Heiligenschänkenpilgern e.V.

Heiliger Bimbam: Mit Spitituaosen zu mehr Spiritualität? Foto: Herrmann BackesWas bin ich froh, dass man sich in Trier in Gaststätten betrinken kann, die nach Heiligen benannt sind! So kann man eine Kneipentour machen, ohne vom rechten Weg abzukommen. Der Backes Herrmann meinte neulich, ganz nebenbei: „Wenn man von Kürenz über die Maximinstraße zum Maarviertel spaziert, ist das fast wie eine verkürzte Version des Jakobsweges – rein herbergsmäßig betrachtet.“ Wir also ab in die Arnoldistraße zum Ausgangspunkt des Heiligenschänkentestpilgerns. Ein weiterer Teil aus der Reihe “Der Vereinsmeyer”.

Mal ehrlich, „Bonifatiusschänke“ klingt doch, als ob sich dort ausgemergelte Pilger über die Schwelle schleppen und um ein Glas Wasser bitten. Aber so freudlos geht es hier zum Glück nicht zu. Im Gegenteil: Statt gregorianischer Gesänge wummern aus der Musikbox Klänge, die an Zeiten erinnern, als die Haare noch hinten lang und vorne kurz waren. Obwohl es Bier vom Fass gibt, trinkt man in der „Bonifatiusschänke“ überwiegend Stubbis. An der Zapfqualität liegt das nicht, steht doch mit Iris Bidinger eine Könnerin hinter der Theke, die zuvor schon ihre ausgezeichneten Servicefähigkeiten in der „Agritius-Schänke“ (ebenfalls ein Heiliger) unter Beweis stellte. Als wir die erste Station gut erfrischt verlassen, fällt der Herrmann beinah wie eine Donaueiche über die zwei Stufen vor der malerischen Ecktür.

Nun folgt die landschaftlich wenig reizvolle Wegstrecke zur nächsten Herberge, die in der Maximinstraße auf uns wartet. Die Füße müde vom Asphalt, die Zunge am trockenen Gaumen klebend, betreten wir die „Petrusschänke“… und erleben dort die „Saloon-Situation“. Was, Sie kennen die „Saloon-Situation“ nicht? Dann durften Sie als Kind wohl nicht am Samstagabend, schon bettfertig im Frottee-Schlafanzug, den Nach-dem-Wort-zum-Sonntag-Schwarzweiß-Western gucken? Wir coolen Kids durften das, also ist uns die klassische Saloon-Szene wohlvertraut: Fremder betritt Saloon durch Doppelschwingtür, Klaviergeklimper verstummt, Pokerrunde hält mitten im Spiel inne, Gespräche brechen abrupt ab, Köpfe wenden sich nach dem Fremden, Bardamen blicken mit sehnsüchtigem Hoffentlich-ist-das-ein-echter-Held-Seufzen in Richtung Schwingtür. Und heimlich bewegen sich Hände in Richtung Colt.

Genau so fühlt sich der Moment an, wenn man die „Petrusschänke“ betritt. Nur dass es keine Schwingtür und kein Klavier gibt; und die Musikanlage weiß nicht, dass sie einen Moment innehalten sollte. Und niemand hat einen Colt dabei (hoffe ich). Aber sonst…

Wie beim Samstagabendwestern dauert dieser Moment nur zwei Sekunden, die dem Einkehrenden wie Stunden vorkommen. Zum Glück sieht die Frau hinterm Tresen uns gleich an, was wir brauchen: Ein kurzes Kopfnicken in Richtung Zapfhahn genügt, und Pils fließt in schräg gehaltene Gläser. Erst dann leben murmelnd Gespräche wieder auf, und wenn schließlich doch jemand fragt, wo man herkomme, antwortet man eben „Nordsaarland“ statt „aus Wyoming“!

Bonifatius und Petrus sind mit uns

Nachdem auch die Einkehr in der „Petrusschänke“, wo alle felsenfest am Tresen stehen, länger gedauert hat, folgt der wirklich gefährliche Teil der Wallfahrt: Das Überqueren der Paulinstraße! Nüchtern mag das kein Problem sein, aber der Herrmann und ich haben schon einiges hinter uns, als wir versuchen, den Zebrastreifen zu treffen, der uns zur Maarstraße führt. Doch Bonifatius und Petrus sind mit uns. So nähern wir uns dem Ziel unserer mehrstündigen Wallfahrt, der Martinskirche, wo Herrmann eine Kerze anzünden will, in der Hoffnung, er möge bald die richtige Frau fürs Leben oder wenigstens für diesen Sommer finden. Vorher aber passieren wir den gefährlichen Engpass, zwischen „Aom Ecken“ und der „Martinsklause“. Klause ist eine verschärfte Form der Schänke, also kehren wir erst einmal im „Aom Ecken“ ein, denn auch die Wirtin Rosi ist eine Heilige: die Schutzpatronin der Gastlichkeit. In Rom hat das allerdings noch niemand gemerkt, und bescheiden wie Sankt Rosi ist, heißt ihre Kneipe deshalb auch „Aom Ecken“ statt „Im Himmel“. Zum Glück lässt sich von Rosi aus die letzte Etappe der Heiligenschänkentour auch mit verminderter Trittfestigkeit meistern: einfach die Straße überqueren!

Wer die „Martinsklause“ betritt, ist Kummer gewohnt, denn sie ist Zufluchtsort für diejenigen, die von einem Spiel im Moselstadion kommen. Und in der „Martinsklause“ findet man immer Trost. Zum Beispiel im unvergleichlichen Brombeerschnaps, den wir auf Ritas Empfehlung trinken. Da die „Martinsklause“ eine Raucherkneipe ist, bietet uns Rita einen Aschenbecher an, der die Ausmaße einer Weihwasserschale hat. Wir lehnen dankend ab, rauchen passiv mit und probieren lieber aktiv weitere Spirituosen.

Einige der hier Eingekehrten tragen ihre Namen auf Fußballtrikots („Siggi“, „Wolli“). Das macht es leicht, ins Gespräch zu kommen und sich angekommen zu fühlen. Nachdem wir von Brombeer- auf Quittenschnaps umgestiegen sind, versucht der Herrmann mich für die Idee zu begeistern, selbst einen Verein zu gründen, nämlich den Heiligenschänken-Pilgerverein für die Wallfahrtsstrecke Kürenz-Maarviertel e.V.

Obwohl er mir anbietet, 2. Vorsitzender oder Kassenwart zu werden, zweifle ich an der angeblichen Genialität dieser Idee. Sind Kneipen mit Heiligennamen wirklich so was Besonderes? Zugegeben: Als ich kürzlich in Dresden war, hab ich dort hab keine einzige Heiligenschänke entdeckt. Die waren in der DDR sicher verboten – es war also nicht alles gut im Sozialismus! Aber selbst in Saarbrücken oder Koblenz weisen die Gaststättennamen keine so hohe Heiligendichte auf wie in Trier. Wenn das kein echtes Alleinstellungsmerkmal ist! Der Herrmann überlegt inzwischen schon, wie man die Heiligenschänkentour erweitern könnte. Er schlägt eine mögliche Trink-Schleife über den „Augustiner“ vor und bringt sogar das „Zum BimBam“ ins Spiel.

Der Herrmann glaubt fest daran, dass sich Heiligenschänkenpilgern zu einer Freizeitbeschäftigung mit hohem Erlebniswert mausern könnte. Falls also jemand weitere Heiligenschänken kennt oder sinnvolle Umbenennungen vorschlagen möchte: einfach beim Backes Herrmann melden!

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4 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Ulf Bertram schreibt:

    Dat lo find eisch moal en Quant geschilderten Bericht!!!

  2. Helmut Steimer schreibt:

    Donar-Eiche?
    Würde die Pilgerreise noch weiter als bis zur Donar-Eiche machen

  3. Petra Pansen schreibt:

    Nikolaus Stübchen in Trier Süd soll toll sein! Teste das mal ;)

  4. C.N. Nagel schreibt:

    gibt es in einer der Kaschemmen auch was trinkbareres außer “Bitte kein Bit”?

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