“Hier bin ich, dort sind die Anderen”

Dass Katja K. heute in Trier Psychologie studiert, ist eine Tatsache entgegen jeder Wahrscheinlichkeit. Denn ob ein Kind in Deutschland den Sprung an eine Universität schafft, bestimmen nicht nur Intelligenz, Einsatz und Talent, sondern in erheblichem Maße auch der Geldbeutel der Eltern. In keinem anderen europäischen Land ist der Aufstieg für Kinder aus einkommensschwachen und bildungsfernen Haushalten so unwahrscheinlich wie in Deutschland. Vor vier Jahren wurde Arbeiterkind.de gegründet, um betroffenen Jugendlichen Rückhalt und Unterstützung zu bieten. Seit einem Jahr gibt es auch in Trier einen Ableger der Initiative. Katja ist sich sicher: “Hätte ich damals eine solche Anlaufstelle gehabt, mir wären viele Schwierigkeiten erspart geblieben.”

TRIER. “Bildung geht alle an. Sie ist in unserem rohstoffarmen Land der Schlüssel für den persönlichen Aufstieg, für soziale Gerechtigkeit und ein Leben in Wohlstand.” Dass die vollmundigen Worte, mit denen die Bundesregierung ihre Bildungsrepublik ausgerufen hat, längst nicht für alle gelten, belegen in verlässlicher Regelmäßigkeit Studien zum Bildungserfolg in Deutschland: Kinder von Ärzen, Anwälten und Juristen haben eine dreifach höhere Wahrscheinlichkeit auf ein Studium als Kinder aus den sogenannten bildungsfernen Schichten. Jene Arbeiterkinder, die sich dieser Gesetzmäßigkeit nicht beugen wollen, müssen auf ihrem Weg nach oben viele Hürden nehmen; nicht nur finanzielle Probleme gehören dazu, sondern auch Selbstzweifel, Verunsicherung und fehlende Unterstützung.

Katja war eines der Kinder, die qua Geburt nicht prädestiniert sind, akademische Würden zu erlangen. Als älteste von sechs Geschwistern wuchs die 25-Jährige in Konstanz am Bodensee auf. Die Mutter: Bäckereifachverkäuferin. Der Vater: Gießermeister. Nach der Hauptschule findet die 15-Jährige zunächst keine Ausbildungsstelle, “zu einem großen Teil wohl auch, weil ich schon damals weiter zur Schule gehen wollte, um anschließend zu studieren”. Bis sie sich an der Münchener Universität für ein Studium der Bioprozesstechnik einschreiben konnte, musste Katja viele Hürden nehmen – nicht alle davon ausschließlich finanzieller Natur: “Als ich auf das Gymnasium gewechselt bin, war das für meinen Vater sehr schwer zu verkraften”, erzählt sie. “Von vielen Seiten habe ich damals Sprüche gehört, nach dem Motto: Die Studentin ist jetzt was Besseres. Ich habe mich manchmal regelrecht als Klassenverräterin gefühlt.”

Zu diesem Zeitpunkt rutschen ihre Eltern in Hartz IV. “Das Geld hat einfach überall gefehlt, von Schulbüchern bis Busfahrkarten, von Klassenfahrten ganz zu schweigen.” Schnell merkt sie in Gesprächen, dass auch subtilere Grenzen verlaufen: “Außer mir gab es in dieser Schule nur ein weiteres Kind aus einem Arbeiterhaushalt”, erzählt Katja. “Die anderen hatten Ärzte, Anwälte und gehobene Angestellte als Eltern.” Damals stellt sich ein Gefühl ein, dass Katja noch lange auf ihrem Weg begleiten sollte: “Hier bin ich, dort sind die Anderen – und dazwischen verläuft eine unsichtbare und unüberwindliche Grenze. Da habe ich mich zum ersten Mal als Arbeiterkind gefühlt.” Nicht nur gegen die eigenen Zweifel, sondern auch gegen die der Umwelt musste Katja sich behaupten.

Es geht nicht darum, dass jeder Schüler studieren soll

“In der Zeit, in der meine Eltern Hartz IV bezogen haben, mussten auch wir Kinder im Arbeitsamt vorsprechen und uns ‘beraten’ lassen – wahrscheinlich hatten die Berater Angst, dass wir nach der Schule auch gleich in die soziale Sicherung gleiten”, sagt sie mit einem bitteren Lächeln. “Als der Sachbearbeiter gehört hat, dass ich auf ein Gymnasium gehe, hat er mir nahegelegt, dass eine Ausbildung doch sicher besser für mich wäre. Das Ganze geschah in Gegenwart meines Vaters und war natürlich alles andere als angenehm für mich.” Bis in ihr Studium hinein ist diese Verunsicherung prägend. “In Massenvorlesungen mit Hunderten von Studenten habe ich mich über drei Semester nicht in die vorderen Reihen getraut: Weil ich Angst hatte, der Professor könnte ausgerechnet mich etwas fragen, das ich nicht beantworten kann.”

Katja erzählt diese Geschichte am Stammtisch der Trierer Gruppe von Arbeiterkind.de, der einmal im Monat stattfindet. Sie erntet Lachen, aber auch wissendes Nicken: Einige der hier Versammelten haben selbst ähnliche Erfahrungen gemacht, alle sind auf ihre Weise engagiert, diese Bildungschancen von Kindern aus bildungsfernen Haushalten zu verbessern. “Das Finanzielle ist dabei nie das größte Problem, das kriegt man irgendwie organisiert”, sagt Verena Hoppe, “viel tragischer ist, wenn man Bildung nicht als selbstverständlichen Wert kennengelernt hat, wenn man verunsichert ist und sich das Studium nicht zutraut”. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin ist eine von drei Initiatoren, die die Trierer Ortsgruppe gegründet haben. “Die Unsicherheit, das Gefühl, nicht dazu zu gehören, setzt sich dann bei vielen auch während ihres Studiums fort”, erklärt sie. “Das sind ganz profane Dinge, dass man zum Beispiel nicht weiß, wie man seinen Professor anreden soll, was man im Rahmen einer Sprechstunde eigentlich fragen darf und wofür die Abkürzungen c.t. und s.t. stehen.”

Arbeiterkind.de ist eine Initiative, die Kinder nicht-akademischer Herkunft ermutigen will, als erste in ihrer Familie ein Studium aufzunehmen. “Es geht nicht darum, dass jeder Schüler studieren soll”, erklärt Verena Hoppe, “es geht um Chancengleichheit bei der Wahl”. Ein Zustand, von dem die Bildungsrepublik seit Jahrzehnten fast unverändert weit entfernt ist: Von hundert Akademikerkindern nehmen 71 ein Hochschulstudium auf; ihnen gegenüber stehen lediglich 24 von 100 Kindern aus nicht-akademischen Haushalten, die den Weg an die Uni finden. In keinem anderen OECD-Land wird der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft bestimmt wie in Deutschland. Arbeiterkind.de will mit niedrigschwelligen Angeboten Abhilfe schaffen, um zumindest punktuell den systemischen Benachteiligten entgegenzuwirken. Der monatliche Stammtisch steht allen Interessierten und Betroffenen offen, außerdem werden unter Mailadresse trier@arbeiterkind.de unbürokratisch Fragen beantwortet. “Hier erreichen uns am häufigsten praktische Fragen zur Studienfinanzierung”, erklärt Verena Hoppe.

Aber auch spezielle Anfragen werden an die ehrenamtlichen Ratgeber gerichtet: “Wir hatten den Fall einer Schülerin, die unbedingt in das Internat Schloss Salem wollte und wissen musste, was der beste Weg sei. Bei so etwas sind wir dann natürlich auch erstmal überfragt”, räumt sie ein. Über das bundesweite Netzwerk von Arbeiterkind.de habe sich dann aber ein Absolvent des Elite-Internats gefunden, der sich mit der Schülerin getroffen und sie beraten habe. Die Netzwerkbildung, das gegenseitige Helfen, die Tipps, Ratschläge und Kontakte – die Instrumente, mit denen die standesbewussten Burschenschaften und Verbindungen sich die Pfründe sichern, werden so auch für jene nutzbar gemacht, denen der Weg nach oben sonst sehr wahrscheinlich versperrt wäre. “Ein solches Netzwerk funktioniert natürlich umso besser, je mehr Leute mitmachen”, erklärt Oliver Wolf, selbst Arbeiterkind, Doktorand der Rechtswissenschaften und Mit-Initiator der Trierer Ortsgruppe.

Nach drei Semestern hat Katja ihr Studienfach gewechselt und sich für Psychologie eingeschrieben. “Das Fach, dass ich schon seit meiner Kindheit immer studieren wollte. Ich hätte mich aber nie getraut, das auszusprechen. Erst duch die Erfahrungen in meinem ersten Studiengang habe ich begriffen, dass ich das durchaus schaffen kann.” Kürzlich hat sie im Internet gesehen, dass es mittlerweile auch eine Arbeiterkind-Ortsgruppe in ihrer Heimatstadt gibt. Sie ist überzeugt: “Hätte ich damals diese Anlaufstelle gehabt, mir wären viele Schwierigkeiten erspart geblieben”. Der Vater empfindet mittlerweile Stolz für seine Tochter mit dem unwahrscheinlichen Werdegang. “Am liebste wäre es ihm jetzt, ich würde anschließend noch promovieren”, sagt Katja. “Wenn schon, denn schon.”

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18 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Gudrun Schwarz schreibt:

    Welch ein tendenziöser Artikel. Was sind das denn für angebliche “Statistiken”, die hier immer wieder ohne Querverweise angeführt werden? Behaupten lässt sich sicher viel, Tatsache ist jedoch, dass die Chancen für alle Kinder gleich welcher Herkunft in den letzten 100 und mehr Jahren in Deutschland noch nie so gut wie heute waren, sind.

    Es lassen sich sicher 1000 und weitere Beispiele mehr anführen, dass “Arbeiterkinder” (schon die Wortwahl ist ein Graus) auf ganz normalem Weg Abitur und Studium absolviert haben ohne die “ganz großen” Probleme, sondern nur mit solchen, die alle Kinder haben, egal wo sie herkommen.

    Was hatten wir in den 70zigern und 80ziger Jahren Schwierigkeiten in Schule und Uni, dagegen ist das heute doch Jammern auf höchstem Niveau. An den Minderwertigkeitskomplexen einzelner trägt nicht das Bildungssystem Schuld, sondern Elternhaus und Umfeld.

    Hier werden von den Schreiberin zwei unterschiedliche Sachverhalte in unzulässiger Art und Weise miteinandern vermischt, die nichts miteinander zu tun haben. Das ist rein tendenziös und leicht durchschaubar.

    Sie werden ihrem Ruf als pseudolinkes Klassenkampfportal wieder mal gerecht. Denn nicht anderes als unsinniger Klassenkampf ist das hier. Und wenn Sie schon Statistiken anführen, dann belegen Sie sie bitte auch, damit man weiß, aus welcher Ecke sie kommen.

  2. Thomas Lenz schreibt:

    Vielen Dank für diesen sehr guten, informativen Artikel! Und die Leserbriefschreiberin Frau Schwarz sei auf http://www.google.de verwiesen – dort lassen sich schnell und einfach zahlreiche Statistiken und Studien zum Thema recherchieren…

  3. Michael Merten schreibt:

    Sicher ist es ein plakativer Name: “Arbeiterkind”. Aber die Arbeit dieser Plattform/ Initiative ist alles andere als plakativ, sie ist sinnvoll und notwendig. Denn das Grundproblem ist da und lässt sich nicht schönreden, auch nicht mit Sprüchen nach dem Motto “was hatten wir es früher schwer, heute ist doch alles Jammern auf hohem Niveau”. In den 70er, 80er Jahren gab es ANDERE Probleme und Schwierigkeiten als heute, aber dafür nicht unbedingt mehr.

    Es gibt unzählige Statistiken, die belegen, dass soziale Herkunft und Bildungschancen voneinander abhängen. Kinder, die in bildungsschwachen Haushalten aufwachsen, haben deutlich geringere Chancen, einmal eine akademische Laufbahn einzuschlagen, als etwa Kinder von Akademikern. Das ist ebenso ein gesellschaftliches wie ein schulpolitisches Problem, ein Systemfehler, den man nicht nur, aber auch durch bildungspolitische Maßnahmen angehen muss.

    Als ehemaliger Realschüler kann ich mich gut daran erinnern, wie uns beim Übergang in die 11. Stufe manch ein Gymnasiast belächelt hat. Die dummen Realschüler; genauso haben bei uns viele über die “dummen Hauptschüler” gelästert. Die Durchlässigkeit des Bildungssystems hat sich in den vergangenen Jahrzehnten Gott sei Dank erhöht. Aber es sind eben noch längst nicht alle Hausaufgaben in diesem Bereich gemacht worden. Daher vielen Dank an Kathrin Schug für diesen lesenswerten Artikel, der rein gar nichts mit Klassenkampf zu tun hat.

  4. Heiko Fischer schreibt:

    @ Frau Schwarz:

    Aus meiner Sicht feuern Sie Nebelkerzen.
    Schauen Sie einmal in der folgenden Studie der OECD
    auf Seite 111 nach:
    http://www.oecd.org/edu/EAG%202012_e-book_EN_200912.pdf

    Wenn Sie schon nach Quellen fragen: Bitte untermauern
    Sie erstmal Ihre Thesen mit einer Statistik!

    https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/BildungForschungKultur/Bildungsstand/Tabellen/AllgemeinbildenderAbschluss.html
    Gerade bezüglich des Gymnasiums gibt es immer noch massiven Nachholbedarf.

    Aus meiner Sicht müssen Eltern allgemein dazu motiviert werden etwas
    zu risikieren und die Kinder auf das Gymnasium zu schicken. Damit dies dann
    für die Kinder zu einem Erfolg wird muss ein Umdenken (auch bei den Lehrern bzw. Schulleitungen) stattfinden:

    Hierbei liegt das Hauptproblem darin, dass die Gymnasien “schlechte” (eher unbequeme) Schüler einfach an die Realschulen abschieben können. Die Motivation genau diese Schüler zu halten ist relativ gering. Solange die Gymnasien nicht an diesen Kennzahlen (Schulwechselquote zur Realschule/Hauptschule) gemessen werden, wird hier kein Umdenken stattfinden.

  5. Peter Hoffmann schreibt:

    Liebe Frau Schwarz,

    was Sie sagen stimmt schlichtweg nicht.
    Auch ich kann Ihnen keine Querverweise nennen, aber ich kann mich nicht erinnern jemals von einer Statistik gelesen zu haben, die die Gleichheit der Bildungschancen pries, vom Gegenteil hört man jedoch sehr oft.
    Es ist übrigens sinnlos Ihre Studiensituation in den 70ern und 80ern mit der heutigen zu vergleichen. Wenn Sie heute mal an eine Uni gehen und mit “Arbeiterkindern” über die Mischung aus Bildungsferne, Hartz IV und Aufstiegschancen sprechen, die hier einige Lebensläufe prägt, dann werden Sie die Schimpferei über das “pseudolinke Klassenkampfportal” ganz schnell aufgeben.
    Kommen Sie bitte in der Realität an.

  6. M.Grunwald schreibt:

    Vielen Dank für diesen Artikel – viele Dinge kann ich nur unterschreiben. Wenn man aus einem akademischen Haushalt kommt, dann ist es um Längen leichter in Wunschfächer oder Wunschunis hereinzukommen – da sorgt schon die elterliche Erfahrung für. Alle anderen rudern erstmal sehr heftig, bis sie sich einigermaßen gefunden haben. Auch ich habe gerudert.
    Die Situation wird heute, 20 Jahre später, noch gravierender sein in einem Umfeld von Hartz-IV und gesellschaftlicher Spaltung. Und Frau Schwarz, von welchen Schwierigkeiten sprechen Sie denn? Dann sollten Sie diese auch konkret benennen können.

  7. Julia Bleyer schreibt:

    Vielen Dank an die zahlreichen Kommentare, die Frau Schwarz in die Realität holen. Als angehende Lehrerin und mit Erfahrungen als Vertretungslehrerin und als Leiterin von Jugendgruppen, kann ich aus meinem Umfeld viele Lebensläufe aufzählen, die dem des im Artikel geschilderten ähnlich sind.

    Ich selbst habe Mitte der 90er bis 2004 eine Integrierte Gesamtschule besucht und dort mein Abitur gemacht. Zwar hatten wir eine eigene Oberstufe, diese war jedoch mit der eines Gymnasiums verbunden, sodass ich und meine Mitschüler viele Kurse am Gymnasium hatten. Dort wurden wir teils offen von Lehrer benachteiligt und von Schülern des Gymnasiums wurde uns vorgeworfen, Platz wegzunehmen. Diese Erfahrungen zogen sich bis in die Tanzschule, die ich besuchte und in der ich und zwei Freundinnen die einzigen Gesamtschülern unter den Gymnasiasten waren. Einige der Tanzschülern verkehrten nicht mehr mit uns als sie erfuhren, von welcher Schule wir kommen.

    Diese prägende Zeit löste bei mir den Trotz aus gerade deshalb studieren zu wollen!!

    Heute, am Ende meines Studiums angekommen, bin ich der Ansicht, dass es eine große Durchlässigkeit in unserem Schulsystem gibt und zwar nach unten. Die Statistiken des Bildungsministeriums zeigen, dass es weit mehr Schulabsteiger als Aufsteiger gibt.

    Die Ungerechtigkeiten im Bildungssystem sind aber nicht damit gelöst. Nicht mehr Schüler auf dem Gymnasium lösen diese, sondern es müssen neue Konzepte außerhalb des dreigliedrigen Schulsystems gefunden werden.

  8. Peter Schüßler schreibt:

    Wahrscheinlich hat es ein “Akademikerkind” tatsächlich leichter. Das liegt aber wohl nicht daran, dass alle bemüht sind, es dem “Arbeiterkind” schwer zu machen. Vielmehr wird die Förderung durch die Eltern nicht so ganz optimal sein. Das durch gesellschaftliche Initiativen zu kompensieren ist schwierig, ein ziemlich verlogenes Bildungssystem (“Realschule plus”) das immer noch fast ausschliesslich auf messbare Leistung abzielt, ist dazu nicht in der Lage. Eingriffe in die Familien sind auch nicht unproblematisch. Wie weit dürfen die gehen? Darf man den Fernsehkonsum von Kindern regeln? Das Lesen anordnen? Einen Elternführerschein einführen, der Eltern in die Lage versetzt, ihren Kindern die Welt zu erklären? Das alles wäre nötig, um Kindern aus “bildungsfernen” Schichten die gleichen Chancen zu eröffnen. Auf jeden Fall ist das ein ziemlich dickes Brett, das da gebohrt werden muss.

    Was sicher nicht wirklich hilft, ist die Gründung von Vereinen, in denen man sich gegeseitig bedauern kann und protokollarische Fragen und der Unterschied zwischen c.t. und s.t. die wesentlichen Beratungsinhalte sind. Da könnte man ja den Prof oder einen Leidensgenossen fragen. Wer das mangels Selbstbewußtsein nicht auf die Reihe kriegt, hat ganz andere Probleme. Aber schön, dass wir zur Lösung jedweden Problems immer auf Institutionen zurückgreifen können. Selbstwirksamkeit ist anders.

  9. Werner Rüffer schreibt:

    Fehlende Studien? Da wären beispielsweise die alle drei Jahre neu aufgelegten PISA-Studien der OECD, zuletzt also 2012. Wiederholter Tenor: Nach wie vor ist gerade in Deutschland die Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg riesengroß. Oder die 14. Shell-Jugendstudie (in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld und Infratest), die zu einem vergleichbaren Ergebnis kam, nämlich: In Deutschland hängt der berufliche und gesell-schaftliche Erfolg wie in keinem anderen Land sehr stark von der sozialen Herkunft ab.
    Schon sehr viel länger machen die DSW-Sozialerhebungen auf die soziale Benachteiligung von Menschen mit niedriger sozialer Herkunft aufmerksam. Hier findet sich z.B. in der 19. Ausgabe dieser Studien diese Aussage: „ In den ermittelten Beteiligungsquoten schlägt sich die mehrfache Selektivität auf dem Weg zu einem Hochschulstudium nieder.“
    Und schließlich hat erst vor wenigen Monaten die Deutsche Universitätszeitung einen Arti-kel so betitelt „Akademikerkind bevorzugt“. In dem Kurzbericht heißt es unter Verweis auf eine neuere Studie des Mannheimer Zentrums für europäische Sozialforschung;
    „ Die Studierendenquote in Deutschland wird immer noch stark von der sozialen Herkunft der Jugendlichen geprägt“. Last not least, die seit 1982 jährlich fortgeschriebene und z.B. durch das BMBF veröffentlichte Grafik “ Studieren in Deutschland nach sozialer Herkunft“ bestätigt alles Vorgenannte.

  10. Peter Schüßler schreibt:

    @Werner Rüffer

    Ja und? Das sind einfach nur Feststellungen. Wenn nicht gleichzeitig gesagt wird, wie das geändert werden soll, ist das wieder nur Jammern auf hohem Niveau. Und es wird unterschwellig nahe gelegt, dass die Akademiker irgendwie unmoralisch handeln, wenn sie ihren Kindern zu Hause Bildung vermitteln. Es gibt eigentlich nur drei Möglichkeiten: entweder die “bildungsfernen” Familien werden in die Lage versetzt, ihre Kinder angemessen zu fördern, oder diese Kinder kommen möglichst schnell nach der Geburt in staatliche Einrichtungen, die das dann leisten sollen oder die Akademiker und vergleichbare gewöhnen sich ab, ihre Kinder bestmöglich zu fördern. Dass das alles Unsinn ist, ist mir durchaus bewußt. Aber vielleicht fällt den Vielen klugen Foristen hier eine allumfssende Lösung ein, um all diese Probleme zu lösen. Das wäre allemal besser, als über einen sattsam bekannten Istzustand zu jammern, der mir auch nicht gefällt. Aber wenn der Wille zur Veränderung fehlt, muss ich es so nehmen, wie es ist.

  11. Frank Jöricke schreibt:

    Ich kann den folgenden Artikel nur empfehlen:

    http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/armut-ich-war-unterschicht-1380573.html

  12. Marcus Haberkorn schreibt:

    @Gudrun Schwarz:

    Das pseudolinke Klassenkampfblatt Die Zeit übte sich jüngst ebenfalls in tendenziöser Berichtserstattung zum Thema:

    http://www.zeit.de/2013/05/Arbeiterkind-Schulsystem-Aufstieg/komplettansicht

  13. Helene Maurer schreibt:

    So sympathisch ich die Initiative “Arbeiterkind” einerseits finde, und so wichtig es ist, für dieses Thema mediale Aufmerksamkeit zu gewinnen, so offenbart doch der Artikel andererseits m.E. eher unfreiwillig die Probleme von “Arbeiterkindern” an Universitäten, als dass er angemessene oder sogar politisch engagierte Lösungsangebote bereit stellen würde. Selbst Angehörige einer sog. ersten Bildungsgeneration ärgern mich inkonsistente Argumente von studierten “Arbeiterkindern” im Zusammenhang mit wesentlichen Schwierigkeiten sozialer Mobilität: wieso ist einerseits “das Finanzielle dabei nie das größte Problem, das kriegt man irgendwie organisiert”, andererseits “erreichen uns am häufigsten praktische Fragen zur Studienfinanzierung”? Peter Schüßler ist zuzustimmen: wer im akademischen Diskurs bei Fragen von Anrede und Uhrzeit stehen bleibt, hat das Problem nicht erkannt. Arbeiterkinder vereinigt Euch, aber nicht im selbstgefälligen Mitleid, sondern in der analytisch fundierten Debatte. Das sollte man im Studium gelernt haben.

  14. Werner Rüffer schreibt:

    So what, wissenschaftliche Studien sind i.d.R. deskriptiv bzw. analytisch, also keine politische Programme. Wie es d mit den weiteren sozialen Selektionswirkungen nach (!) absolviertem Hochschulstudium aussieht, beschrieb u.a. Michael Hartmann in der DFG-geförderten Studie (2002) Der Mythos von den Leistungseliten. „Soziale Auslese wirkt nicht nur vermittels der ungleichen Bildungsbeteiligung der verschiedenen Klassen und Schichten der Gesellschaft, sondern ganz direkt. “ Ein fundierter Aufsatz mit ähnlichem Fokus „ Elitenselektion durch Bildung oder durch Herkunft? “ lässt sich in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (September 2001, Bd 53) finden. „ Die soziale Herkunft stellt einen wesentlichen eigenständigen Faktor der sozialen Auslese dar.“
    Dies alles hatte in seiner subtilen Wirkungskomplexität der französische Soziologe Bourdieu bereits seit Mitte der 1960iger umfänglich und differenziert beschrieben. „ Weil sich die Studenten durch ein ganzes System milieubedingter Einstellungen und Vorkenntnisse unter-scheiden, sind sie im Hinblick auf die Aneignung von Bildung nur formal gleichgestellt“. Was in der Geschlechterforschung seit Jahrzehnten unstreitig ist, nämlich die selektive Wir-kung mittelbarer Diskriminierung, und auf diesem Feld längst zu gezielten Progarammen und Investitionen geführte hat, wird im sozialen Bezug dagegen immer noch gerne herablassend als Gejammer (s.o. ) diskreditiert. Eben drum: viel Erfolg, arbeiterkind.de

  15. Helene Maurer schreibt:

    @Werner Rüffer: geht doch! Aber warum tauchen diese Dinge nicht in dem Artikel auf? Warum wird das “Arbeiterkind” aus “kinderreicher Familie” als Opfer bemitleidet (und stigmatisiert) anstatt das soziale Kapital dieser Herkunft insbesondere für soziale Berufe stark zu machen? Und nur zur Klarstellung, falls sich “s.o.” auf meinen Kommentar bezog: ich habe nicht die Probematik sozialer Mobilität diskreditiert, aber das Niveau der Debatte. Der diffizile und Selbstreflektion erfordernde Umgang mit “feinen Unterschieden” ist nicht gelöst, indem man Pipapo wie “c.t.” erklärt. Einfach nur “Gejammer” auf analytisch zweifelhafter Ebene hilft niemandem!

  16. rüdiger Rauls schreibt:

    Inwiefern sind die sogenannten bildungsfernen Schichten bildungsfern? Weil nur die akademische Bildung als Bildung anerkannt ist. Die Bildung des KfZ-Schlossers zählt nicht, denn sie ist ja keine “höhere” Bildung. Aber im Gegensatz zur akademischen schafft sie es, dass die Autos der Bildungsnahen fahren. Woran wird die Höhe der Bildung denn gemessen? Dass man sich ausdrückt wie Frau Maurer? Das beeindruckt. Es muss deshalb aber nicht aussagekräftiger sein als die Worte des KfZ-Mannes, nur weil sie weniger Menschen verstehen. Ist das der Sinn von Bildung, dass sie nicht verstanden wird?
    Und hier liegt eines der Probleme der “Bildungsfernen”. Vieles von der “höheren” Bildung ist unverständlich. Das meiste, was ich in meiner Gymnasialzeit besonders in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern gelernt habe, hat sich im wirklichen Leben nachher als vollkommener Unsinn herausgestellt.
    In meiner Schulzeit und auch sicherlich heute noch ist die “höhere” Bildung geprägt von den “Bildungsnahen”. Akademiker, die meistens von Akademikern abstammen und sich in der Regel in ihrem Lebenslauf nirgendwo anders bewegt haben als in den akademischen Reservaten Schule, Uni, Schule geben weiter, was sie in den Reservaten gelernt haben.
    Das ist aber eine vollkommen andere Welt als die der “Bildungsfernen”. Insofern ist für die “Bildungsfernen” diese Bildung schwer verdaulich, weil sich deren Bildung in einem ganz anderen Milieu mit anderer Weltwahrnehmung und andern Grundsätzen gebildet hat.

  17. Stephan Jäger schreibt:

    @Rüdiger Rauls

    „Woran wird die Höhe der Bildung denn gemessen?“

    Vielleicht ja beispielsweise an

    – der Fähigkeit, sich zumindest in der Muttersprache korrekt (nicht geschraubt!) auszudrücken?
    – einem Minimum an Allgemeinbildung?
    – einem Minimum an Gesundheits-/Körperbewußtsein?
    – dem Sozialverhalten?
    – einem gewissen Interesse am politischen und gesellschaftlichen Geschehen?

    Ach ja, meine Ausbildung zm Autogesundmacher habe ich 1983 mit Gesellenbrief abgeschlossen, bin also selbst bildungsfern.

  18. Na-Young Shin schreibt:

    Das Label „Arbeiterkind“ ist schwierig: Entweder stigmatisiert man sich als hilfsbedürftiges Objekt oder man muss ständig betonen, dass man ein ganz besonderes Arbeiterkind ist – „selfmade Bildungsadel“ mit Selbstbewusstsein, Kampfgeist, Ehrgeiz. Und jeder, der an der Diskussion teilhat, fühlt sich in Verlegenheit, Bekenntnis abzulegen, ob er selbst ein Arbeiterkind ist oder nicht.

    Eine Anlaufstelle für Fragen rund um den Unialltag ist sicherlich vielen Studierenden eine handfeste Hilfe. Bei manchen heißen solche Anlaufstellen „Burschenschaftstreffen“ oder „Kaminzimmerabend mit Vortrag“. Sicher gibt es auch Interessenverbünde, in denen sich linke Klassenkämpfer und gewerkschaftspolitisch Interessierte treffen (wenn auch weniger), oder Studierenden-Gruppen, die eine alternative Themenkultur pflegen (von Politik, Kultur, Hobby bis zu Theoriethemen).

    Aber nun soll als politisches Ziel „allen Bildungsfernen“ pädagogische Anlaufstellen geboten werden, dann unter der allgemeinen Kategorie „Integrationsmaßnahme“. Die polit.Diskussionen gewönnen sicherlich, wenn man bei Interessen und Alltagshilfen nicht immer direkt unterstellt, es müsse um gesamtgesellschaftliche Lösungen und pädagogische Universalmaßnahmen gehen. Aber ohne das gibts keine Fördergelder. Ich finde es unterstützenswert, wenn das Trierer Projekt sich konkrete Angebote und Strukturen überlegt, das Label “Arbeiterkind” bleibt m.E. allerdings kontraproduktiv.

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