Veränderte Wahrnehmung?

Donnerstagfrüh öffnet die Trier-Galerie erstmals ihre Pforten. Wie sich das Angebot des 15.000 Quadratmeter Verkaufsfläche umfassenden Shoppingkomplexes auf die Einzelhandelslandschaft der Moselstadt auswirken wird, ist noch ungewiss. Erste Anhaltspunkte könnte die Diplomarbeit der Studentin Anne Rühl liefern. Die angehende Geografin untersucht mithilfe mehrerer Hundert Interviews die Auswirkungen der neuen Laden-Passage auf die Attraktivität der Fußgängerzone, und zwar aus Sicht der Konsumenten. Erste Trends ihrer umfangreichen Erhebungen für die “Vorher”-Analyse zeigen: Von allen Kundengruppen schätzen die Trierer die Einkaufsqualität ihrer City am kritischsten ein.

TRIER. Der Countdown läuft: Ab übermorgen, 8 Uhr, wird in Triers Innenstadt nichts mehr so sein, wie es einmal war. Auf einen Schlag eröffnen mehr als 70 neue Geschäfte, Cafés und Restaurants. Dass dies an der Fußgängerzone spurlos vorübergehen wird, erwartet ernsthaft wohl niemand. Auch Anne Rühl nicht. Doch weder stimmt die angehende Geografin in den Lobgesang der Befürworter ein, noch betont sie die Unkenrufe der Kritiker. Vielmehr nähert sich die 28-Jährige dem Großprojekt mit der gebotenen Distanz und wissenschaftlichen Abgeklärtheit. Glaubhaft versichert sie, dass sie derzeit keine Prognose darüber abgeben könne, wie sich die Trier-Galerie auf die Entwicklung des Zentrums auswirken wird.

In einigen Monaten dürfte Anne Rühl schon näheres wissen, denn bis Anfang 2009 will sie ihre Diplomarbeit im Fach Geografie, Schwerpunkt Raumentwicklung und Landesplanung, fertigstellen. In dieser Untersuchung setzt sie sich mit den Auswirkungen der neuen Shopping-Passage auf die Trierer Einzelhandelslandschaft auseinander, und das von der Warte der Konsumenten aus. Die Folgen des 15.000-Quadratmeter-Komplexes für die Entwicklung der Ladenmieten sind für sie ebenso wenig von Interesse, wie die Konsequenzen der zusätzlichen Mitbewerber für die angestammten Einzelhändler. Stattdessen steht bei Anne Rühl “der Kunde” im Mittelpunkt. So will sie unter anderem in Erfahrung bringen, ob und inwiefern sich die Wahrnehmung der Innenstadt durch die Eröffnung der Galerie verändert, und ob die Fußgängerzone in den Augen der Passanten an Attraktivität gewinnen oder verlieren wird. Auch wie die Konsumenten das zusätzliche Angebot der Passage, das sie bislang ja noch nicht in Augenschein nehmen konnten, bewerten, wird Gegenstand ihrer Arbeit sein.

Luxemburger Kunden sehen Triers Innenstadt in besserem Licht

Exakt 400 Interviews haben Anne Rühl und ihre Unterstützerinnen in den vergangenen Wochen in den Haupteinkaufsstraßen der Stadt geführt. Noch einmal 400 Passanten werden in den kommenden Monaten gefragt sein. Dann wird sie nach der “Vorher”-Analyse auch den “Nachher”-Part in Angriff nehmen, der für eine vergleichende Untersuchung unerlässlich ist. Ihr Fragebogen sei “eine kleine Zumutung”, räumt sie offen ein. Schließlich investierten die Passanten schon mal zehn und mehr Minuten in ihre Diplomarbeit – so lange dauert das Beantworten des 31 Fragen umfassenden Interviews in der Regel.

Umso dankbarer ist Anne Rühl für die Bereitschaft so vieler Menschen, sich auf die Befragung einzulassen. 240 Interviews hat sie bereits ausgewertet, als repräsentativ könne man die bisherigen Ergebnisse indes noch nicht werten, gibt sie zu bedenken. Doch aufschlussreich sind die “ersten Trends” ihrer Umfrage schon, verraten sie doch etwas über Triers Kundschaft. So bewerteten die Befragten die Einkaufsqualität der gesamten Innenstadt im Durchschnitt mit 2,13, also “gut”. Doch ausgerechnet die Trierer schätzten die Attraktivität ihrer City mit einem Mittelwert von 2,35 deutlich schlechter ein, als es zum Beispiel die Luxemburger taten: bei den Konsumtouristen aus dem Großherzogtum kam die Fußgängerzone der Moselstadt auf einen Wert von 1,67. “Insgesamt scheinen Besucher von weiter her die Einkaufsqualität besser zu bewerten als Befragte, die in Trier oder in der näheren Umgebung leben”, folgert Rühl aus ihrem Datenmaterial. Geht es um die Schokoladenseiten der Fußgängerzone, fällt das Urteil der Besucher deutlich aus: Einem Drittel der Befragten gefällt vor allem die Architektur und das Stadtbild, und auch das Flair der City kommt gut weg. Kritik gibt es hingegen für “Filialisierung, Billig-Shops, einseitiges Angebot”.

Schon im Oktober will Anne Rühl ihre “Nachher”-Befragungen durchführen. Dass die Ergebnisse dann noch stark unter dem Eindruck eines gewissen Neugierde- und Neuigkeitsfaktors stehen dürften, ist ihr bewusst. Doch eine spätere Analyse lässt der von der Prüfungsordnung vorgegebene Bearbeitungszeitraum nicht zu. Neben einer Vorher-Nachher-Analyse werden die Ergebnisse ihrer Diplomarbeit auch eine Art Städtevergleich ermöglichen: Eine Kommilitonin aus Bayern arbeitet derzeit ebenfalls an ihrer Diplomarbeit, und auch sie wird sich mit den Auswirkungen der neuen Galerie auf die Attraktivität der Innenstadt auseinandersetzen; allerdings auf die von Passau. Denn in der rund 50.000 Einwohner zählenden Universitätsstadt eröffnet heute in einer Woche die Stadtgalerie Passau. Mit 21.000 Quadratmetern Verkaufsfläche und etwa 90 Geschäften übertrifft der ECE-Shoppingkomplex die Dimensionen der Trier-Galerie deutlich.

von Marcus Stölb

7 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Stephan Jäger schreibt:

    Allerdings schade, dass die “Nachher”-Erhebung so früh erfolgen muß. Die Halbwertzeit für “Hop oder Top” ist in Trier wohl kaum unter einem halben Jahr angesiedelt.

    Vielleicht von der Größenordnung her nicht ganz vergleichbar. Aber interessant hätte ich eine ähnliche Befragung, z.B. bezogen auf ein “bahnbrechendes neues Nightlifekonzept” wie die “Villa Conte”, gefunden. Einmal zwei Wochen nach der Eröffnung. Ein weiteres Mal nach einem dreiviertel Jahr.

    Trierer brauchen eben bekanntermaßen meist etwas länger. Auch um Dinge deren wahrer Bedeutung entsprechend “einsortieren” zu können ;o)

  2. Holger schreibt:

    Das Trierer etwas länger brauchen stimmt wohl, allerdings hat sich die Umfrage im Fall “Villa Conte” doch von selbst erledigt. Ein eindeutigeres Zeichen des Misserfolgs als eine so deutliche und schnelle geänderte Ausrichtung gibt es doch wohl nicht, oder?

  3. Stephan Jäger schreibt:

    @ Holger

    Ja, Abstimmung mit den Füßen!

    Bleibt den mutigen Mietern der Galerie zu wünschen, dass ihnen dieses Schiksal – auch OHNE neues Parkhaus – erspart bleibt.

  4. Kathy Kreuzberg schreibt:

    An dieser Stelle muss ich sagen: Stop! Um was geht es hier überhaupt? Kunde sein UND Triereinwohner sein geht doch ineinander über, man kann das Verhalten der Menschen nicht von den F-o-l-g-e-n ihres Verhaltens und dadurch der Stadtentwicklung trennen.
    Es wird so laufen, wie es in Trier leider immer läuft: Die Phlegmatik wird dafür sorgen, dass das neue Einkaufszentrum gut läuft. Dass kleinere Geschäfte darunter leiden, oder gar untergehen, wie auch kürzlich auf 16vor berichtet, wird wahrgenommen werden, aber der Protest wird (wenn überhaupt) kurz sein.
    Die negativen Folgen des Neubaus waren im Vorfeld klar – eine Gegeninitiative hätte es schon vor Baubeginn des neuen Kaufzentrums geben müssen. Doch Trier ist nunmal Trier und die alten “Revolutionäre” (z.B. des Viehmarkes) lange weg, desinteressiert oder “blind”, anstatt neue nachkommende Kräfte zu erkennen, zu mobilisieren; Vorbild, Lehrer und Stütze zu sein. An einem Strang zu ziehen; das, was sie aufgebaut haben, mitunter auch an Wert- und Moralvorstellungen, weiterzugeben (ich meine… das könnten sie ja mal endlich tun… .).
    Die neue Einkaufspassage Triers zeigt nur einmal mehr deutlich das sehr oberflächliche Interesse der Bürger an ihrer Stadt und ihrer Menschen.

  5. Treverer schreibt:

    vielleicht schätzen die luxemburger die qualität in trier nur höher ein, weil das verkehrsaufkommen in luxemburg-stadt noch unerträglicher ist als in trier (und die parkgebühren ;-) )? jemand der hier lebt, läßt sich eben schwer positiv davon beeindrucken, daß es woanders noch chaotischer ist…

  6. Michael Peh schreibt:

    @Treverer
    “(und die parkgebühren)”
    Stimmt, als Luxemburger nutzt man in Trier einfach die überall ausgewiesenen und zentral gelegenen Anwohnerparkplätze. Das ist bequem, kostengünstig und spart lange Wege.

  7. beckste schreibt:

    ich frage mich doch, was ich als Trierer in Trier will, wenn ich einkaufen gehe: Einkaufen oder Sightseeing? Nach meiner persönlichen erfahrung ist Einkaufen am WE in der Innenstadt einfach eine Qual. Die Stadt ist voll und ständig bleiben an den engsten Stellen Leute stehen, um sich doch die schöne Architektur anzusehen. Da ist ein rasches Durchkommen nicht möglich, da gleicht das ganze eher einem Hindernislauf. Verstärkt wird das ganze dann noch durch die Vermüllung der Innenstadt durch Werbeaufsteller und Leute, die einem Zettel in die Hand drücken wollen. Das macht dann wirklich keinen Spass. Die grundsätzlich unterschiedliche Beurteilung der Innenstadt durch Trierer und Auswärtige erklärt sich zum Teil bestimmt auch aus der unterschiedlichen Sichtweise. Für die Einen Alltag, für die Anderen Elebnistour – wenn Shoppen so was sein kann. Ob die Galerie jetzt positiv zu bewerten ist weiß ich wirklich nicht. Grundsätlich ist sie in der Innenstadt sicher besser aufgehoben als am Stadtrand, aber wozu brauche ich die xte Filiale von Laden x oder y in Trier? Und warum hat das ganze Türen, die spätestens zum Feierabend abgeschlossen werden. Ist Stadt nicht mehr = Öffentlicher Raum? Und wo komme ich denn hin, wenn ich Die Galerie wirklich mal “passieren” will? Ins Parkhaus! Und ob´s da so schön ist? Von der Rückseite des Ganzen mal ganz zu schweigen. Eine Städtbauliche oder gar architektonische Glanzleistung ist die Galerie ja wohl kaum – auf keiner Seite!

    Die Stadt hier wohl leider wieder mal versäumt, rechtzeitig Einfluss zu nehmen, bzw. ein ordentliches städtebauliches, räumliches und architektonisches Konzept zu entwickeln oder zumindest einzufordern. Wenn man schon einen Architekturbeirat hat, sollte man ihn auch fragen und dann auch auf ihn hören! Oder sind jetzt alle im Rat Experten? Eine Anbindung des Moselufers an die Innenstadt, das wird ja wohl seit längerem gewünscht. Da hätte doch eine Passage in die richtige Richtung mal ein Anfang sein können. Aber besser direkt wieder ins Auto, und gar nicht erst bemerken, dass hier auch noch ein Fluss fließt, jedenfalls nicht vor dem Stau auf der Bitburger!

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