Süß und sexy

“Keine Feier ohne Meyer” lautet zwar nicht das Motto unseres Stadtschreiber, dennoch war Frank Meyer am Wochenende in Partylaune. Am Samstagabend besuchte er – vor allem aus Neugierde – die Erdbeerkirmes in Zewen. Dort erfuhr er, warum überhaupt Triers westlichster Stadtteil ein solches Fest veranstaltet, wie man “Erdbeere” auf Trierisch ausspricht und in welcher Form die neue Erdbeerkönigin Anna I. sie am liebsten isst. In der folgenden, inzwischen 13. Kolumne geht es jedoch zuvor um eine berühmte Szene aus “9 ½ Wochen”. Lechz…

ZEWEN. An der Zewener Erdbeerkönigin ist alles echt, das habe ich persönlich überprüft. Aber dazu später mehr.

Wozu braucht man überhaupt Erdbeeren? Die Antwort wird Sie überraschen: Zur Verführung! Der Backes Herrmann, der im Gegensatz zu mir was von Frauen versteht, behauptet ja steif und fest, von Erdbeergeruch gehe eine betörende Wirkung aus. Für Mann und Frau. Sie fordern einen Beweis? Nun, da wäre zum Beispiel die Kühlschrankszene des Hollywoodklassikers “9 ½ Wochen”. Was, Sie kennen “9 ½ Wochen” nicht? Dann sind Sie ja noch richtig jung!

Der Film kam 1986 ins Kino, und Mickey Rourke kriegt Kim Basinger nicht gleich so richtig rum, wie’s halt so läuft, bis er sie bei sich zuhause vor die offene Kühlschranktür setzt, ihr die Augen verbindet und sie mit allem füttert, was der Kühlschrank hergibt. Als er sie frische Erdbeeren naschen lässt, wird sie endlich schwach und gibt sich ihm hin. Damals wurden viele Männer von ihren Frauen und/oder Freundinnen gefragt – und ich erinnere mich selbst schmerzvoll an eine solche Szene: „Warum machen wir sowas nie bei uns vorm Kühlschrank?“ Und heute würde ich souverän darauf antworten: „Weil wir keine Zewener Erdbeeren dahaben.“

Falls ich nochmals in die Verlegenheit kommen sollte, die Mickey-Rourke-Szene nachzuspielen, mache ich das mit hochwertigem Material. Micky Rourke hatte damals keine Zewener Erdbeeren. Deshalb hat‘s bei ihm und der Basinger ja auch nur “9 ½ Wochen” gehalten. Typischer Fall von an der falschen Stelle gespart. Falls Sie also bei sich zuhause die Kühlschrankszene nachspielen wollen (oder müssen), sollten Sie dafür sorgen, dass

1. die Frau, die lustvoll nach der Erdbeere schnappt, so ähnlich wie Kim Basinger aussieht.

2. der Mann, der die Erdbeere hinhält – und das ist noch wichtiger als Punkt 1, auch bei dämmriger Kühlschrankbeleuchtung wenigstens einigermaßen an Mickey Rourke erinnert (an den jungen Rourke, versteht sich).

3. Sie, wenn Sie als Duo vorm Kühlschrank optisch einigermaßen in Richtung Basinger-Rourke tendieren, unbedingt auf die guten Zewener Erdbeeren wahlweise vom Bauern Greif, Grundhöfer oder Fusenig zurückgreifen. Und verlangen Sie unbedingt die kühlschrankszenentauglichen, dann klappts auch mit der… aber ich schweife ab.

Ich wette, Sie wollen lieber etwas über die Geschichte des Erdbeeranbaus in Zewen erfahren. Na gut, wenn’s sein muss.

Jedesmal, wenn ich nach Wasserbillig tanken fahre, frage ich mich bei der Durchfahrt durch Zewen, wieso ausgerechnet da so viele Erdbeer-Verkaufsstände stehen. Jetzt weiß ich, dass die Erdbeeren aus Zewen selbst kommen! Deshalb schmecken die auch noch richtig nach Erdbeeren. Als in den 20er Jahren die Weltwirtschaftskrise für eine hohe Arbeitslosigkeit auch im Raum Trier sorgte, schauten die Zewener rüber nach Euren, und sahen, dass die mit ihrem Gemüseanbau trotz Krise gut klarkamen. Und die Zewener sagten sich: “Das gleiche machen wir einfach mit Obst und Früchten” – und die Erdbeere wurde dabei der Renner.

Von Zewen aus bis ins Ruhrgebiet

Vor allem nach dem 2. Weltkrieg, in den Fünfzigern, wurden in Zewen tonnenweise Erdbeeren gepflückt und vom Zewener Bahnhof aus bis ins Ruhrgebiet gebracht. Und weil das eine Erfolgsstory ist, muss diese mit einer entsprechenden Kirmes gefeiert werden. Normalerweise werden an einer Kirmes ja Heilige gefeiert, aber wir wollen mal großzügig darüber hinwegsehen, dass es eigentlich keinen St. Erdbeerius gibt. Ich hab auch nichts gegen eine Erdbeererntedank-Kirmes einzuwenden.

Aber wozu braucht man überhaupt eine Erdbeerkönigin? Mit der gleichen Berechtigung könnte man natürlich fragen, wozu braucht man Weinköniginnen? Neulich war ich in Thüringen, und dort wurde gerade die Pfefferminzkönigin von Kölleda gekrönt. Also bitte! Pfefferminzkönigin! Muss die Expertin im Teetrinken sein? In Bayern gibt’s Hopfenköniginnen, im Emsland Apfelköniginnen und im Rheinland, man glaubt es kaum, sogar Kartoffelköniginnen! Dann doch lieber eine Erdbeerkönigin.

Allerdings kenne ich von unserer Kirmes zuhause, die findet immer Mitte September statt, solche Krönungszeremonien nicht. Da braucht man keine Königinnen, Prinzessinnen oder sonstigen Adel, um fröhlich-unmonarchisch draufloszufeiern. Wir Biertrinker sorgen auf unserer Kirmes ganz basisdemokratisch und ohne blaublütige Unterstützung für genügend Umsatz (das gilt zumindest für mich und den Meier Kurt; für „et“ Hildegard würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen, dass sie nicht „Au ja!“ ruft, wenn irgendjemand auf die Idee käme, einen Zwetschgen-Prinz einzuführen). Aber ich schweife wieder ab.

Ein Hauch von Erdbeerduft strömt von ihr aus

Wenn man, wie ich, Anna I. auf der Erdbeer-Kirmes erlebt hat, stellt man keine blöden anti-royalistischen Fragen mehr. Bei der ist, wie gesagt, alles echt und authentisch: Ein echt Zewen-Oberkircher Mädchen, die schon seit ihrer Kindheit ans Erdbeerpflücken gewöhnt ist (sie schafft locker mehrere Kilo pro Stunde!). Anna I. kann auch recht charmant Erdbeeren auf Zewenerisch aussprechen – das klingt dann etwa so: Äärbänn. Vor allem aber hat sie überzeugend auf meine Frage geantwortet „Wie essen Sie Erdbeeren am liebsten?“ Einen Moment hatte ich ja gehofft, dass sie antwortet: „Vorm offenen Kühlschrank, natürlich“. Aber dann wäre ich sicher rot geworden wie eine Tomate, äh, Erdbeere.

Nein, sie meinte, obwohl sie Erdbeereis, Erdbeerkuchen, Erdbeerbowle und Erdbeermarmelade (= Äärbänn-Schmier) durchaus mag, esse sie das rote Früchtchen am liebsten: einfach so! Ohne alles, keine Sahne, keinen Pudding dazu, auch keinen Zucker drauf. Erdbeeren schmeckten so wunderbar, meinte sie, die esse man doch am besten pur! Das zeugt von hervorragendem Geschmack. Anna I. ist als Erdbeerkönigin genau richtig. Und wenn man sich, so wie ich, nahe genug an sie herantraut, kann man feststellen, dass tatsächlich ein Hauch von Erdbeerduft von ihr ausströmt. Mehr sag ich dazu nicht, sonst stichelt der Backes Herrmann am Ende noch herum, ich hätte mich in die Erdbeerkönigin verliebt… soweit käme es noch! Ich und eine Adlige. Nie im Leben!

Hier noch zwei wichtige Zusatzinformationen:

1.) Das Drehbuch zum Film “9 ½ Wochen” wurde 1986, nicht zuletzt wegen der Erdbeerszene, für die Goldene Himbeere nominiert! (Die Goldene Himbeere wird für den schlechtesten Film des Jahres vergeben).

2.) Falls Sie selbst einmal auf die Zewener Erdbeerkirmes geraten sollten – und das wäre nicht das Schlechteste, was Ihnen passieren könnte – hüten Sie sich vor der Erdbeerbowle! Die schmeckt so verdammt weltklassemäßig gut, dass man sich selbst allzuoft sagen hört: „Och, ich glaub ein Gläschen Erdbeerbowle geht noch…“

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1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Christoph Werne schreibt:

    Leider musste ich wegen meines Urlaubs in Wales, und zwar in Nefyn in Nordwales (Kennen Sie die schöne Geschichte von Frank Meyer “Die Deutschen von Nefyn” in dem Erzählband dieses Autors “Raum 101″?) auf zwei Artikel in 16vor verzichten, fühle mich aber nun vollkommen entschädigt durch diesen appetitlichen, duftigen, lustigen Beitrag. Vielen Dank, Herr Stadtschreiber.

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