Ging da was mit Lenchen Demuth?

Machen wir uns doch nichts vor: Auch der Marxens Karl war nur ein Philosoph. Mit ganz normalen Schwächen und Bedürfnissen. Auch wenn man den ganzen Tag an Manifesten rumschreibt oder am Kapital arbeitet, muss man deshalb noch lange nicht unempfänglich sein für weibliche Reize. Aber: Musste es denn unbedingt eine Saarländerin sein?! Moment, ganz ruhig bleiben! Und sachlich! Noch mal zurück zur Pilgerreise nach London ans Grab von Karl Marx. Dort liegt ja nicht nur der Marx begraben, sondern auch seine Frau Jenny, seine Tochter Eleanor, der Enkel Harry… und ebenfalls mitbestattet wurde dort das Dienstmädchen der Marxens: Helena Demuth, genannt „Lenchen“, aus St. Wendel. Nein, es hat gar keinen Zweck, jetzt hektisch im “Manifest” rumzublättern, um dort einen Hinweis zu finden, ob schlecht bezahlte Lohnabhängige später mit ins Familiengrab gehören. Hinter dieser Lenchen-Demuth-Sache muss was anderes stecken.

TRIER/ST. WENDEL. Ich hätte wissen müssen, dass es eine Schnapsidee ist, den Backes Herrmann und et Hildegard gleichzeitig mit in die „Ikone Marx“-Ausstellung zu nehmen. Auch der Meier Kurt war dabei, was für diese Kolumne aber nicht weiter erwähnenswert ist, außer vielleicht, dass er nach einer Stunde geduldigen Ikonen-Guckens mir dann doch einen vorwurfsvollen „Wann gehen wir denn endlich zum Kesselstatt“-Blick zuwarf. Et Hilde jedenfalls war nicht nur begeistert von der Ausstellung sondern auch durchaus angetan von der kompetenten Führung vom Herrmann, dessen Interpretationen und Bewertungen der allermeisten Exponate sie durchaus teilte. Bis, tja, bis wir vor einem Bild von M. Prechtl standen, das den Titel trägt „Karl Marx bei der Arbeit am Kapital“. Dieses Bild zeigt unseren Kalle, wie er das Geld zählt, dass der Engels Fritze ihm zusteckt. Und unterm Tisch sitzen Lenin und Stalin und prügeln sich mit einem Hammer und einer Sichel. Das fand et Hildegard ja noch witzig, und es wäre wohl ein harmonischer Nachmittag geworden, wenn der Herrmann nicht noch auf die fünfte Person auf dem Bild hingewiesen hätte, einem offensichtlich hochschwangerem Dienstmädchen, das den Kommunisten alkoholische Getränke bringt. Und vielleicht wäre es immer noch ein harmloser Tag geworden, wenn der Herrmann nicht plakativ hinzugefügt hätte: „Das ist das Lenchen aus St. Wendel, mit dem ist der Marx fremdgegangen.“

Da gab’s aber vielleicht was zu hören. Man muss dazu wissen, dass der Kurt, der sich gleich hinter eine Marx-Büste von Golubkina duckte, angeblich mal ganz kurz was mit einer Rothaarigen aus St. Wendel gehabt haben soll. Bevor er mit dem Hildegard zusammenkam, versteht sich. Aber et Hilde vergisst nicht. Und vor allem, da muss ich mal eine Lanze fürs Hildegard brechen, brauchst du der nicht mit fadenscheinigen Gerüchten zu kommen.

„Nä, uff kääne Fall! Nie im Leben“, (et Hildegard echauffierte sich dermaßen, dass sie vor Aufregung zwischendurch immer wieder ins Hochdeutsche verfiel), „nie im Läwe hat en ordentliches saarlännisches Dienstmädchen ebbes mit so einem langhoorische Kommunischd angefang. Onn überhaupt: Der soll en Fraueheld gewesen sein? Mit dem schdrubbische Bart do? Nie im Leben! Kann man das überhaupt beweisen?“

Der Herrmann kapierte nicht gleich, wie ernst et Hildegard diese Sache nahm und meinte, das gehe doch nun schon seit Jahrhunderten so: Saarländisches Mädchen kommt nach Trier, um jobmäßig voranzukommen, und trifft dort attraktiven Trierer („fällt uff so ähner rein!“, warf et Hildegard ein) und schon sei „es passiert“, er selbst spreche da aus eigener Erfahrung. Und auch wenn es wohl zuträfe, so der Herrmann, dass der Kalle nach heutigen ästhetischen Maßstäben der Gesichts- und Körperbehaarung sicher kein Dienstpersonal mehr hinterm Wischmopp hervorlocken könnte, sei doch allgemein bekannt, dass der Marxens Karl seinerzeit bei den Frauen durchaus eine gewisse Wirkung erzielen konnte („Was? Der zottelische Gartezwersch“ – et Hilde wieder).

Der Herrmann, das muss ich bewundernd zugeben, ließ nicht locker, und wies darauf hin, dass letztes Jahr sogar Lenchens Heimatstadt ihr ein Denkmal gesetzt habe, das sie hochschwanger und ein Foto von Marx in der Hand haltend darstellt, auf welches sie ganz verträumt blickt (wenn ihr das nächste Mal in St. Wendel seid: kurz hinter der Wendelinus-Basilika links abbiegen, wo’s zur alten Stadtmauer geht, da könnt ihr euch die Bronzestatue von Lenchen Demuth ansehen). Also sogar die St. Wendeler selbst gehen inzwischen davon aus, dass es sich bei dem kleinen Freddy Demuth, den das Lenchen 1851 gebar, um eine trierisch-saarländische Koproduktion handelte, wie es sie ja bis heute zu tausenden gibt, wenn auch unter weniger skandalösen Umständen. Übrigens: Lenchen Demuth war nicht die einzige saarländische Dienstmagd der Marxens. Auch ihre Halbschwester Marianne Creuz arbeitete 22 Jahre im Marxschen Haushalt, starb aber kinderlos und schon redet heute kein Mensch mehr von ihr.

Marx jedenfalls hat die Vaterschaft nie anerkannt, und angeblich sind Dokumente, die brauchbare Indizien dafür hätten liefern können, zur Zeit Stalins in der Sowjetunion „verschwunden“.

Was wohl nicht stimmt, ist, dass Friedrich Engels die Vaterschaft anerkannte. Obwohl der Fritze den Kalle ja ansonsten dauernd raushauen musste, wenn der wieder Mist gebaut hatte. Sonderbar sei dann aber wiederum, sinnierte der Herrmann weiter, dass das Lenchen – nach fast 50 Jahren in Diensten der Familie Marx – gleich nach Karls Tod zum Engels „rübermachte“, um dem Fritze den Haushalt zu führen. Und dort hat sie dann beim Aufräumen angeblich Karls Manuskripte zum zweiten Band des “Kapitals” gefunden (und wahrscheinlich den Fritze gefragt: „Ist das Philosophie oder kann das weg?“) und so das weitere Weltgeschehen entscheidend mitgeprägt.

„Könnte mir diesen Vortrag vielleicht in die Weinstub verlege?“, schaltete der Meier Kurt sich an dieser Stelle ein, und kurz darauf bewies sich im Kesselstatt mal wieder, dass sich so ein Kaseler Nieschen bereits kurz nach der Einnahme durchaus wogenglättend auswirkt.

Sogar et Hilde, die bis heute keineswegs ihren Frieden mit Marx geschlossen hat – und das bezieht sich weniger aufs Politisch-Philosophische als aufs Menschliche – muss zugeben, dass der Karl sein ganzes Leben lang ordentlich mit „seinem Schenny“ zusammengeblieben ist. Kein Kunststück, wird der Marxkenner sagen, denn Jenny von Westphalen hatte ja auch die Kohle, und immer wenn Karl sich gerade mal kein Geld bei seinem Kumpel Fritze Engels pumpen konnte, starb glücklicherweise irgendein Verwandter von Jenny, und Marxens erbten wieder was.

So, nun wären wir also endgültig beim Zahnarztpraxenwartezimmerzeitschriften-Niveau angelangt und das war, ganz ehrlich, nicht meine Absicht. Außerdem ist es ungerecht, Marx zu unterstellen, er habe damals die „Trierer Ballkönigin“ Jenny, die er schon seit seiner frühen Jugend kannte, nur wegen des Geldes und des höheren sozialen Standes geheiratet. Was wissen wir schon darüber, welche Säfte und Kräfte in dem noch bartlosen Marxens Karl wirkten, als er „et Schennie“ zum ersten Mal überredete, mit ihm an der Mosel spazieren zu gehen und sie dabei mit sanftem Druck auf einen Bootssteg zog.

Spätestens als wir vom Kaseler auf den Graacher umstiegen, erwiesen sich der Herrmann und et Hildegard insoweit als konsensfähig, dass sie sich auf einen positiven Aspekt einigen konnten: Diese ganze trierisch-saarländische Truppe, inklusive der saarländischen Dienstmädchen, hat immerhin jahrzehntelang zusammengehalten, egal ob da zwischen dem Marxens Karl und Demuths Lenchen „was ging“.

Ich stimme dem Hildegard allerdings nicht zu, wenn sie meint, et Lenchen wäre besser in Sankt Wendel geblieben, anstatt „in der Weltgeschicht rumzureise“ und den Marxens von Trier über Brüssel, Köln und Paris nach London zu folgen, wo sie heute in „fremder Erde“ begraben liege. Das mit der fremden Erde mag ja stimmen – aber wenigstens ist sie dort Einliegerin einer Art trierisch-saarländischen Grabstätten-WG.

Nachtrag: Auch wenn nie endgültig geklärt werden kann, ob zwischen Marx und Lenchen was ging, so ist doch immerhin verbürgt, dass die beiden gelegentlich Schach miteinander spielten und Lenchen dabei regelmäßig gewann!

Anm. d. Red.: Frank Meyer liest heute um 19 Uhr im Kesselstatt.

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1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Norbert Damm schreibt:

    Ach hätten Sie nur “Jaricomic/ Marx Karl Das Kapital, ISBN 3-87975-185-4″ gelesen, vielleicht würde der Druck im Kopf oder sonstwo etwas nachlassen.

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