“Ich bin nicht absolut gegen Prostitution”

Mit einem Konzept, das sich am “Freiburger Modell” orientieren soll, will die Stadt verhindern, dass im Trierer Rotlichtmilieu weitere Anbieter auf den Plan treten. Das kündigte Ordnungsdezernent Thomas Egger (parteilos) am Mittwoch in einem Pressegespräch an. Man wolle versuchen, den “Status quo” zu halten oder das Angebot einzudämmen. Angebote wie die andernorts installierten “Verrichtungsboxen” lehnt der Dezernent ab. Egger beklagte, dass die öffentliche Diskussion über das Thema “ein bisschen scheinheilig” geführt werde. Käuflicher Sex werde als gesellschaftliches Phänomen zwar weitgehend akzeptiert oder zumindest geduldet, doch würden Überlegungen angestellt, wo etwa ein Straßenstrich zugelassen werden soll, liefen die Anlieger Sturm. Dabei habe sich über Jahrzehnte niemand am früheren Straßenstrich an der “Bitburger” gestört. 

TRIER. Hat Trier nun ein Überangebot an Prostituierten, oder wird die Situation einfach nur dramatischer dargestellt, als sie ist? So ganz genau weiß das bislang offenbar niemand, denn weder ist exakt bekannt, wie viele Frauen in der Moselstadt anschaffen – von rund 120 ist die Rede – noch lässt sich wirklich beziffern, wie groß die Nachfrage ist. Dennoch will Ordnungsdezernent Thomas Egger demnächst eine “Bedarfsanalyse” erstellen lassen. Aus dieser soll dann, grob gesagt, hervorgehen, wie viele Bordelle und an Prostituierte untervermietete Zimmer für eine Stadt von der Größenordnung Triers angemessen sind. So viel dürfte schon heute feststehen: Es wird eine Rechnung mit vielen Unbekannten, schließlich wird sich gerade im Rotlicht-Milieu oft mit “Dunkelziffern” beholfen. Viele Prostituierte arbeiten von zuhause aus und empfangen ihre Freier in den eigenen vier Wänden.

Andere gehen auf den Strich und damit gewissermaßen an die Öffentlichkeit. Als im Sommer 2011 entlang der Ruwerer Straße Prostituierte gesichtet wurden, war die Aufregung groß; und das vor allem im Stadtteil Ruwer. Mütter sorgten sich um ihre Kinder, denen sie den Anblick der Frauen ersparen wollten. Ein Straßenstrich entlang einer viel befahrenen Einfallstraße, das ging einigen dann doch zu weit. Wenig später sah man auch Frauen in der nahe gelegenen Loebstraße anschaffen. Als dann noch die Zewener Gottbillstraße hinzu kam, fürchteten nicht wenige, Trier könne sich tatsächlich zu dem entwickeln, was sie laut Welt am Sonntag schon ist – eine der “Hurenhauptstädte” Deutschlands.

Thomas Egger kam Anfang der 90er Jahre zum Studium an die Mosel. Auch damals gab es einen Straßenstrich, auf dem Schneidershof, unweit der damaligen FH und heutigen Hochschule Trier postierten sich die Prostituierten im Schein der Straßenlaternen. Ein paar Hundert Meter weiter, in einer Kurve der “Bitburger”, ging eine Hure in einem Wohnwagen ihrem Gewerbe nach; vom “Pariser-Platz” sprach man. Dann war das Thema Straßenstrich lange Zeit kein Thema mehr in Trier – bis vor zweieinhalb Jahren im Norden der Stadt die ersten osteuropäischen Prostituierten auftauchten.

Derzeit wisse man von fünf Frauen, die in Trier auf den Strich gingen, beziffert Egger und warnte am Mittwoch davor, das Problem zu dramatisieren. Zugleich machte er deutlich, dass es aus Sicht der Stadtspitze ausreichend Angebot gibt: “eigentlich reicht es”. Allen voran in Trier-Nord, wo im Spätsommer 2012 ein Flatrate-Puff öffnete, will man keine Neuansiedlungen mehr. Am Billig-Puff entzündete sich die Debatte von Neuem und mit noch größerer Heftigkeit. Im Rathaus sah man sich dem Vorwurf ausgesetzt, nicht genug unternommen zu haben, um diese Ansiedlung zu stoppen. Baurechtlich habe sich das nicht verhindern lassen, konterte die Verwaltung – und brachte flugs eine Änderung des Bebauungsplans auf den Weg, der seither die Ansiedlung weiterer Bordelle und bordellartiger Betriebe im Norden unterbindet.

Als Egger sich dann an die Neuordnung des Trierer Sperrbezirks machen wollte, hagelte es Protestnoten. Anlieger der betroffenen Straßen machten umgehend Mobil und ihrem Unmut Luft. Der Dezernent vertagte die Entscheidung – und bat die Ortsbeiräte, Vorschläge zu nennen, wo denn ein Straßenstrich machbar sei. Lediglich Euren und Zewen leisteten einen konstruktiven Beitrag und schlugen die Niederkircher Straße im Gewerbegebiet “Eurener Flur” vor; alle anderen Ortsbeiräte hätten erst gar keine Rückmeldung gegeben und so der Stadt bei der Lösung der Aufgabe wenig weitergeholfen.

Sehr viel weiter ist man im Rathaus denn auch heute nicht. Statt konkrete Ankündigungen zu machen, nutzte Egger das auffallend gut besuchte Pressegespräch – allein der Südwestrundfunk war mit vier Reportern gekommen – um die komplexe Materie aus seiner Sicht zu erläutern und auch den Verlauf der öffentlichen Diskussion zu hinterfragen. Der parteilose Dezernent kritisierte einige der Gesetzesänderungen der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Etwa, dass Frauen, die sich prostituieren, heute kein Gesundheitszeugnis mehr brauchen. Dadurch sei auch der früher verpflichtende Kontakt zum Gesundheitsamt weggefallen – und damit eine wichtige Möglichkeit, mit den Prostituierten ins Gespräch zu kommen und von ihrer Existenz zu erfahren. Auch das sei ein Grund für die hohe Dunkelziffer.

Von Überlegungen, Freiern mit Strafen zu drohen, wenn diese mit Zwangsprostituierten verkehren, hält der einstige Freidemokrat nichts. Selbstverständlich müssten die Sicherheitsbehörden mit allem Nachdruck gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution vorgehen, betonte er, doch sei doch ebenso klar, dass sich viele Frauen aus wirtschaftlichen und sozialen Notlagen heraus dafür entschieden hätten, anschaffen zu gehen; auch sie stünden somit gewissermaßen unter einem Zwang. Egger weiter: “So ein bisschen scheinheilig ist die Diskussion schon”. Wenn es keine Nachfrage nach diesen Dienstleistungen gebe, gäbe es auch kein Angebot, gab er zu bedenken. “Ich bin nicht absolut gegen Prostitution”, stellte Egger klar. Zudem beklagte er, dass Prostitution zwar gesellschaftlich akzeptiert oder zumindest geduldet werde, man diese aber aus dem eigenen Blickfeld heraushalten wolle. Der Dezernent verwies auf die zahlreichen Protestschreiben von Anwohnern, deren Straßen für den neuen Sperrbezirk vorgesehen waren.

Die Neuordnung des Sperrbezirks wird noch etwas auf sich warten lassen. Egger will ein Gesamtkonzept erstellen, dieses soll sich am “Freiburger Modell” orientieren. Auf der Basis einer Bedarfsanalyse soll festgelegt werden, wie viele Bordelle es in Trier geben soll und wie groß der Bestand an gewerblich an Prostituierte vermietete Zimmer sein darf. So will die Stadt ein Instrument an die Hand bekommen, künftigen Ansiedlungswünschen eine Absage erteilen zu können. Ihm sei nicht bekannt, dass gegen das “Freiburger Modell” schon erfolgreich geklagt wurde, so Egger. An die Adresse der Bundesregierung erklärte er, diese solle die Prostitution endlich dem Gewerberecht unterwerfen. Dann könnten die Kommunen unter anderem die persönlichen Voraussetzungen der Antragssteller prüfen, angefangen beim polizeilichen Führungszeugnis. “Wir hätten ganz andere Möglichkeiten, bestimmte Auswüchse zu verhindern”, ist Egger überzeugt. Auch müsse das verpflichtende Gesundheitszeugnis wieder eingeführt werden.

Was den Straßenstrich anbelangt, ist laut Egger noch immer offen, wo dieser stattfinden soll. Nur so viel: Die Niederkircher Straße eignet sich wohl auch nicht. Eine klare Absage erteilte der Dezernent der Schaffung öffentlicher Infrastrukturen wie etwa “Verrichtungsboxen”. Solche Maßnahmen könnten seiner Meinung nach dazu führen, dass sich das Angebot noch ausweitet. “Genau das wollen wir aber nicht!”

Weitere Informationen zum Thema: Stadt will keine weiteren Bordelle im Norden Triers und “Moralisch kann man das für eine Schweinerei halten”

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. gerd weines schreibt:

    Eigentlich ein harmloser Bericht zur Lage. Im TV ist heute noch die Rede vom Strassenstrich in der Niederkirchner Strasse. Das dies jetzt doch nicht so sein soll, ist vernünftig, werden doch demnächst dort in unmittelbarer Nähe 600 Asylanten in der General-vonSeidel-Kaserne untergebracht. Hr Egger verharmlost alles. Auf eine Wohnung mit Prostituierten, die zumacht, machen 2 auf. Unbemerkt und direkt vor dem Haupteingang einer Schule bzw. im rauch eine im rückwärtigen Bereich. Wie gesagt, unbemerkt. D. h. es geht weiter, nur diesmal unkontrolliert und ohne Steuern. Der einzige Weg für die Stadt wäre, Wohnungen kontrolliert zuzulassen und falls eine millieubedingte Unruhe auftreten sollte, dementsprechend Auflagen machen. So ist die Sicherheit der Frauen gewährleistet, das Gesundheitsamt kann tätig werden und die Steuern werden bezahlt. Gegen all das ist die Stadtverwaltung Trier noch. Eigentlich nicht nachvollziehbar.

  2. V.Clemens schreibt:

    Ja was den nun? Wollen wir Gewerbe? Wollen wir Steuereinnahmen erzielen?
    Es ist nunmal ein erlaubtes Gewerbe? Ob es den Leuten gefällt oder nicht!
    Was ist denn von Straftaten bekannt in Trier ? Zahlen bitte !
    Wenn man das Gewerbe auf 15 lokale begrenzen will, dann muss man im Sinne der Gleichberechtigung darauf bestehen, das die Anzahl der Schuhgeschäfte in der Stadt auch auf 15 begrenzt wird. Sollen die Luxemburger doch sehen, wo sie ihre <schuhe herbekommen. Dann kaufen sie eben in Konz.
    Und genau das wird mit den Prostituierten passieren. Sie wandern ab und sind dann evt. nicht mehr zu kontrollieren.Was spricht gegen die Metternichstraße ?
    Wenn der Bereich zw. Rud.-Dieselstraße und Tyrsusstraße frei bleibt gar nichts. Im Gegenteil.
    Wie sagte OB Schröer immer: Der größte Nachbarort von Trier heißt Woanders.

  3. Norbert Damm schreibt:

    Seit Wochen geht dieses Thema durch die volksfreundliche Lokalpresse. Die grundsätzliche Frage ist: Ist Prostituition in unserer Gesellschaft nötig? Ja, weil sie die Not mancher Menschen wendet. Soweit die empirische Soziologie.
    Folgende Situation: Sonntags morgens fährt am Hauptbahnhof Trier oder sonstwo ein Bus ab in Richtung Osten. Darin sitzen Frauen. Heimaturlaub ist angesagt. Die einen kümmern sich um pflegebedürftige Deutsche, die anderen um “liebesbedürftige” Deutsche. Wir sollten mal die Scheuklappen ablegen und uns den Realitäten stellen. Warum machen sich so viele Frauen aus dem “Osten” auf den Weg nach Westen? Viele von ihnen gauckeln ihren Kindern und Männern und Eltern alles mögliche vor, was sie hier machen. Klar ist, es geht um Geld, nicht um Nächstenliebe. Die richtet sich häufig auf die Angehörigen zu Hause. Die kriegen was ab von dem Geld, auf der Suche nach dem Glück. Viele der Frauen haben eine Berufsausbildung. Sehen wir uns die aktuelle Debatte über die Freizügigkeit Bulgarien/Rumänien an, wundert mich nicht, daß immer mehr Frauen aus diesen Ländern in Trierer Etablissements auftauchen.
    Auch in den Augen der Betroffenen ist Straßenstrich die unterste Stufe. Das Modell Luxemburger Straße ist überholt. Humane Modelle sind gefragt. Auch Frauen nutzen Männer in diesem Sinn. Sie nutzen Hotels dazu, auch wenn die Ortsvorsteherin vor einiger Zeit im TV äußerte, in Olewig gäbe es für sowas keinen Platz. Nicht nur die hotelmäßige Infrastruktur ist ideal, die Weinberge oberhalb bieten gute Möglichkeiten. Besonders im Auto.
    Also nochmal: Scheuklappen ablegen und nach sozialversicherungspflichtigen Möglichkeiten suchen.
    Sozial, human, integrativ.

    Norbert Damm, Diplompädagoge

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