„Ich höre im Auto keine Musik“

Ian Anderson, ehemaliger Frontmann von Jethro Tull, kommt am 25. Juli ins Trierer Amphitheater. Foto: PromoJethro Tull gelang es ab Ende der 60er Jahre, Blues, Folk, Klassik, Prog, Jazz und Hardrock zu einem völlig eigenständigen Stil zu verschmelzen. Zudem gilt Bandleader Ian Anderson als der Erste, der mit einer Querflöte Rockmusik machte. Tull hat sich nach fast fünf Jahrzehnten und zahlreichen Besetzungswechseln in diesem Jahr aufgelöst, der “Flöten-Hendrix” macht solo weiter. Am 25. Juli tritt er mit seinem neuen Album “Homo Erraticus” und einer Best-of-Jethro-Tull-Show im Amphitheater auf. 16 VOR sprach mit dem gebürtigen Schotten über sein Verhältnis zur christlichen Kirche, zu Katzen und zu Leica-Kameras.

16 VOR: Sie sind seit knapp 50 Jahren Musiker. Haben Sie schon mal ans Hinschmeißen gedacht?

Ian Anderson: Ich denke viel darüber nach. Aber mehr ans Aufhören als ans Hinschmeißen. Hinschmeißen wollte ich einmal Ende 1972. Ich war stinksauer über die Probleme bei den Auftritten zu „Thick as a brick“ in den USA. Das Publikum war sehr laut, und es war schwierig zu spielen. Das war das einzige Mal, wo ich dachte: „Ich möchte das nicht mehr machen.“

An das Ende denke ich jedoch oft. Ich kann nur noch ein paar Jahre auftreten. Obwohl es mir gerade gut geht – trotz einiger früherer Verletzungen. Das Handgelenk schmerzt, der Rücken, die Knie. Das beeinträchtigt mich nicht täglich und auch nicht auf der Bühne, aber es beunruhigt mich, zu wissen, dass diese Sachen mit den Jahren schlimmer werden können. Ich habe immer noch Glück, ich fühle mich okay, aber es wird nicht immer so weitergehen. Es wird die Zeit kommen, in der meine körperliche und geistige Verfassung mich im Stich lassen wird und ich aufhören muss.

16 VOR: Ihre Knieprobleme beeinflussen auch nicht Ihr Spiel auf einem Bein?

Anderson: Nein, auf der Bühne merke ich sie überhaupt nicht. Es ist nicht schlimm, aber ich bin mir bewusst, dass ich schon einige schwere Verletzungen hatte – die übrigens alle auf der Bühne passiert sind. Ich trug früher das falsche Schuhwerk. Inzwischen habe ich Einlagen, die den Aufprall etwas dämpfen. In den 70er und 80er Jahren hat die Belastung auf die Gelenke bei mir viele Verletzungen verursacht. Ich bin vorsichtiger geworden und mache Übungen, um beispielsweise die Muskulatur ums Knie herum zu stärken.

16 VOR: Haben Sie sich nach den Vorfällen von 1972 noch mal über Zuschauer geärgert?

Anderson: Nein, das lag einfach an der Zeit. Als Jethro Tull in den USA sehr erfolgreich wurde, war die Nachfrage nach Tickets so groß, dass wir in großen Arenen spielten. Das hätten wir nicht machen sollen. Theater hätten wir bespielen sollen. Aber das ist ein Teil davon, wenn man größer und bekannter wird. Die Besucher waren wie ein Sportfans. Sie waren laut, betrunken oder unter Drogen und wollten Rock ‘n‘ Roll hören.

40 Jahre später habe ich „Thick as a brick“ und „Thick as a brick 2“ wieder in den USA gespielt und das Publikum war diesmal höflich, ruhig und hörte zu. Ein Grund dafür könnte sein, dass ich inzwischen ankündige, ganz bestimmtes Material zu spielen. Manche Leute, die einfach nur kommen, um eine Rock-‘n‘-Roll-Show zu sehen, bleiben dann klugerweise zuhause. Es braucht nur zehn betrunkene, laute Menschen, um ein Konzert zu ruinieren.

“Ich mag es, herausgefordert zu werden”

16 VOR: Ihre Musik zeichnet sich durch eine vertrackte Rhythmik und verschachtelte Strukturen aus. Macht das den Reiz von Musik für Sie aus?

Anderson: Es ist ganz einfach: Ich mag es, herausgefordert zu werden. Aber nicht zu viel. Mein musikalisches Verständnis ist vielleicht etwas weiter entwickelt als das des durchschnittlichen Zuhörers. Ich höre manchmal Musik, die andere für etwas zu einschüchternd oder zu anstrengend halten. Auf der Bühne entscheide ich mich meistens, Musik zu spielen, die geradeheraus ist. Es muss ja auch kurzweilig sein. Das gelingt aber auch mit unterhaltsamen Elementen beim Auftritt wie dem Theatralischen, den Video-Wänden und so weiter.

Bei Open-Air-Konzerten muss man wegen des Wetters auf Manches verzichten. Dort gibt es im Wesentlichen eine Best-of-Jethro-Tull-Show. Ich werde natürlich auch zwei, drei Songs vom neuen Album spielen, aber auch hier geradlinige Stücke, weil es eben weniger Zusatz-Entertainment gibt.

16 VOR: Wenn Sie Musik zuhause oder im Auto hören …

Anderson: (energisch) … ich höre keine Musik im Auto. Ich höre Musik nur an völlig leisen Orten. Ich kann keine Musik hören, wenn ich Geräusche oder Lärm um mich herum habe. Ich will es auch nicht, weil es respektlos gegenüber der Person ist, die die Musik gemacht hat. Wenn man Musik würdigen will, darf es keine Störfaktoren in deinem Kopf, im Zimmer oder in der Umgebung geben. Ansonsten kann man sich nicht konzentrieren und die Qualität der Musik erfahren.

16 VOR: Ist es das Filigrane, der Sie auch an alten Leica-Kameras interessiert?

Anderson: Ich schätze gute Technik. Als die M7 herauskam, habe ich mir sofort eine gekauft. Ich war zutiefst enttäuscht. Sie hatte Probleme mit dem Sucher, der grauenhafte Effekte bei bestimmten Materialien und Farben verursachte. Leica konnte die Kamera nicht austauschen, also wurde ein kostenloser Filter angeboten, um den Fehler zu korrigieren. Die Kamera sollte mit anderen Marken mithalten, war aber ziemlich armselig.

Manche Leute sagen, Leica habe die besten Objektive der Welt. Nun, ich habe einige Leica-Objektive und sie sind nicht annähernd so gut wie Fuji-Objektive und nicht mal so gut wie Olympus-Objektive. Und sie kosten fünf bis zehn Mal so viel. Die einzigen Menschen, die diese Kameras für großartig halten, sind die, die so viel Geld dafür ausgegeben haben, dass sie nicht zugeben wollen, was für einen Mist sie gekauft haben. Man bekommt bessere Kameras für ein Viertel des Preises. Nichtsdestoweniger schätze ich Leica für ihre Geschichte.

Es ist dasselbe mit Rolex. Wenn Sie mir eine mechanische Rolex zeigten, die nicht mehr als eine Sekunde am Tag falsch ginge, gäbe wohl ich 10.000 Dollar dafür. Technisch sind sie nicht in derselben Klasse wie die Konkurrenz. Die Leute bezahlen nur für den Namen. Sie sollten sich lieber zwei IWC kaufen.

16 VOR: Sie kaufen sich also keine Kameras und Uhren, um sie zu sammeln?

Anderson: (erbost) Ich sammle nicht. Alle Kameras, die ich besitze, nutze ich beruflich für Illustrationen oder um die Band zu fotografieren. Es ist für mich weniger ein Hobby als ein praktisches Werkzeug.

Mit meinen Flöten ist es dasselbe. Ich benutze nicht die teuersten Flöten der Welt, sondern bessere Lern-Modelle. Sie kosten etwa 6000 Euro, meine Reserve-Flöten, die ich oft spiele, etwa 2500 – das ist nicht so viel Geld. Der Punkt ist, dass sie gut verarbeitet sind und ihren Zweck erfüllen. Sie sind Arbeitsgeräte. Genauso ist es mit meinen Gitarren. Ich habe keine enge Bindung zu ihnen, denn sie können kaputtgehen, gestohlen, in einem Feuer zerstört oder von einer Fluggesellschaft verschlampt werden. Man sollte nicht zu sehr an Gegenstände hängen.

“Ich bin ein Katzentyp”

16 VOR: Trotz Ihres Technikinteresses setzen sich auch für Tiere ein. Sind Sie ein Naturmensch?

Anderson: Ich interessiere mich vor allem für Katzen und Wildkatzen. Kleine Wildkatzen, nicht Löwen und Tiger. Ich mag keine Großkatzen, die mir den Kopf abbeißen wollen. Ich bin ein Katzentyp.

16 VOR: Haben Sie auch Katzen zuhause?

Anderson: Wir haben normalerweise einige Katzen daheim. Aber viele sind in den vergangenen Jahren gestorben, weil sie schon sehr alt waren. Momentan haben wir nur drei. Seit sechs oder sieben Jahren kam keine neue mehr hinzu.

16 VOR: Stehen Sie bei Ihrem Ein-Bein-Spiel eigentlich immer auf demselben Bein?

Anderson: Ich denke nicht groß darüber nach. Ich habe Ende Februar 1968 damit angefangen und ich weiß nicht warum. Es passierte einfach. Vielleicht steckt da ein bisschen von einem Tänzer in mir.

Seltsam ist, dass ich erst vor drei Jahren erfahren habe, dass meine Mutter, die nie davon gesprochen hat, Ballett-Tänzerin war. Und sie spielte Geige. Ich wusste nie, dass meine Mutter solche Talente hatte, als sie jung war. In Manchester spielte ich zufällig auf einer Bühne, auf der schon meine Mutter getanzt hatte. Mein ältester Bruder sagte: „Oh, deine Mutter trat dort schon auf“. Und ich fragte nur: „Sie tat was?“ Ich glaubte, er halluzinierte, denn er ist schon alt. „Wusstest du das nicht?“, fragte er. Und ich sagte: „Nein, das hat mir nie jemand erzählt.“

16 VOR: Ihre Mutter hat Ihnen auch nicht davon erzählt, als Sie Musiker wurden?

Anderson: Nein. Zu der Zeit, als sie meinen Vater heiratete, das war 1925, gehörte es sich nicht für Frauen, Karriere zu machen. Wenn sie heirateten, sollten sie zuhause bleiben, Kinder kriegen, kochen und die Wäsche machen. Meine Mutter musste also das Tanzen und die Musik aufgeben.

16 VOR: Die Kirche hatte und hat nicht unerheblichen Anteil daran, dass sich gesellschaftliche Entwicklungen nur langsam vollziehen. Sie sind begeisterter Anhänger der christlichen Kirche, ohne praktizierender Christ zu sein. Können Sie das erklären?

Anderson: Ich habe jahrelang in Kirchen, vor allem anglikanischen, gespielt, um Spenden für deren Erhalt zu sammeln. Trotzdem bin ich kein Christ. Manche Leute finden das verwirrend und fragen mich, warum ich das tue. Aus demselben Grund, warum ich die Homo-Ehe unterstütze und Geld spende für die Hilfe AIDS-kranker Homosexueller. Ich bin nicht schwul, habe aber einen Standpunkt. Wäre ich Paläontologe, müsste ich dafür auch keine langen, spitzen Zähne und einen langen Schwanz haben.

16 VOR: Trotz eines aufgeschlossenen, sozial und fortschrittlich denkenden Papstes würden viele Bischöfe gerne am Status quo festhalten.

Anderson: Das passiert in jedem Unternehmen. Egal, ob es eine Investmentbank oder die katholische Kirche ist. Die, die an der Macht sind, wollen sie nicht abgeben. Es ist der Schein der Demokratie, Wahlmöglichkeiten und eine Art Kontrolle zu haben. Das ist ein Mythos, wie wir wissen. Investmentbanker in großen Banken entscheiden selbst über ihre hohen Boni. Macht verdirbt den Menschen. Sie ist sehr verführerisch, wenn man sie hat. Man möchte sie nicht loslassen. So ist es auch in der Kirche. Wer oben steht, macht nicht gerne Platz für frisches Blut. Auch wenn man der einzige Rock-‘n‘-Roll-Flötist ist, tritt man nicht gerne ab.

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1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Peter Schmidt schreibt:

    Ein tolles Interview mit sehr interessanten Aussagen.

    Der Mensch hat eindeutige Ansichten die sicherlich begründet sind. Allein die Ausage zu den Leica- Kameras wird wohl einige Leica -Anhänger laut aufheulen lassen. Die Teile sind gut aber leider auch total überteuert. Ich bleibe auch lieber bei Fuji, Sony oder auch Panasonic.

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