Vom Aufstehen und Weitermachen

David Scherzer (hier als Hans Hölzel) muss die Koffer nicht packen. Der Tänzer bleibt dem Trierer Theater als Ballettmeister und Assistent von Sven Grützmacher erhalten. Foto: Marco PiecuchDavid Scherzer tanzt seit acht Jahren am Trierer Stadttheater. Seit 20. April ist er in der erfolgreichen Inszenierung “Falco – the spirit never dies” zu sehen. Es wird seine letzte Rolle sein, denn nach dieser Spielzeit hängt Scherzer verletzungsbedingt die Tanzschuhe an den Nagel. Der 33-Jährige wird am kommenden Sonntag um 18 Uhr als Hans Hölzel, der bürgerliche Falco, zum letzten Mal in einer Vorstellung auf der Bühne stehen. Doch dem Trierer Theater bleibt er erhalten: als Ballettmeister und Assistent von Tanztheaterleiter Sven Grützmacher. Um in Bewegung zu bleiben, soll es mit gelenkschonenderen Betätigungen weitergehen.

TRIER. Das Stadttheater ist selbst für Ungeübte nur einen Steinwurf entfernt. An den Tischen vor der Kneipe gegenüber nippen Männer und Frauen an Cappuccino und Kirsch-Banane-Saft, sie sind dick geschminkt, tragen Perücke über den echten Haaren, ihre Mäntel sind locker über die Kostüme darunter geworfen. David Scherzer sitzt drinnen, sein Blick schweift nach draußen. Dort, im Stadttheater, hat der gebürtige Berliner seit 2005 regelmäßig kleine und große Rollen übernommen – derzeit tanzt er im Stück “Falco – the spirit never dies” die Hauptfigur. “Trier ist eine Stadt mit sehr viel Flair, ich fühle mich hier unglaublich wohl”, sagt er 33 Jahre alte Vater eines Sohnes. Deshalb sei er dankbar, vorerst weiter hier arbeiten und leben zu können.

David Scherzer ist das passiert, wovor jedem Sportler graut: In der Bobinet-Halle in Trier-West ist er vor rund zwei Jahren gestürzt. Ob bei den Proben oder während eines Auftritts im Stück “West Side Story”, daran kann er sich nicht mehr erinnern. An die Folgen des Unfalls schon, die seiner Meinung nach mit dem schlechten Boden in der Halle zusammenhängen. Der Meniskus gerissen, das Kreuzband ebenso, außerdem hatte er schwere Knorpelschäden, das Knie war ohnehin verschlissen.

“Ich habe mir vorher noch nie schwer wehgetan, außerdem lernt man mit der Zeit, mit den Schmerzen umzugehen”, sagt Scherzer. Dass er es auch diesmal schaffen sollte, danach sah es lange Zeit aus. Im Anschluss an die erste Operation hat er wieder trainiert, sechs Tage die Woche: Dehnübungen und Konditionstraining morgens, ab mittags liefen die Proben zu den laufenden Stücken. Abends hat er entweder auf der Bühne seine Rolle getanzt oder hinter den Kulissen geübt. Doch die Schmerzen blieben, Scherzer musste zum zweiten Mal operiert werden. Ein Weitermachen wäre diesmal unvertretbar.

“Durchschnittlich können Berufstänzer bis Mitte dreißig arbeiten, dann wird es zunehmend schwierig, die Kondition zu halten und dehnbar zu bleiben”, erklärt Scherzer. Mit 26 Jahren habe ihn ein mentales Tief belastet, damals nahm er sich vor, mit 30 Jahren die Tanzschuhe an den Nagel zu hängen. Aktuell erfüllt ihn sein Beruf, ans Aufhören hätte er nie gedacht, wenn nicht die Verletzungen wären.

“Also einen Bürojob, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen”, sagt Scherzer, schüttelt entschlossen den Kopf und nippt an seinem Saft. Muss er auch nicht. Denn er kann weiterhin am Trierer Theater arbeiten – allerdings nicht auf, sondern vor der Bühne. Mit Start des nächsten Spielplans im August übernimmt er die Stelle des Ballettmeisters und assistiert zudem Tanztheaterleiter Sven Grützmacher. “Meine Mutter, mein Vater, meine Tante, mein Onkel – meine ganze Familie tanzt oder choreographiert. Ich bin damit aufgewachsen, deshalb macht es mich umso glücklicher, dass ich auch beruflich weiter mit Musik und Tanz zu tun habe.”

"Trier ist eine Stadt mit sehr viel Flair, ich fühle mich hier unglaublich wohl", sagt David Scherzer. Foto: Gianna NiewelAls Assistenz von Grützmacher erwartet ihn in erster Linie organisatorische Arbeit: Wenn etwa ein neues Stück angelegt wurde, muss Scherzer darauf achten, dass die Tänzer die Vorstellungen des Choreographen umsetzen, auch wenn der nicht vor Ort ist. Er muss darauf pochen, dass sie genau dort stehen und so tanzen, wie es geplant ist. “Ich bin außerdem Ansprechpartner für die Tänzer, ich vermittle, wenn es zu Unstimmigkeiten kommen sollte”, erklärt er.

Für die Arbeit als Ballettmeister hat Scherzer in den vergangenen zwei Wochen ein Praktikum an einer staatlichen Ballettschule in der Schweiz absolviert, um den Unterricht aus anderer Perspektive kennen zu lernen: Nicht mehr aus der des Tänzers, sondern mit dem Blick eines Trainers, der die eigenen Erfahrungen in Zukunft an die Schüler weitergeben kann.

Doch unsportlich wird es nicht in seinem Leben: Mit Fahrradfahren und Schwimmen denkt er bereits jetzt über gelenkschonende Alternativen zum stundenlangen Tanzen nach. “So ganz ohne Bewegung wird es nicht gehen.” Scherzer wirkt die ganze Zeit entspannt, sein Bein wippt, während er locker da sitzt, in Jeans und T-Shirt. Den Hut hat er abgenommen. Seine Hände ruhen auf dem Tisch, selbst über die Verletzungen spricht er ohne Emotionen in der Stimme.

Was ihn jedoch merklich aufwühlt, ist die Lage des Trierer Theaters, von der auch seine berufliche Zukunft abhängt. “Die Bürger”, fordert er und schlägt mit der flachen Hand auf seinen Oberschenkel, “müssen auf die Straße gehen. Nur so können wir etwas bewegen.” Er selbst bleibe optimistisch, alles andere habe keinen Sinn. Die, denen am Erhalt des Trierer Theaters gelegen sei, müssten aufstehen, sich nicht einschüchtern lassen, weitermachen. Einer wie Scherzer taugte dabei gut als Vorbild.

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