“Der Mensch braucht keinen Krieg!”
Johan Galtung, norwegischer Politologe, Mathematiker und Träger des als “Alternativer Nobelpreis” bezeichneten Right Livelihood Award, gilt als streitbarer Konfliktforscher. Anlässlich der Verabschiedung seines Trierer Freundes, des Soziologen Professor Bernd Hamm, besuchte Galtung vergangene Woche die Universität. 16vor-Mitarbeiterin Kathrin Schug sprach mit dem Gründer des Osloer International Peace Research Institute (PRIO) über seine wissenschaftliche Arbeit, den von ihm prognostizierten Zerfall des amerikanischen Imperiums, und seine Vorbehalte gegenüber dem republikanischen Präsidentschaftsanwärter John McCain.
16vor: Der Anlass Ihres Besuches in Trier ist die Verabschiedung von Professor Hamm, der Sie als sein großes Vorbild bezeichnet…
Johan Galtung: Das Glück, heute hier zu sein, ist ganz auf meiner Seite. Wir haben in der Vergangenheit oft als Kollegen miteinander gearbeitet. Wir sind uns auf zahlreichen Konferenzen begegnet, erstmals in Spanien. Daraufhin habe ich auch einige Vorlesungen an der Universität Trier gehalten. Daraus hat sich eine sehr gute Freundschaft entwickelt.
16vor: Professor Hamm macht keinen Hehl daraus, dass sein vorzeitiger Ruhestand auch ein Protest gegen die Zwangsamerikanisierung des deutschen Hochschulsystems sei. Eine Skepsis gegenüber amerikanischer Politik ist Ihnen beiden gemeinsam. Wie stehen Sie zu dem Vorwurf des Anti-Amerikanismus?
Galtung: Anti-Amerikanismus ist eine Floskel! Ich bin sehr begeistert von der amerikanischen Republik, aber ich hasse das amerikanische Imperium. Das ist übrigens auch eine Haltung, die ich überall in der Welt finde, vor allem unter Muslimen. Da sollten die USA etwas ändern.
16vor: 1980 haben Sie prognostiziert, dass innerhalb von zehn Jahren die Mauer fallen würde und die Sowjetunion anschließend zerfällt. Ihre Prognose war erschreckend genau. Nun haben Sie 1999 die Behauptung aufgestellt, dass es das amerikanische Imperium bis zum Jahr 2020 nicht mehr geben wird. Stehen Sie heute noch hinter dieser Prognose?
Galtung: Ja, denn ich befrage ja keine Kristallkugeln, sondern ziehe meine Schlüsse aus guter Theorie. Ich bin schließlich Sozialwissenschaftler und kein Meteorologe. Und jetzt geht es um das amerikanische Imperium. Ich habe die Prognose ursprünglich auf 2025 angesetzt, doch dann wurde Präsident Bush gewählt und ich habe mich um fünf Jahre korrigiert. Und im Falle eines Wahlsieges von McCain ziehe ich noch einmal fünf Jahre ab. Er würde das beschleunigen.
16vor: Woran machen Sie das fest? Was sind die Faktoren, die zum Fall eines Imperiums führen?
Galtung: Das ist eine komplizierte Geschichte. Ich habe im Fall der Sowjetunion neun Widersprüche ausfindig gemacht. Für die USA habe ich 15 Widersprüche, denn die sind komplexer. Das sind ökonomische, militärische, kulturelle und natürlich politische. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Gehorsamkeit der Bündnisstaaten ist nicht mehr vorhanden. Die Zeiten in denen die USA der “Großmeister” waren, der den Knaben Dokumente vorlegte, die ohne Vorbehalt unterschrieben wurden, sind vorbei. Die Magie ist verschwunden.
16vor: Welch Symptome sehen Sie, die Sie in Ihrer Behauptung bestätigen?
Galtung: Ich bin zwar Spezialist für den Zerfall von Imperien, was ich jedoch nie gefunden habe, ist ein gemeinsamer Faktor. Was sie jedoch alle gemeinsam haben, sind die unüberbrückbaren Widersprüche. Und diese Widersprüche spüren die Eliten und Politiker eines Landes: Sie werden panisch, sie handeln irrational. Nehmen Sie nur den Irak-Krieg. Es gibt keine vernünftige Erklärung für den Einmarsch der USA, sie schlagen aus Panik um sich, wissen weder ein noch aus. Dazu kam einfach, dass sie einen außerordentlich unbegabten Präsidenten gewählt haben. Er ist ganz einfach dumm, im Sinne von D-U-M-M. Das hat den Zerfall beschleunigt.
16vor: Sehen Sie denn die Chance auf Besserung durch einen neuen Präsidenten?
Galtung: John McCain ist weniger dumm, bei ihm ist es etwas anderes: Wut. Und mit Wut regiert man nicht die Welt.
16vor: Wütend worauf?
Galtung: Auf fünf Jahre Gefängnis in Vietnam. Er ist zudem ein sehr temperamentvoller Mann, das ist bekannt in den USA und die Leute haben Angst davor, dass er explodiert.
16vor: Und wie sieht die neue Weltordnung nach dem Zerfall der USA aus?
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Galtung: Nun, da liegen Bernd Hamm und ich auf der gleichen Wellenlänge: Die Staaten haben versagt. Jetzt verschiebt sich die Macht nach unten. Es schlägt die Stunde des Lokalen, womit Bernd sich beschäftigt. In meinen Augen ist jedoch etwas anderes viel wichtiger: das Regionale.
16vor: Was hat man sich darunter konkret vorzustellen?
Galtung: Es entwickeln sich im Moment sieben, acht Regionen in der Welt. Aktuell haben wir die Europäische Union, Afrika, und Südostasien. Hierzu werden unter anderem kommen: die Vereinigten Staaten von Lateinamerika, eine Gemeinschaft von muslimischen Ländern, die von Marokko bis zu den Südphillipinen reichen wird, mit 1,3 Milliarden Menschen, und Ostasien, welches sich außerordentlich schnell entwickelt, momentan unter der Leitung von China. Das wird eine ganz andere Welt sein, ganz unterschiedlich zu heute.
16vor: Herr Galtung, Sie beschäftigen sich jetzt seit 50 Jahren mit der Erforschung und Beilegung von Konflikten. In dieser Zeit habe Sie sowohl als Mensch als auch als Wissenschaftler einen enormen Wandel in der Welt miterlebt. Würden Sie sagen, dass das Wesen der Konflikte und Ihre Austragung sich verändert haben?
Galtung: Eigentlich nicht. Die einzige nennenswerte Veränderung hat durch Demokratisierung und Alphabetisierung stattgefunden: Der einzelne Mensch ist heute viel wichtiger. Aber das Wesen dieser Konflikte ist im Grunde dasselbe geblieben. Unser Fehler ist, dass wir nur die sichtbaren Elemente eines Konfliktes betrachten, die Gewalt. Aber um einen Konflikt zu lösen, müssen wir uns fragen: Worum geht es? Was ist die Ursache?
16vor: Halten Sie – als Friedensforscher – einen endgültigen Weltfrieden überhaupt noch für eine realistische Option? Oder braucht der Mensch den Krieg?
Galtung: Eine ähnliche Frage hat man auch den ersten Medizinern gestellt. Die Leute sagten: Der Mensch braucht Krankheit, um den Finger Gottes zu spüren: Er belohnt die Guten mit Gesundheit und straft die Bösen mit Krankheit. Diese Idee ist ebenso schwachsinnig wie die Idee des Krieges. Der Mensch braucht keinen Krieg, ebenso wenig wie er Sklaventum oder Frauenunterdrückung braucht. Was wir brauchen, ist eine vernünftige Konfliktlösungsstrategie, um dem Krieg zu begegnen.
16vor: Aber es wird doch immer wieder neue Konflikte geben. Ist das nicht eine Sysiphusarbeit?
Galtung: Ja, das stimmt. Aber es ist ganz wie für die Ärzte: Es gibt nicht nur neue kranke Patienten, es entstehen auch ganz neue Krankheiten. So wird es ganz bestimmt auch neue Konfliktformen geben. Aber das Grundkonzept ist immer das gleiche. Jeder Konflikt hat eine Ursache, und die müssen wir finden, um ihn zu lösen.
von 16vor


