Der richtige Handel im falschen?

Zur Erinnerung an den in Trier geborenen Jesuitenpater und Nestor der katholischen Soziallehre, Oswald von Nell-Breuning, vergibt die Stadt seit 2003 alle zwei Jahre den nach ihm benannten Preis. Nun wurde die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung dem Kölner Verein TransFair zugesprochen, einer Organisation, die mittels Lizenzsiegel Produkte aus fairer Produktion kennzeichnet und somit deren Akzeptanz fördert. Die Preisverleihung am vergangenen Dienstagabend vereinte feierliche Lobreden auf ein Konzept, das vor allem in den letzten Jahren durchaus Gegenstand kontroverser Auseinandersetzungen war.

TRIER. Heidemarie Wieczorek-Zeul ließ es sich nicht nehmen, auf die Geschichte des Saales hinzuweisen, in dem sie gleich darauf ihre Lobrede anstimmte: “Karl Marx war hier ja ebenfalls Schüler”, sagte die frühere Entwicklungshilfeministerin mit Blick in die Promotionsaula des Bischöflichen Priesterseminars, “und das setzt ja Maßstäbe”. Miteinander in Beziehung gesetzt zu werden, hätte dabei wohl weder Marx noch Nell-Breuning in Verzückung versetzt: Während der eine die Religion als Opium des Volkes verhöhnte, machte der andere Karriere als Jesuitenpater; und wo Marx sich dem Wissenschaftlichen Sozialismus verschrieb, prägte Oswald von Nell-Breuning an hoher Stelle die Antwort der Kirche auf gesellschaftliche Fragen – der Titel “Nestor der katholischen Soziallehre” hängt Oswald von Nell-Breuning als Mitverfasser der Sozialenzyklika “Quadragesimo anno” bis heute an wie ein Namenszusatz.

Falsch wäre es trotzdem, den Antagonismus von Marx und Nell-Breuning auf die Unverträglichkeit von Sozialismus und Katholizismus zu verkürzen. Wer Nell-Breuning liest, wird vermutlich überrascht sein, dass es nicht theologische Glaubenssätze, sondern sozialwissenschaftlich-philosophische Argumentationen sind, auf denen die Ausführungen fußen. Die hohe Bedeutung, die Nell Breuning den Gewerkschaften beimaß, die Beschäftigung mit dem Gegensatz von Kapital und Arbeit, die Eigentumsfrage – all das zeugt von der Auseinandersetzung mit Marx und dem Marxismus, die für Nell-Breuning jedoch schlussendlich alle in der anerkennend-ablehnenden Überzeugung mündeten: “Karl Marx ist unser großer Gegner.”

Wenig verwunderlich, dass die Bischofs- und FairTrade-Stadt Trier sich mit dem Erbe Nell-Breunings weniger schwer tut als mit dem Theoretiker des Kommunismus. Seit 2003 vergibt sie alle zwei Jahre den mit 10.000 Euro dotierten Oswald-von-Nell-Breuning-Preis, der Engagement im Sinne des Sozialethikers auszeichnen und dessen Andenken ehrend bewahren soll. Zu den prominenten Preisträgern der Vergangenheit gehören Helmut Schmidt (2005) und Norbert Blüm (2011) ebenso wie die Brüder Hans-Jochen und Bernhard Vogel (2009). In diesem Jahr hat die Jury sich auf das Recht berufen, nicht nur Personen, sondern auch Einrichtungen auszeichnen zu dürfen. Dabei dürfte der Preisträger, der Kölner Verein TransFair (“Verein zur Förderung des Fairen Handels mit der Dritten Welt e.V.”), in der Öffentlichkeit mitunter sogar bekannter sein als mancher der bisherigen Preisträger: Knapp 70 Prozent der Bevölkerung kennen das schwarz-blau-grüne Siegel, 93 Prozent sprechen ihm eine hohe Glaubwürdigkeit zu.

Dieses Siegel, das in den vergangenen Jahren verstärkt auf Waren in den Regalen des Einzelhandels auftaucht, ist das Kerngeschäft von TransFair. Denn der Verein handelt nicht selbst mit Gütern – wie beispielsweise der Fair-Trade-Importeur GEPA – sondern vergibt die Lizenz für die Produktauszeichnung mit dem FairTrade-Siegel an Importeure, Produktionsbetriebe und Händler, die ihren Arbeitern faire Lohn- und Lebensbedingungen bieten. Die Vision des Vereins: “Eine Welt, in der alle Produzentinnen und Produzenten im Süden ein sicheres und gutes Leben führen, ihr Potenzial ausschöpfen und über ihre Zukunft selbst entscheiden können.”
Diese Zielsetzung, so die Begründung der Jury, sei eng mit dem christlich-sozialen Gedankengut Oswald von Nell-Breunings verbunden: “Mit seiner Arbeit möchte TransFair e.V. den Produzenten in den armen Regionen der Welt Perspektiven eröffnen, die schlechten Lebensumstände aus eigener Kraft zu überwinden.” Laudatorin Heidemarie-Wieczorek Zeul attestierte dem fairen Handel, “Politik von unten” zu sein, mit der “Fehlentwicklungen im Welthandelssystem” entgegengewirkt werden könne. Sie lieferte zuvor in deutlichen Worten eine Gegenwartsdiagnose, die weit entfernt ist von einem “sicheren und guten Leben” für alle: Die Ausbeutung von Entwicklungsländern habe die Form “neuer kolonialer Herrschaftsverhältnisse”, während sich die Schere zwischen Arm und Reich in allen Gesellschaften weiter öffne. Nell-Breunings Diagnose, “dass wir auf Kosten des Südens leben”, gelte bis heute und habe sich im Zuge von Globalisierung, Finanz- und Wirtschaftskrisen und den Folgen des Klimawandels weiter verschärft. “Es ist notwendig, dass diese Verhältnisse sich ändern”, verlangte die Sozialdemokratin. Dass diese Inhalte sich in aller Deutlichkeit auch ohne Worte kommunizieren lassen, zeigte der Grundkurs Darstellendes Spiel des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums mit Szenen aus Augusto Boals “Theater der Unterdrückten”.

Wie Heidemarie Wieczorek-Zeul betonten auch OB Klaus Jensen und der FairTrade-Vorstandsvorsitzende Heinz Fuchs, dass aus dem einstigen Nischenprodukt längst ein Akteur auf dem Massenmarkt geworden ist: Fair gehandelter Kaffee findet der bewusste Konsument heute nicht mehr nur im Regal des Weltladens, sondern auch in Supermärkten und bei Discountern. Ethisches Konsumverhalten ist vor diesem Hintergrund vor allem auch ein rasant wachsender Absatzmarkt. Das spiegelt sich auch in der Umsatzentwicklung von FairTrade-Produkten wider, die seit Jahren zweistellige Wachstumsraten aufweisen; und auch die Prognosen scheinen glänzend.

Dieser Umstand wurde auch als möglicher Grund diskutiert, warum in den vergangenen Jahren Kritik an dem Siegel mit dem Feelgood-Image laut wurde. So hatte die GEPA im Sommer 2012 erklärt, ihre Produkte nicht mehr mit dem FairTrade-Siegel auszuzeichnen und stattdessen ein eigenes Symbol mit höheren Mindeststandards zu verwenden. Dem vorausgegangen waren im Juli 2011 Proteste von Händlern und Produzenten; TransFair hatte den verlangten Mindestanteil fair produzierter Zutaten in Mischprodukten von 50 auf 20 Prozent herabgesetzt. Diese Regelung ermöglicht, dass in einem FairTrade-Keks womöglich nur die Schokosplitter fair sind. Damals war von Verbrauchertäuschung und Verwässerung die Rede, Vorstandsvorsitzender Fuchs spricht auf Nachfrage von einem Missverständnis: “Was als Fairtrade-Ware auf dem Markt zur Verfügung steht, muss auch als Zutat für das Mischprodukt genutzt werden. Wir haben den Anteil abgesenkt, um den Markt für eine größere Anzahl von FairTrade-Produzenten zu öffnen.”

Kritik entlädt sich nicht nur an der Zusammensetzung lizensierter Mischprodukte, sondern auch an grundsätzlichen Fragen der Vereinsarbeit. Vielfach wird in diesem Zusammenhang kritisiert, dass die Wertschöpfungskette nur schwer nachvollziehbar sei und ein Großteil des Aufpreises nicht zu den Produzenten gelange; und dass sinnvolle Kontrollen der global vernetzten Produktions- und Distributionsbedingungen kompliziert bis unmöglich seien. Als ebenfalls problematisch wird von Kritikern angeführt, dass die Wettbewerbsstrukturen, in denen das Geschäft mit dem “Fairen Handel” stattfindet, nach wie vor geprägt sei von quasi kolonialen Herrschaftsverhältnissen, in denen die Länder des Südens auf ihre Rolle als Rohstofflieferant reduziert würden. “Wir sind uns dieser Problematik bewusst. Mit dem eingeführten Stimmanteil von 50 Prozent für die Produzenten in allen Entscheidungsgremien wollen wir entsprechend reagieren”, erklärt dazu Heinz Fuchs und ergänzt: “Aber natürlich liegt in diesem Bereich noch viel Arbeit vor uns und wir sind alles andere als zufrieden mit dem jetzigen Stand.”

Als Fuchs in seiner Dankesrede einräumte, dass die Auszeichnung “uns alle überrascht” habe, geschah dies möglicherweise auch im Hinblick auf diese teils harsche Kritik, die den Verein in den letzten Jahren traf. Es hätte dem Andenken des großen Intellektuellen Nell-Breuning nicht geschadet, die Ambivalenzen und Problemstellung zu beleuchten, die der Versuch eines richtigen Handels im falschen bedeutet. Eine Frage, über die sich auch Marx und Nell-Breuning sicherlich trefflich hätten streiten können.

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5 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Johannes Schölch-Mundorf schreibt:

    Sehr lesenswerter Artikel, in dem ausführlich auf die Kritik am FairTrade-Siegel und die Gründe für den Rückzug von gepa und anderen Importeuren eingegangen wird.

    Johannes Schölch-Mundorf, ehemaliger Gruppenberater für die Eine-Welt-Läden der Region

  2. Markus Pflüger schreibt:

    Ein sehr informativer Artikel, ein weiterer Aspekt kam mir bei der Prisverleihung und Berichterstattung aber immer noch zu kurz: der Verkauf von fairgehandelten Produkten in unfairen Discountern, er unterläuft doch das Grundverständnis des Fairen Handels. Neben dem Verkauf sollten mit dem fairen Handel Informationen über die ProduzentInnen und den ungerechten Welthandel weitergegeben werden, um einen Bewusstseinswandel sowie Engagement zu bewirken. Bei einigen fair gehandelten Produkten geht es zudem dauch um die Unterstützung politischer Projekte von unten, so übertrifft der Kaffee aus Chiapas (z.B. Von Aroma Zapaitsa) die Fairhandelskriterien, ein Transfairsiegel will das Kollektiv aus Hamburg aber nicht.
    Der konsumkritische Ansatz wie ihn nicht profitorientierten Weltläden praktizieren, wird durch Billiganbieter unterlaufen, der zudem mit den eigenen Angestellten nicht fair umgeht oder anders ausgedrückt: Das Transfair-Siegel ist bisher kein Sozialsiegel für deutsche Unternehmen und prinzipiell kann jeder Unternehmer ein fair gehandeltes Produkt herstellen und siegeln lassen. Ein Versuch mit Transfair und anderen Weltläden eine Diskussion anzustoßen ist bisher im Sande verlaufen. Transfair siegelt nur die Produkte nicht mehr. Und Transfair verdient natürlich auch mehr, wenn es mehr Produkte z.B. bei Diskountern siegelt.
    Sozialstandards auf der anderen Seite der Erde zu fordern und sie hier nicht einzuhalten ist eine Doppelmoral und schadet dem Ansehen des Fairen Handels

  3. Markus Pflüger schreibt:

    Fairer Handel muss vom Produzenten bis zum Konsumenten gewährleistet sein. Der Weltladen der AGF fordert daher seit 2006, dass Transfair seine Kriterien des Fairen Handels dahingehend korrigiert und höhere Standards anlegt. Also die Einhaltung gewerkschaftlicher Mindeststandards in der 3. und der 1. Welt!

  4. philip trellert schreibt:

    man kann sicherlich die fair-trade idee auch unter kritischen aspekten sehen. meiner meinung nach ist jedoch entscheidend, dass hier wenigstens versucht wird, eine art des handels aufzuzeigen, die anders, einfach “fairer” ist, als normal üblich.
    insofern kann man da ruhig “thumbs up” anzeigen.
    dass es trotzdem eigentlich, um auf das abgewandelte adorno-zitat im titel zurückzukommen, kein richtiges leben im falschen, also keine wirkliche fairness im kapitalismus geben kann, ist für mich aber genauso evident.
    wie auch, wenn nur profit und permanenter ( ein weiterer widersinn) wachstum das ziel ist?
    dass ausgerechnet frau wieczorek-zeul zu diesem anlass gesagt haben soll, dass “diese verhältnisse sich ändern müssen”, ist ja wieder einmal an zynismus nicht zu überbieten.
    es gilt ein weiterer, alter spruch : “wer hat uns verraten ? sozialdemokraten !”

  5. rüdiger Rauls schreibt:

    Jetzt wirds aber schwierig. Jetzt verheddern sich die Fairtrade-Theoretiker in den Fallen ihrer moralisierenden Betrachtungsweise, die sie selbst ausgelegt haben. Der Fairness-Begriff folgt mehr den persönlichen Vorlieben der einzelner Herolde, die ihn für sich in Anspruch nehmen, als nachvollziehbaren OBJEKTIVEN Überlegungen. Dieser Begriff allein ist schon unwissenschaftlich und in hohem Maße manipulativ. Denn er kann jederzeit willkürlich eingesetzt werden, weil ihm keine klare Definition zu Grunde liegt.
    Wann ist denn nun fair wirklich fair? Wie der obige Artikel und die Reaktionen darauf schon zeigen, ist, was dem einen fair ist, dem anderen noch lange nicht fair genug. Und es gibt auch keine nachvollziehbaren Erklärungen außer den persönlichen Ansichten und Vorlieben der einzelnen Vertreter der verschiedenen Auslegungen.
    Wieso soll Handel fairer sein, so Pflüger, wenn er Politisches unterstützt? Und wieso soll er, ebenso Pflüger, fragwürdiger sein, wenn er profitorientiert ist oder konsumorientiert? Alles das sind moralisiernde Sichtweisen, die aber mit dem Charakter des Handels selbst nichts zu tun haben. OHne Gewinnerwartung gibt es keinen Handel. Und er beruht immer auf der “unfairen” Situation der unterschiedlichen Verfügbarkeit von Waren. Die Verquickung von Handel und Moral dient nicht dem Verständnis. Sie macht das Erkennen der Zusammenhänger schwieriger, als es ohnehin schon ist.
    Mehr zu dem Thema:
    Rüdiger Rauls, Kolonie Konzern Krieg, ISBN 9783842368989

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