Die Geworfenheit des Seins

Würden Sie sich alle vier Wochen ein anderes Bild ins Wohnzimmer hängen? Also ich könnte so was nicht! Könnten Sie das? Die Neue vom Backes Herrmann macht so was! Überhaupt, die Neue vom Backes Herrmann steht total auf – tja, wie soll ich’s sagen, also die ist ganz wild auf… Kunst. Ja, im Ernst, der Herrmann muss dauernd mit ihr zu Kunstausstellungen gehen, darauf besteht sie. Da helfen auch keine Zewener Erdbeeren. Erst die Kunst, dann das Vergnügen. Und so kommt es, dass ich jetzt nächsten Freitag mit den beiden in die Tufa zur „Artothek 23“ soll.

TRIER. Normalerweise käme der Backes Herrmann ja nie auf die Idee, sich in Beziehungsfragen an mich zu wenden, aber in diesem Fall braucht er meine Unterstützung. Ausgerechnet meine! Der Herrmann täuscht sich nämlich gewaltig, wenn er annimmt, ich hätte Ahnung von Kunst. Aber wie war das nochmal mit dem Einäugigen unter den Blinden? Immerhin war ich bei der Enthüllung des Tücher-Würfels in der Thyrsusstraße dabei. Ansonsten bin ich froh, wenn um irgendwelche Objekte eine steuer- oder stiftungsfinanzierte Halle drum herum ist, auf der „Akademie“ oder „Museum“ steht, oder wenigstens „Tufa“. So weiß ich: Das ist Kunst. Und da braucht man dann auch keine Angst vor zu haben. Der Herrmann ist aber trotzdem verzweifelt: „Wenn ich mit ihr einfach nur hingehen müsste, wäre das ja noch okay, aber bestimmt will sie auch drüber reden!“

Na und? Über Kunst reden ist doch leicht. Dazu braucht man nur ein Pokerface, eine gute Portion Dreistigkeit und ein unbekümmertes Vokabular. Der Herrmann hätte es letzte Woche dennoch beinah geschafft, es sich bei seiner Neuen endgültig zu verscherzen, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Er war mit ihr in der Europäischen Kunstakademie und wollte witzig sein, als er gleich im Eingangsbereich bei der ersten Skulptur den Spruch brachte: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Der restliche Abend verlief dann nicht mehr so, wie Herrmann sich erhofft hatte. Und deshalb will er nun, dass ich nächsten Freitag mit in die Tufa komme, als kunstbewanderte Unterstützung, sozusagen.

„Ich wär dir total dankbar, Alter, wenn du mich während dieser – “, er macht ein Gesicht, als ob er ein schmutziges Wort benutzen müsse, „Wer-ni-sahsch nicht allein mit ihr lässt und ein bisschen für kunstkritischen Smalltalk sorgst. Sobald wir mit dem Kunstkram durch sind, hast du frei. Danach komme ich selber zurecht.“ Jetzt bin ich also am nächsten Freitag in der Tufa verabredet – dort wird dann nämlich der neu ausgewählte Artothekbestand vorgestellt.

Ganz ehrlich: Bevor ich nach Trier kam, hatte ich noch nie was von einer Artothek gehört. Jetzt kenne ich mich zum Glück aus, denn inzwischen war ich schon mal da und weiß, wie das funktioniert: Eine Artothek ist so was wie eine Bibliothek oder Videothek, nur mit Bildern statt mit Büchern oder Filmen. Für sechs Euro pro Monat (ab November acht Euro) kann man da ein Bild ausleihen. Oder auch mehrere, wenn man genügend freie Wände zuhause hat. Und wenn man sich nach vier Wochen an den Bildern sattgesehen hat, bringt man sie einfach zurück oder tauscht sie gegen andere aus. Wie ich mich kenne, bräuchte ich bei dem allerersten ausgeliehenen Bild erst mal vier Wochen, um mich dran zu gewöhnen – und dann hätte ich mich so daran gewöhnt, dass ich es nicht wieder hergeben wollte. Ich könnte meine Bilder nicht tauschen, wie manch anderer Liebschaften. Zum Glück kann man die Bilder, die einem zu sehr ans Herz gewachsen sind, der Artothek irgendwann abkaufen und für immer mit ihnen zusammen wohnen.

Den Meier Kurt, der ein praktisch denkender Mensch ist, würde in der Tufa-Artothek vor allem das raffinierte Regalsystem überzeugen. Die Bilder hängen an Metallgittern, die auf einem Rollsystem gelagert sind, so dass man die einzelnen Regale herausziehen und – während man wie ein Experte nachdenklich den Daumen ans Kinn drückt – die Bilder im Raum ansehen kann. Prima gemacht. Aber ist das auch prima für die Künstler? Viel Geld zu verdienen ist damit wohl nicht. Aber von Künstlern erwartet man ja auch nicht, dass sie es für Geld machen.

Mit zwei Künstlerinnen, die schon Bilder in der Artothek ausgestellt oder für nächsten Freitag welche abgegeben haben, konnte ich kurz sprechen. Die waren sich, bei immerhin positiver Grundeinstellung, nicht ganz einig darüber, was die Artothek zum Beispiel für den Bekanntheitsgrad bringt. Aber die Vorstellung, dass die eigenen Bilder durch verschiedene Trierer Wohnzimmer wandern, fanden sie durchaus reizvoll. Eine der beiden meinte, ihre Bilder seien am Ende immerhin gut verkauft worden und vor allem seien einige weitere potenzielle Aussteller auf sie aufmerksam geworden.

Gut finde ich vor allem, dass es in der Artothek überwiegend Werke von Künstlern aus der Region gibt. So kann man sich einen Überblick verschaffen und „votet“ mit sechs Euro pro Monat, welches Bild einem am besten gefällt – oder eben, was farblich am besten ins Wohnzimmer oder Büro passt. Ich hab mich jedenfalls gewundert, wie viele Bilder ich beim Stöbern entdeckte, die ich faszinierend bis grandios fand!

Ich selbst brauche allerdings keine Artothek, ich hab das selbst organisiert. Eine Malerin aus dem Ruwertal hat mir für meine sechs Monate in der Stadtschreiberwohnung einige Bilder ausgeliehen. Bei der hatte ich noch was gut, weil ich der Nichte ihres Schwagers kostenlos unseren alten Röhrenfernseher… aber das führt jetzt zu weit.

In meinem Schreibzimmer hängen jetzt jedenfalls Bilder, auf denen man nichts erkennt, weil‘s abstrakt ist. Aber sie gefallen mir trotzdem sehr – hab sie richtig liebgewonnen, und mir tut’s jetzt schon leid, dass ich sie in absehbarer Zeit wieder zurückgeben muss. „Et“ Hildegard meinte, dass sie farblich wunderbar zur Couchgarnitur passten. Und als Herrmann neulich seine Neue mal mitbrachte, betrachtete diese sich – mit ans Kinn gedrücktem Daumen – meine Bilder lange und nachdenklich, um zum Schluss zu kommen, sie versinnbildlichten wunderbar die Geworfenheit des Seins!

Das war mir noch gar nicht aufgefallen. Dass die Bilder farblich zur Couch passen, meine ich. Aber auch, dass sie mich an die Geworfenheit des Seins gemahnen, kann ich so nicht hundertprozentig bestätigen. Herrmanns Neue fand auch die Stellen, an denen die Bilder im Raum hängen, „besonders sensibel gewählt“. Das hat der Backes Herrmann gar nicht gern gehört, richtig eifersüchtig geguckt hat er da.

Ich verriet den beiden natürlich nicht, dass die Bilder genau an diesen Stellen hängen, um zwei lose aus der Wand hängende Stromkabel zu verdecken. Da fehlen nämlich noch die Steckdosenhalterungen. Ich will dem Herrmann keine Steilvorlage für einen blöden Spruch liefern wie: „Hier hat Kunst noch eine Funktion!“

Nachbemerkung: Wer weiß, vielleicht sind Sie ja selbst nächsten Freitag auf der Artothek-Vernissage und entdecken dort irgendwo mich, Herrmann und seine Neue.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Christoph Werner schreibt:

    Lieber Frank,

    bin eben erst zur Lektüre Deiner Kolumne gekommen, sie lässt den Tag gut beginnen. Das sind ja wieder Sachen drin, wie “unbekümmertes Vokabular”, die einfach gemmen (neues Verb von mir). Und wie Du den naiven Stil durchhältst, grand. Und wie Du das ganze Buhei um die sog. moderne Kunst so einfach-kunstvoll relativierst. Gratuliere. Backes Hermann wächst einem einfach ans Herz, Ährlisch.

  2. Frank Jöricke schreibt:

    Dieser “naive Stil” ist in der Tat “grand”. Wie ein Ethnologe, der eine Eingeborenenkultur untersucht, nähert sich Frank Meyer dem exotischen Trier. Mit den Augen eines Saarländers schaut er auf die ferne Moselstadt. Dabei wird das Unbekannte am Bekannten gemessen – sieh an, bis in die Thyrsusstraße ist der Schwenker vorgedrungen.

    Und eh man sich versieht, wird Trier zu Primstal. Die eigene Stadt kommt einem seltsam fremd vor, so saarländisch. Faszinierend, aber auch irritierend. Weil man plötzlich begreift, wie in Parallelgesellschaften gedacht wird – aha, so kann man Trier also auch wahrnehmen.

  3. Anne Schmidt schreibt:

    Wer ist nur die Neue vom Backes Herrmann!?
    Die versteht was von Panamahüten, von Kunst und nun auch noch das. Die Geworfenheit des Seins.
    Jedenfalls muss sich der Backes Herrmann ganz schön warm anziehen, wenn “Seins” jetzt neben der Kunst auch noch die Philosophie mit in die Beziehung “wirft”.

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