Kredit verspielt, Zinsen erhöht
Die Krise auf den Finanzmärkten hat nun auch einige Hundert Trierer Hochschüler erreicht. Studierende, die bei der Finanzierung ihrer akademischen Ausbildung auf die bundeseigene KfW setzen, werden künftig stärker zur Kasse gebeten. Denn das Institut hat den Zinssatz für seinen Studienkredit, den bundesweit bislang rund 43.000 Hochschüler in Anspruch nehmen, zum 1. Oktober spürbar angehoben. Im Studierendenwerk Trier, einem der Vetriebspartner der KfW, erfuhr man erst gestern von der Erhöhung.
TRIER. Kristin kann und will nicht sagen, dass sie völlig unverschuldet in Not geriet. Dass ihre Eltern ihr Studium nicht finanzieren wollten und auch nicht dabei halfen, Leistungen nach dem BaföG zu beantragen, verhagelte ihr zwar den Start an der Uni, doch dank der Hilfe des zuständigen Sachbearbeiters sollte sie nach einigen Semestern doch noch Geld vom Staat erhalten – wenn auch nur für einen kurzen Zeitraum. Weil Kristin sich nach langen Überlegungen und neun Semestern dann entschied, ihr Studienfach zu wechseln, stand sie im Sommer vergangenen Jahres erneut vor dem finanziellen Zusammenbruch: “Ich wusste zeitweise nicht, wie ich mein Studium noch zu Ende bringen sollte”, berichtet sie von den ungewissen Monaten, in denen sie vor allem mit ihren Nebenjobs beschäftigt war. Als dann auch noch die Langzeitstudiengebühren von 650 Euro je Semester hinzu kamen, schien die Situation erst einmal völlig verfahren.
Einen Ausweg für die inzwischen 29-Jährige, die im wahren Leben anders heißt, eröffnete die KfW. Das Kürzel stand einmal für Kreditanstalt für Wiederaufbau, seit April 2006 bietet die KfW-Förderbank, eine Tochter des bundeseigenen Instituts, einen Studienkredit an. Unabhängig vom eigenen Einkommen und Vermögen und dem der Eltern können Hochschüler bis zum 31. Lebensjahr ein Darlehen beantragen. Das ist ein enormer Vorzug gegenüber dem BaföG, dessen bürokratische Anforderungen zahlreiche Studierende schon in schwere Krisen gestürzt hat – unter anderem deshalb, weil nicht wenige Eltern sich weigern, ihre tatsächlichen Einkommens- und Vermögensverhältnisse offenzulegen.
Dass Jura-Studentin Kristin den KfW-Studienkredit in Anspruch nahm, hatte mehrere Gründe: So konnte sie selbst über die Höhe der monatlichen Überweisungen auf ihr Konto entscheiden. Diese müssen zwischen 100 und 650 Euro liegen, wobei die Raten jeweils zu Beginn des Semesters geändert werden können. Zudem fiel der Zinssatz mit zunächst 5,2 Prozent recht moderat aus. Dass dieser Zinssatz variabel ist, war ihr wohl bewusst: zuletzt lag er bei 6,29 Prozent, seit dem 1. Oktober verlangt die KfW nun 7 Prozent. Zugleich wurde der “Höchstzinssatz” von 8,34 auf 9,20 Prozent heraufgesetzt.
Das Trierer Studierendenwerk ist einer der Vertriebspartner der KfW. Obwohl die Änderungen bereits seit fast zwei Wochen in Kraft sind, erfuhr man von dort erst auf Anfrage von 16vor von den Erhöhungen. Entsprechend überrascht zeigte sich gestern Manfred Billen, Leiter der Abteilung Rechnungswesen im Studierendenwerk: “Eine kurze Mail der KfW hätte sicherlich nicht geschadet”. Vonseiten der Kreditanstalt habe es keinerlei Information gegeben, beklagt Billen. Auch auf eine Pressemitteilung glaubte man in Frankfurt/Main verzichten zu können, weshalb nun allenthalben gemutmaßt wird, die Studierenden müssten die Zeche zahlen für Milliardenverluste infolge der Finanzmarktkrise und dem offenkundigen Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter der KfW. Nicht nur unmittelbar Betroffene argwöhnen, dass auch ein Zusammenhang zwischen der Zinserhöhung und der peinlichen Millionen-Überweisung an die bankrotte amerikanische Investmentbank Lehman-Brothers besteht. Kredit verspielt, Zinsen erhöht?
Kreditanstalt verteidigt Erhöhung
Bei der KfW liefert man eine andere Erklärung: “Die Zinsen des KfW Studienkredits sind – ebenso wie die der Bundesprogramme ‘BAföG-Bankdarlehen’ und “Bildungskredit” – variabel und werden alle sechs Monate jeweils zum 1. April und 1. Oktober neu festgelegt”, erläuterte ein Sprecher des Instituts am Montag auf Anfrage. Der Grund für die Erhöhung sei “der seit 2 Jahren steigende Zinssatz des Referenzzinses 6-Montas-Euribor, an dem sich der KfW-Studienkredit orientiert. Dies Bindung an den 6-Monats-Euribor wurde gewählt, um den Kredit so flexibel wie möglich zu machen”, hieß es weiter. Die variable Verzinsung im KfW-Studienkredit ermögliche eine “flexible Gestaltung der übrigen Kreditkonditionen: monatlicher Auszahlungsbetrag, kostenfreie außerplanmäßige Rückzahlungen und Festlegung des monatlichen Tilgungsbetrages in der Tilgungsphase”, verteidigte die KfW die Erhöhung.
Folgt man dieser Darstellung, dann hätte die Zinserhöhung nahezu nichts mit der aktuellen Finanzmarktkrise und noch weniger mit der momentanen Situation der KfW zu tun. Das aber bezweifelt nicht nur der Berliner Tagesspiegel, der in seiner heutigen Ausgabe eine beispielhafte Rechnung aufmacht: “Wer über zehn Semester den Höchstsatz von 650 Euro pro Monat aufnimmt und sich die maximal erlaubten 25 Jahre mit der Rückzahlung Zeit lässt, musste nach dem alten Zinssatz 87.700 Euro Schulden begleichen. Nach dem neuen Satz müssen Studierende 94.000 Euro zurückzahlen”.
Das Trierer Studierendenwerk hat bislang rund 180 Hochschülern ein Darlehen der KfW vermittelt. Tatsächlich betroffen dürften in der Moselstadt aber weitaus mehr Studierende sein, denn der Studienkredit wird auch über verschiedene Trierer Banken vertrieben. Alle Kreditnehmer werden nun nachrechnen müssen, wie sich die klammheimliche Erhöhung auf die Höhe des zurückzuzahlenden Darlehens auswirken wird. Helfen kann ihnen hierbei der Tilgungsrechner auf der Website der KfW. Auch Kristin wird sich auf Mehrbelastungen einstellen müssen, schon jetzt rechnet sie mit rund 12.000 Euro, mit deren Rückzahlung sie spätestens in 23 Monaten beginnen muss. Bis Ende September hatte sie überlegt, ob sie den Studienkredit noch ein halbes Jahr länger in Anspruch nehmen soll. Dass sie sich dagegen entschieden hat, bereut sie seit Montag nicht mehr. Doch auch Kristin wird die Zinserhöhung unmittelbar zu spüren bekommen – wenn sie das Darlehen zurückzahlt. Dankbar für die Möglichkeit des Studienkredits ist sie dennoch: “Ansonsten hätte ich noch mehr arbeiten und entsprechend länger studieren müssen. Das wäre für mich sicherlich teurer geworden”.
Umfassende Informationen über öffentlich und privat gewährte Darlehen für Studierende gibt es beim Deutschen Studentenwerk.
von Marcus Stölb



15. Oktober 2008 (14:28 Uhr)
Wer den Versprechungen der Politik glauben schenkte, dass die Kredit(teil)finanzierung des Studiums studierendengerecht und nicht marktgerecht stattfindet, war naiv. Seit das Bundesverfassungsgericht die Einführung von Studiengebühren an ein Darlehensystem koppelte, konnte jedem, der nicht dem neoliberalen Verständnis von Studium und Bildung anhing, klar sein, dass die Einführung von Kreditinstrumenten für die Bildungsfinanzierung nicht den Interessen der Studierenden dienten und die Zinsentwicklung aufgrund ihrer Marktkonformität noch weniger.
Die Studierenden, die auf den Kredit angewiesen sind, sind den Banken ausgeliefert worden. Das rächt sich nun. Wundern sollte einen das nicht. Ärgern schon. Hoffentlich tuen das die Studierenden. Und wehren sich dagegen.
Die Studienkredite sind Teil des neoliberalen Hochschul- und Bildungsumbaus, das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht.
28. Oktober 2008 (14:26 Uhr)
Der verehrte Vorrednder, Simon Stratmann, wirft einiges durcheinander. Ideologische Konzepte zu bewerten ist die eine Sache, ein Kreditangebot einer (staatlichen) Bank eine andere. Ich wüsset daher gerne, wie genau ein neoliberales Verständnis von Studium und Bildung aussieht, wenn darauf schon Bezug genommen wird. Bildungsfinanzierung durch Kredite ist sehr wohl möglich, jedoch brauchen die Studierenden Planungssicherheit, die nur durch feste Zinssätze – ähnlich wie bei der Finanierung von Immobilien – ermöglicht wird. Ich begrüße die Zinserhöhung der (staatlichen!) KfW Bank nicht, denn diese wirkt abschreckend gegenüber einem Modell des gegbührenfinanzierten Studiums, was schon tragbar ist, wenn es richtig angewandt wird. Studenten benötigen einen festen (niedrigen) Zinssatz!
28. Oktober 2008 (15:47 Uhr)
Gerne gebe ich Auskunft über neoliberale Bildungspolitik.
Sie besteht in einem Verständnis von Bildung als Mittel zur Aneignung einer gesellschaftlichen Position und einer Idee der Universität als Unternehmen. Ein Individuum muss, um in Bildung zu investieren, zunächst einmal einen Kredit aufzunehmen, um dann Gewinne aus diesem ökonomischen Prozess zu ziehen (also die gesellschaftliche Position mithilfe des finanzierten Abschlusses zu erreichen). Universitäten sind mittlerweile Marktakteure, die Geld für Werbebroschüren, Dienstleistungen, etc. aufbringen, um im Kampf um Studierende und Lehrende bestehen zu können.
Die Kernpunkte neoliberaler Politik sind Marktgläubigkeit und Staatsferne. Die Finanzierung des Studiums sollte aber gesamtgesellschaftlich geleistet werden (Stichwort BAföG), die Finanzierung der Universität über Steuerfinanzierung (Stichwort Studiengebühren). Eine privatisierte Bildungsfinanzierung kann nur gelingen, wenn die soziale Selektivität weiterhin so groß ist. Das kein keiner wollen.
Soll man übrigens Schülern auch Kredite vergeben? Oder Kindergartenkindern? Damit sie sich die Pausenbrote leisten können. Wäre mit derselben Logik möglich.
29. Oktober 2008 (12:30 Uhr)
Die Universität als Unternehmen ist nicht schlecht, denn: Die Studierenden sind dann die Kunden. Der Kunde sollte bekanntlich König sein. Wettbewerb unter den Universitäten ist erforderlich, damit die Studenten ein gutes Bildungsangebot bekommen. Sicherlich stimme ich Ihnen zu, dass wir keine exorbitant hohen Gebühren einführen sollten wie in den USA, auch sollten Kredite nicht mit flexiblen Zinssatz vereinbart werden; dies alles entspricht auch nicht einer liberalen Bildungspolitik. Wenn Sie den Liberalen Marktgläbigkeit vorwerfen, dann spiele ich den Ball zurück und unterstelle Ihnen eine (typisch deutsche) Staatsgläubigkeit. Kindergärten sind übrigens schon heute gebührenfinanziert, was für die Eltern jeder Einkommensgruppe erhebliche Kosten nach sich zieht. Ich finde es traurig, dass Sie eine liberale Bildungspolitik gleichsetzen mit einem intransparenten Kreditangebot einer staatlichen Bank. Genau dieses Beispiel zeigt, dass staatliche Institutionen nicht so gemeinwohlorientiert arbeiten wie Sie es sich vorstellen.