Kiosk kurios

Interessiert, aber wenig begeistert: Die Italienerin Laura Giannelli wirft einen Blick in den zweckentfremdeten Kiosk. Foto: Marcus StölbStudierende des Fachs “Innenarchitektur” haben ein Gebäude besetzt, das wohl kaum die Denkmalschützer auf den Plan rufen dürfte, aber einen kleinen Raum für neue Perspektiven bietet. Zum Auftakt der FH-Veranstaltungsreihe Designfusion 08 wurde der Kiosk in der Südallee “wiedereröffnet” und in seiner neuen Funktion als Ausstellungsvitrine präsentiert. Seit einigen Tagen konnte man auf den Lamellen der Kiosk-Rolläden den Schriftzug lesen: “Guck mal: Design!” Jetzt wurde die Jalousie endlich knatternd hochgefahren, und siehe da: es ward Design!

TRIER. Unverdächtig steht der kleine Pavillon in der Südallee, keine Zeitungsauslagen, geschlossene Rolläden, links und rechts brausen die Autos vorbei. Von der Saarstraße aus eilen die Trierer an dem Kiosk vorbei in die Neustraße. Während sich der Kölner ein Leben ohne “Büdchen” mit Fruchtgummi, Lakritzschnecken, Kölsch, Zigaretten und Zeitungen nicht vorstellen kann, stand hier der kleine Kiosk seit längerem leer. Zeit für eine Hausbesetzung der anderen Art! In nur sechs Wochen haben 16 Studierende des vierten Semesters fast ausschließlich in Eigenregie das Wiederbelebungs-Projekt vom Entwurf bis zum Eröffnungstag vorangetrieben. “Neben gestalterischen Arbeiten musste auch noch ein Stromzähler gekauft und eingebaut werden”, berichtet Studentin Vivien Kientopf über die ungeahnten Tücken der Realisierung. Zusammen mit Nicole Näher hat sie die Arbeitsgruppen koordiniert, die durch die Vordiplomspräsentation immer noch frisch eingeübt in Teamwork und Projektarbeit sind.

Kleine Design-Gucklöcher

Zu Eröffnung regnet es in Strömen. In der perfekten Organisation sind auch Design-Regenschirme eingeplant, die dankbar von Hand zu Hand gereicht werden. Die FH-Studenten, Dozenten und Gäste tummeln sich auf dem schmalen Gehweg und prosten sich mit Plastikbechern zu. Der Design-Kiosk ist mit schlichten Holzplatten vernagelt. Kleine Fenster werden durch barocke Rahmen in Szene gesetzt, die einem giftgrün entgegen leuchten. Der voyeuristische Appell funktioniert sofort, alles drängt sich vor den kleinen Design-Gucklöchern. Man blinzelt hinein und meint einen typisch weißen Museumsraum zu sehen. In diesen “white cubes” entdeckt man kleine Entwurfsarbeiten, eine Videoprojektion und Stuhlminiaturen; als größeres Objekt entdeckt man eine Stuhl-Collage – ein Möbelstück, zusammengezimmert aus unterschiedlichsten Stilen und Epochen. Nach längerer Fixierung legt ein kleineres Guckloch den Blick auf die andere Straßenseite frei, der Blick durchmisst die wenigen Meter des kleinen Kiosk und endet wieder da, wo wir hergekommen sind. Nein, nicht im Urschlamm, in der Südallee.

Innenleben eines verwaisten Kiosks. Foto: Nikolaus LutgenDieses Fenster zeigt, worum es geht: neue Perspektiven auf die Stadt. Wer spektakuläre Exponate hinter den Fensterchen erwartet hat, wird beim Anblick der hübschen Designarbeiten nicht wirklich in Euphorie verfallen. Ausgestellt wird auch vielmehr der Kiosk in seiner neuen Funktion. Mit dieser kreativen Zweckentfremdung gestalten die Innenarchitektur-Studenten mehr als die etwa 20 Quadratmeter Verkaufspavillon. Sie nehmen kreativ Einfluss auf unseren Shoppingfenster-fixierten Blick, der demnächst vielleicht öfter mal im Vorbeigehen an einem Designobjekt hängen bleibt. Sie regen die Vision an, ein wenig Design in Triers fast ausschließlich römisch geprägten und “verungerten” Stadtlandschaft vorzufinden.

Kiosk-Partnerschaft “Trier-Weimar”

So sei das Ziel, “die FH näher an die Leute zu heranzubringen, zu zeigen, was die Gestalter so machen, während des Studiums. Und letztendlich stellen wir uns vor, dass auch andere Fachhochschulen hier Ausstellungen machen können”, erklären Kientopf und Kommilitonin Jenny Gottschalk. Zunächst wird der Pavillon nur bis zum 22. Juni ein Design-Kiosk bleiben, doch die betreuenden Professoren Stefan Dornbusch und Ingo Krapf basteln schon an Langzeit-Perspektiven. Dornbusch, der Initiator des Projekts, hatte bereits während seiner Assistentenzeit an der Bauhaus-Universität in Weimar an erfolgreichen Kioskbesetzungen teilgenommen. In Weimar ist es tatsächlich gelungen, den Kiosk am Sophienstiftsplatz als öffentlichen Kunstraum zu institutionalisieren.

Seit Jahren ungenutzt, wurde der Kiosk in der Südallee jetzt in ein Ausstellungsobjekt verwandelt. Foto: Marcus StölbDa Weimar ja Partnerstadt Triers ist, träumt Dornbusch schon von einer Kioskfusion und kleinen Wanderausstellungen. Ob Trier diese Chance beim Schopfe packt? Es wäre ein kleiner kreativer Beitrag zu einer Verjüngungskur, der gerade weil er kaum große Debatten auslöst, Gefahr läuft, in Trier wieder zu verplätschern.

Die DesignFusion08 ist eine Veranstaltung des Fachbereichs Gestaltung der ansässigen Fachhochschule. Zum dritten Mal präsentieren sich vom 11. bis zum 15. Juni 2008 die fünf Studiengänge Kommunikationsdesign, Modedesign, Innenarchitektur, Architektur und Schmuck- und Edelsteindesign der Öffentlichkeit.

von Na Young Shin

3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. uwe reinhard schreibt:

    der kiosk wurde übrigens schon letztes jahr zweckentfremdet. im rahmen der von den künstlerprojekten lx5 und aug.enwald organisierten veranstaltung “Die Zeit steht fest, der Raum verfliegt…“ wurde im kiosk eine ton- und filminstallation von michael fizaine und ralf kohr präsentiert.

  2. Kathy Kreuzberg schreibt:

    Eines muss man den Einwohnern hier ja lassen: Sie sind kreativ und innovativ! Es sollte noch mehr solcher Aktionen geben – vielleicht wird dann ja auch mal die Neustraße WIRKLICH wieder schön und interessant. ;-)

  3. peter stablo schreibt:

    Super Idee!

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