“Der kulturelle Schaden wird auf Dauer sein”

Vor der Kulturausschuss-Sitzung demonstrierten über 100 Menschen für den Erhalt des Drei-Sparten-Hauses. Foto: Christian JörickeIm Kulturausschuss wurden gestern mögliche Szenarien für die Zukunft des Trierer Theaters vorgestellt. Das von der Integrated Consulting Group erstellte Gutachten umfasst die Möglichkeiten, das Schauspielensemble, die Tanz- und Musiktheaterensembles oder alle Ensembles aufzulösen und ausschließlich Gastspiele zu zeigen. Aus der Untersuchung geht zwar hervor, was beim Theaterbudget gespart werden kann, aber nicht, wie die wirtschaftlichen und die Image-Folgen für die Stadt insgesamt wären. Während sich die Zahl der Teilnehmer an der Unterschriftenaktion für den Erhalt des Ensembletheaters den 25.000 näherte, demonstrierten vor der Sitzung über 100 Kulturschaffende und -interessierte, das Theater-Netz Trier der Universität und zahlreiche Theatermitarbeiter vor und im Rathaus gegen Spartenstreichungen. Unterdessen äußerte sich ein ehemaliger Kulturdezernent gegenüber 16vor zur aktuellen Theatersituation.

TRIER. “Das Theater ist nicht nur eine Eventorganisation”, sagt Walter Blankenburg, der sich zufällig kurz vor der Kulturausschuss-Sitzung an der Theaterkasse mit einer Mitarbeiterin unterhält. “Es macht eine Stadt aus. Kultur gibt einer Stadt ihr Gesicht.” Überlegungen über eine Neustrukturierung hält der ehemalige Kulturdezernent zwar für legitim, Streichungen von Sparten, wie sie wenig später im Rathaus besprochen werden, lehnt er strikt ab. “Das Drei-Sparten-Haus muss erhalten bleiben”, fordert der Sozialdemokrat. “Nicht nur aus Image-, sondern auch aus ökonomischen Gründen.” Schließlich sei das Theater ein Wirtschaftsfaktor.

Am Augustinerhof bereiten sich inzwischen Dutzende Ensemblemitglieder und andere Mitarbeiter des Hauses, Teilnehmer des Theater-Netzes Trier (TNT) der Universität und andere Kulturschaffende wie Tufa-Chefin Teneka Beckers auf ihren Protest gegen mögliche Spartenstreichungen und gegen das von Thomas Egger kürzlich vorgestellte Kulturleitbild vor. Sie wollen dem Kulturdezernenten und den Ausschussmitgliedern deutlich machen, das die Entwicklung der Kulturlandschaft in Trier in eine falsche, weil rein ökonomische Richtung gehe. Dazu haben sie sich kopierte Geldscheine auf den Mund geklebt.

Vor dem Haupteingang spielt das Orchester Auszüge aus “Nabucco”, vor der Seitentür hat sich der Flashmob und der Chor postiert, der in der im eigenen Art auf die Vorzüge eines Ensembletheaters hinweist. “Wenn du merkst, dass die Welt nicht nur aus Geld besteht / Es im Leben auch noch um etwas anderes geht / Und es fragt dich einer, wer macht das hier / Sag, das ist dein Ensemble, dein Theater Trier”, singen die schwarzgewandeten Chormitglieder.

Stummer Protest gegen weitere Einsparungen am Theater. Foto: Christian JörickeDas Theater bekam im vergangenen Jahr von der Stadt auferlegt, zur Haushaltskonsolidierung eine Million Euro einzusparen. Ob dies überhaupt möglich ist, spielte keine Rolle. Das Theater tat alles Machbare, wie auch die Integrated Consulting Group (ICG) feststellte, die mit einer “Strukturuntersuchung zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit des Theaters Trier” beauftragt wurde. Das vorgebene Ziel konnte jedoch nur zur Hälfte erreicht werden. “Das Theater arbeitet im Rahmen einer sparsamen Haushaltsführung”, bekräftigt noch einmal Dieter Haselbach, Senior Consultant bei der ICG Deutschland, im Kulturausschuss, bevor er Szenarien für die Einrichtung vorstellt. “Um weiter zu sparen, muss sich das Theater strukturell ändern.”

Im Vorfeld stellt Haselbach klar, welche Szenarien ausscheiden, weil sie die Haushaltsziele nicht erreichen. Dazu gehören die Kürzung der Produktionsanzahl, das Bespielen in größeren Blöcken und die Auflösung des Tanztheater-Ensembles. Freude innerhalb des Teams von Sven Grützmacher wäre jedoch verfrüht.

“Ich kann verstehen, dass es Ängste gibt”, sagt Haselbach über die Diskussionen und den Protest der vergangenen Wochen. “Es gibt berechtigte Sorgen, was passieren kann.” So hätte der Übergang zu einem Bespieltheater unter anderem zur Folge, dass der Angebotsumfang zurückginge, vor allem im Musiktheater die programmatische Vielfalt wegen eines begrenzten Stückeangebots am Gastspielmarkt verloren ginge und es keine Identifikation des Publikums mit den Trierer Ensemble-Mitgliedern mehr gäbe, was zusätzlich zu einem Zuschauerückgang führte. Dies wären Folgen, die – wie selbst das Gutachten zeigt – auch durch einen “klugen” Bespielbetrieb nicht kompensiert werden könnten.

Drei Szenarien präsentiert der Co-Autor von “Der Kulturinfarkt” dem Kulturausschuss und den Dutzenden kulturschaffenden und -interessierten Zuhörern im Großen Rathaussaal – die vierte Möglichkeit, eine Fortsetzung des Drei-Sparten-Hauses unter einem optimierten Betrieb wird als Vergleichsmaßstab mit angegeben.

Szenario 1 beinhaltet die Auflösung des Schauspielensembles. Die Konsequenzen wären weniger Vorstellungen (statt 90 nur noch 60), dadurch entsprechend weniger Publikum, das pädagogische Programm für Schulen müsste ersetzt werden und die Reputation des Theater und das Image der Stadt wären “vorübergehend” beeinträchtigt. 37 Menschen würden ihre Arbeit verlieren. Diese Option würde das Einsparziel von einer Million Euro nur vorübergehend erreichen, da es Kostensteigerungen nicht abdecken könnte.

Dieter Haselbach stellte Szenarien für ein "anderes" Theater vor. Foto: Christian JörickeDas zweite Szenario sieht eine Streichung des Musik- und Tanztheaters vor – als Variante könnte das Orchester bestehen bleiben. Sollten die Ensembles des Musik- und des Tanztheaters, das Orchester und der Chor aufgelöst werden, entfielen 96 Vorstellungen und sämtliche Konzerte. Insgesamt 55 könnten durch Gastauftritte ersetzt werden. Die Zahl der Besucher würde sich um die Hälfte reduzieren. Auch hier müsste ein neues pädagogisches Angebot geschaffen werden. Der Imageverlust sei aber ebenfalls nur “vorübergehend”. Mit der der Streichung der Sparten Musik- und Tanztheater fielen 147 Arbeitsplätze weg.

Bei der radikalsten Option, einem vollständigen Bespielbetrieb, wären 212 Arbeitsplätze betroffen. Und es gäbe nur noch Gastspiele. Die Studiobühne könne verstärkt vom Jugendclub, “60+” sowie studentischen und anderen Theatergruppen genutzt werden. Vorausgesetzt, es gibt die hauseigenen Laientheater dann noch.

Laut Gutachten kommen derzeit nur die Szenarien 2 und 3 in Frage, um nicht nur das Konsolidierungsziel zu erreichen, sondern auch die steigenden Kosten abzudecken. Weniger Personal bedeutet weniger Ausgaben. Hinzu kommt, dass eingekaufte Stücke günstiger sind als selbstinszenierte. Diese rein betriebswissenschaftliche “Sicherung der Zukunftsfähigkeit des Theaters in Trier” will Haselbach als Anregung für eine offene Diskussion verstanden wissen. “Es ist eine Einladung, über Veränderungen am Theater zu diskutieren.”

Diskutiert wird dann auch direkt im Anschluss. “Ich finde es eine Zumutung, Wanderarbeiter im künstlerischen Bereich einzuführen”, sagt Grünen-Sprecher Gerd Dahm und erinnert an die Aufgabe einer Kommune als Arbeitgeber. Auch Marc-Bernhard Gleißner von der Linksfraktion kritisiert, dass man mit diesen Szenarien im kulturellen Bereich in der Leiharbeit ankomme. Zudem trage das Gutachten nichts dazu bei, in dieser Diskussion “Fantasie anzuregen”, und sei “voll von sprachlichen Euphemismen und Verschleierungen”, klagt der Germanist. “Diese Szenarien sind in keiner Weise zukunftsfähig. Ein Theater ohne eigenes Personal ist keine Zukunft.”

“Was bedeuten ‘vorübergehende Beeinträchtigungen der Reputation des Theaters und des Images der Stadt'”, möchte Hermann Kleber von der FWG wissen. In diesem Punkt bleibt Haselbach vage. “Jede Veränderung wird dazu führen, dass es Gewinner und Verlierer gibt. Es wird Beeinträchtigungen und Irritationen geben.” Beispiele nennt er keine. “Dieser Übergangsprozess von Ensemble- zu Bespieltheater wird in Deutschland nicht oft gegangen.” Ein erfolgreiches Bespieltheater sei ein volles Bespieltheater, erklärt Haselbach. Die wirtschaftlichen Folgen für die Stadt und die Imagefolgen für Trier als Kulturstandort sind auch in dieser Aussage nicht enthalten. Gegenstand der Untersuchung waren nur “plausible betriebliche Szenarien, die den politisch definierten Beitrag zur Haushaltskonsolidierung erbringen”.

Theater-Mitarbeiter und andere Kulturschaffende und -interessierte sorgten für eine große Zuhörerschaft bei der Ausschuss-Sitzung. Foto: Christian Jöricke“Untersucht wurden Szenarien, die in die Hand der Stadt liegen”, betont der Soziologe. Diese Einschränkung ist wichtig für die weitere Diskussion. Denn zu den Möglichkeiten einer Umstrukturierung des Theaters gehört auch eine Kooperation mit den beiden anderen rheinland-pfälzischen Theatern in Koblenz und Kaiserlautern. CDU-Sprecher Ulrich Dempfle und sein SPD-Kollege Markus Nöhl bringen diese Option ins Spiel. “Wir tragen die Verantwortung für die wirtschaftliche Situation. Darum ist es unsere Pflicht, nach Lösungen für ein zukunftsfähige Theater zu suchen”, wendet sich Dempfle zum einen an die Kritiker der vorgestellten Szenarien und verweist zum anderen darauf, dass es auch noch andere Möglichkeiten gebe.

Zwei weitere Optionen, ein Drei-Sparten-Haus zu erhalten, sind, dass Gelder aus dem sogenannten freiwilligen Leistungsbereich umgeschichtet werden – darunter würden allerdings andere Einrichtungen leiden. Oder dass das Land seinen Zuschuss wieder erhöht. “Gespräche mit dem Land werden weiter gesucht”, so Egger. Die Aussichten auf eine Erhöhung seien allerdings schlecht. “Mir wäre es sehr willkommen, wenn es sich anders entwickelt”, so der Kulturdezernent.

“Heute ist nicht der Tag der Entscheidung”, macht Nöhl von der SPD-Fraktion deutlich. “Wir müssen jetzt darüber diskutieren, welche Optionen es gibt und welche Konsequenzen sie haben. Dann müssen wir entscheiden: Was ist uns Kultur wert?”.

Ganz zum Schluss wendet sich Gerhard Weber an den Kulturausschuss. Bewusst steht der Theaterintendant von seinem Platz auf und stellt sich vor die Ensemblemitglieder im Besucherbereich. “Der kulturelle Schaden für die Stadt wird auf Dauer sein”, sagt er zu einer möglichen Umsetzung der drei präsentierten Szenarien und widerspricht damit den darin immer wieder genannten “vorübergehenden” Beeinträchtigungen. “Einer dieser Wege wäre der endgültige Zerfall des Trierer Theaters.” Er ruft darum noch einmal dazu auf, für den Schutz des Theaters und des Ensembles zu werben. “Es ist in erster Linie kein Kampf um Arbeitsplätze. Es ist ein Kampf für die Zuschauer.”

Walter Blankenburg, bis 1991 Trierer Kulturdezernent, hat die Diskussion in der Ausschuss-Sitzung nicht mitverfolgt. Anfang der 80er Jahre war er in einer ähnlichen Situation wie Egger heute. Auch damals wurde ein großes Unternehmen beauftragt, den Nutzen von Spartenstreichungen zu untersuchen. Die Ergebnisse wurden schnell verworfen und sich stattdessen darum bemüht, mehr Geld zu bekommen. Hier sieht er seinen Nachfolger in der Pflicht: “Als Dezernent muss man für sein Theater kämpfen.”

Das vollständige Gutachten finden Sie hier.

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16 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Jens Sartor schreibt:

    Wenn Kultur – auch und vor allem von großen Teilen des Kulturausschusses – fast nur noch unter finanziellen Gesichtspunkten gesehen wird, dann ist etwas falsch, man kann die kulturinteressierten Bürger nur noch aufrufen: Empört Euch!
    Dazu passt auch folgendes – Lied von Kontantin Wecker: “Empört Euch (s. http://www.youtube.com/watch?v=Qtqjqs_AuFg)

    Der Bildungsauftrag des Theaters wird – so wie es für mich aussieht auch vom Kulturdezernenten und von einigen Mitgliedern des Kulturausschusses – recht weit außen vor gelassen; Theater und Kultur nur unter dem Diktat der Finanzen, das darf nicht sein.

    Aber so wird die seichte Kost, die einem häufig im Fernsehen geboten wird und allgemein die “Volksverdummung”, gefördert; dumm regiert sich gut, scheinen einige sich zu denken.

    Man kann Walter Blankenburg, einem von Eggers Vorgänger, nur beipflichten: ”Als Dezernent muss man für sein Theater kämpfen!!” Und das scheint Thomas Egger nicht engagiert zu tun!

  2. Dirk Tenbrock schreibt:

    Wahre Worte von Herrn Blankenburg ! Es muss darum gehen, die Mittel aufzutreiben! Der bisher beste Text zum Thema !

  3. Klauspeter Bungert schreibt:

    Als selber zum Kreis kulturschaffender Menschen Gehörender beobachte ich allerorten Fluktuationen innerhalb dessen, was noch vor einigen Jahren als allgemeinverbindlicher Bestand einigermaßen durchging. So warf ich, teils mit Bedauern, teils auch nur verärgert, am Ende resigniert, vor einigen Jahren das Handtuch beim Versuch, einen Kammermusikverein mit Trierer Künstlern zu etablieren. Der Ort – Tuchfabrik – wurde nicht angenommen, andere Spielstätten wären unerschwinglich geblieben.
    Das Theater ist grundsätzlich eine Chance. Sie aus der Hand zu geben, sollte lange überlegt sein. Von daher bleibt den Mitarbeitern dringend zu wünschen, daß sie ihr Brot behalten.
    Andererseits: nicht automatisch wird ein “Bildungsauftrag erfüllt”, nur weil Theater drübersteht, nicht automatisch wird kompetent inszeniert, weil Theater einstmals Exquisitheit versprach. Die eiligen Kritiker von Eggers sorgfältig überlegtem Papier sollten einmal genau hinblicken, ob sie zwischen den Zeilen nicht auch einige inhaltliche Kritik finden, auf die sie konstruktiv reagieren könnten.
    Ich habe die Petition aus Solidarität zu den Theaterbeschäftigten selbstverständlich unterschrieben. Das damit verbundene Anliegen befreit jedoch nicht von Diskussionen, die ohne Tabus geführt werden müssen, wie sie sich aus politischen Korrektheitsprojektionen und einer häufig anzutreffenden inhaltlichen Betriebsblindheit der Macher vor Ort ergeben. Die gesellschaftlichen Umbrüche machen auch vor einem Theater nicht Halt.

  4. Peter Schreiner schreibt:

    Fakt ist aber auch, dass die Stadt Trier finanziell am Ende ist. Ein gigantischer Schuldenberg hat sich in den vergangenen Jahrzehnten aufgetürmt und die Konsequenzen spiegeln sich doch permanent in der Berichterstattung von 16 vor u.s.w.

    Schulen, Sportanlagen, soziale Dienste u.s.w. werden geschlossen und das wird in Anbetracht des finanziellen Drucks unaufhaltsam so weiter gehen.

    In der Praxis läuft es für die Verantwortlichen der Stadt bei ihrer Entscheidung immer auf die Frage der Finanzierbarkeit und der LOBBY hinaus. Da wären zuerst einmal die enormen Kosten für die anstehende Sanierung des Theaters und die Kosten für den nicht gerade schmalen Mitarbeiterstab zu berücksichtigen, auf der anderen Seite die Nachfrage der Bürger auf das Angebot des Theaters.

    Offensichtlich nimmt doch nur ein kleiner Teil der Bevölkerung das Angebot überhaupt an, das muss eben auch berücksichtigt werden. Die Frage muss auch erlaubt sein, ob eine extrem verschuldete Provinzstadt nicht wichtigere Aufgaben schultern muss. Meiner Meinung nach gibt es wichtigere Prioritäten.

    Diese Überlegungen wird vermutlich wohl auch Herr Egger anstellen, zumindest hoffe ich das.

    Von den Befürwortern wird gerne die extreme Bedeutung der “Kultur” ins Feld geführt, man kann und darf das aber auch anders sehen. Viele Kulturschaffende müssen ohne staatliche Subventionierung auskommen, schaffen das auch und davor habe ich grossen Respekt.

  5. J. Freibein schreibt:

    Vielleicht höhrer Eintrittgelder und weniger Gage für die Aktiven?
    Außerdem Nutzung des Theaters auch für Drittveranstaltungen. Desweiteren sollte die Unsitte eingestellt werden, dass die Besucher des Theater in der Regel den Parkplatz davor gebührenfrei nutzen dürfen, ÖPNV-Nutzer aber vollzahlen müssen. Vielleicht sollte man zumindest die Theatertickets mit einem VRT-Ticket für jene Veranstaltungen kombinieren.

  6. Jürgen Müller schreibt:

    Ich kenn mich nicht sehr gut mit der kommunalen Finanzierung aus, aber das Theater wird auch stark, von Besuchern aus der Region genutzt. Wie wäre es denn mal mit Zuschüssen der Landkreise ? Aber es ist wohl wie immer, die Infrastruktur von Trier wird gerne genutzt, nur zahlen soll die Stadt allein.

  7. Klauspeter Bungert schreibt:

    Inhaltliche Kritik wie oben angedeutet kommt bezeichnenderweise oft aus dem Kreis der Kulturschaffenden selber. Eine mir bekannte Mitarbeiterin einer ostdeutschen Bühne schreibt dazu:
    “Das Potsdamer Theater ist auch kräftig dabei, seine Existenz zu verspielen. Noch sind die Politiker zu träge, um die Reißleine zu ziehen. Aber ich befürchte, daß das irgendwann kommt. Berlin ist nicht weit und Kultur hat Potsdam dann immer noch genug. Ich vermute, wenn man heute das Theater schließen würde, kaum ein Potsdamer würde es bemerken. Ja, was macht man mit einer angebotenen Dienstleistung, die keiner will?
    Ich war gestern in der Generalprobe zum Sommertheater. Die Spielstätte ist draußen in einem Rundraum des ehemaligen Gasometers. Dieser Bau wurde bewußt bei dem Theaterneubau mit einbezogen. Auch akustisch ist das ganz hervorragend. Die Aufführung (Der Widerspenstigen Zähmung – sicher ein guter Titel für ein Sommertheater) war provinziell, die Schauspieler fast alle schlecht bzw. fehlbesetzt. Mir tat das alles sehr leid.”
    Ralph Zedler sprach neulich an dieser Stelle von einer “Exekution” von Stücken durch Vertreter des Regietheaters. Ich zitiere gern den vermessenen Spruch narzißtischer Theatermacher,wonach eine spannende Inszenierung mit dem Telefonbuchtext möglich sei. Auf diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, daß man so oft schlechte Stücke in schlechten Inszenierungen mit schlechten Darstellern sieht. Darf man Stücke nur noch lesen, wenn man gutes Theater erleben will?!

  8. Horst Kirchartz schreibt:

    Eigentlich ist das doch sehr einfach, man legt die Kosten auf die Eintrittspreise um und das Theater trägt sich von alleine. Mir stellt sich auch noch die Frage, ob die 25000 Unterzeichner regelmäßig das Theater besuchen?

  9. Thomas Schmitt schreibt:

    In Triers Kulturszene wird sicher etwas fehlen, wenn das Theater geschlossen wird, was womöglich auch auf eine gewisse Zeit nicht mehr zu ersetzen sein wird.

    Aber eines muss dann auch klar sein:
    1. Ein wirtschaftlicher Betrieb des Theaters ist nicht möglich. Unabhängig von der Frage ob er es denn sein sollte, so bleibt das Theater selbst bei Vollauslastung ein Zuschussgeschäft. Und die Vollauslastung hat es ja nun auch nicht gerade.

    2. Das Geld fehlt an allen Ecken und Enden in Trier und mal ehrlich, ich denke dem Bildungsauftrag ist eher genüge getan, wenn die Schulen finanzielle Mittel für eine vernünftige Ausstattung haben, statt vielleicht während der Schulzeit alle drei Jahre mal ins Theater zu gehen, welches ansonsten von der Jugend eher nicht genutzt wird. Dazu sollte man sich auf eingestehen, dass eine gewisse Abneigung / Unlust von Jugendlichem gegenüber des Theaters vielleicht nicht zwingend auf mangelnder kultureller Bildung, sondern einfach gewandelten Vorstellungen beruht. Diese ändern sich von Generation zu Generation eben (oder noch schneller).

    Macht das Ding zu, auch wenn es nicht die finanziellen Probleme von Trier löst, so ist es zumindest ein Anfang und für die Zukunft meiner Ansicht nach besser, denn dann wird Geld frei für elementare Dinge, wozu meiner Ansicht das Theater nicht gehört.

  10. A.Overath schreibt:

    Es ist einfach provinziell, die Wertigkeit und Entwicklung der Kultur in Trier vom Bestandsschutz für eine traditionelle Einrichtung abhängig zu machen.
    Natürlich braucht Trier ein subventioniertes kommunales Theater !
    Aber es darf und muss doch ergebnis/offen diskutiert werden dürfen, was in den folgenden Jahren mit den über 14 Millionen an öffentlichen Geldern passieren soll, muss und darf und eben auch könnte.
    Es ist einfach erschreckend mit welchem Selbstverständnis die Befürworter des Theater Trier – die Fraktion “Stadttheater – weiter so” sich als den Slogan : “Wir sind die Kultur” auf die Fahnen schreiben.
    Meine Wurzeln liegen im Köln-Aachener Raum – also irgendwie ist man da einfallsreicher im Umgang mit kulturellen Problematiken und Aufgabenstellungen.

  11. Chris Steil schreibt:

    Alle Anderen, die sich im Bereich Kultur bewegen müßen sich selbst finanzieren.
    Warum soll das Theater vom Steuerzahler finanziert werden ?
    Konnte mir noch keiner schlüssig aufarbeiten.

  12. A. Schmid-Egger schreibt:

    Wer sind denn ‘alle Anderen, die sich im Bereich Kultur bewegen’? Die Rechnung ist ganz einfach. Alleinunterhalter und Kleingruppen lassen sich noch mehr oder weniger gut aus Eintrittsgeldern finanzieren, sobald aber die Anzahl der Akteure stark ansteigt, wie das im Theater meistens der Fall ist, können das halbwegs erschwingliche Eintrittspreise nicht mehr leisten. Ich kenne z.B. kein professionelles Orchester, das sich selbst finanziert. Professionelle Kulturangebote größerer Dimension wie Opern, Konzerte, Tanzstücke und größere Theatervorstellungen würden ohne Unterstützung einfach wegfallen.
    Natürlich gibt auch es immer Menschen, die das Angebot nicht nutzen- vielleicht aus mangelndem Anlass? Vielleicht wäre diese große Theaterdiskussion ja ein Anlass, sich das ganze mal von innen anzuschauen- nur eine einzige Vorstellung- damit man dann auch weiß, was bald vielleicht nicht mehr sein wird…?

  13. Chris Steil schreibt:

    Die “Anderen”, dass sind alle restlichen die sich im Bereich Kultur bewegen. Der kulturelle Höhepunkt ist nicht das Theater. Und es ist ein Märchen, dass sich das alles über Eintrittsgelder finanzieren lässt, denn dann müßte es ja beim Theater auch gehen. Geht aber nicht, denn das Theater wird nur von einem Bruchteil der Gesamtbevölkerung besucht. Die Anzahl bewegt sich im unteren, einstelligen Prozentbereich. Hierfür solch hohe Subventionen aufzubringen ist eine vollkomen falsche Verteilung. Die Aussage “Natürlich gibt auch es immer Menschen, die das Angebot nicht nutzen” ist also grundverkehrt. Über Verteilung von Steuergeldern bzgl. Qualität habe ich damit noch nicht einmal gesprochen !!!!

  14. Ralph Zedler schreibt:

    Es fehlt an Geld. Das ist das Kernproblem. Wenn die Stadt es nicht hat und das Land nicht mehr geben will, ist die Frage, wo es zu beschaffen sein könnte. Wie ist es mit privaten Sponsoren, großen angesehenen Firmen der Region? Warum werden diese Quellen nicht in die Diskussion eingebracht?
    Wenn der Staat sich aus der Pflicht nimmt, was Kultur und Bildung angeht, dann müssen die Bürger sie eben in die Hand nehmen. Denn sonst haben wir in Kürze ein kulturelles Szenario das mit dem Titel der Oper von Erich Wolfgang Korngold “Die tote Stadt” sehr treffend beschrieben wäre: ein leerstehendes Gebäude am Augustinerhof, wo sporadisch irgendwelche Truppen vorbeikommen und Gastspiele anbieten – Kultur als Dienstleistung sozusagen.
    Und zum Thema “Nutzen” nur soviel: wieviel Prozent “nutzen” denn heute noch die Kirche? Wird sie deswegen geschlossen, fusioniert sie oder werden Sparten geschlossen? Nein! Und warum? Weil es hier um spirituelle, ethische und andere Fragen rund ums Menschsein geht – so wie in der Kunst aus. Und die Auseinandersetzung mit diesen Fragen muss auf hohem Niveau permanent möglich sein. Sonst verkommen wir zu dummen, kapitalistischhörigen Arbeitsmaschinen und Befehlsempfängern – aber vielleicht ist ja gerade das systematisch gewollt? Denn: ein dummes und kulturloses Volk regiert sich halt besser!

  15. Chris Steil schreibt:

    Hallo Herr Zedler,

    Ihr Part zum Nutzen und zur Nutzung ist mir zu platt. Ja klar, die Kirchen können von mir aus auch geschlossen werden. Das mit Kultur gleichzusetzen ist fatal.
    Da aber jetzt schon der mit Abstand größere Teil seinen kulturellen Einfluss ausserhalb des Theaters erhält, wäre Ihre These von den “dummen, kapitalistischhörigen Arbeitsmaschinen und Befehlsempfängern” ja schon Realität. Ist aber eben nicht so.
    Diese Aussage trifft eher auf den Großteil der jetzigen Theater-Trier-Besucher zu. Hier handelt es sich nämlich großteils um “Besitzstandswahrer”, die nix hinterfragen und nur nach dem eigenem Vorteil schauen.
    Weder das Theater noch die Kirchen tragen dazu bei, dass Menschen sich sinnvoll nach vorne bewegen.

  16. Ralph Zedler schreibt:

    Sehr geehrter Herr Steil!
    Vielleicht ist das der Punkt, wo wir die Mär von der Progressivität des Theaters entkräften sollten. Vielleicht will das Theater idealistischerweise zwar die Menschen zum Umdenken, Vorausdenken, Menschlicherwerden, “sich sinnvoll nach vorne bewegen” – wie Sie sagen – anregen, kann es aber faktisch gar nicht, weil das den Handlungsspielraum der Kunst überschreiten würde.
    Auch im Christentum hören wir seit 2000 Jahren den Satz “Gehe hin und sündige fortan nicht mehr!” Trotzdem geschehe tagtäglich die schlimmsten Verbrechen – sogar zum Teil noch im Namen der Kirche.
    Der künstlerische Rahmen ist eine ideal(isiert)er, ein geschützter, in dem Menschen Erfahrungen machen können, die sie in ihrem Alltag so nicht machen können. Bis diese Erfahrungen aber im Alltag Früchte treiben, das kann dauern. Kunst ist halt auch ästhetische Erbauung, Staunen, Verzauberung, Entführung in andere Welten – und wenn der Vorhang sich nach 2-3 Stunden schließt, eben auch Ernüchterung, denn dann hat der Alltag die Leute wieder.
    Carl Loewe und Luigi Nono waren beides Komponisten, die glaubten, die Welt durch ihre Kunst besser machen zu können: Loewe durch die ethisch-erhebende Kraft seines Balladengesangs und Nono, indem er den kommunistischen Klassenkampf durch seine Werke in die Fabriken brachte. Beide sind naturgemäß gescheitert, denn das kann Kunst nicht leisten.
    Daher: wenn der Besitzstand im Theater Trier gewahrt würde, wäre das schon mal ein Fortschritt.

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