“Ein neues Bewusstsein für Sprache schaffen”

Werner Lieser und Kerstin Schmitz von der Lebenshilfe haben es sich mit dem Netzwerk „Leichte Sprache fu?r Trier“ zur Aufgabe gemacht, möglichst viele Institutionen, Unternehmen und Personen fu?r "Leichte Sprache" zu sensibilisieren und diese in den Alltag zu integrieren. Foto: Gianna NiewelWeil er sich jahrzehntelang als ehrenamtlicher Vorsitzender der Lebenshilfe für die Belange von Menschen mit Behinderung starkgemacht hat, erhielt Werner Lieser Anfang des Jahres das Bundesverdienstkreuz. “Leichte Sprache” in Trier zu etablieren, ist das aktuelle Steckenpferd des 73-Jährigen und der Lebenshilfe. Eine gute Idee, fand auch die “Aktion Mensch”, die das Projekt zehn Monate lang finanziell fördert. Gemeinsam mit Kerstin Schmitz von der Lebenshilfe, die den Antrag gestellt hat und die Umsetzung mitverantwortet, erklärt Lieser, was “Leichte Sprache” ist, wo sie in Trier gebraucht werden könnte und was der Verein mit dem Geld plant.

16vor: Herr Lieser, Sie setzen sich seit Jahren dafür ein, dass Menschen mit Behinderung bestmöglich am Alltag teilhaben können. Wieso tun wir uns immer noch so schwer mit Inklusion?

Werner Lieser: Der Hauptgrund ist mangelnde Erfahrung. Jeder, der einmal Kontakt mit behinderten Menschen hatte, geht danach anders auf sie ein. Sicherlich kommt es auch auf die Art der Behinderung an – ob mein Gegenüber körperlich oder geistig eingeschränkt ist, ob es ein Blinder ist oder jemand mit Lernbeeinträchtigung. Da muss man jeweils andere Barrieren abbauen. Inklusion bedeutet ja nicht nur, neben Treppen auch Rollauffahrten zu bauen. Es heißt auch, dass behinderte Menschen verstehen sollen, was wir sagen.

16vor: Woran scheitert denn das gegenseitige Verstehen?

Lieser: Das fängt schon mit der Ansprache an. Die meisten Menschen sind unsicher und benötigen eine Art Anleitung, um ein Gespräch anzufangen. Oder sie versuchen es gar nicht erst. Dabei sind es manchmal schon Blicke oder Gesten, die helfen.

16vor: Damit Kommunikation zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen in Zukunft besser gelingt, haben Sie sich bei der “Aktion Mensch” um Fördermittel für ein dementsprechendes Projekt beworben. Wieso ausgerechnet Sprache?

Lieser: Eine Person aus dem Wohnheim der Lebenshilfe meinte vor einiger Zeit “Wir sollen mitreden, aber wir verstehen ja nicht einmal unsere Satzung.” Das war eine wichtige und richtige Anmerkung. Daraufhin haben wir mit dem Arbeitskreis Inklusion in Trier das Inklusionsverständnis der Lebenshilfe in “Leichte Sprache” übersetzen lassen.

Kerstin Schmitz: Und als das passiert war, haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wie wir daran anknüpfen können. Die “Aktion Mensch” fördert Inklusionsprojekte. Und ein Bestandteil davon ist eben die so genannte Leichte Sprache.

16vor: Was ist das, “Leichte Sprache”?

Lieser: Das ist der Versuch, komplizierte Sachverhalte so darzustellen, dass Menschen mit Beeinträchtigung sie verstehen. “Leichte Sprache” hilft aber nicht nur behinderten Menschen, sondern auch Männern und Frauen, die nicht gut deutsch sprechen, Menschen mit Lernschwierigkeiten und Älteren.

Schmitz: Oder Menschen, die einen Schlaganfall hatten und nun die Sprache neu lernen müssen.

16vor: Können Sie Beispiele für “Leichte Sprache” nennen?

Schmitz: Man sagt nicht “Heute wird es draußen nicht regnen”, sondern “Heute scheint die Sonne”. “Leichte Sprache”, das sind kurze Hauptsätze und einfache, deutsche Wörter. Es wird immer linksbündig geschrieben, häufig sind Bilder dazu gemalt. Es ist wichtig, Wörter zu wiederholen und lange Wörter mit Bindestrichen zu trennen. “Leichte Sprache” ist nicht schön, sie ist effizient.

Lieser: Ein “Stelldichein”, ein “Date”, das heißt: “Ich treffe mich mit jemandem”.

Schmitz: Oder Workshops. Wieso sagen wir nicht “Arbeitstreffen”? Die Lebenshilfe Bremen hat das Ziel von Fußball auf “Leichter Sprache” erklärt:

Der Ball muss in das Tor.

Das Ziel beim Fußball ist:

Mehr Tore schießen als

die andere Mannschaft.

Die andere Mannschaft nennt man auch:

Gegner.

Wer gewinnt das Spiel?

Die Mannschaft, die mehr Tore schießt.

16vor: Die “Aktion Mensch” unterstützt Sie zehn Monate lang mit einem niedrigen fünfstelligen Betrag. Was machen Sie mit dem Geld?

Schmitz: Derzeit sind wir in der Vorlaufphase, das heißt, wir machen die Trierer mit dem Konzept “Leichte Sprache” vertraut. Dazu bieten wir Ende Mai eine Informationsveranstaltung an, wir haben Flyer gedruckt und eine Homepage erstellt. In zwei Grundlagenseminaren im Juli und im September können Interessierte ein paar Regeln lernen und erste Beispiele übersetzen.

16vor: Haben Sie Pläne über diese Zeit hinaus?

Lieser: Im Anschluss wollen wir – wenn wir für Trier Bedarf sehen – einen neuen Antrag stellen und Starthilfe beantragen. Etwa, um jemanden zum Übersetzer schulen zu lassen oder um im Idealfall ein Büro zu betreiben. Wenn sich das absehbar nicht trägt, kann man aber auch einzelne Projekte fördern lassen. Wir wollen dranbleiben und “Aktion Mensch” unterstützt uns dabei.

16vor: Wo kann “Leichte Sprache” denn im Alltag eine Stütze sein?

Lieser: Bei Juristen, in Hotels. Im Grunde überall.

Schmitz: … beim Arzt, bei der Feuerwehr. Das sind ganz wichtige Stellen, bei denen wir häufig hören, dass es an der Sprache scheitert. Der eine versucht etwas mitzuteilen, der andere ist eingeschüchtert, weil er es nicht versteht. Die Polizei hat regelmäßig Probleme, etwa, wenn Leute eine Anzeige erstatten wollen. Auch der Stadtverwaltung oder den Arbeitsagenturen kann “Leichte Sprache” helfen. Natürlich können wir nicht von heute auf morgen Formulare ändern. Aber wir können schauen, wie eine Lösung aussehen könnte.

16vor: Wie kann man sich denn ohne Übersetzer im Alltag weiterhelfen?

Schmitz: Als Vorstufe zur “Leichten Sprache” gibt es die einfache Sprache. Sie ist stilistisch und inhaltlich nicht so stark heruntergebrochen. Im Gegensatz zur “Leichten Sprache” hat einfache Sprache keine festen Regeln und ist nicht mit einem Symbol zertifiziert. Das Wort “Online” zum Beispiel könnte man auf einfacher Sprache sagen, in “Leichter Sprache” müsste man es erklären oder mit einem Bild ergänzen.

16vor: Ist “Leichte Sprache” in Trier schon in irgendeiner Form umgesetzt?

Schmitz: Es gibt in der Rathauszeitung ab und an eine Rubrik in “Leichter Sprache” und einen Stadtführer.

Lieser: Wir kennen eine Übersetzerin in Kassel. Und die Lebenshilfe Bremen hat ein großes Büro. Aber es als Projekt zu starten, damit sind wir die ersten.

16vor: Was erhoffen Sie sich persönlich von dem Projekt?

Schmitz: Wir wollen sensibilisieren. Dafür, dass es eben nicht selbstverständlich ist, dass mein Gegenüber genau versteht, was ich sage. Sicherlich ist auch das Büro ein Langzeitziel.

Lieser: Es wäre schön, wenn bei den Trierern ein neues Bewusstsein für Sprache entstünde.

16vor ist Mitglied im Netzwerk “Leichte Sprache für Trier”.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Norbert Damm schreibt:

    Sprache ist nicht leicht. Das hat nichts mit der Lebenshilfe zu tun. Auch nicht mit Einwanderern. Als ich 1972 als Studend der Pädagogik als Südpfälzer nach Trier kam, waren erste Worte, das ich lernte: ” Dao Hurenbangert”. Kurz und bündig. “Dao Hejel.” Dao Aoarschficker”. Aus dem Mund von 4-jährigen Kindern aufwärts. An der Uni hörte ich Seminare über elaborierten Code, restringierten Code. Mit Karl Marx würde ich sagen: “Die Sprache ist das praktische Bewußtsein”.
    Oder: Wie die Alten sungen, so zwitschern heut`die Jungen. Ich finde den Ansatz “Leichte Sprache” hoch interessant. Allerdings lese ich nichts über das Thema “Dialekte”. Als Südpfälzer hatte ich damit meine Erfahrung. Babble kann ich noch. Aber wie wollen Sie das Bildungssystem ändern, den elaborierten Code abschaffen? Die Professoren an der Uni, die meinen, wissenschaftlichkeit drückt sich aus in Sprache, die kein Pfälzer mehr versteht?
    Ich bin 61 jahre alt. Ich verstehe Sie gut. Ihr Anliegen. Ein neues Bewußtsein schaffen. Für Sprache.

  2. Andreas Wagner schreibt:

    Bestimmt keine leichte Aufgabe.
    Darum um so mehr Respekt dafür !

  3. Uschi Britz schreibt:

    Ein etwas anderer erweiterter Aspekt ist die „Leichte Sprache“ in der Kulturvermittlung. Fakt ist, dass zu Ausstellungen – sei es auf Landes- oder Kommunaler Ebene – mächtige Kataloge mit Aufsätzen in einer mehr oder weniger „Fach“ – oder „Wissenschaftssprache“ angeboten werden.

    Diese sind auch nicht verzichtbar, wenn man sich tiefer mit der Materie beschäftigen will.

    Aber: Die Preise sind zwar subventioniert, aber für manchen nicht erschwinglich und oft mit einem zu beträchtlichen Gewicht, um sie in der Ausstellung zu benutzen.

    Es fehlt leider durchweg ein Angebot einer Katalogbroschüre, die in „Leichter Sprache“ Teilhabe und Einblicke ermöglicht.

    Denn es ist sicher sinnvoll, schon in der Ausstellung einige Dinge nachlesen zu können oder in Muße dann zuhause.

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