Der Lage der Nation

Ohne Nickelbrille und Band: Klaus Lage in der Tufa. Foto: Christian JörickeVor fast 30 Jahren schaffte Klaus Lage mit “1000 und 1 Nacht” den musikalischen Durchbruch, für den ersten “Schimanski”-Kinofilm sang er das Titellied. Trotz mittlerweile 16 Studio- und fast genauso vielen Live- und Best-of-Alben sowie Tourneen mit und ohne Band konnte er seit Mitte der 80er nicht mehr an diesen Erfolg anknüpfen. Warum das so ist, wurde bei seinem ausverkauften Solo-Konzert am vergangenen Mittwoch in der Tufa deutlich. Lage hat eine starke, vielseitige Stimme, aber seine Texte kommen gewichtiger daher als sie sind, und auch die Musik packt kaum. Die Versionen, die man in Trier zu hören bekommt, sind zudem überladen arrangiert. Letzteres ist seiner Selbstverliebtheit geschuldet, die er mit gespielter Selbstironie zu kaschieren versuchte.

TRIER. “Seit rund drei Dekaden gehört Klaus Lage zu den erfolgreichsten und umtriebigsten Protagonisten der hiesigen Rockmusikszene”, heißt es auf der Homepage des Künstlers. Das ist ernst gemeint und sagt viel über Lages Selbstverständnis aus. Tatsächlich ist sein Beitrag zur deutschen Musikgeschichte seit weit mehr als zwei Dekaden bescheiden. Will man Menschen zum Verstummen bringen, muss man sie nur auffordern, einen Titel von ihm aus den 90er oder Nuller Jahren zu nennen.

Der gestutzte Vollbart ist grau geworden und die Brille eckiger. Das Publikum erkennt ihn dennoch schnell und klatscht lautstark, als er auf die Bühne kommt und zu einer Gitarre greift. “Ja, ich freu mich auch”, beschwichtigt der 63-Jährige, als würde er von einem Hund an der Tür begrüßt werden. Direkt nach der Pause wird er einen Fan vor der Bühne mit zugegebenermaßen unglücklichem Timing für einen Autogrammwunsch mit den Worten abkanzeln: “Ich habe hier jetzt noch was zu tun”. Es beginnen zweieinhalb Stunden One-Man-Show.

“Zeitreise” heißt die Tour, die Lage noch in Städte wie Merseburg, Nordhausen und Plauen führen wird. In Gelnhausen, Ober-Ramstadt und Großrosseln war er schon. Titelgetreu erzählt er zwischen den Stücken aus seinem Leben und von den ganz privaten Krimis: Davon, wie er als Kind gemeinsam mit seinen Eltern erst vom Land in die Stadt und dann als Jugendlicher wieder zurück in die Einöde Niedersachsens gezogen ist. Er erzählt von kristallenen Obstschalen auf dem heimischen Wohnzimmertisch und wie er ganz, ganz früher die Rosinen schon vor Weihnachten aus dem Stollen gepult hat. Von dem dornenreichen Weg raus aus den kleinen Eckkneipen und rauf auf die größeren Bühnen.

Aber denkt man an Klaus Lage, denkt man nicht unbedingt an einen Geschichtenerzähler. Man denkt an “Monopoli” und die Herren der Schloßallee oder an “Faust auf Faust”, dem Titellied des ersten “Schimanski”-Kinofilms. Und selbst die MP3-Generation wird “1000 und 1 Nacht” unabhängig von der Anzahl der getrunkenen Biere mehr oder weniger textsicher mitgrölen können. Es ist das Lied, das Lage vor fast drei Jahrzehnten deutschlandweit berühmt gemacht hat. Ein Evergreen, der jedes Mal aufs Neue Erinnerungen wecken dürfte – sei es an das Schwofen mit der ersten großen Liebe in der Dorfdisko oder daran, wie es nach unzählbaren Avancen endlich auch bei der Nachbarstochter “Zoom” gemacht hat. Lage singt alle drei Lieder in gänzlich unrockigen Versionen, das Publikum singt beseelt mit.

Seinen letzten Top-Ten-Hit schaffte Deutschlands berühmtester Nickelbrillenträger (getönte Gläser) 1985. Dann blieben die Ohrwürmer und folglich das Medieninteresse aus. Als ob die Radiosender Schuld daran gewesen wären, beteiligte er sich Ende der 90er an dem Projekt “Deutsches RockRadio”, deren Mitstreiter das öffentliche Abspielen ihrer nicht grundlos auf keiner Playlist mehr auftauchenden Songs erzwingen wollten – dazu gehörten der Möchtegern-Grönemeyer Marius Müller-Westernhagen, die biederen Nappa-Leder-Rocker Scorpions und der Rockmusikerdarsteller Peter Maffay.

Lage beherrscht zwar sein Handwerk – seine Stimme ist kräftig und sanft, rauchig und voll -, doch an seinem Gesang berauscht er sich selbst am meisten. Er scattet in jedem zweiten Stück wie für ein Jazz-Vorsingen und demonstriert übertrieben oft seine stimmliche Ausdauer, indem er lange einen Ton hält. Wäre Lage vielleicht lieber Jazzer geworden? Blues- oder Soulsänger? In jedem Song scheint er den Zuhörern zeigen zu wollen, welch ein musikalisches Schwergewicht sie vor sich haben.

Vielleicht will er mit den überladenen Arrangements aber auch über die literarischen Schwächen seiner Texte hinwegtäuschen. Bei einigen Stücken wird das Zuhören anstrengend. In “Schweißperlen” beispielsweise, dem Titellied des gleichnamigen Hit-Albums von 1984 und einem musikalischen Vorgriff auf “Feuchtgebiete”, ersucht er seine Laufpassgeberin, sich doch “frühlingsfrisch” – also nicht nach sich selbst riechend – anderen Kerlen zu präsentieren: “Nur dein Schweiß, die kleinen Perlen, die gib’ bitte niemand her”. Die große Liebe hat ihn darin nicht ohne guten Grund verlassen. Wer möchte schon mit einem Menschen zusammen sein, der verstörende und zudem noch schiefe Bilder benutzt wie: “Lass doch niemand von den ander’n in die kleinen Nester rein”.

Es wirkt beliebig und bemüht, wenn er etwa in “Zug um Zug” vor dem Schmelzen der Pole, Trinkwasserknappheit und dem Bröckeln der Alpen warnt. Wenn man über den Anstieg des Meeresspiegels singt, sollte das textlich tiefer als eine Pfütze sein. “Zuviel Fast Food auf dem Teller / Trinkwasser wird demnächst sehr knapp / Parteien basteln sich die Wähler / Den Kirchen gehen die Schäfchen aus / Uhren sind längst Geigerzähler / Und Fußball kommt nicht mehr nach Haus” – das klingt alles nach Versatzstücken aus einem Musikeraufbaukurs “So werde ich wie Udo Jürgens”.

Aber Klaus Lage ist kein Udo Jürgens – obwohl es auch nicht überraschen würde, wenn der bärtige Barde für die Zugaben im weißen Bademantel auf die Bühne käme. Und dennoch sagt er kurz vor Schluss in einer mehrere hundert Seiten starken Textsammlung blätternd einen Satz, den man allenfalls noch Jürgens, Grönemeyer oder den “Ärzten” durchgehen lassen würde: “Die Frage ist immer, welche der 200 Stücke lass’ ich weg.” So ist der Lage.

Print Friendly

von

2 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Sven Dahmen schreibt:

    Was kann einem doch das geschriebene Wort wie hier das Herz erfreuen…

    “…nicht grundlos auf keiner Playlist mehr auftauchenden Songs erzwingen wollten – dazu gehörten der Möchtegern-Grönemeyer Marius Müller-Westernhagen, die biederen Nappa-Leder-Rocker Scorpions und der Rockmusikerdarsteller Peter Maffay.”

    …vor allem, wenn das gesungene Wort im Gegensatz dazu “nach Versatzstücken aus einem Musikeraufbaukurs ‘So werde ich wie Udo Jürgens'” klingt.

  2. Luissa Koppelkamm schreibt:

    Ja, da bin ich froh, dass das auch von Anderen so gesehen wurde. Mein Sohn hat Autogramme von Groessen wie Charles Aznavour. Und diese Autogramme sind auch noch zusaetzlich personalisiert. Einer derartigen Situation war er nie ausgesetzt.

    Unsympathischer Saenger, dieser Klaus Lage.

Schreiben Sie einen Leserbrief

Angabe Ihres tatsächlichen Namens erforderlich, sonst wird der Beitrag nicht veröffentlicht!

Bitte beachten Sie unsere Kommentarrichtlinien!

Noch Zeichen.

Bitte erst die Rechenaufgabe lösen! * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.

Unterstützen

In Evernote merken