schreiben, wozu sich jetzt ein Frauenversteher hergeben muss. Aber vielleicht sind die akademischen Damen zu sehr beschäftigt mit dem Schacher um Posten in gut dotierten Quotenreservaten wie Dax-Vorständen oder im Öffentlichen Dienst. Dieser Intellektuellen-Feminismus hat nicht mehr viel zu tun mit dem, wofür einmal Emanzipation stand, wie ich sie noch aus ihren Anfängen kannte. Da ging es unter anderem auch um die Rechte, Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen in nicht-akademischen Berufen. Davon ist doch heute keine Rede mehr. Oder, Herr Schmitt, haben sie in der letzten Zeit mal davon gehört, dass diese Dax-Anwärterinnen sich für die Interessen der Frauen in der Produktion von solchen Dax-Unternehmenetrieben eingesetzt hätten, in denen sie selbst gerne in die Vorstände aufrücken würden. Und selbst da, wo sie drin sind z.B. bei adidas, haben sich da die Bedingungen der Frauen im Produktionsbereich verbessert? Klar sollen Frauen in Entscheidungspositionen aufsteigen wie die Männer auch. Aber sie müssen dann ebenso qualifiziert sein, wobei das Geschlecht noch lange keine Qualitfikation ist. WEnn auch viele Vorstände Männer sind, so sind doch die meisten Männer keine Vorständler. Wie die Frauen auch.

  3. Stephan Jäger schreibt:

    @Schmidt, von Medard:

    Fester Griff, und dann ganz vorsichtig ziehen, bis er ganz draußen ist!

  4. Alexander Schmidt schreibt:

    H.R. von Medard, ich verstehe zwar nicht, was das mit dem “Frauenversteher” soll, aber in ihrer Kritik an dem, was ich jetzt einfach mal “Frauenquoten-Feminismus” nenne, gebe ich Ihnen recht. Dieser liberale Feminismus ist aber meines Erachtens gerade nicht intellektuell, blendet er doch jede Klassenperspektive aus. Es ist ein Feminismus der Bessergestellten, der von allumfassender Emanzipation ( = gesellschaftlichem Fortschritt) nichts wissen will.

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