“Die Leute denken alle, wir essen mit Goldlöffeln”
Der kalte, verregnete Sommer hat dem Konzertveranstalter Ingo Popp die Stimmung ordentlich verhagelt. Bis auf Pur konnte er bei jeder Veranstaltung im Amphitheater draufzahlen. Beim geplanten Konzert von Lionel Richie im Waldstadion, das in die Arena verlegt werden musste, machte “popp concerts” Verluste in sechsstelliger Höhe. Mit der Open-Air-Reihe in den Kaiserthermen mit Alan Parsons Live Project (morgen, 13. September), Sasha (14. September), Shantel (15. September) und Ezio (16. September) geht für das Trierer Unternehmen eine katastrophale Freiluftsaison zu Ende. Der Firmenchef sprach mit 16vor über die Konsequenzen.
16vor: Fast alle Open-Air-Konzerte von “popp concerts” in diesem Sommer liefen nicht gut. Woran lag das?
Ingo Popp: Es liegt schon viel am Wetter. Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber im südlichen Teil der Stadt musste man gestern die Heizung anmachen. Und ich war angezogen. Wir hatten letztes Jahr auch 13 Open Airs, davon waren zwölf vollkommen verregnet. Letztes Jahr war ein wunderschöner September. Da haben wir gedacht, gehen wir dieses Jahr in den September. Das schöne Wetter kommt aber wohl erst nächstes Jahr.
16vor: Welche Konsequenzen hat das?
Ingo Popp: Es ist total nach hinten losgegangen in diesem Sommer. Daher haben wir uns entschlossen, definitiv keine Open Airs mehr zu veranstalten. Eventuell machen wir ein Wochenende im Amphitheater, aber auch das steht noch lange nicht fest.
16vor: Was macht “popp concerts” dann von Mai bis Oktober?
Ingo Popp: Darüber machen wir uns natürlich unsere Gedanken. Wir sind sechs Leute, die auch im Sommer Geld verdienen müssen. Aber in den letzten drei Jahren ist kein Geld gekommen, sondern in sechsstelligen Beträgen gegangen. Wir werden in jedem Fall keine Open Airs mehr mit alleinigem Risiko veranstalten. Vielleicht kommt ja von irgendwo her noch wundersames Geld oder eine wundersame Bürgschaft, die andere Veranstaltungen in der Stadt auch unterstützt. Ich kann nicht mehr einsehen, die meisten Leute in der Stadt zu ziehen, und als einziger keinen roten Cent zu sehen.
16vor: Sind denn Konzerte mit großen Stars das Problem?
Ingo Popp: Die ganz großen rechnen sich in Trier sowieso nicht. Wir sagen immer: „Keine Weltstars mehr“. Jetzt haben wir mit Lionel Richie wieder einen gemacht und wieder sechsstellig verloren. Die Kombination „Outdoor“ und „Weltstar“ ist in Trier eine ganz schlechte. Ich habe jetzt schon zehnmal den Fehler gemacht. Man holt natürlich auch gerne Weltstars, das ist ein besonderer Reiz. Aber der besondere Reiz ist mir inzwischen zu teuer.
16vor: Warum ist Trier so ein schwieriges Pflaster?
Ingo Popp: Ich weiß es nicht. Alles ist teurer geworden. Bei Lionel Richie denke ich selbst, dass es zehn Euro zu teuer war. Aber was soll man machen? Die wollen ihre Gage. Der Euro hat sich auch in der Konzertbranche niedergeschlagen. Aber auch die Nebenkosten sind ins Unermessliche gestiegen. Bands verkaufen keine Platten mehr, also holen sie es über den Live-Markt rein. Um eine Band zu haben, die 2000 Leute zieht, muss man heute manchmal 100.000 Euro auf den Tisch blättern. Das steht in keiner Relation mehr. Hinzu kommt, dass die großen Festivals wie „Rock am Ring“ oder „Hurricane“ den aktuellen Bands Geld in den Rachen schmeißen. Dafür sollen sie exklusiv spielen. Wenn eine Band heute 30.000 Euro wert ist, kann es sein, dass ein großes Festival 100.000 Euro exklusiv bietet. Früher war es: „Spielen, spielen, spielen“. Heute ist es: „Wenig spielen für viel Geld“. Es sind aber nicht nur die Bands. Es sind die Nebenkosten, die Auflagen, et cetera. Es ist sehr viel geworden, und es ist alles sehr teuer geworden.
In den Open-Air-Reihen machen wir immer eine innovative Veranstaltung, wo auch immer viel Idealismus dahinter steckt. Das hat aber noch nie funktioniert. Was die Leute nicht kennen, da gehen sie nicht hin. In allen Zeitungen und Zeitschriften wie musikexpress, FAZ und stern wird Shantel als das große Top-Ding gehandelt. Und wir haben 15 Karten verkauft. Und holen 15 Euro. Ich will nicht sagen, dass es am Trierer an sich liegt, aber die letzten Experimente haben nicht funktioniert. Wenn du weg vom Mainstream gehst, hast du verloren.
16vor: Das klingt so, als wäre es kein Traumberuf, Konzertveranstalter in einer mittelgroßen Stadt wie Trier zu sein.
Ingo Popp: Das liegt nicht an Trier. Mit einem gewissen Anspruch stößt man in jeder kleineren Stadt an seine Grenzen. Wir sind eben in keiner Medienstadt. Das haben wir im Großen und Ganzen kapiert. Aber manchmal will man trotzdem Sachen veranstalten, die einem selber Spaß machen. Aber es haut nicht hin, und deshalb werden wir uns verstärkt auf so Sachen wie James Last, Hansi Hinterseer und André Rieu konzentrieren. Und natürlich weiterhin auf die, die wir schon immer betreuen, wie Die Toten Hosen, Ärzte, et cetera.
16vor: Also hat Ihnen bisher viel an einem ausgewogenen Programm gelegen?
Ingo Popp: Richtig. Wir sind eine professionelle Agentur und arbeiten immer mit dem Anspruch, den Leuten Live-Entertainment auf hohem Niveau zu bieten, egal um welche Musikrichtung es sich handelt. Aber leider bleibt dabei auch öfters der kommerzielle Erfolg außen vor. Deshalb lassen wir die risikoreichen Veranstaltungen jetzt einfach sein. Ich werde das durchziehen. Mir bleibt gar nichts anderes übrig.
16vor: Ist Ihr Idealismus ein bisschen verloren gegangen?
Ingo Popp: Wenn du jeden Tag gucken musst, wie du deine Rechnungen bezahlt kriegst und wo Geld herkommt, bleibt der Idealismus manchmal auf der Strecke.
16vor: Wie schlimm war der Sommer für “popp concerts”?
Ingo Popp: Wir haben de facto einen Arbeitsplatz weniger und 180.000 Euro Schulden mehr. Ich bin keine 21 mehr sondern 45. Ich habe Verantwortung für sechs Mitarbeiter, und da kann man nicht sagen: „Es wird schon irgendwie aufgehen“. Wir haben auch zwei Auszubildende. Das wissen die Leute vielleicht gar nicht. Da kann man nicht sagen: “Augen zu und durch”. Man muss daran denken, dass man auch eine soziale Verantwortung hat. Ich finde es fahrlässig zu sagen: “Hoffen wir mal nächstes Jahr auf gutes Wetter”. Das geht nicht mehr. Wenn es nächstes Jahr einen Jahrhundertsommer gibt, ist es eben Pech.
16vor: Einige Leute denken, als Konzertveranstalter ließe sich schnell und viel Geld verdienen.
Ingo Popp: Das sehen die Leute leider falsch. Die meinen das ja. Ich kann mich leider nicht so äußern, wie ich das gerne bei dem ein oder anderen machen würde. Du siehst, dass das Blinde sind. Die denken alle, wir essen mit Goldlöffeln, nur weil ich einen BMW habe. DER IST GELEAST. Mit 45 und sechs Mitarbeitern darf man aber auch einen BMW fahren.



13. September 2007 (11:19 Uhr)
Vielleicht liegt es ja einfach nur an den “Weltstars” die Herr Popp gebucht hat. Einen Lionel Richie, Alan Parsons Project und die Anderen, die schon vor über zwanzig Jahren den Zenith ihres Erfolgs überschritten hattenk, grenzt da schon fast an Größenwahn. Joe Cocker, Eric Burdon etc. waren auch mal Weltstars, die spielen heute in Grundschulturnhallen auf dem platten Land.
16. September 2007 (21:22 Uhr)
Nein, da kann ich meinem Vorredner ganz und gar nicht Recht geben. Es liegt sicherlich an dem was Herr Popp gesagt hat, nämlich daran das Trier keine Medienstadt ist. Klar Trier darf sich Großstadt schimpfen, aber das haben wir ja nun wirklich nur den Studenten zu verdanken und die haben meist nicht das Geld für die “Großen” Konzerte. Zugegeben ich bin kein Lionel Richie Fan und hätte mir auch für 10,-€ weniger die Karte nicht gekauft. Aber was will man denn mal live sehen und das in Trier? Depeche Mode, eine meiner Liebelingsbands, im Trierer Waldstadion oder in der Arena? Öhm nö, zu klein …. Band zu teuer…. Was wäre denn ein garant für ne Ausverkaufte Halle? Ich glaub das ist in Trier wirklich mehr als schwierig.
17. September 2007 (12:37 Uhr)
@Nico
Bist Du Dir da wirklich sicher? Was war denn mit Billy Talent, der war in kürzester Zeit ausverkauft. Das ist aber auch eine Band die nicht schon dreißig oder vierzig Jahre auf dem Buckel hat. Schau Dir doch mal was in Luxembourg läuft. Wahrlich nicht der Nabel der Welt, aber dort tritt ständig ein Top-Act nach dem anderen auf und die Konzerte sind alle ausverkauft – von Marylin Manson über Maroon 5 und Pink bis jetzt zu Gwen Stefanie. Ich könnte noch X-Andere aufzählen und das alleine nur dieses Jahr. Wahrscheinlich wissen die einfach im Gegensatz zu Herrn Popp wie das Geschäft gemacht wird…
17. September 2007 (14:21 Uhr)
Es zeugt nicht gerade von großer Fachkompetenz, wenn man die Olympiahalle im München,die Kölnarena oder die Festhalle in Frankfurt als “Grundschulturnhallen auf dem platten Land” bezeichnet. Genau dort wird nämlich Herr Cocker, neben seinem Auftritt in Trier, Station auf seiner kommenden Tournee machen.
17. September 2007 (18:42 Uhr)
@El Lobo
Meines Wissens ist Luxemburg für Veranstalter und Künstler einfach nur attraktiver weil dort der Fiskus bei den Gagen nicht in dem Maße zuschlägt wie in Deutschland. Den Künstler interessiert nur was für ihn netto bleibt. Das Veranstalterbrutto ist dem egal. Und da muss der Veranstalter in Deutschland eben mehr ausgeben um dem Künstler dieselbe Gage zu bieten. Nicht umsonst treten soviele deutsche “Topacts” im Ländchen auf. Meine ich hätte das mal so gehört.
Es käme ja auch keiner auf die Idee zu behaupten, dass die Luxemburger Tankstellenpächter das Geschäft besser verstehen als ihre deutschen Kollgen.
17. September 2007 (19:15 Uhr)
@Oliver
Ja es ist wieder (völlig unverständlicherweise) etwas mehr Wirbel um ihn. Er hatte auch schon Zeiten, da ist er vor 200 Leuten in Völklingen aufgetreten. Aber das ist doch auch gar nicht springende Punkt. Fakt ist, dass die Bands die nach Trier geordert werden i.d.R. “Rentnerbands” sind die anscheinend völlig am Geschmack der Leute vorbei gehen. Und dann wird gejammert. Dass es auch anderes (und besser) geht wird in Luxembourg bewiesen…!
17. September 2007 (22:48 Uhr)
@dante6
Im Prinzip gebe ich Dir recht, dass der Fiskus bei uns mehr abkassiert ist richtig. Es gab ja auch mal die Horrorszenarien der Veranstalter, dass kein Künstler mehr in der BRD auftreten würde. Aber, wieso treten in meinem besagten Beispiel die gleichen Künstler auch an anderen Standorten in Deutschland auf…?
17. September 2007 (22:52 Uhr)
…und nochmal @dante6
Wieso schafft man es dann Billy Talent, MIA, Fanta4 etc. nach Trier zu bringen…?
18. September 2007 (13:58 Uhr)
@El Lobo: Dann sieh dir mal die Zuschauerzahlen bei Acts wie Mouse on Mars, Nouvelle Vague oder Shantel in Trier an. DAS ist hochklassiges Angebot, aber betriebswirtschaftlich ne Katastrophe.
Und Konzertveranstalter in Luxemburg mit denen in Deutschland zu vergleichen: Äpfel vs. Birnen. Solche Amok-Konzerte wie z.B. Morrissey vor 1.500 Besuchern kann sich die Rockhal leisten, weil sie sich auf staatliche Zuschüsse verlassen können. Beim Atelier ist es die Stadt Luxemburg, die zuschießt.