Kaster oder Barley?

WahlkampfMalcherMit Großkundgebungen und kleinen Infoständen haben die Parteien in den vergangenen Wochen versucht, ihre Anhängerschaft zu mobilisieren sowie Wechsel- und Nichtwähler von sich zu überzeugen. Wenn am Sonntag um 18 Uhr die Wahllokale schließen werden, dürfte sich rasch abzeichnen, wer das Direktmandat im Wahlkreis Trier gewonnen hat. Um das bewerben sich nicht weniger als fünf Männer und vier Frauen, doch nur Bernhard Kaster und Katarina Barley haben nach Lage der Dinge eine realistische Chance, dieses Rennen für sich zu entscheiden. Die Sozialdemokratin weiß um die Favoritenrolle des Unionsmanns, doch gibt sie das Rennen nicht verloren. Der Christdemokrat muss das Mandat gewinnen, ansonsten könnte seine politische Laufbahn ein jähes Ende finden. Momentaufnahmen aus dem Wahlkampf der beiden aussichtsreichsten Bewerber. 

TRIER. “Gemeinsam erfolgreich” steht auf dem Plakat, darunter mit roten Stift geschrieben: “mit Peer Steinbrück”. Maximilian Malcher lehnt lässig an der Mauer, wartet auf den Auftritt der Kanzlerin. Deren Hubschrauber ist nur wenige Minuten zuvor über die Porta Nigra geflogen, lange kann es also nicht mehr dauern. Die CDU-Chefin könne ihn noch umstimmen, erzählt der 18-Jährige. Denn anders als es sein umgestaltetes Plakat vermuten lasse, sei er noch unentschieden, wem er am 22. September seine Stimme geben werde, versichert er. SPD oder CDU, Steinbrück oder Merkel? Zu diesem Zeitpunkt tendiert Malcher zum Kanzlerkandidaten. Steinbrück habe ihn drei Tage zuvor im TV-Duell mehr überzeugt. Aber, betont der junge Mann aus Wasserliesch, Merkel könne ihn jetzt noch umstimmen – wenn sich die Kanzlerin denn klar zur NSA-Affäre und zum Mindestlohn positioniere.

Was nun, wenn Malcher ein Jungsozialist wäre und den Unentschlossenen nur mimte – um nach Merkels Auftritt umso überzeugender darzulegen, dass und weshalb Steinbrück angeblich doch der bessere Kanzler wäre? Ein Kollege der Badischen Zeitung hat den jungen Mann interviewt, einem Kamerateam von RTL stand er ebenfalls Rede und Antwort. Kurze Recherche auf Malchers Facebook-Profil: kein Hinweis, nirgends; nichts, was auf eine Parteimitgliedschaft hindeutet. Auch über Google ist nichts zu finden. Der junge Mann macht allerdings auch nicht den Eindruck, als wolle er ein paar Medienmenschen etwas vorgaukeln.

CDUMoselaufstiegKampagneAuf dem Porta-Nigra-Platz stimmt jetzt ein Moderator die Masse ein. Man wähnt sich im Privatfernsehen, auf Kommando wird applaudiert. Die Kanzlerin bahnt sich derweil ihren Weg durch die Simeonstraße, eskortiert vom Bundestagsabgeordneten Bernhard Kaster sowie CDU-Landeschefin Julia Klöckner. Die darf noch vor ihrer Duz-Freundin Angela sprechen. Kaster, sagt Klöckner, könne “in Berlin sehr nachhaltig nerven”, wenn es um die Interessen seiner Region gehe. Merkel wird diese Feststellung wenig später sinngemäß wiederholen: Wenn dem Trierer etwas wichtig sei, trete er in Berlin manchen schon mal auf die Füße. So sieht er sich auch selbst: Als Kümmerer in der Hauptstadt; als jemand, der auch dann dran bleibt, wenn sich partout kein Erfolg einstellen will. Wie kein Zweiter hat Kaster das Thema Bahnanbindung auf die Agenda gesetzt. Er lotste Mehdorn nach Trier und traf dessen Nachfolger Grube in Berlin. Das Thema treibt ihn um, doch die Anbindung Triers ans Fernverkehrsnetz der Bahn AG wurde zusehends schlechter. Kaster will sich damit nicht abfinden. Wie er auch weiter für Moselaufstieg und Nordumfahrung kämpft, obwohl an deren Bau selbst viele Unionsleute nicht mehr glauben – was sie allerdings nur hinter vorgehaltener Hand einräumen.

Gegenwind statt Höhenflug

In diesen Wochen treibt den 55-Jährigen vor allem eines um – zum dritten Mal in Folge will er das Direktmandat gewinnen. Alles andere wäre ein Desaster und könnte für den CDU-Kreischef das Ende seiner politischen Karriere bedeuten. Denn darauf spekulieren, dass er über die Landesliste seiner Partei in den Bundestag kommt, kann er nicht. Die Frau, die ihm das Direktmandat abspenstig machen will, ist während Merkels Auftritt im Gartenfeld unterwegs. Hausbesuche stehen auf dem Programm. Bittet man Kaster um ein Urteil über seine Konkurrentin, wehrt er ab: Er habe es im Wahlkreis immer so gehalten, dass er für sich werbe und nicht gegen andere Kandidaten, so wolle er es weiter halten. Nun zielte die Frage nicht darauf ab, ihm Negatives über Katarina Barley zu entlocken, doch auch ein positives Urteil über sie wird man von ihm nicht hören. Überhaupt mag der Unionsmann nicht die Zuspitzung auf ein Duell zwischen ihm und der 44-Jährigen.

WahlkampfBarleyDoch am Ende des Wahltages wird es auf die Frage hinauslaufen: Kaster oder Barley? Weder Luda Liebe von den Freien Wählern noch der mit seinen Piraten unermüdlich wahlkämpfende Andreas Brühl können sich Hoffnungen auf das Direktmandat machen; ebenso wenig Christian Nikolay von der PARTEI, oder der scheinbar unvermeidliche Vertreter der rechtsextremistischen NPD. Und auch der Liberale Henrick Meine rechnet sich kaum Chancen aus – zu aussichtslos ist sein Platz auf der Landesliste der FDP. Dennoch ist Meine wie auch Brühl permanent unterwegs, sind Freidemokraten und Piraten in die wochenlangen Wahlkampfhandlungen voll involviert. Bei beiden Parteien ist unsicher, ob sie im künftigen Bundestag vertreten sein werden. Ob das Desaster  in Bayern den Freidemokraten einen “Jetzt-erst-recht”-Schub gibt oder der gegenteilige Effekt eintritt – niemand weiß es. Bei den Piraten sieht es noch düsterer aus, ihr demoskopischer Höhenflug nach der Wahl ins Berliner Abgeordnetenhaus hat nicht bis zum Bundestagswahlkampf gehalten. Bei Linken und Grünen fürchtet niemand, dass man an der 5-Prozent-Hürde scheitern wird, und ihre Trierer Direktkandidatinnen Katrin Werner und Corinna Rüffer sind auf den Landeslisten gut platziert, sodass beide realistische Chancen auf den Einzug ins Parlament haben. Dass das Dauer-Hoch der Grünen ausgerechnet im Schlussspurt des Wahlkampfs ein Ende fand, könnte Rüffer indes am Sonntagabend noch eine Zitterpartie bescheren.

Von Höhenflügen ist auch bei den Sozialdemokraten keine Spur. Katarina Barley hat vielmehr mit Gegenwind zu kämpfen. Ein übers andere Mal wird ihre Kampagne durch Querschläger der Bundespartei und ihres Kanzlerkandidaten belastet. Der Wahlkampf hat noch nicht begonnen, da besucht Peer Steinbrück die Europäische Kunstakademie. Als er gemeinsam mit Malu Dreyer vorfährt, stürmen Kamerateams und Fotografen auf die beiden Spitzenpolitiker zu. Katarina Barley zögert einen Moment, aber sie weiß, sie muss jetzt mit aufs Bild. Noch fremdelt sie mit dieser Welt, in der sich in Szene setzen muss, wer wahrgenommen werden will. Doch wie die anderen Kandidaten absolviert auch sie das ganze Programm, tingelt mit “rotem Grill” durch den Wahlkreis, absolviert ungezählte Hausbesuche, sucht die direkte Ansprache. So will sie vor allem Nichtwähler erreichen und ihren Bekanntheitsgrad steigern. Gerade die Hausbesuche kämen gut an, viele seien einfach nur dankbar oder zumindest überrascht, dass ein Kandidat sich bei ihnen persönlich vorstellt.

MerkelTrier04092013Offenkundig finden nur wenige Unentschlossene den Weg zu den offiziellen Wahlkampfveranstaltungen. Das Gros der Zuhörer rekrutiert sich aus eigenen Anhängern der jeweiligen Partei, je nach Thema sind auch Vertreter politischer Mitbewerber darunter. Man wüsste nur zu gerne, welchen Einfluss etwa der Auftritt von Angela Merkel vor Porta hat. Keine zwei Stunden weilt die Kanzlerin in Trier, bei herrlichem Sonnenschein spricht sie, warnt vor Rot-Rot-Grün, empfiehlt sich und ihre Partei als verlässliche Bank: “Sie kennen mich ja inzwischen”. Die Anhänger sind begeistert, die Kritiker und Gegner in den hinteren Reihen fühlen sich ebenfalls bestätigt. Merkel steigt in ihre schwarze Limousine, mit Polizeieskorte geht es zum Hubschrauber. In Gießen hat schon die nächste Kundgebung begonnen, Merkel wird auch dort sprechen. Im Fond des Wagens greift sie zu ihrem Smartphone, sie wirkt abgekämpft – wen wundert es?!

Gemessen an der Kanzlerin macht ihr einstiger Vize einen regelrecht erholten Eindruck: Frank-Walter Steinmeier musste für Peer Steinbrück einspringen, es regnet in Strömen, tropft durchs Zelt. Barley lässt sich die Laune nicht vermiesen. Ihre anfängliche Unsicherheit hat sie abgelegt, auch vor größeren Menschenmengen hat sie nun erkennbar Spaß am Wahlkampf. Doch dass einiges nicht rund läuft im Wahlkampf der SPD, wird auch an diesem Abend deutlich – und zeigt sich drei Tage später wieder im Warsberger Hof. Gesche Joost ist gekommen, Mitglied im Kompetenzteam des Kanzlerkandidaten. Selbst die Leiter der Hauptstadtbüros überregionaler Medien dürften ihre Mühe haben, die Mitglieder dieser Mannschaft aufzuzählen. Barley moderiert souverän die Diskussion, zeigt sich bestens im Thema. “Schöne neue Welt Internet?! Chance – Überwachung – Wirtschaftsfaktor” lautet der Titel der Veranstaltung.  Auf dem Podium sitzt außer Joost der Landesbeauftragte für den Datenschutz, auch ein Vertreter der Hochschule Trier hat Platz genommen, ebenso der Chef des Online-Portals hunderttausend.de. Die Diskussion verläuft sachlich, Argumente werden ausgetauscht; wer will, lernt einiges hinzu. Es ist eine dieser Veranstaltungen, von denen man sich mehr wünschte, gerade in Wahlkampfzeiten. Doch dass sich im Saal auch nur eine Handvoll Unentschlossener finden, ist kaum anzunehmen.

WahlkampfSteinmeierDenn Menschen wie Maximilian Malcher trifft man selten auf Wahlveranstaltungen. Während Merkel an den Kaiserthermen wieder ihren Helikopter besteigt, erklärt der Erstwähler an der Porta Nigra, wie er den Auftritt der Kanzlerin fand. Der 18-Jährige ist nicht unzufrieden, gerade ihre Passagen zum Streitpunkt Mindestlohn habe er überzeugend gefunden. Hat Merkel ihn also umstimmen können? “Das wichtigste Thema für mich war die Spionage-Affäre”, sagt Malcher nun, “dass sie dazu nichts gesagt hat…” Sein Fazit: “Gereicht hat es nicht”. Für wie viele Trierer Direktkandidaten es am Wahlabend reichen wird, ist derzeit noch völlig ungewiss. Nicht ausgeschlossen, dass der Wahlkreis künftig von vier Abgeordneten vertreten wird. Es wäre ein Novum.

Sämtliche Beiträge unserer Reihe “16vor-Wahl”, darunter Interviews mit den fünf Direktkandidaten der bereits im Bundestag vertretenen Parteien, finden Sie hier.

Print Friendly

von

1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Harald Ehses schreibt:

    Vielleicht sollte man Kandidaten nicht nur an dem, was sie sagen sondern auch an dem, was sie tun, beurteilen. Zumindest bei der Kanzlerin kann man dies.

    Wenn sich Angela Merkel für einen Mindestlohn ausspricht, ist die Frage erlaubt, was sie in den letzten vier Jahren gemacht hat. Warum braucht sie weitere vier Jahre, um ihn einzuführen? Was berechtigt zu der Annahme, dass er jemals unter ihrer Regentschaft kommen wird. Es sei denn in einer großen Koalition. Dann müsste die CDU aber zusammen mit der SPD eine Zweitstimmenkampagne fahren unter dem Motto: Wer Angela will und den Mindestlohn wählt SPD.

Schreiben Sie einen Leserbrief

Angabe Ihres tatsächlichen Namens erforderlich, sonst wird der Beitrag nicht veröffentlicht!

Bitte beachten Sie unsere Kommentarrichtlinien!

Noch Zeichen.

Bitte erst die Rechenaufgabe lösen! * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.

Unterstützen

In Evernote merken