Frauenzimmer

Gut geschützt: Im Haus Maria Goretti werden hilfesuchende Frauen aufgenommen. Foto: Christian JörickeWie viele Menschen in Trier obdachlos sind, lässt sich nicht einmal schätzen. Generell gilt: Wohnungslosigkeit betrifft häufiger Männer, für Frauen ist das Leben auf der Straße härter. Das Haus Maria Goretti am Krahnenufer bietet deshalb 14 Frauen und Mädchen Schutz vor Gewalt und ein Bett in der Nacht. Ein weiteres Zimmer wird im September eingeweiht. Im „Haltepunkt“, der zum Haus gehört, können die Frauen den Tag verbringen. Gabi, 60 Jahre alt, wohnungslos, kommt oft hierher. Zum Schlafen zieht es sie aber doch wieder an die Mosel.

TRIER. Sie könnte sich wünschen, dass der Wind den Regen nicht mehr durch die Ritzen in ihr Zeltkonstrukt aus Müllsäcken peitscht. Oder ein Frühstück, und das an einem Tisch essen. Gabi, die eigentlich anders heißt, träumt von einem Porsche Carrera, 400 PS, Sieben-Gang-Schaltgetriebe. Rot. „Brrrrm“, macht sie und tritt auf das Pedal der Nähmaschine, die stellvertretend aufheult.

Am Moselufer, wo sie haust, hat sie Blumen gepflückt. Die Knospen und Blüten stehen mittlerweile in Trinkgläsern im Raum verteilt. Ihre Tasche hat Gabi in die Ecke fallen gelassen, auf dem Berg aus leeren Pfandflaschen darin thront ein Paar abgewetzter Cowboy-Stiefel. Die hat sie am Morgen im Umsonstladen gegen Sportschuhe eingetauscht. Nun sitzt die 60-Jährige im „Haltepunkt“ in der Krahnenstraße, einer Anlaufstelle für Frauen, die wohnungslos sind oder Wohnungslosigkeit befürchten, und näht aus schweren Stoffen Umhängetaschen mit Blumenmuster.

Außer ihr sind an diesem Tag fünf weitere Frauen gekommen, manche besticken Leinenbeutel, andere lackieren Holzstühle. „Der Haltepunkt ist für sie ein Familienersatz“, sagt Beate Zander, eine der Mitarbeiterinnen. Hier können sich die Frauen tagsüber beschäftigen, Stellenanzeigen wälzen, Telefonate führen, Rat erfragen. Hier können sie ihre Postadresse angeben, damit Briefe ankommen. Sie lernen, wie man Salatdressing selbst zubereiten kann und wie man Kleidung vor dem Waschen trennt.

Laut einer aktuellen Studie der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe waren im Jahr 2012 etwa 284.000 Menschen wohnungslos, Tendenz steigend. Hiervon sind rund 32.000 minderjährig. Von den Erwachsenen wiederum sind etwa 189.000 männlich und 63.000 weiblich, das entspricht einem Verhältnis von 3:1.

„Wie viele Frauen und Männer in Trier ohne Obdach leben, lässt sich nicht bestimmen“, sagt Ilona Klein. Sie leitet beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) die Abteilung „Gefährdetenhilfe“. Wenn die Sozialpädagogin aus ihrem Büro schaut, hat sie den Hintereingang vom Haus Maria Goretti fest im Blick. Dort können neun Frauen übernachten und fünf minderjährige Mädchen, acht weitere Frauen, die mit ein paar Euro haushalten und sich selbst versorgen können, sind in Wohngruppen in der Straße untergebracht.

Der Großteil der Frauen, der tagsüber im „Haltepunkt“ und nachts im Haus Maria Goretti klingelt, hat nicht nur keine Papiere und kein Geld. Die meisten sind abhängig von Drogen, Alkohol oder Medikamenten, andere sind psychisch auffällig. Frauen, die aus Gewaltbeziehungen flüchten, werden ins Trierer Frauenhaus weitergeleitet. Alle aber, sagt Klein, erhielten Schutz und Hilfe, zur Not im Krankenhaus.

Im Durchschnitt sind die Frauen hier zwischen 18 und 65 Jahre alt und haben maximal einen geringen Schulabschluss, sie bleiben eine Nacht oder zwei Jahre. „Am wichtigsten sind die Betreuung und das Gefühl von Sicherheit“, sagt Klein. 24 Stunden am Tag sitzt jemand im Büro oder patrouilliert über die Flure, immer ist eine Mitarbeiterin da, die zuhört, wenn Sorgen oder Suchtdruck drohen, übermächtig zu werden.

Wohnungslose Frauen brauchen besonderen Schutz

Derzeit sind fast alle Betten belegt. „Im Zweifelsfall würden wir aber niemanden abweisen“, sagt Klein, denn wohnungslose Frauen brauchen besonderen Schutz. Während Männer furchtloser in Hauseingängen schliefen, seien Frauen zu genant zum Betteln und stets bemüht, adrett auszusehen, sich zu waschen, den Schein zu wahren. „Niemand hilft ihnen, weil niemand ihre Not erkennt.“ Außerdem sei da die körperliche Überlegenheit: Männer könnten Gewalt auf der Straße mit Muskelkraft entgegen, Frauen würden sich aus Angst davor auf dubiose Abmachungen einlassen, Sex für eine Übernachtung, Oralverkehr für ein Mittagessen.

Um das zu verhindern, haben sich Klein und Vertreter der Stadt für ein weiteres, niederschwelliges Angebot im Haus Maria Goretti entschieden: Im September wird ein zusätzliches Zimmer eingeweiht, zwei Betten, Schränke, eine Trennwand. Hier sollen Frauen aufgenommen werden, die sich mit ihren Problemen nicht helfen lassen wollen, die aber doch sicher schlafen sollen.

Gabi hat im Winter im Haus Maria Goretti gewohnt, aber die Verbindlichkeiten waren ihr rasch zu hoch. Sie sagt, sie lasse sich nicht zum Frühstücksdienst einteilen, sie esse, wann sie wolle und Brötchen und Marmelade serviere sie niemandem. Vor allem aber verzichte sie nicht auf Berry, ihren Border-Husky, der sie seit zehn Jahren begleitet und den sie „mein Baby“ ruft. Für Tiere ist derzeit noch kein Platz im Haus. Seit einigen Wochen nächtigt Gabi deshalb an der Mosel, zusammen mit ihrem Freund, Berry und ein paar Bekannten. Einer war kürzlich mehrere Tage verschwunden, wo er war, weiß sie nicht. Was sie weiß: Er ist wieder zurück.

Ein Schluck Kaffee, sie zieht tief an der Zigarette. Papier und Tabak hat Gabi an diesem Tag selbst, aus dem Aschenbecher konnte sie sich einen bereits benutzen Filter klauben. Sie trägt den BH über einem Top, wiederum darüber eine schwarze Steppweste. Schmale Jeans an schmaler Taille. Die Stoffe schlackern. Merklich zugesetzt hat ihr der Hunger der vergangenen Monate, nur im Haltepunkt isst sie regelmäßig. Gabi, gebürtig aus Niedersachsen, ist gelernte Schneiderin, derzeit lebt sie von Arbeitslosengeld und das, sagt sie, reiche ihr aus. Mehrfach beteuert sie, dass sie keine ist von denen, die säuft und klaut und sich für Geld ficken lässt. Und man glaubt ihr.

Glaubt man ihrer Wahrheit weiter, hat das Leben es selten wohl mit ihr gemeint: Vom Vater misshandelt, von der Mutter geschlagen, kein Kontakt zu den drei Söhnen, eine Tochter abgetrieben. Gescheiterte Beziehungen, gekündigte Jobs, ein abgebrochener Selbstmordversuch, Psychiatrie. Kurzum: ein Drama. Die Traumata, sagt Betreuerin Zander, könne Gabi nach Meinung der Ärzte auch mit Hilfe nicht mehr aufarbeiten, ihre Persönlichkeit bleibe nachhaltig gestört.

„Nichtsdestotrotz hat sie sich gut gemacht, seit sie zu uns kommt“, sagt sie. Am Anfang sei Gabi emotional sehr instabil gewesen, überschwänglich jetzt, jäh bodenlos traurig, nie berechenbar. Eine Frau, die selbstbewusst nur wirkte. Sie sei gekommen mit fettigen Haaren, die Zähne ungeputzt, und manchmal sei sie nicht gekommen, obwohl sie sich fürs Basteln oder Handwerken eingetragen habe. Das hat sich geändert. Vor einigen Wochen war ein Sozialarbeiter im „Haltepunkt“ und hat sich lange mit Gabi und Zander unterhalten. „Wir helfen ihr nun dabei, eine Wohnung in der Stadt zu finden.“

Als Gabi auch eine zweite Tasche fertig genäht hat, mit verschließbarer Innentasche, die Nähte versteckt, ist es halb drei. Die Taubenfeder, die sie am Morgen gefunden hat, steckt in ihrem Haar. Sie könnte neidisch sein auf die anderen Frauen, die später im Haus Maria Goretti ein Abendessen bekommen, die vielleicht vor dem Fernseher eindösen, ehe sie schlaftrunken in ihr Zimmer schlurfen. Oder sie könnte einfach auch dort übernachten. Aber Gabi, in der rechten Hand die Tasche mit den Pfandflaschen, in der linken Hand Berrys Leine, wirft nur einen Blick auf die Stickvorlagen im Ordner und kündigt sich für den nächsten Tag an. „Passt auf euch auf“, sagt sie und die Tür fällt hinter ihr ins Schloss.

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