Ödipus heute
In den vergangenen Monaten erregte der libanesische Autor Wajdi Mouawad mit seinem Stück “Verbrennungen” großes Aufsehen. Seit Samstag wird das Antikriegsdrama im Stadttheater nachgespielt. Die Zuschauer in dem nicht ganz ausgelasteten großen Haus bei der Premiere erlebten ein tief beeindruckendes, teilweise erschreckendes Schauspiel.
TRIER. Eine Mutter mit drei Kindern – Zwillinge, Junge und Mädchen, im Westen und ein verschollener Sohn im nahen Osten. Was alle verwundert: seit fünf Jahren hüllt die Mutter sich in Schweigen. Plötzlich, unmittelbar vor ihrem Tod, spricht sie ein allerletztes Mal. “Jetzt, da wir zusammen sind, geht es besser!” Das Testament enthält zwei Briefe, die adressiert sind an einen unbekannten Bruder und einen rätselhafterweise ebenso unbekannten Vater, auszuhändigen von den Zwillingen. Die ahnungslosen Geschwister recherchieren im Herkunftsland der Mutter nach den Unbekannten. Es entwickelt sich eine Tragödie, die mit schicksalhafter, antiker Wucht die beiden an ihre Wurzeln führt. Am Anfang parliert die Schwester mit einem Wortspiel, das formelhaft leichtfüßig die ernste Geschichte vorwegnimmt: “Eins und eins ergibt immer eins, egal welche Ausgangszahl man nimmt”.
Trotzig gebärdet sich Simon (Jan Brunhoeber), unsicher seine Zwillingsschwester Jeanne (Antje-Kristina Härle) bei der Testamentseröffnung. Kein Wunder, die Mutter starb ja ohne jegliche Erklärung, gemein und lieblos! Nun dieses lästige, kryptische Testament. Die Mutter will nackt beerdigt werden, mit dem Gesicht zum Boden,
kein Sarg, kein Stein. Ihre Begründung: “Keine Inschrift für die, die ihr Wort brechen.”
Die Wut ist groß. Der pflichtbewusste, nett schusselig gespielte Notar Hermile (Klaus-Michael Nix) versucht im Plauderton, die Situation zu entschärfen. En passant, aber mehrfach verweist er dabei auf eine “kosmische” Fügung. Alles spielt sich in einfachen Bühnenbildern ab (Dirk Immich). Das Notarzimmer besteht sozusagen nur in der Einbildung. Lichtprojektionen, filmische Sequenzen, Symbole genügen, Spielorte, Parallelgeschehen und Zeitsprünge anzudeuten, und entwickeln eine Atmosphäre von hoher Dichte.
“Was auch geschieht, ich werde dich immer lieben!”, versprach die junge Mutter verzweifelt ihrem Erstgeborenen, als er ihr entrissen und in ein Waisenhaus gesteckt wurde. Unter dem Militärregime wurden Recht und Familienbande mit Füßen getreten. Die Spuren verloren sich. Beide, Sohn und Mutter, suchten sich jahrelang im Labyrinth von Krieg und Gewalt. Sie als Kämpferin im Untergrund für die gute Sache, er als Soldat auf der Seite des Regimes und mit einer spielerischen Lust am Töten, die immer mehr zu seinem Wesen wird. Unwissend stoßen Mutter und Sohn aufeinander. Nawal wird gefangen genommen und von Abou Tarek, dem unbekannten Sohn, nicht nur gefoltert, sondern mehrfach vergewaltigt. Damit wird er unwissentlich zugleich Vater und Bruder der Zwillinge.
Viele Jahre nach diesen Vorkommnissen erfährt Nawal (Vanessa Daun) die Wahrheit in einer Gerichtsverhandlung, in der Abou Tarek für seine Kriegsverbrechen angeklagt wird und sie als Zeugin auftritt. Erneut stehen sich Mutter und Sohn gegenüber. Die Mutter identifiziert ihn an einer roten Clownsnase, die er sich in einem Verhandlungsaugenblick gelangweilt aufsetzt, als den verschollenen Sohn. Er wird dagegen ihre Identität erst nach ihrem Tod erfahren – nach Erhalt der Briefe, die ihm seine Geschwister bringen werden. Die Mutter indessen kann ihr Versprechen, ihr ältestes Kind, was auch geschehe, immer zu lieben, nicht halten und verfällt für immer dem Schweigen. Daher ihr Beschluss: “Keine Inschrift für die, die ihr Wort brechen.”
Brillant und in makabrer Humoreske spielt Alexander Ourth den Sohn und Bösewicht Abou Tarek, der seine lustvolle Tätigkeit im Jagen von Menschen sieht, aber durch zu leichte Beute schnell gelangweilt größere “Herausforderungen” wünscht, dazu heiter aus voller Brust “Roxanne” von Sting trällert. Er sieht sich als Fotograf und Filmer, der seine “Kunst” in amerikanisch aufgesetzter Manier zelebriert. Oder wie Internetnutzer, die sich in ihren Computerspielen ausleben. “Jetzt, da wir zusammen sind, geht es besser!” Das waren die Worte, die der Vater Abou Tareks, Wahab, zur schwangeren Nawal sprach, bevor sie für immer von ihm getrennt wurde. Doch trifft das auch auf das Ende zu? Da sitzen sie, die Zwillinge und ihr durch den Brief der Mutter verwirrter Brudervater.
“Lerne lesen, schreiben, reden, denken” – mit Erkenntnis und Bildung wollte Nawal ihre Mitmenschen aus der Spirale der Gewalt befreien helfen. Die Handlungen in dieser auf den alten Ödipusmythos anspielenden Schicksalstragödie des Autors Wajdi Mouawad entwickeln sich leider unbeeindruckt von solchem Ideal.
Das Ensemble zeigt sich in eindrucksvoller Geschlossenheit ohne Leistungseinbruch. Der Zuschauer wird zielsicher, ohne die heute verbreiteten Entmündigungsmanöver durch gut gemeintes aber überflüssiges Beiwerk, durch die Handlung geführt. Es inszenierte Steffen Popp.
Weitere Termine April und Mai: 25. April, 7. Mai, 13. Mai, 23. Mai, jeweils um 20 Uhr.
von Sigrid Otto


