Fließender Übergang

Seit ich in Trier wohne, mache ich dauernd irgendwas zum ersten Mal. Ich glaube, ich hatte noch nie so viele „erste Male“ wie im letzten halben Jahr: Ich habe mir meinen ersten Hut gekauft, habe meine ersten Königinnen kennengelernt (Wein- und Erdbeer-), habe zum ersten Mal einweggegrillt (ich bin nicht auf alles stolz, was ich zum ersten Mal gemacht habe), war zum ersten Mal im Leben beim Heiligen Rock und bei „Brot und Spiele“, hatte meine ersten Geranien… um nur mal einige erste Male zu nennen. Und nun bin ich auch noch mit einem dieser komischen Dinger durch Trier gefahren, von denen ich bis vor kurzem noch nicht einmal den Namen richtig aussprechen konnte. Und Schuld daran war der Meier Kurt.

TRIER. Eigentlich sitzen wir gerade gemütlich beim Kesselstatt, eine Flasche Sommerpalais vor uns aufm Tisch, die Beine bräsig vor uns in den Kies ausgestreckt – so sehen wir den ersten Kastanien beim Vom-Baum-Fallen zu.

„Ist doch gut“, meint der Meier Kurt, „dass du uns schon alles gezeigt hast in Trier, da können wir schön hier sitzen bleiben“, als plötzlich ein paar Aliens vor der Liebfrauenkirche vorbeischweben.

„Hann ihr die Clowns do gesiehn?“, fragt et Hildegard lachend, die gerade mit einer vollen Einkaufstüte aus der Stadt kommt und sich zu uns setzt.
Aber der Kurt hört nicht auf sie, richtet sich ruckartig aus der bequemen Sitzhaltung auf, stößt mir in die Rippen und fragt: „Ei, was sind das denn für Dinger, wo die da drauf rumfahren?“

Da ich wenige Tage zuvor den Backes Herrmann das gleiche gefragt hatte, weiß ich, dass diese elektrobetriebenen Stehroller „Segway“ heißen, was soviel wie „fließender Übergang“ heißt, und dass die Dinger aus Amerika kommen und man durch Gewichtsverlagerung vorwärts und rückwärts fahren und auch bremsen kann und durch leichte Lenkerbewegungen auch sehr wendig ist. Nur: Auf die Idee, selbst damit zu fahren, wäre ich nie gekommen.

Et Hildegard schaut ihren Kurti kritisch an und scheint zu ahnen, was in ihm vorgeht: „Nein, ihr fahrt net mit dene Dinger do! Do sieht man doch bescheuert aus!“
„Ich sehe doch sowieso schon von Haus aus bescheuert aus“, kontert Kurti. „Egal, ob ich so’n Ding unter den Füßen hab oder nicht; das ist also kein Gegenargument. Los“, sagt er zu mir, „wo kann man so’n Ding mieten?“

Zwei Stunden später befinden wir uns mitten in einer Segway-Einführung auf dem Porta Nigra-Vorplatz. Wir haben einfach bei der Tourist-Information nachgefragt und es sind an dem Nachmittag tatsächlich noch zwei Geräte frei. Wir schicken et Hildegard mit der Kreditkarte nochmal für zwei Stunden durch die Geschäfte und buchen für uns die „Segway Treverer Tour“. Das ist die „Halt-uns-bloß-nicht-unnötig-mit-Erklärungen-und Sehenswürdigkeiten-auf“-Tour. Man kann mit den Stehrollern natürlich auch eine geführte Trier-Tour buchen, die, bei der man dann dauernd irgendwo anhält, um sich die Stadt erklären zu lassen. Aber wir wollten ja nicht Trier sehen, wir wollten fahren. Deshalb die große 17-Kilometer-Tour, die bei der man nur im ersten Abschnitt mit der 12 km/h-Drossel durch Trier fährt und dann ab Olewig die Drossel ausschalten darf und bis 20 km/h hochbeschleunigen kann.

Tourbegleiter ist Benjamin, ein E-Technik-Student, der auf alle Fragen zum Segway antworten kann und uns innerhalb weniger Minuten prima in die Bedienung der Fahrgeräte einweist. „Wir“, das sind neben dem Meier Kurt und mir noch eine Gruppe Jungs aus Völklingen, die einen Betriebsausflug machen und schon seit Wochen aufgeregt sind, weil sie Segway fahren dürfen.

Beim Üben wird viel gefrotzelt, und kein Geringerer als der Kurt wird von uns allen einstimmig als derjenige gekürt, der beim Fahren die beste B-Note, also die beste Haltungsnote kriegt. Geschmälert wird der ästhetische Eindruck lediglich durch die komischen Rundhelme, die man aus versicherungsrechtlichen Gründen auch als Nicht-Memme anziehen muss, und die aussehen wie umgedrehte Woks. Als ich den Kurt unter diesem Helm sehe, erinnert er mich unwillkürlich an diesen kleinen Roboter aus Star Wars, und Kurt scheint meine Gedanken lesen zu können:

„Wir sehen aus wie R2-D2 und sein Kumpel C-3PO!“
„Ja, aber wer von uns ist R2-D2?“ Der Kurt grinst – er ist der kleinere und dickere von uns beiden.

Von der Nordallee bis Zurlauben müssen wir uns noch ein bisschen an das Fahrgefühl gewöhnen, aber als wir wenig später den Radweg an der Mosel unsicher machen, wirkt vor allem der Kurt, als ob er mit dem einachsigen Elektroroller an den Füßen geboren worden sei. Benjamin kann per Mikrofon über einen Lautsprecher an der Lenkstange zu uns reden und Richtungskommandos geben, hält sich aber auf langen, freien Strecken damit zurück und lässt stattdessen die Filmmusik von „Fluch der Karibik“ über die kleinen Boxen dröhnen. Ich bin also jetzt Kapitän Jack Sparrow und Kurt ist Kapitän Barbossa und auch die Völklinger Jungs lehnen sich wie die Galionsfiguren gegen ihre Lenkstangen. Als später die Olewiger Weinberge hoch das Funkmikro mal kurz ausfällt, summen wir alle gemeinsam die “Fluch der Karibik”-Musik. Hoffentlich sieht uns da keiner: Ein halbes Dutzend Männer mit umgedrehten Woks aufm Kopf, die mit 20 km/h Richtung Petrisberg schweben und dabei unisono „dummdumm-dududumm-dududummdumm-dududumm“ summen.

Als wir über die Serpentinen Richtung Amphitheater wieder runter in die Stadt fahren, wollen wir allerdings gesehen werden. Unbedingt. Denn während Touristen, die z.B. den Römerexpress für eine Stadtrundfahrt nutzen, von den Trierern mitleidig belächelt werden, drehen sich deren Köpfe in einer Mischung aus Staunen und Bewunderung nach den Segway-Fahrern um. Während wir elektro-geräuschlos über den Domfreihof gleiten, schaue ich kurz zum Kurt rüber: Sein Gesicht strahlt so voller kindlicher Begeisterung und er summt so freudig die Piratenmelodie, dass das beinah schon den umgedrehten Wok auf seinem Schädel vergessen macht.

Das einzig ernüchternde an der Segwayfahrt ist, dass sie nach gut zwei Stunden tatsächlich schon vorbei ist, obwohl es sich nicht mal halb so lange angefühlt hat. Wir schwören uns mit den Völklinger Jungs ewige Freundschaft und tauschen die Mailadressen aus, um uns bei Gelegenheit nochmal in Trier zum Segwayfahren zu treffen.

Et Hilde schimpft mit uns, als sie erfährt, dass der Spaß pro Person 59 Euro kostet. Aber der Meier Kurt, der sonst sehr sparsam ist, macht ihr klar, dass die Tour jeden Cent wert war. Und er droht dem Hilde, in ungewohnter Aufmüpfigkeit, er wolle in Zukunft jede Stunde, die sie mit der Kreditkarte bewaffnet die Trierer Läden plündert, selbst auf dem Segway verbringen.

Also wenn das mal kein gelungenes erstes Mal war. Bin schon gespannt, was ich in Trier noch alles zum ersten Mal machen werde – ein bisschen Zeit bleibt mir ja noch.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Christoph Werner schreibt:

    Nur gut, dass et Hildegard nicht wusste, dass Jimi Heselden, der britsche Eigentümer der Firma Segway, vor kurzem mit seinem Gerät tödlich verunglückt ist. Dann hätten es der Meier Kurt und der Meyer Frank bestimmt schwerer gehabt, sich argumentativ durchzusetzen. Und der Meyer Frank hätte vielleicht nicht diese schöne Kolumne geschrieben, von et Hildegard daran gehindert. Was sagt uns das? Dass Wissen eben doch meistens Macht ist. Gott erhalte uns die Hilde. Und was macht eigentlich der Backes Hermann?

  2. Stephan Jäger schreibt:

    „diese elektrobetriebenen Stehroller „Segway““

    …die zweitpeinlichste Art der menschlichen Fortbewegung, unmittelbar nach Nordic Walking.

  3. Rainer Barczaitis schreibt:

    Lest, Leute, lest! Denn bald kommt die meyerlose, die schreckliche Zeit…

    Wer so schwebend über den Segway zu schreiben vermag, zu Recht schallt dem das jauchzende Rufen der Menge.

    Nur eine Frage hätte ich:
    Was steht auf dem Meyer seinem Segway drauf? Doch nicht etwa … Lenka??

    Und so sei nun geendigt der verderbliche Streit…

    (Wer sich über diesen seltsamen Text wundert, lese Schiller: Der Graf von Habsburg.)

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