Auf einer Linie

Physiker und Fotograf: Jörg Heieck. Foto: Christian JörickeJörg Heieck ist Fotograf. Und promovierter Physiker. Deshalb haben seine Bilder meist einen wissenschaftlichen Hintergrund. Für das Projekt “Transit – Europadurchquerung am 50. Breitengrad” reiste er in zwei Wochen von der Westküste Frankreichs bis nach Südpolen und fotografierte Orte und Landschaften. Immer auf dem 50. Breitengrad. Denn Gebiete gleicher geografischer Breite weisen zu gleichen Jahreszeiten den gleichen Sonnenverlauf auf. Die beeindruckenden Bilder sind seit diesem Wochenende als rheinland-pfälzischer Beitrag zu “Luxemburg und Großregion – Kulturhauptstadt Europas 2007″ in den Viehmarktthermen zu sehen.

TRIER. Kunst und Wissenschaft sind nicht voneinander zu trennen, wenn Jörg Heieck auf den Auslöser drückt. Ihn interessiert beim Fotografieren weniger das bloße Motiv, sondern die Wirkung des Motivs unter einem bestimmten Lichteinfall. Das wird besonders deutlich bei früheren Projekten wie “Spektral”, aber auch bei den Bildern zu “Transit – Europadurchquerung am 50. Breitengrad”, die seit Samstag in den Viehmarktthermen ausgestellt sind. Dafür reiste der 42-Jährige im Herbst 2005 zwei Wochen lang von der Küste der Normandie über Wallonien durch Luxemburg, Rheinland-Pfalz, Franken und Tschechien bis nach Südpolen und fotografierte Orte und Landschaften, die alle auf einem Breitenkreis liegen. Der Lauf der Sonne ist dort identisch. Aber warum gerade der 50. Breitengrad? “Es geht um Heimat”, sagt der Kaiserslauterer. “Rheinland-Pfalz liegt am 50. Breitengrad.” Um genau zu sein: Der 50. Breitengrad kommt über die luxemburgische Grenze, kreuzt die Mosel, streift die Hunsrückhöhen, schneidet den Rheingau und zieht sich mitten durch die Mainzer Innenstadt. So gehören auch Aufnahmen von Wintrich, Longkamp und eben Mainz zu der Ausstellung.

Heieck beginnt seinen fotografischen Roadmovie in Dieppe in der Normandie, wo er eine entspannte und entspannende Strandsituation festhielt. Eine ähnliche Atmosphäre vermitteln auch die Bistrotzeile in Amiens und die verschlafene Seenlandschaft bei Péronne. Schon nach wenigen Bildern fällt auf, wie stark Heieck auf natürliche Lichteffekte setzt. In Criel-sur-Mer geht die Sonne unter, bei Wintrich an der Mosel brechen gerade die Wolken auf und in einer Gasse im tschechischen Kutná Hora blitzt die Sonne hinter einem Häusersims hervor.

Nein, das ist nicht Dover, sondern Criel-sur-Mer. Foto: Jörg Heieck

Aufgenommen hat der Konzeptkünstler die Bilder mit einer Linhof 617, mit der man extrem breite Panorama-Fotos machen kann. Das hat für die Ausstellung zur Folge, dass man die Arbeiten aus Platzgründen “nur” auf 17 * 50 Zentimeter vergrößern konnte. Auch so reicht die Fläche bloß für knapp ein Drittel der insgesamt 70 Werke. Heieck hat aber eine repräsentative Auswahl getroffen, die die Faszination an der Ausstellung nicht schmälert. Welche Wirkung ein größeres Format erzielt, kann man an der 60 * 180 Zentimeter großen Felsenaufnahme in Criel-sur-Mer sehen, die auch in diesen Ausmaßen von bestechender Qualität ist.

Heieck ist in erster Linie Landschaftsfotograf. Bei “Transit” und auch bei seinen anderen Fotoreisen interessiert ihn vor allem die gebändigte und ungebändigte Natur in einem bestimmten Licht. Einen zusätzlichen Reiz gewinnen die Aufnahmen, wenn Personen darin integriert sind. Obwohl diese – aufgrund fehlender Bewegungsunschärfe, oder weil sie sich nicht bewegen – so statisch wirken wie ihre Umgebung, entstehen durch sie aus Panoramen Szenen. Der Radsportler auf einer deprimierenden Straßenkreuzung sechs Kilometer von Longkamp gibt eine Richtung vor, für die sich der Betrachter ohne ihn angesichts dieser Tristesse vielleicht nicht hätte entscheiden können. Die schachspielenden Taxifahrer am Frankfurter Flughafen durchbrechen die Monotonie der aneinander gereihten Wagen und der dahinter liegenden Stahl- und Glaskonstruktionen und die neben einem riesigen, freien Platz und vor einem massiven Gebäude auf den Bus wartende Oma gibt dem Bild eine ironische Note. Heiecks Kompositionen sind einfach wunderbar.

Die Ausstellung dauert vom 23. Juni bis 16. September und kann dienstags bis sonntags von 9 bis 17 Uhr besichtigt werden.

von Christian Jöricke

1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Florian Tukker schreibt:

    Ich wohne im schönen Lüxem bei Wittlich und bin Hobbyfotograf. Genau durch diesen Ort verläuft der 50. Breitengrad. In der Ausstellung in den Viehmarktthermen habe ich mir den Bildband “Transit” durchgesehen.
    In meinem Kopf spielte sich dabei in mir eine kleine Reise ab: Wohin kommt man, wenn man aus der Haustür tritt und immer in die selbe Richtung geht?
    Dank Jörg Heieck weiß ich es jetzt.

    Die Aufnahmen sind faszinierend, da sie alle Bereiche des 50. Breitengrades umfassen. Der Betrachter sieht Meer, Feld, Wald, Stadt, Menschen im Alltag…
    Man geht los im sanften Norden Frankreichs und erblickt dann ein Vertrautes Bild: Piesport, Wittlich, Bernkastel… Auf einmal fühlt man sich heimisch. Dann geht es weiter in den mir unbekannten Osten. Was liegt hinter der Heimat?
    So erlebt man seine kleine persönlche Weltreise.
    Unbedingt anschauen!

    Die Ausstellung selber hingegen ist etwas spartanisch. Es sind einfach zu wenige Aufnahmen ausgehangen, die dann bis auf eines in einem Format entwickelt sind, das das des Bildbandes kaum übertrifft. Einige Fotos sind sogar fast völlig aus ihrem Rahmen verschoben. Man sieht nur noch eine Ecke des Ganzen. Und das obwohl dies bereits vor einer Woche im TV bemängelt wurde.
    Fazit: Die Ausstellung wird dem großartigen Bildband nicht gerecht.

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