Kochende Computer

Im September findet in Trier eine internationale Konferenz zum Thema “Künstliche Intelligenz” statt. Teil der Tagung ist ein Computer-Kochwettbewerb, dessen Auswahlverfahren aktuell in die erste Runde geht. 16vor-Mitarbeiterin Nicole Zillien hat die Trierer Wirtschaftsinformatikerin Mirjam Minor zu Kochlöffel schwingenden Computern, computerbasierten Diabetesbehandlungen und der üblichen Skepsis gegenüber Künstlicher Intelligenz befragt.

16vor: Frau Dr. Minor, worum wird es auf dieser Konferenz schwerpunktmäßig gehen?

Mirjam Minor: Bei der Tagung geht es um ein Spezialgebiet der Künstlichen Intelligenz, das “Fallbasierte Schließen”. In diesem Gebiet wird erforscht, wie Computerprogramme eigenständige Erfahrungen machen und diese Erfahrungen – genau wie Menschen – wiederverwenden können, wenn sie vor einer neuen Aufgabe, einem neuen Problem stehen.

16vor: Ein denkbar alltägliches Problem besteht darin, aus vorhandenen Zutaten ein möglichst essbares Gericht zu zaubern. Im Rahmen der Tagung wurde ein Computer-Kochwettbewerb ausgeschrieben, der die Programmierer unter anderem genau vor diese Aufgabe stellt. Wird es demnach auf der Tagung Kochlöffel schwingende Roboter geben – oder wie hat man sich den Wettbewerb genau vorzustellen?

Mirjam Minor: Nein, keine Sorge, es werden keine wild gewordenen Roboter mit heißen Bratpfannen über den Campus fahren – jedenfalls dieses Jahr noch nicht. Wir konzentrieren uns bei dem Wettbewerb auf die Auswahl und Zusammenstellung von Kochrezepten. Wenn jemand beispielsweise Rinderfilet, Möhren, Knoblauch, Gurken und Kartoffeln da hat, könnte ein funktionierendes System eine Caldo Verde und ein Filetsteak mit Bratkartoffeln vorschlagen – und gleich auch die entsprechenden Rezepte mitliefern. Dabei sind auch knifflige Probleme zu lösen: Wie tauscht man im Rezept eine Zutat aus, die der Familie nicht schmeckt? Wie kann man ein Rezept für vegetarische Gäste variieren? Oder wie gestaltet sich ein Kuchenrezept – beispielsweise im Fall von bestimmten Allergien – ohne Nüsse?

16vor: Gibt es denn einen konkreten Anwendungsbezug für solche Programme oder ist der Kochwettbewerb eher ein PR-Gag?

Mirjam Minor: Wenn alles gut geht, schaffen wir beides. Wir wollen damit einerseits unsere Wissenschaft einem breiteren Publikum verständlich machen. Mir fallen aber andererseits auch einige Möglichkeiten für “echte” Anwendungen der Kochprogramme ein, zum Beispiel Online-Rezeptbörsen. Für Leute mit Allergien oder für die Planung bestimmter Diäten eröffnet sich hier ein weites Feld. Wir sind jedenfalls sehr stolz, dass der Trierer Sterne-Koch Wolfgang Becker mit in der Jury des Computer-Kochwettbewerbs sitzen wird, um auch die kulinarische Qualität der Ergebnisse zu bewerten.

16vor: In welchen anderen Bereichen wird diese Form des Programmierens – das “Fallbasierte Schließen“– denn heute schon angewendet?

Mirjam Minor: Es gibt viele erfolgreiche Anwendungen im Bereich des Internet, mit denen wir uns auf der Tagung intensiv auseinandersetzen werden. Konkrete Umsetzungen sind beispielsweise bestimmte elektronische Shops, dort wird Fallbasiertes Schließen zur Verkaufsunterstützung eingesetzt. Wer einfach eine Hose sucht, bekommt eine bestimmte Jeanshose zum Kauf vorgeschlagen. Ein anderer Anwendungsschwerpunkt, der auch auf der Tagung eine Rolle spielen wird, ist die Medizin. So kann zum Beispiel in der Diabetesbehandlung die Insulineinstellung auf Basis von Erfahrungen mit ähnlichen Krankheitsbildern stattfinden.

16vor: Die Einführung von technischen Neuerungen wird üblicherweise mit einer Mischung aus Faszination über das technisch Machbare auf der einen und kulturpessimistischen Befürchtungen auf der anderen Seite begleitet. Inwiefern stoßen Ihre Arbeiten zur Künstlichen Intelligenz auch auf Ablehnung?

Mirjam Minor: Gerade in der Medizin müssen wir immer wieder erklären, dass wir mit unserer Technologie nur unterstützen wollen. Keinesfalls soll die Entscheidungshoheit des Menschen auf die Technik übertragen werden. Die Ärztin kann aber vielleicht fundiertere Entscheidungen treffen, wenn ihr in einer Problemsituation das Erfahrungswissen aus dem Computerprogramm mit zur Verfügung steht. Auch bei der Jeanshose entscheidet letztlich der Käufer selbst, ob das Angebot ihm zusagt oder eben nicht.

Weitere Informationen zur Tagung finden Sie hier.

von Nicole Zillien

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