Cheer unglaublich

Cheerleading ist ein absoluter Mannschaftssport, bei dem alle ihre Aufgabe im Team perfekt und zuverlässig erfüllen müssen. Foto: Frank P. Meyer„Ist das dein Ernst?“ Der Backes Herrmann klang aufrichtig besorgt. „Das ist doch kein Sport für … Männer. Nur was für Mädchen, oder? Und du mittendrin? Unglaublich!“ „Keine Bange, Herrmann, ich gehe natürlich in die Seniorengruppe.“ Die gibt’s nämlich beim Postsportverein Trier: die Seniorengruppe Cheerleading. Mal ehrlich, denken Sie bei Cheerleading auch an wunderschöne junge Frauen? So wunderschön, dass sogar Kevin Spacey in American Beauty die Cheerleaderinnen wie in Zeitlupe wahrnimmt und sich nicht einmal von den dämlichen Puscheln stören lässt, mit denen beim Cheerleaden dauernd rumgewedelt wird?

Bei so viel Schönheit stören Männer nur das Gesamtbild, glaubt der Herrmann. Aber ich gehe ja nicht zur Cheerleading-Dance-Abteilung. Ich will zum richtigen Cheerleading, das sich in echten Wettkämpfen und Meisterschaften bewährt und in dem nicht rumgetanzt, sondern athletische Höchstleistung vollbracht wird.

Ich also zur Turnhalle des Max-Planck-Gymnasiums: „Hallo! Cheeren hier heute nicht die Senioren?“, frage ich die jungen Leute vor der Turnhalle. Die sehen mich indigniert an: „Wir sind die Senioren!“ (Nein seid ihr nicht, denke ich, der einzige Senior hier bin ich.) Weil ich so verblüfft gucke, fügt eine der jungen Frauen hinzu: „Wir sind sogar alle schon über 18!“. Ich lerne: Beim Cheerleading ist man bis 15 Junior und ab 16 kann man bei den Seniors mitmachen. Tobias, der Trainer, versichert mir, dass vereinzelt auch Dreißigjährige cheerleaden. Einige von denen seien gar nicht mal schlecht. Durch die Blume gibt er mir wohl zu verstehen, dass ich besser 30 Jahre jünger wäre. Und athletischer. Und gutaussehender. Aber weil ich nun schon mal da bin, darf ich mitmachen.

In der Männerkabine, wo wir heute nur zu dritt sind (normalerweise kommen ein paar Jungs mehr), wird erst einmal klargestellt, dass Cheerleading kein klassischer Schwulensport ist, und dass ich gar nicht erst fragen soll, ob ich ein paar Puschel oder Pompons kriege.

Die allerersten Cheerleader, so erzählen mir die Jungs und auch später die Senior-Girls gleich noch einmal, waren Männer, wenn auch nur amerikanische Studenten, die Ende des 19. Jahrhunderts beim Football ihre Universitätsmannschaften durch einstudierte Anfeuerungsrufe unterstützten. Erst als die Sprechanfeuerungen mit komplizierten gymnastischen Darbietungen kombiniert wurden, waren die Multitaskinganforderungen so hoch, dass Männer kaum noch mithalten konnten. Deshalb verwendet man heute fürs Cheerleading vorwiegend Frauen. Und ich stelle mir vor, sicher zu Unrecht, alle heißen Sandy, Mandy, Wendy oder Candy.

Kindheitstrauma Turnmatte

Als ich die Turnhalle betrete, werde ich mit einem längst vergessenen Kindheitstrauma konfrontiert: blaue Turnmatten! Mindestens zehn davon liegen aneinandergereiht auf dem Hallenboden. Seit meiner Schulzeit stehen die blauen Matten für Bodenturnen, also für Schmerz und Demütigung! Dennoch mache ich das Warmlaufen und Dehnen mit, und bei der ersten Übung kann ich dem Trainer einen konventionellen Purzelbaum noch als Sprungrolle verkaufen. Tobias lässt aber keinen Zweifel aufkommen, dass bei mir gymnastisch noch viel Luft nach oben ist. Ästhetisch auch.

Und schon bei der nächsten Turnübung, dem Radschlagen, muss ich passen. Gnädig erlaubt Tobias, dass jeder das Rad über seine „gute Seite“ schlagen darf, wie es uns gerade am leichtesten fällt. Problem: Ich hab gar keine gute Radseite. Nur zwei ganz schlechte. Dann folgt eine fürs Cheeren grundlegende Turnübung: der Handstand. Die meisten der anwesenden Cheerleaderinnen schaffen’s tatsächlich, zehn Sekunden im Handstand zu verbringen. Bei mir lässt sich nicht feststellen, ob ich zehn Sekunden schaffe, weil ich gar keinen Handstand hinkriege. Der Trainer und auch Steffi, die schon seit sieben Jahren cheerleadet, stehen stabiler auf den Händen, als der Herrmann nach drei Gläsern Federweißer auf zwei Beinen. Tobias und Wendy können sogar im Handstand gehen, über mehrere blaue Turnmatten hinweg.

Einigen aus dem Team gelingen die Turnübungen nicht gleich, und da geschieht etwas, was mir dieses Team, diesen Sport besonders sympathisch macht: Die Cheer-Gruppe unterstützt sich vorbildlich gegenseitig! Sandy z.B. gelingt es nicht auf Anhieb, auf einem dieser lederbezogenen Kästen, die grundsätzlich drohend in der Nähe von blauen Turnmatten lauern, schnell mal einen Handstand zu vollführen und sich aus ebendemselben in einer Art rückwärtigen Sprungbewegung wieder herauszudrücken (ja, die Übung klingt wie eine Anleitung zur Selbstverstümmelung!). Sogleich sind zwei Teamkollegen zur Stelle, um eine Hand stützend an Sandys Rücken zu halten, und sagen dabei: „Versuchs einfach nochmal, wir halten dich“ und „Verlass dich auf uns!“. Sowas hat mein Turnlehrer in Gegenwart blauer Turnmatten nie zu mir gesagt! Und falls doch mal jemand abstürzt und jämmerlich zwischen Kasten und Turnmatte feststeckt, lachen alle zusammen, damit man den Schmerz nicht so merkt.

Dann werden endlich Stunts geübt! Dabei baut das Team menschliche Pyramiden, und eines der Mädels wird in Richtung Hallendecke gehoben, dann bis kurz unter die Deckenbeleuchtung geworfen, um schließlich von allen gemeinsam wieder aufgefangen zu werden. Die Stunts haben Namen wie „Elevator“ und „Liberty“, was nicht ganz so gefährlich klingt wie es aussieht.

Die Stunts gehen nicht immer gut, und deshalb trägt Wendy, die hinten die Basis absichert (und den Kopf-Schulter-Bereich derjenigen auffängt, die von oben in Richtung Hallenboden saust), einen Mundschutz. Wie beim Boxen. Das sei unbedingt nötig, erklärt sie mir, nachdem Candy ihr letztes Jahr mit dem Ellenbogen versehentlich die Schneidezähne ausgeschlagen hat. Überhaupt sei Cheerleading verdammt verletzungsträchtig, was erklärt, dass doch auch Männer Spaß an diesem Sport finden.

Schon vom Zuschauen Herzstillstände

Bei den Stunts wundere ich mich, dass es nicht mehr Schwerverletzte beim Cheerleading gibt: Schon vom Zuschauen kriege ich Herzstillstände, wenn Steffi, Mandy oder Candy vom Team nach oben gestemmt werden, alle anderen mit ausgestreckten Händen nur noch einen Fuß der Hochgehobenen festhalten, und dieses – wie ein einziger Organismus wirkende – Gebilde dann per Schnellkraft die Mannschaftskameradin in die Höhe wirft und sicher wieder auffängt, damit sie nicht auf der blauen Turnmatte zerschellt.

Und mir wird klar, dass Cheerleading ein absoluter Mannschaftssport ist und dass hier alle ihre Aufgabe im Team perfekt und zuverlässig erfüllen müssen. Ansonsten hilft bei diesem Sport, neben einem athletischen, durchtrainierten Körper, nur Mut, viel Mut, und die Fähigkeit zur Selbstüberwindung!

Auch ich überwinde mich am Ende selbst und ertappe mich dabei, wie ich dabei helfe, blaue Turnmatten auf einen Wagen zu räumen. Eigentlich wollte ich die Dinger ja nie wieder anfassen.

Tobias ist nicht überrascht, als ich ihm eröffne, von einer aktiven Cheerleadinglaufbahn doch lieber Abstand zu nehmen. Dennoch versprechen wir feierlich, uns bald wiederzusehen, nämlich dann, wenn sein Cheerleading-Team beim Basketball, bei der TBB in der Arena, für euphorische Stimmung sorgt. Den Herrmann nehme ich mit, der soll das ruhig mal sehen. Ich wette, er wird dermaßen fasziniert sein, dass er alles wie in Zeitlupe sieht.

Print Friendly

von

1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Christoph Werner schreibt:

    Es macht Freude, den Meyer Frank über das Cheerleaden zu lesen. Herzerfrischend, die Senioren, die schon über 18 sind. Leider kann man ihn nicht beim Purzelbaum beobachten oder gar beim Radschlagen. Wie immer ist eine schöne Selbstironie dabei.
    PS. Für gutaussehender hätte er gut und gerne besser aussehend schreiben können. Oder ist das regional-saarländisch?

Schreiben Sie einen Leserbrief

Angabe Ihres tatsächlichen Namens erforderlich, sonst wird der Beitrag nicht veröffentlicht!

Bitte beachten Sie unsere Kommentarrichtlinien!

Noch Zeichen.

Bitte erst die Rechenaufgabe lösen! * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.

Unterstützen

In Evernote merken