“Ich gehe noch nicht in Rente”

Helge Schneider möchte nach der Tour eine Auszeit nehmen. An diesem Freitag ist er noch in der Trierer Arena zu sehen. Foto: Christian JörickeHelge Schneider und Band kommen an diesem Freitag um 20 Uhr als “Pretty Joe und die Dorfschönheiten” in die Arena. Da es erst der zweite Auftritt der Tour ist, werden sich die Besucher wohl auf einen experimentierfreudigen Abend freuen können. Nachdem es vor Schneiders vergangenem Konzert in Trier vor zwei Jahren nicht zu einem Interview gekommen ist, stand Deutschlands vielseitigster Komiker 16vor nun Rede und Antwort. Dafür reiste Redaktionsleiter Christian Jöricke in Schneiders Heimat Mühlheim an der Ruhr (“die vergessene Stadt”, Schneider) und sprach mit dem 58-Jährigen nach der Generalprobe.

16vor: “Pretty Joe und die Dorfschönheiten” soll Ihre letzte Tour sein, warum?

Helge Schneider: Ich bin seit Jahrzehnten auf Tour und muss jetzt mal ein Ende formulieren. Ich habe das Gefühl, dass wir mit dieser Geschichte einen Abschluss finden müssen. Das heißt aber nicht, dass ich in Rente gehe. Mein Traum ist es, bis zum Schluss auf der Bühne zu stehen. Nach der Tour werde ich bloß zwei, drei Jahre Pause machen. Das dient dazu, der Routine vorzubeugen. Ich freue mich auf die Zeit, in der ich keine Verpflichtungen mehr habe. Ich möchte wieder mehr experimentieren, vielleicht mal wieder ein Hörspiel machen… Ich freue mich darauf, nicht zu wissen, wie es weitergeht. In der letzten Zeit habe ich sehr gerne im Garten gearbeitet.

16vor: Malen ist ja auch ein Steckenpferd von Ihnen. Wäre ein Ausstellung etwas für Sie?

Schneider: Ich mache das für mich. Wenn ein Musiker oder ein Schauspieler anfängt zu malen und dann auch noch Ausstellungen gibt – das ist nicht mein Ding.

16vor: Ihre neue Band umfasst sieben Musiker. Warum haben Sie ihre Kapelle vergrößert?

Schneider: Ich habe mir eine größere Band geleistet, damit ich wieder mehr tanzen und andere Sachen tun kann. Zudem haben wir mehr Möglichkeiten, Musik zu machen. Unsere Bandbreite reicht von Dixieland bis Wagner – dem Pizzahersteller.

16vor: Wieso nennen Sie sich “Pretty Joe”?

Schneider: Der Name basiert auf einem Missverständnis. In einem Telefonat erwähnte ich einmal Quincy Jones und der Gesprächspartner hatte “Pretty Joe” verstanden. Eine Jury wird am Ende der Tournee den Schönsten von uns küren.

Generalprobe in Mühlheim. Die Musiker packen bereits ihre Instrumente ein. Foto: Christian Jöricke16vor: Bei Auftritten kleiden und geben Sie sich bewusst hässlich. Geht es ihnen dabei nur darum, lustig zu sein?

Schneider: Es geht mir nicht um Hässlichkeit, sondern um Interessantheit. Es ist nicht unbedingt interessant, wenn jemand einfach nur schön ist. Interessant ist etwas, wo man etwas ablesen kann. Wenn zum Beispiel jemand ein Leben gelebt und ganz viele Falten hat, ist das interessant – und wieder schön.

16vor: Wie wichtig ist für Sie persönlich Aussehen?

Schneider: Naja, auf der Bühne arbeiten viele mit ihrem Aussehen. Beispielsweise Tina Turner mit ihrer Frisur – das muss alles stimmen. Bei James Brown war es auch so. Der hatte immer eine eigene Trockenhaube dabei.

16vor: Sie tragen jetzt gerade einen einfachen Kapuzenpulli.

Schneider: Den habe ich angezogen, weil es draußen so kalt ist. Ich mache im Moment ein bisschen im Garten rum, dann ist das praktisch.

Auf der Bühne ist es gut, wenn man den Leuten etwas bietet. Man muss etwas anhaben, was das Gebotene noch unterstreicht. Das heißt nicht, dass ich im Ballettkostüm auf die Bühne komme. Ich habe zwar so Overalls… (denkt nach) die werde ich vielleicht nochmal anziehen.

Ich muss universal sein. Das gilt für die gesamte Band. Gleichzeitig finde ich es für meine Arbeit ausreichend, wenn wir einfach nur einen schwarzen Hintergrund haben. Andere Komiker treten vor riesigen LED-Wänden mit ihrem Namen auf – das lehne ich ab. Das ist nicht komisch. Bei mir werden ein paar Sachen betont, aber ich ziehe zum Beispiel keinen weißen Anzug an. Unser Schlagzeuger hingegen hat einen weißen Anzug.

16vor: Weil er der älteste ist…

Schneider: … und der Outsider. Er kommt aus dem Hunsrück.

16vor: Haben Sie Spaß am Tour-Leben? Jahrelang reisten sie mit einem eigenen Wohnmobil.

Schneider: Das mache ich nicht mehr. Jetzt fahre ich entweder mit dem Auto oder fliege. Ich habe eine Zeitlang im Wohnmobil gelebt. Als die Kinder klein waren, ging das auch. Das war schön, aber um schnell irgendwo hinzukommen, fliege ich lieber.

16vor: Es lag also nicht an einer Aversion gegen Hotelzimmer?

Schneider: Es gab eine Zeit, in der hatte ich keine Lust, in Hotelzimmern zu schlafen. Ich konnte nicht einschlafen.

Helge Schneider spielt auf der Bühne unter anderem Saxophon, Vibraphon, Marimbaphon, Akkordeon, Gitarre, Geige, Hawaiigitarre, Blockflöte, Schlagzeug, Trompete, Hammond-Orgel, Cello und Kontrabass. Nur auf einem Instrument klappt es noch nicht so, wie er sich das wünscht. Foto: Christian Jöricke16vor: Sie haben in diesem Jahr eine neue Platte und einen neuen Film gemacht, jetzt geht es auf Tour – können Sie auch mal abschalten und nicht arbeiten?

Schneider: Ich kann eigentlich ganz gut abschalten, brauche dazu aber auch eine bestimmte Umgebung. Ich könnte nicht abschalten, wenn ich ständig in einem Raum mit Bühne wäre. Es ist gut, wenn es Bereiche gibt, wo man nicht immer angesprochen wird. Wenn ich in Berlin bin, höre ich an jeder Straßenecke meinen Namen. Das geht mir manchmal auf den Sack, meinen eigenen Namen hinter vorgehaltener Hand zu hören. In Spanien beispielsweise kennt mich keiner, da kann ich gut abschalten.

16vor: Sie lernen schnell, neue Instrumente zu spielen und beherrschen inzwischen locker ein Dutzend verschiedene. Gibt es eines, dessen Erlernen Ihnen schwerfällt?

Schneider: Ja, Konzertina. Fürchterlich. Das ist so eine Art Ziehharmonika. Würde ich gern können. Mein Vorbild Grock, der große Clown, konnte Konzertina spielen.

16vor: Wissen Sie schon, wie Sie Silvester verbringen?

Schneider: Vielleicht werde ich fernsehgucken. Letztes Jahr war ich in Spanien, wo es kein Geböller auf der Straße gibt. Da bin ich schon um elf ins Bett gegangen.

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5 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Friedhelm Busche schreibt:

    Schade, dass das Interview nicht nicht den üblichen 16vor Standard erreicht. Bisschen frechere Fragen hätte ich mir gewünscht.

  2. Karl Meyer schreibt:

    @1: Welche zum Beispiel?

  3. B. Endres schreibt:

    Beim Städtenamen in die “h”-Falle getappt und somit den gesamten Text entwertet.

  4. Karl Meyer schreibt:

    Ich persönlich finde das Interview gut gelungen. Mülheim würde es dem Rest der Welt einfacher machen, wenn sie ihre Stadt einfach mit H schreiben würden. Das wäre mal was für die nächsten Wahlplakate der PARTEI :-)

    Wer sehen will, wie schlechte, nichtssagende Interviews aussehen, sollte sich das hier ansehen:
    http://lareviewofbooks.org/essay/yep-hmm-right-on-the-wes-anderson-collection

    Helge Schneider beweist einmal mehr, dass er ein unprätentiöser Mensch ist. Was erwartet man mehr? Und ich sage das gar nicht, weil ich ein besonders großer Fan von ihm wäre. Ich mag ihn, aber ich ginge nie auf eins seiner Konzerte.

  5. Friedhelm Busche schreibt:

    @2 Wenn ich das wüsste würde ich bei einer Zeitung arbeiten.

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