Juden, Sinti, Kommunisten, Homosexuelle…

Insgesamt 77 Stolpersteine wurden bislang in Trier verlegt. Sie erinnern an 76 Einzelschicksale sowie die Bewohner der einstigen Barackensiedlung “Im Speyer” im Westen der Stadt. Allesamt passten sie nicht in das menschenverachtende Menschenbild der Nationalsozialisten und mussten deshalb ihr Leben lassen. Die Stolpersteine erinnern an die Opfer des NS-Wahns, doch welche Biographien und Tragödien sich im Einzelfall konkret dahinter verbergen, erschließt sich aus den Mahnmahlen nicht. Jetzt haben die Initiatoren der Gedenkaktion eine Broschüre herausgegeben: “Stolpersteine erzählen” schildert in Kurzbiographien die Schicksale all jener, für die bereits ein Stolperstein verlegt wurde.

TRIER. Dr. Gertrud Schloss war eine Ausnahmererscheinung. Eine Frau, die irgendwie jeder kannte oder zu kennen glaubte; stadtbekannt eben. Im Januar 1899 in Trier geboren, entstammte sie einer alteingesessenen jüdischen Familie. Das allein hätte ihr Schicksal unter den Nationalsozialisten schon besiegelt, doch Gertrud Schloss war nicht “nur” Jüdin, sondern obendrein auch noch Funktionärin der SPD, Lyrikerin und bekennende Lesbierin. Sie verfasste satrische Gedichte auf die Nazis, schrieb für die sozialdemokratische Volkswacht und betätigte sich obendrein als Autorin, deren Stücke auch im Stadtheater aufgeführt wurden. Dass für Gertrud Schloss, die mit Vorliebe Männerkleidung trug, im nationalsozialistischen Deutschland kein Platz war, war ihr recht schnell klar geworden. 1939 wanderte sie nach Luxemburg aus, doch von dort wurde sie 1941 ins Ghetto Lódz/Litzmannstadt deportiert. Im Frühjahr 1942 vergasten Nazis Gertrud Schloss in einem Konzentrationslager.

Nach Gertrud Schloss wurde 1990 in Feyen eine Straße benannt, seit elf Monaten erinnert zudem ein Stolperstein an sie – verlegt auf dem Bürgersteig der Saarstraße, gleich gegenüber jenem Haus, in dem sie zuletzt gelebt hat. Doch weder Stolperstein noch Straßenschild offenbaren die konkreten Hintergründe ihrer Person und ihres tragischen Schicksals. Dafür reicht der Platz nicht auf dem gerade mal 10 mal 10 Zentimeter kleinen Mahnmal im Asphalt. Die Initiatoren des Projekts Stolpersteine in Trier, die Arbeitsgemeinschaft Frieden und der Kulturverein Kürenz, wussten um dieses Dilemma. Deshalb verfassten sie nun eine Broschüre, die jetzt in der Volkshochschule präsentiert wurde.

“Stolpersteine erzählen – Ein Wegbegleiter zu den Mahnmalen für Nazi-Opfer auf den Bürgersteigen der Stadt Trier” liefert Hintergründe zu jenen 76 Trierer Mitbürgern, die in den Jahren der nationalsozialistischen Terrorherrschaft ihr Leben lassen mussten und an die inzwischen Stolpersteine erinnern. Menschen wie Johannes Schulz etwa, dem zum Verhängnis werden sollte, dass Hermann Göring an einem Dezembertag des Jahres 1940 das selbe Restaurant aufsuchte. Schulz, ein katholischer Priester, war gemeinsam mit seinem Mitbruder Josef Zilliken im Gasthaus Waldfrieden am Laacher See eingekehrt, als plötzlich der Generalfeldmarschall aufkreuzte. Beide Priester verweigerten den Hitler-Gruß und wurden daraufhin zunächst nach Koblenz und von dort ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. NS-Schergen ermordeten die beiden, seit dem 30. Mai 2005 erinnern Stolpersteine in der Jesuitenstraße an die mutigen Kirchenmänner.

Mit Zeitgenossen wie Josef Eberhard dürften Schulz und Zilliken wenig gemein gehabt haben, doch auch der gelernte aber arbeitslose Automechaniker und Vater dreier Kinder passte den Nazis nicht ins Konzept. Schließlich war Eberhard Kommunist und Mitbegründer einer Widerstandsgruppe. Gemeinsam mit 35 weiteren Trierern wurde er 1936 angeklagt und von einem Sondergericht wegen “der Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens” zu acht Jahren Haft verurteilt. Nur wenige Monate später fand man ihn erhängt in seiner Zelle, seit vergangenem Februar erinnert ein Stolperstein in der Karl-Marx-Straße an Josef Eberhard.

Die Autoren der Broschüre beschränken sich auf die wesentlichen Informationen, die sich zu den Einzelschicksalen noch recherchieren ließen. Und hin und wieder enden die Kurzbiographien auch mit der Feststellung, dass sich der Lebenslauf nicht bis zum Ende klären lässt. Wesentlichen Anteil an dem Projekt hatte und hat der Historiker Dr. Thomas Schnitzler, der in einem Projektseminar im Fach Geschichte an der Uni seine Studierenden dafür gewinnen konnte, die meisten Daten und Lebensgeschichten zu den Opfern zusammenzutragen. Ein Stadtplan, auf dem die Lage der Stolpersteine verzeichnet ist, sowie ein Glossar mit nützlichen Begriffserklärungen von “Alliierte” bis “Zwangssterilisation”, erleichtern den Gebrauch des Wegweisers.

Durch die “dezentralen Mahnmale” (Markus Pflüger von der AGF über die Stolpersteine) werde “das abstrakte Wissen über den Holocaust sehr konkret”, so Thomas Zuche vom AGF-Arbeitskreis “Trier in der NS-Zeit. Den Biographien voran gestellt ist eine Darstellung des Projekts Stolpersteine sowie jener Gruppen, die von den Nationalsozialisten und ihren Helfershelfern in Wehrmacht und Bevölkerung verfolgt wurden: Juden, Sinti und Roma, Kranke und Behinderte, Kommunisten und Sozialdemokraten, Kriegsdienstverweigerer und Desserteure, Homosexuelle und Christen…

Weitere Informationen über das Projekt Stolpersteine finden Sie auf folgender Website.

von Marcus Stölb

5 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Bingo schreibt:

    Alles, ja wirklich alles was daran erinnert welche schrecklichen Verbrechen in der NS – Zeit geschehen sind ist gut wenn sie aufgezeigt werden. Unsere Nachkriegs – Generation zu der auch ich mich zähle hat vieles verschlafen, vor lauter Wirtschaftsboom, Habsucht und Besserwissen haben wir unsere Kinder vergessen, sie wurden nich aufgeklärt und gewarnt! Lasst es uns nachholen, wir sind wieder in Gefahr! Fred (Österreich)!

  2. Sintiweb schreibt:

    Wir haben das Thema Stolpersteine auch in unserem Forum thematisiert. Wir wollen diese Steine nicht. Nur leider wird die Stimme derer, die heute in der dritten Generation leben überhört. Auch viele Juden haben ein eher negatives Verhältnis zur Aktion und Künstler. Nur gegen Kommerz anschreien, ist oft schlimmer, als gegen Dummheit argumentieren. No Chance!
    Zabi

  3. Rüdiger Rauls schreibt:

    @sintiweb

    Würde mich intessieren, weshalb Sie gegen diese Aktion sind oder was Sie daran kritisieren. Wenn Sie nicht öffentlich darüber diskutieren wollen, können Sie mir Ihre Meinung auch privat zukommen lassen.
    MfG
    Rüdiger Rauls

  4. Sintiweb schreibt:

    die stolpersteine von gunter demnig gehen in deutschland in eine neue diskussionsrunde. immer mehr und mehr betroffene beschwören demnig endlich einzuhalten mit seinem größenwahnsinnigem deutschen projekt. ganz am anfang der aktion von ihm wurden schon seitens der sinti und auch der roma proteste laut mit dem hinweis, wir möchten nicht, dass über sogenannte “mahnmale” unserer toten getreten oder gestolbert wird. die juden schlossen sich zum großen teil an, auch sie wollten die steine nicht. die proteste werden lauter und lauter, der zentralrat der juden meldete sich im vorigem monat erneut sehr betroffen und ärgerlich zu wort.

    demnig ist scheinbar vom vielen steine kloppen ertaubt, gegen jeden einwand erhaben. seine “gedenksteinfirma” läuft heute super- bis ins ausland. die namen der ermorderten sinti hat er ungefragt in SEINE steine gepresst und den deutschen schuhen zum drauftreten und drüberstolpern übergeben.
    unter den deutschen hat herr demnig trotzdem sehr viel zuspruch erhalten, weil sie wahrscheinlich gar nicht wissen, was unsere ermordeten menschen zu den vielen fußtritten sagen würden.

    Das war ein Auszug aus dem Sintiweb Forum und spiegelt die Meinung der Leute wieder.
    MfG zabi
    http://www.sintiweb.de

    g

  5. eva-maria schreibt:

    Im Oktober 2008 waren wir erstmals in Trier und waren über die öffentliche Geschichtsaufarbeitung überrascht und erfreut. Die Menschen müssen mit allen Sinnen auf Menschenverachtendes der früheren – und der Heutzeit aufmerksam gemacht werden. Immer wieder, denn: der Schoß ist fruchtbar noch…

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