“Es nützt nichts, nur das Kind zu behandeln”

Keine Diagnose in der Kinder- und Jugendpsychiatrie wird so kontrovers diskutiert wie das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS). Vor allem an der Therapie mit dem Psychopharmakum Methylphenidat scheiden sich die Geister: Für manche der Ärzte und betroffenen Eltern ein wirksames Medikament, für Kritiker der Toröffner zur Ruhigstellung lebhafter Kinder. Die Pädagogik an der Universität Trier veranstaltete unter dem Titel “ADHS – Fakt oder Fiktion” eine Podiumsdiskussion, in der Vertreter beider Positionen zu Wort kamen. Nicht nur der rege Zustrom interessierter Zuhörer zeigte, wie groß der Gesprächsbedarf bei diesem Thema ist.

TRIER. Philipp war schon immer ein unruhiges Kind, ein Wildfang, “ein richtiger Rabauke”, sagt seine Mutter Irene. Sie spricht mit einem Lächeln und traurigen Augen über ihren Sohn. Aus einer Schublade nimmt sie die Briefe, die im Wochentakt von den Lehrern kamen. Ein ganzer Stapel bilanziert, was die Mutter längst geahnt hatte – mit Philipp in der Klasse sei kein Unterricht mehr möglich. Irene hat noch zwei weitere Söhne, sie weiß, dass Kinder lebhaft sind und toben. Philipp sei jedoch schon immer anders gewesen als seine Brüder: “Impulsiv, unaufmerksam, mitunter sogar aggressiv gegenüber anderen Kindern”, beschreibt ihn seine Mutter. Mit der Einschulung habe sich die Situation dann “ins Unerträgliche” verschärft. Er konnte nicht still sitzen, dem Unterricht nicht folgen, geriet mit den Lehrern aneinander, störte seine Mitschüler. Zuhause ging das Drama weiter: Die Hausaufgaben und gemeinsamen Mahlzeiten endeten mit Wutausbrüchen und Tränen – bei Philipp ebenso wie bei seiner Mutter, die sich irgendwann nicht mehr zu helfen wusste. “Nicht nur wir als Eltern litten unter der Situation, sondern auch er selbst: Die anderen Kinder wollten nicht mit ihm befreundet sein, in der Schule versagte er auf der ganzen Linie”, erzählt Irene. Als sie schließlich mit ihm im Wartezimmer eines Kinderpsychiaters saß, hatte die Familie schon einen langen Leidensweg hinter sich.

Keine andere kinder- und jugendpsychiatrische Erkrankung wird so intensiv, kontrovers und medienwirksam diskutiert wie das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS). Je nach Studie sind es 1 bis 15 Prozent, die unter der Störung leiden. Eine eindeutige Diagnostik, ADHS zweifelsfrei festzustellen, gibt es jedoch nicht. Dass ADHS längst eine soziale Tatsache ist, darüber herrschte Einigkeit zwischen den Beteiligten, die von der Trierer Pädagogik zum Podiumsgespräch “ADHS – Fakt oder Fiktion” eingeladen wurden. Geht es um die Behandlung der betroffenen Kinder und Jugendlichen, scheiden sich indes die Wege. Während für Gerd Lehmkuhl, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Kölner Uniklinik, die medikamentöse Behandlung ein legitimes Mittel – wenn auch Ultima Ratio – darstellt, ist Methylphenidat für Kritiker ein rotes Tuch.

Für Dorothée Thaler, leitende Kinderärztin am sozialpädiatrischen Zentrum Trier, birgt eine vorschnelle Diagnose schwere Risiken: Von Sinnesstörungen über Unterforderung bis hin zu pränataler Schädigung durch Alkoholkonsum der Mutter gäbe es viele Differentialdiagnosen, die ähnliche Symptome hervorriefen wie ADHS. “Das ist keine Diagnose, die man per Bluttest stellen kann, sondern eine aufwändige und komplexe Untersuchung”, erklärt sie. Dass die Untersuchung mitunter nicht mit der nötigen Sorgfalt vorgenommen werde, schildert ihre luxemburgische Kollegin Maja Hehlen. Die Psychologin und Heilpädagogin arbeitet als Erziehungsberaterin und ist schockiert über die Leichtfertigkeit, mit der ein Methylphenidat-Rezept mitunter ausgestellt werde: “Manche Familien gehen nach einem 15-minütigen Erstgespräch bei einem Neurologen mit einem Rezept nach Hause”, so Hehlen. Statt betroffene Kinder medikamentös zu behandeln, plädiert sie für eine ganzheitliche Betrachtung des Lebensumfeldes und kommt dabei dem Wunsch der meisten Eltern entgegen: “Ein Großteil wünscht sich eine anderen Behandlung als die Gabe von Ritalin für ihr Kind”, sagt sie.

Auch Philipps Mutter Irene stellte sich anfangs strikt gegen eine Methyplhenidat-Therapie. “Ich sträubte mich bei dem Gedanken, meinem Kind Psychopharmaka zu geben”, erinnert sie sich. Das Medikament, über das sie schon so viel gelesen hatte, trug auch für sie den Beigeschmack, ein unbequemes Kind ruhig zu stellen wollen. Erst als andere Wege keinen Erfolg zeigten und der Leidensdruck ihres Sohnes immer größer wurde, ließ sie sich gemeinsam mit ihm aufklären. “Ich erinnere mich, wie wir im Sprechzimmer des Arztes saßen und er uns erklärte, was Methylphenidat sei und wie es wirke”, sagt sie. Es sei ihr Sohn gewesen, der schließlich gesagt habe: “Wenn es ein Medikament gibt, das mich macht wie die anderen Kinder, dann will ich es nehmen”. Die Mutter sagt: “Es hat mir das Herz zugeschnürt, ihn das sagen zu hören”. Seitdem Philipp Methylphenidat nimmt, hat der Rabauke sich zum Musterschüler entwickelt. “Zum ersten Mal kann er seine Interessen und Talente wirklich einbringen, das ist toll für ihn”, erzählt Irene. Die Lehrer seien begeistert über den Wandel, die anderen Kinder schlössen Philipp nicht mehr aus, seitdem er den Unterricht nicht mehr störe. “Es geht ihm wirklich besser. Aber wenn ich ihn mir so anschaue”, sagt Irene, “dann habe ich ein ganz ungutes Gefühl”.

Für Gerd Lehmkuhl wäre Philipp wohl einer der Fälle, bei denen es richtig war, schlussendlich auch die medikamentöse Therapie zu beschreiten. “Es ist immer eine Abwägung innerhalb eines Ermessenspielraumes”, erklärt er. “Entscheidend ist allein der Leidensdruck des Patienten. Wenn jemand nicht darunter leidet, muss man ADHS nicht behandeln”. Auch die Psychologin Kerstin Sperber, die als schulpsychologische Beraterin arbeitet, hat in ihrem Beruf täglich mit ADHS-diagnostizierten Kinder zu tun. “Es nützt nichts, nur das Kind zu behandeln”, sagt sie, und plädiert für einen systemischen Ansatz, der das Umfeld des Kindes miteinbezieht: “Unser Ziel ist nicht Problemfreiheit, sondern ein konstruktiver Umgang mit der Situation.”

Die Frage nach Fakt oder Fiktion ADHS, sie lässt sich erwartbar nicht an einem Abend klären. Doch die Diskussion verdeutlicht, wie sehr Individuum und Gesellschaft sich in diesem Feld überlagern. Der “langfristige institutionelle Gesprächsrahmen”, den der Pädagoge Sebastian Manhart sich abschließend wünscht, er könnte neben der Pädagogik und der Medizin wohl auch noch viele andere Disziplinen gewinnbringend fassen. “Wird hier nicht versucht”, fragt er, “ein gesellschaftliches Problem mit Hilfe eines Medikaments zu lösen?”

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7 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Rüdiger Rauls schreibt:

    Die Diskussion um ADS, später erweitert auf ADHS, ergeht sich immer mehr in der Auseinandersetzung um den Einsatz von Medikamenten. Das ist folgerichtig, da diese Symptome immer mehr in den Rang einer Krankheit erhoben wurden. Die gesellschaftliche Komponente von ADHS wird überhaupt nicht mehr diskutiert. ADHS als Erscheinung einer Gesellschaft, die nichts mehr scheut als den Konflikt. Nach meiner über 20jährigen Erfahrung im Bereich Nachhilfe ist besonders bei Kindern mit ADHS ein spezielles Lebensumfeld auffällig. Sehr oft kommen Kinder von Alleinerziehenden, Scheidungskinder oder Eltern mit einem hohen Maß an VErunsicherung und Schuldgefühlen als ADHS-Kinder zu uns. Diese Diagnose und auch Auffälligkeit war vor zwanzig Jahren, als ich meine Tätigkeit aufgenommen hatte, so gut wie gar nicht feststellbar. Auch in meiner eigenen Schulzeit, mit Schulklassen von vierzig Schülern, gab es diese ERscheinungen so gut wie gar nicht. Die heute häufig feststellbare Verknüpfung mit Hochbegabung hat ADHS eine gewisse Gesellschaftfähigkeit gegeben.
    Zudem kommt hinzu, dass eine sachliche Diskussion oftmals sehr schwierig ist, weil sie gerade die latenten Schuldgefühle der Eltern trifft. Aber hier liegt auf Grund meiner langjährigen ERfahrung das eigentliche Problem. Was an unseren Kindern offenbar wird, sind die Defizite einer ERziehung, die unter Vermeidung der eigenen Verantwortung Kindern Entscheidungskompetenzen zumutet, denen sie nicht gewachsen sind. Kinder brauchen Eltern

  2. Rüdiger Rauls schreibt:

    die durch ihre eigene Festigkeit, nicht zu verwechseln mit Härte, Sicherheit geben. Wenn Eltern selbst unsicher sind, suchen die Kinder händeringend und um Hilfe schreiend nach einem Rahmen, in dem sie sich sicher fühlen können. Und aus diesem Grunde erleben wir gerade diese Symptome bei den ADHS-Kindern, die Unruhe der Händeringenden und das Laute der Hilfeschreienden. Das ist unbequem, ich weiß, aber wenn es wirklich um die Kinder geht, muss man sich Unbequemem stellen. In unseren Kindern äußert sich unsere Erziehung und in unserer ERziehung äußern sich die Wertmaßstäbe und Erziehungsvorstellungen unserer GEsellschaft.
    Sicherlich werden jetzt empörte Stimmen laut werden. Vermutlich werden auch alle möglichen Beweise und Theorien, natürlich alles wissenschaftlich untermauert, ins Feld geführt werden. Und es werden auch die nicht fehlen, die meiner über 20jährigen ERfahrung in dem Bereich, die eigene, ganz andere entgegenstellen werden. Das alles ist legitim. Die Frage ist nur, beseitigt es die Probleme oder beseitigt es die eigenen Zweifel? Führt der Widerspruch zu mehr Verständnis der Situation dieser Kinder, der eigentlich Betroffenen, um die es in Wirklichkeit gehen müsste? Oder führen alle Entgegnungen nur zur Beruhigung und dazu, dass man ungestört so weiter macht, wie bisher? Wenn es wirklich um die Kinder geht, dann müsste eine sachliche Diskussion im Vorgrund stehen mit dem Interesse an mehr Erkenntnis.

  3. Veronika Verbeek schreibt:

    Ich möchte die Überlegungen von Rüdiger Rauls mit einem Hinweis auf das Buch von “Miriam Stiehler: ADHS- Erziehern statt behandeln” unterstützen.
    Im berufskundlichen Unterricht habe ich die Gelegenheit, angehende Erzieher/innen darauf zu sensibilisieren, die beziehungsorientierten und auch gesellschaftlichen Gründe für ADHS zu überdenken und sie zur Grundlage ihres erzieherischen Handelns zu machen. Filmanalysen zeigen uns, wie durch Strukturlosigkeit und vorallem durch mangelnde Präsenz Erwachsener eine entwicklungsbedingte Schwäche der Selbststeuerung bei manchen Kindern (und die gibt es sicher) verstärkt wird, und sich so die Ressourcen hoher Informationsverarbeitung und Kreativität nicht gewinnbringend entwickeln können. Dieser Prozess dauert in der Regel ja immerhin 10 bis 15 Jahre.
    In diesem Fachunterricht kommt es immer wieder zu Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern, die -heute um die 20 – einen Teil ihrer Kindheit die Diagnose ADHS erhielten und bis heute dadurch gekränkt und auch stigmatisiert sind. Genützt hat ihnen im Rückblick diese Auzeit von Erziehungsbemühungen, die durch die Diagnose zwangsläufig einsetzt, nichts. Und sie erzählen oft von einer Enttäuschung, dass es sich ihre Eltern so einfach gemacht haben.
    Ich will nicht missverstanden werden. Manche Kinder machen das Erziehungsgeschäft für Eltern schwerer als andere Kinder. Diesen Unterschied zu einem Unterschied zwischen Normalität und Pathologie zu machen, empfinde ich mittlerweile als sträflich.

  4. Veronika Verbeek schreibt:

    In der Diskussion um ADHS gänzlich außen vor bleiben in der Regel die ungünstigen Bedingungen institutionalisierter Erziehung.
    Nicht zu unterschätzen ist beispielsweise die nachteilige Wirkung einer fehlenden Konzentrationserziehung in Kindertagesstätten, wenn diese vorrangig die freiwillige Wahl einer Beschäftigung als Motor für das Lernen ansehen. Aktuelle pädagogische Konzepte propagieren “den Raum” zum “ersten Erzieher”, was nichts anderes heißt, als dass Arrangements zum Selbstlernen die Kinder beschäftigen sollen. Missverstanden – und so etwas Kompliziertes wie Lernumgebungen wird leicht missverstanden – führt das zu einem Kind, das keinen Halt in Beziehungen zu Erwachsenen findet und sich in offenen Kindertagesstätten verlieren kann. Das ist nicht für alle Kinder schädlich. Für Kinder, die aufgrund einer geringen Fähigkeit zur Selbststeuerung den “Coach” von außen brauchen, ist solch eine strukturlose “pädagogische” Umgebung Gift. Eine Erzieherin, deren genuiner Auftrag im aktuellen BIldungsansatz die Beobachtung des Kindes werden soll, macht kein reales Beziehungsangebot, sondern allenfalls ein abstraktes. Dass Erzieherinnen zudem eine schlechtere Beziehung zu Jungs als zu Mädchen haben, ist durch Studien belegt.
    Diese Skizze moderener Pädagogik in Kindertagesstätten macht deutlich, dass auch von Seiten der pädagogischen Fachkräfte und ihrer Vordenker/innen in pädagogischen Instituten nicht optimale Bedingungen für Kinder mit innerer und äußerer Unruhe vorliegen.

  5. Bernd Hassenbach schreibt:

    Danke!!!

  6. Dorette Klopp schreibt:

    Nach37 Jahren im Schuldienst (Ausland, Grundschule, Hauptschule und Gesamtschule) kann ich die Aussagen von Herrn Rauls und Frau Verbeek nur bestätigen.

  7. Sigrid Ertl schreibt:

    Bei all den Diskussionen um AD(H)S und Verhaltensauffälligkeiten wird leider eine wichtige Komponente ignoriert – die Ernährung.

    Ein Professor für Soziologie führte in Virginia einen Doppelblindversuch mit 68

    inhaftierten männlichen Jugendlichen durch. Die Gefängniskost wurde in zehn

    Punkten geändert und das Verhalten sieben Monate lang beobachtet. Das

    Resultat: Die Zahl der ständig verhaltensauffälligen Jugendlichen sank um 80

    Prozent! Ganz schwere Verhaltensstörungen wurden um die Hälfte weniger. Das

    Experiment hat den Professor so beeindruckt, daß er die Kost beibehielt.

    Und das ungeachtet aller psychosozialen Faktoren. Das regt zum Nachdenken an.

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