“Der ‘neue Antisemitismus’ ist nicht neu!”
Mit einem Vortrag des Holocaust-Überlebenden Arno Lustiger über “Stalin und die Juden” wird heute Abend die gemeinsam von der Deutsch Israelischen Gesellschaft Trier und dem Arbeitskreis 3. Welt Saar initiierte Ausstellung “Das hat’s bei uns nicht gegeben – Antisemitismus in der DDR” eröffnet. Im Rahmen der sich anschließenden Veranstaltungsreihe widmet sich Olaf Kistenmacher am Freitag der Frage “Was ist neu am ‘neuen Antisemitismus”. 16vor-Mitarbeiter Thomas Lenz sprach vorab mit dem Kölner Historiker über die tieferen Wurzeln dieses vermeintlich “neuen” Phänomens sowie über die antisemitischen Züge eines linken Antizionismus.
16vor: Sie fragen in Ihrem Vortrag “Was ist neu am ‘neuen Antisemitismus’? Deshalb zunächst die Frage: Wer spricht überhaupt von einem ‘neuen Antisemitismus’?
Olaf Kistenmacher: Das Schlagwort vom “neuen Antisemitismus” kam Ende der 1990er-Jahre mit der Diskussion darüber auf, inwieweit die sogenannte Israelkritik, wie sie von vielen Menschen aller politischen Spektren geäußert wird, antisemitische Züge trage. In der Antisemitismusforschung besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass der “neue Antisemitismus”, was seine Inhalte angeht, nicht wirklich neu ist. Gleichzeitig herrscht aber die Ansicht vor, dass der antisemitische Antizionismus in dieser Form erst nach 1945 entstanden ist.
16vor: Wo und wie ist dieser antisemitisch gefärbte Antizionismus entstanden?
Kistenmacher: In dieser Frage habe ich einen neuen Fund gemacht. Bislang war der Forschungsstand, dass der antisemitische Antizionismus sich nach 1945 in zwei Phasen entwickelt hat: zunächst in Osteuropa bei den stalinistischen Verfolgungen von Jüdinnen und Juden, die als “Zionisten” bezeichnet wurden, obwohl sie kaum eine Beziehung zum neu entstandenen Staat Israel hatten. Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 vertrat dann die “Neue Linke” einen Antizionismus, der zum einen alte antisemitische Stereotype aufnahm, bei dem aber Israel immer wieder mit Nazideutschland gleichgesetzt wurde, was neu zu sein schien. Bei meiner Forschung zum Antisemitismus in der KPD der Weimarer Republik habe ich herausgefunden, dass aber auch der linke Antizionismus vor 1933 bereits antisemitische Züge trug.
16vor: Was genau haben in diesem Zusammenhang Ihre Forschungen zur Weimarer KPD ergeben?
Kistenmacher: Bereits vor 1933 setzte die KPD in ihrer einzigen Erklärung zur “Judenfrage” den Zionismus mit dem Nationalsozialismus gleich, und die KPD unterschied in ihrem Antizionismus auch nicht zwischen der zionistischen Bewegung im britischen Mandatsgebiet Palästina und den älteren jüdischen Gemeinden, die dort bereits im 19. Jahrhundert oder noch länger bestanden. Das zeige ich vor allem anhand der Tageszeitung der KPD, der “Roten Fahne”.
16vor: Dass es nicht nur rechten, sondern auch linken Antisemitismus gibt, ist für viele ja immer noch überraschend. Wo kommt dieser linke Antisemitismus her?
Kistenmacher: Die KPD in der Weimarer Republik presste die verschiedenen Konflikte in Palästina in ein einfaches, aber sehr griffiges Bild: Demnach repräsentierte die arabische Bevölkerung – egal ob arme Fellachen oder reiche Effendis – das Proletariat, die Arbeit. Die Jüdinnen und Juden – egal ob arm oder reich, ob sie eine jüdischen Staat in Palästina aufbauen wollten oder nicht – galten als “Agenten des Imperialismus”, als Vorstoß des Kapitalismus im Nahen Osten. Es ist wichtig, dass dieses Bild bereits bestand, bevor es einen jüdischen Staat gab. Mein Eindruck ist, dass dieses Bild noch heute in der politischen Linken weit verbreitet ist – auch wenn es seit fast 20 Jahren Kritik am linken Antisemitismus gibt.
16vor: Wie äußern sich diese Stereotype heute?
Kistenmacher: Heute finden Sie diese schlichte Wahrnehmung in dem beliebten Bild von dem palästinensischen Jungen, der einen Stein auf einen Panzer wirft. Dieses Bild ist deswegen beliebt, weil es scheinbar die ganzen Konflikte zusammenfasst: Israel und “die Juden” sind demnach der mächtige Staat, Palästina und “die Araber” sind klein und wehrlos und verfügen nur über Steine, um sich zu wehren. Erst in diesem Jahr hat Gregor Gysi zum 60. Jahrestag der israelischen Staatsgründung gefordert, dass der “Antizionismus” für die Linke “keine vertretbare Position sein” könne.
16vor: Die Kritik am Staat Israel und ein subkutaner Antisemitismus gehen in Deutschland gelegentlich eine kaum zu entwirrende Melange ein, aber natürlich ist nicht jede Kritik am Staat Israel gleich antisemitisch. Warum ist gerade das Verhältnis der Linken in Deutschland zu Israel lange Zeit so problematisch gewesen?
Kistenmacher: Mindestens aus drei Gründen: Der Antisemitismus in der Linken war nur sehr selten ein bewusster, offensiv vorgebrachter Antisemitismus. Wenn man die “Rote Fahne”, die Tageszeitung der KPD der Weimarer Republik, durchsieht, gewinnt man eher den Eindruck, dass der Antisemitismus, der sich hier findet – bis hin zu “Juden”, die mit Hakennasen gezeichnet wurden -, nicht wirklich bewusst war. Die KPD übernahm vielmehr, was “man” so über Juden dachte und fügte das in ihren eigenen Antikapitalismus ein. Der zweite Grund ist der Antiimperialismus, der bereits in den 1920er-Jahren entwickelt wurde und für den “Juden” immer als Vertreter des Imperialismus standen. Drittens schien der Hass auf den Zionismus und Israel sich nicht auf Jüdinnen und Juden, sondern auf den “Zionismus” zu beziehen. Dabei hätte die Bombe, die die Tupamaros Westberlin im November 1969 im Jüdischen Gemeindehaus legten, nicht nur deutlich machen können, wozu der “Antizionismus” fähig war, sondern dass für die Neue Linke der israelische Staat und die Berliner Jüdische Gemeinde zusammengehörten.
16vor: Der Soziologe Thomas Haury macht das antiimperialistische Weltbild der radikalen Linken für den linken Antisemitismus verantwortlich. Und aus diesem Antiimperialismus heraus werde dann auch Israel als imperialistischer Brückenkopf der USA verstanden. Gilt also die Formel: Antiimperialismus führt zu Antizionismus und der führt zu Antisemitismus?
Kistenmacher: Thomas Haury hat völlig Recht, dass der Antiimperialismus der Rahmen ist, in dem der Antizionismus von links entstehen konnte. Aber der Antizionismus ergibt sich nicht automatisch aus dem Antiimperialismus. Denn es brauchte dazu gleichzeitig eine beständige Reproduktion antisemitischer Vorstellungen von “Juden” als reich, mächtig, mit internationalen Verbindungen; diese Bilderproduktion versuche ich in meinem Vortrag zu rekonstruieren. Was in den 1920er-Jahren noch deutlicher war als nach 1967, ist, wie der Antiimperialismus der KPD mit einem befremdlichen Antikapitalismus verbunden war: Zur gleichen Zeit, als die “Rote Fahne”, Tageszeitung und Zentralorgan der KPD, gegen den “zionistischen Faschismus” wetterte, behauptete sie auch, dass die NSDAP vom “jüdischen Großkapital” finanziert wurde.
Der Vortrag von Olaf Kistenmacher beginnt am Freitag um 20 Uhr in der Volkshochschule am Domfreihof. Am selben Ort und zur gleichen Zeit wird heute Abend die Ausstellung “Das hat’s bei uns nicht gegeben – Antisemitismus in der DDR” eröffnet.
von Thomas Lenz



18. August 2008 (16:06 Uhr)
….es war viel schlimmer!
Mein jüdischer Vater, Mitglied der KPD seit 1928 (KJVD) überlebte Auschwitz,
Todesmarsch via Mauthausen, Melk und Ebensee und erzählte, daß die Widerstandsgruppe den Juden sagte, daß sie f.d.Gruppe zu gefährlich seien und sich eigenständig organisieren sollten. So waren sie erst recht zum Freiwild geworden.
Ich habe große Schwierigkeiten mit dem Begriff linker Antisemitismus, es ist eine Verschleierung des Tatsächlichen. Es gibt einen Antisemitismus, ob er nun wie in der DDR als angeblicher Antizionismus verschleiert daherkam und es gibt den religiös verbrämten Antijudiasmus, dazwischen steckt die Menschenverachtung.
Wo steht eigentlich geschrieben, daß Linke progressiv sind? Nirgends.
Auch die Ausstellung finde ich sehr zaghaft, weil ich (geb.1947) den gesellschaftlichen Ausschluß in der DDR hautnah erlebte und daheim war eine andere Welt.
Ruth Spicker, Berlin