Der Weg des Weines im Winter

Seit die gebürtige Saarländerin Manuela Schewe die Vinothek “Weinsinnig” in der Palaststraße eröffnet hat, überrascht sie ihre Gäste gerne mit außergewöhnlichen Aktionen. So darf sich beispielsweise jeden Monat ein Winzer aus der Region in ein großes Weinfass zwängen. Durch geschicktes Raten muss das Publikum seiner Identität auf die Schliche kommen. Am vergangenen Samstag ging eine besondere Veranstaltungsreihe in die zweite Runde: Im Rahmen der “Weinsinnigen Akademie” entführt die Vinothekarin Weinliebhaber auf das Weingut Bender – und vermittelt ihnen dort gemeinsam mit dem Winzer, wie viel Liebe, Arbeit und Geduld in einer Flasche Wein stecken kann.

TRIER/LEIWEN. Damit hatten die Teilnehmer nicht gerechnet: “Wir werden auch selbst Hand anlegen”, verkündet “Weinsinnig”-Gründerin Manuela Schewe der kleinen Runde aus Weinkennern (und solchen, die es noch werden wollen), die sich in ihrer Vinothek in der Palaststraße eingefunden haben, um der Entstehung des gegorenen Rebensaftes direkt an der Quelle auf den Grund zu gehen. Heute steht das Beschneiden und Binden der Rebstöcke auf dem Programm. Die erste von vielen Stellschrauben, an denen gedreht werden will, damit am Ende exquisiter Wein im Glas landet. “Erfahrungsgemäß”, erzählt Schewe, die die Akademie bereits im letzten Jahr angeboten hat, “bevorzugen viele Leute lieber einen Termin gegen Ende des Jahres, weil es einfach wärmer ist.” Doch die Hartgesottenen, denen an diesem winterlichen Samstagnachmittag ein Ausflug auf das Weingut Bender in Leiwen bevorsteht, wissen einen Vorteil auf ihrer Seite: “Im Moment sind die Fässer voll”, erklärt Schewe lachend.

Zur olfaktorischen Einstimmung hat die ausgebildete Sommelière ein kleines Ratespiel vorbereitet, um die feinen Aromen aus dem Wein herausriechen und benennen zu können. Sie reicht kleine Fläschchen zum Schnuppern in die Runde. Die Düfte bleiben zunächst anonym, Zahlen erleichtern die spätere Auflösung. Schewe ermuntert in ihrer unprätentiösen Art dazu, “ruhig auch eigene Begriffspaare” zu bilden. Jeden der Gerüche soll man später im Wein wiederfinden können.

Die “12” ist ein leichter Sieg; zweifelsfrei lässt sich ein Citrusduft erkennen. Die “29” ist schon kniffliger, es könnte Vanille sein. Manuela Schewe löst auf: Butter weht dem Riechenden entgegen. Der Geruch entsteht, wenn die strenge Apfelsäure durch Gärung zu Milchsäure wird. An der “45” beißen sich die Teilnehmer die Zähne aus. Leder? Ölfarbe? Stall? Fast: Es handelt sich um den Geruch von Pferdeschweiß. Ein bestimmter Hefepilz ist für die animalische Note in einigen Rotweinen verantwortlich. Der Duft, den die “46” verströmt, erinnert einen Teilnehmer an den Chemieunterricht, ein weiterer Gast muss an den Geruch eines Klosteines denken. Eigene Begriffspaare eben. Tatsächlich war Schwefel gemeint.

Anschließend lässt Schewe Gläser mit Weinproben herumgehen – und siehe da: Mit dem erworbenen Basiswissen lassen sich bereits einige der Nuancen in Worte fassen. Hier eine brombeerige Anspielung, dort ein Hauch von Lakritze. Nur der Pferdeschweiß fehlt.

“Wein macht Spaß”

Nach dieser stimmigen Einleitung geht es mit dem Kleintransporter nach Leiwen an der römischen Weinstraße, immer der Mosel nach, vorbei an formidablen Steilhängen und historischen Bauernhäusern. An der Dorfeinfahrt stehen zwei große Reisebusse, die ihre leicht angetrunkene Ladung geradewegs auf der Straße abladen. Einige Vertreter torkeln gefährlich nahe an den Kleinbus heran, während sie sich auf das Anzünden ihrer Zigarette konzentrieren. Das sorgt für Unruhe: Leiwen – der Ballermann der Mosel? So schlimm ist es dann doch nicht; ohne sie zu zerquetschen, lässt der Kleinbus die Menschentraube hinter sich zurück und bringt die Weinakademiker wohlbehalten zum Weingut. Dort erwartet Andreas Bender, Inhaber des gleichnamigen Weingutes, die Gruppe – und drückt den Teilnehmern zur Begrüßung schon mal das Schneidewerkzeug in die Hand.

Bender sieht so aus, wie man sich einen “Jungen Wilden”, also einen Vertreter der neuen und experimentierfreudigen Winzergeneration vorstellt. Hinter dem gewinnenden Lächeln und der unbändigen Haarpracht verbirgt sich ein großer Fundus an Wissen rund um den Rebensaft. Vor vier Jahren hat der Mann das Weingut neu gegründet. Der Schritt ist mehr als ungewöhnlich, denn im Winzerwesen dominieren traditionsreiche Familienbetriebe, die von Generation zu Generation weitervererbt werden. Bei ihm ist das Gegenteil der Fall: “Meine Eltern haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie von meinem Berufswunsch erfahren haben”, erzählt Bender – obwohl der Weinbau in seiner Familie schon immer als Nebenerwerb eine Rolle gespielt habe. Bereits im zarten Alter von 13 Jahren begann er mit der Herstellung von Wein. Angesichts der irritierten Blicke der Teilnehmer, die ihr verklärtes Bild von der Jugend zerbrechen sehen, stellt er klar: “Durch den Weinkeller meiner Eltern habe ich einfach erkannt, dass Wein Spaß macht – und mir gedacht, so einen Keller willst du auch.”

Unterdessen nähert sich die Gruppe dem Weinberg. Ein Teilnehmer findet, dass Moselwein immer noch einen schlechten Ruf genieße. Bender kennt die Vorurteile – und die entsprechenden Argumente, um sie zu entkräften: “Die Mosel und der poröse Schieferboden speichern sehr gut die Wärme.” Hinzu komme die Steillage der Weinstöcke, wodurch die Sonne sehr gut auf die Reben scheinen könne. Die klimabedingt verzögerte Ernte an der Mosel sei für Weißwein sehr vorteilhaft. “Doch auch die beste Lage funktioniert nicht jedes Jahr”, weiß Bender. Deshalb lautet sein Credo, für “eine große Varianz bei Böden und Lagen” zu sorgen.

Nun geht es ans Schneiden. Von jedem einzelnen Rebstock sollen lediglich die zwei aussichtsreichsten Fruchtruten für die kommende Saison übrigbleiben. Anschließend werden sie krachend und knackend gebogen und am Draht fixiert. Dadurch staut sich der Pflanzensaft gleichmäßig im Ast und ermöglicht den kommenden Trieben eine gleichmäßige Nährstoffzufuhr – andernfalls würde alle Energie nach oben streben. Nicht alle Ruten überleben die Zwangsbehandlung; manch eine verabschiedet sich mit einem lauten Krachen. Die Schuldigen werden schnell gefunden sein, wenn Winzer Bender im Herbst der Ertrag wegbricht. Nach einer guten halben Stunde werden die Finger taub, eisiger Wind peitscht in die Gesichter. Langsam dämmert den Anwesenden, wieso der Andrang zur Akademie in den wärmeren Monaten größer ist. Doch in der anheimelnd warmen Gärungshalle des Weingutes wartet bereits eine Entlohnung auf die Weinhelfer.

“In fünf Jahren sind die Weinberge verschwunden”

Umgeben von blubbernden und glucksenden Bottichen, in denen der 2012er Jahrgang vor sich hin gärt, geht es an die Weinverköstigung. Rund ein Dutzend Weine werden am Ende ausgiebig probiert und geschmacklich in Worte gefasst sein. Bender erzählt, wie einige seiner Kollegen bereits eine CD mit den Gärungsgeräuschen aufgenommen haben. In der Tat übt das Murmeln und Gluckern eine beruhigende Wirkung aus, die traditionelle Walgesänge bald vom Markt drängen könnte.

Apropos Markt: Der Jungwinzer klärt auf, dass der Discounter Aldi den größten Marktanteil beim Weinverkauf besitze. Er rechnet vor, wie viel von den 1,79 Euro, die der Liter Wein dort koste, sich aus der Produktion des begehrten Rebensaftes ergeben. Es ist ziemlich wenig. Resignierend lässt er die Schultern hängen: “Letztendlich kommt es darauf an, was der Konsument will.” Er glaubt, dass viele der Weinberge im Umfeld in fünf Jahren verschwunden sein werden. Dabei geht es um mehr als “nur” die Überlebensfähigkeit der lokalen Winzer. Schließlich tragen diese wesentlich zum Erhalt der charakteristischen Kulturlandschaft bei, die jedes Jahr zahlreiche Touristen in die Region lockt. Einer der Teilnehmer, ein begeisterter Radfahrer, pflichtet ihm bei. Auch Schewe ist von den Qualitäten der hiesigen Landstriche überzeugt: “Wir haben eine tolle Region und Winzer, die was reißen. Viele wissen das leider nicht.”

Doch die Teilnehmer der weinsinnigen Akademie, die den Tag zufrieden bei einem letzten Glas Wein und hausgemachten Flammkuchen in der Vinothek ausklingen lassen, die wissen es spätestens jetzt.

Die “Weinsinnige Akademie” findet an folgenden Terminen statt: Samstag, 1. Juni; Samstag, 13. Juli; Samstag, 7. September. Anmeldung und weitere Infos unter www.weinsinnig.com.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Sebastian Baltes schreibt:

    “Der Geruch entsteht, wenn die strenge Apfelsäure durch Gärung zu Milchsäure wird.”

    Das ist etwas irreführend formuliert, da es hierbei nicht um die alkoholische Gärung, die immer stattfindet, sondern um den biologischen Säureabbau (“malolaktische Gärung”, http://de.wikipedia.org/wiki/Malolaktische_Gärung) handelt. Ansonsten schöner Artikel!

  2. Jörg von Ehr schreibt:

    Hier noch eine kleine Korrektur: Wenn mich meine Kenntnisse der Chemie nicht trügen, muss es “Äpfelsäure” und nicht Apfelsäure heißen. Dies bestätigt auch die Quelle, welche mein Vorredner bereits genannt hat.

  3. Thomas Reuter schreibt:

    Ist es nun auch bei 16vor so weit, daß journalistische Arbeit und Werbung eine unheimliche Allianz eingehen?

    Als Riesling-Fan bin ich für den Hinweis auf das interessante Zusatzangebot der genannten Weingastronomie zwar dankbar, aber die häufige Namensnennung besagter Lokalität und Ihrer Inhaberin ist schon mehr als deutlich und müsste aus meiner Sicht mit dem Hinweis “Anzeige” gekennzeichnet werden.

    Ich hoffe, liebe 16vor’ler, daß in Zukunft die Verquickung journalistischer Inhalte und (absolut nachvollziehbarer) kommerziellen Interessen nicht auch bei Euch einreisst.
    Dass es auch anders will sagen transparent(er) geht, zeigt doch sehr gut die Präsentation Eurer “Partner”, die ich nicht nur akzeptabel sondern auch gelungen finde.

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