Schwarzer Humor in Barsongs und Klezmerstücken
In Trier leben über 100.000 Menschen. An der Uni und an der FH gibt es zusammen 18.000 Studenten. Viele davon, vor allem zugezogene, neigen dazu, sich als besonders ahnungslos und ignorant darzustellen, indem sie behaupten, dass Trier kulturell und auch sonst nichts zu bieten habe. Allein am Sonntagabend fanden unter anderem drei sehr unterschiedliche Konzerte statt: Bei Brahms “Ein deutsches Requiem” in St. Maximin waren 800 Zuschauer zugegen, “Tito and Tarantula” sahen 340 Besucher in der Tufa, und bei den großartigen Auftritten von “Micke from Sweden” und Geoff Berner im Chat Noir fanden sich sechs zahlende Gäste ein. Wo waren die Tausenden Studenten, denen hier angeblich zu wenig geboten wird?
TRIER. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Beziehungsweise: Was es nicht als Klingelton gibt, hört sich der Bauer nicht an. Dies trifft leider auf Trier zu. Allerdings nicht zwangsläufig auf Trierer, wie im Vorspann bereits angedeutet. Der immer noch recht idealistisch arbeitende Veranstalter Ingo Popp kann ein Lied davon singen, wie gefragt interessante, aber unbekannte oder kurz vor dem Durchbruch stehende Musiker in Trier sind. Es ist ein ziemlich trauriges.
Möglich, dass es bald auch der Veranstalter vom Chat Noir anstimmen wird. Einiges von dem abwechslungsreichen, meist anspruchsvollen Angebot im ehemaligen Casino am Kornmarkt stößt auf keine allzu große Nachfrage. Und gerade im Chat Noir sind dies Veranstaltungen, die Großstädte zu wirklichen Großstädten machen. Denn neben großen Theatern sind es Clubs und Kleinkunstbühnen, die fast jeden Abend ein ausgezeichnetes Programm bieten, die in eine wahre Metropole auszeichnen.
Man sollte sich in Trier und der Region also nicht nur freuen, dass es hier ein Angebot an Veranstaltungen gibt, das mit keiner anderen ähnlich großen, deutschen Stadt vergleichbar ist, sondern auch, dass mit dem Chat Noir eine Einrichtung existiert, nach der man sich auch in München, Hamburg oder Berlin die Finger lecken würde.
München, Hamburg und Berlin stehen auch noch auf dem Tourprogramm von “Micke from Sweden”, der am Sonntagabend im Varieté am Kornmarkt auftrat. Es war der perfekte Abend und das perfekte Wetter für die überwiegend finsteren Songs und funkelnden Geschichten des sympathischen Sängers und Pianisten, der, was die Mentalität angeht, offenbar viel vom Wiener Blut seines Vaters in den Adern fließen hat. Große, düstere Balladen (“Waiting for the end”, “Mona Lisa”) wechselten sich mit beschwingtem Barjazz (“No exception to the rule”, “Stop that bus”, “Handcuffed”) ab, was sich mal mehr nach Nick Cave und mal mehr nach Tom Waits anhörte. Obwohl Micke Lohse eine 20-stündige Nachtfahrt von Stockholm nach Köln im Minischlafabteil hinter sich und bei seinem Auftritt gerade einmal eine zweistellige Zahl von Zuhörern vor sich hatte, bereitete ihm das Konzert wie den Gästen sichtlich Freude.
Bei “Shoot me in the head” war jedoch plötzlich Schluss. Mitten im Stück. Weil seine Eieruhr klingelte, die er sich vor einer Stunde gestellt hatte. Da er aber im Gegensatz zu der Person in dem Titel “Mean guy” ein “nice guy” sei, was er überflüssigerweise damit belegen wollte, dass er ein Foto von seiner Katze (“Ziggy”) auf dem Flügel stehen hat, spielte er die Nummer auch noch zu Ende. Um dann die Bühne frei zu machen für Geoff Berner.
Der stark unbehaarte, akkordeonspielende Kanadier, der inzwischen auf eine angenehme Art betrunken war, unterbrach fast jedes seiner rassigen Klezmerstücke, weil ihm eine Geschichte dazu einfiel oder er in einen Dialog mit Micke trat, der im Publikum Platz genommen hatte. Er wurde nicht müde zu betonen, wie gut ihm der Cocktail (“Gouverneur”) schmeckt, an dem er zwischen den Songs saugte, und wie überbewertet er ABBA findet. Berner peitschte mit seinen leidenschaftlichen Stücken, in denen er sich sehr komisch und unbeschwert mit seinen Religionen Judentum und Alkohol auseinandersetzt (z.B. in der Volksmusiknummer “Half German Girlfriend”), derart an, dass man sich gerne eine junge Frau mit weitem Rock und langen Haaren geschnappt, einhängt und wild mit ihr getanzt hätte, bis einem schwindelig geworden wäre. War nur keine da.
Es war aber auch so ein großes Vergnügen, dem anarchistischen, sehr höflichen Akkordeonisten zuzuhören, der mit seiner hohen, traurig-trunkenen Stimme über zu Recht (“King of the gangsters”) und zu Unrecht kriminalisierte Menschen (“Play, Gypsy, play”) und immer wieder über Whiskey, Whiskey und Whiskey (“The Whiskey”, “Whiskey Rabbi”) sang.
Auf solche wunderbaren Veranstaltungen in einer so tollen Atmosphäre wird man vielleicht irgendwann verzichten müssen, wenn es dauerhaft nicht mehr Kulturinteressierte gibt, die nicht nur Auftritte von Künstlern besuchen, die im Chartradio gespielt werden oder im Privatfernsehen zu sehen sind. Und wenn in Trier dann nur noch André Rieu, die “Toten Hosen” und Nullachtfuffzehncomedyhackfressen gebucht werden, hat man wirklich Grund, sich über das Angebot zu beschweren.



4. November 2008 (09:58 Uhr)
Lieber Christian Jöricke,
ich teile den Ärger über die Ignoranz und die Borniertheit des Publikums, das sich besser mal erst 1000fach bestätigen lässt, dass sich der Besuch einer Veranstaltung tatsächlich lohnen könnte, und dann doch dort landet, wo es sich am wenigsten lohnt.
Ich befürchte aber, dass es anderswo (z.B. in Köln) nur bedingt anders zugeht, jedoch bringt derselbe Bevölkerungsanteil eine höhere Anzahl Personen mit sich.
In Köln füllen die Atze Barths halt die Arena, die “Nischen”-Künstler ein Sälchen mit 300 Leuten. Klar, dass diese sich in Zukunft ganz auf die großen Städte beschränken.
Self fullfilling prophecies …
Trier ist auch also auch hier voll auf dem Durchschnitt, gell?
4. November 2008 (11:18 Uhr)
Meine Entschuldigung, warum ich nicht im Chat Noir war, ist nahezu perfekt … ich war an diesem Abend bei Tito & Tarantula in der Tufa. Ein sehr gelungener Abend mit einem hervorragend aufgelegten Tito und guter Stimmungen beim gesamten Publikum.
Support your local presenter!
4. November 2008 (12:49 Uhr)
Hey, der Mann spricht mir voll aus der Seele – man kommt sich bisweilen vor wie der Rufer in der Wüste …
Also Leute, Kulturliebhaber – schaut mal im Chat Noir und auch anderen kleineren Clubs nach, was da so läuft – ihr werdet immer wieder positive Überraschungen erleben !!!
4. November 2008 (13:49 Uhr)
Als einheimischer Ex-Student musste ich mich jahrelang mit dieser These auseinandersetzen. Nicht überall, aber doch ein weit verbreitetes Ignorantentum.
Neben der Kultur verkennen leider auch viele Studen Triers sehr große Historie – ich denke, nicht viele machen sich die Mühe, Trier (samt Kultur, Historie und auch Sport und Menschen) wirklich kennen zu lernen.
Aber warum soll es hier anders sein als anderswo ? Studenten sind auch nur Menschen und damit per Geburt erstmal a) faul :-) und b) einfach :-)
Das heißt wir brauchen Klischees und Vorurteile :-)
4. November 2008 (17:11 Uhr)
Hallo Christian, da stimme ich voll zu. Wirklich guter Artikel. Meine Firma möchte auch Innovationen in die Region bringen, stoßen aber leider auf sehr viel Hindernisse bzgl. Akzeptanz und “Weltoffenheit”. Ich hoffe die Region wird in den nächsten Jahren erwachsener…
4. November 2008 (18:03 Uhr)
Habe mir in diesem Zusammenhang mal das Programm angeschaut und musste feststellen, ihr habt Recht. Es kommen in nächster Zeit: Roger Willemsen, Heinz Strunk (beides Lesungen) und DJ Shantel (bereits auf SummerJam 08 gesehen, sehr geil) und La Brass Banda in den nächsten Wochen nach trier. Danke für den tipp, Ex-Großstädter und “Langzeit”-Trier-Studi
6. November 2008 (00:55 Uhr)
Ich kann die Kritik teilen, allerdings sollte man sich in dem Zusammenhang auch an die eigene Nase fassen, lieber Christian J. ;)
Leider kommen von den meisten kulturellen Ereignissen nur Nachbrichte, und keine Vorberichte. Einer solchen Veranstalung hätte ein bisschen mehr Aufmerkssamkeit im Vorfeld gutgetan. Vielleicht ändert man das in Zukunft und verhilft so den Nischenprogrammen in Trier zu mehr Publikum. Was dieser Stadt sehr gut tun würde.
Der Exiltrierer
Anm. d. Red.: Wir versuchen, auf möglichst viele interessante Veranstaltungen in Form von Meldungen und Interviews hinzuweisen und haben auch über das Herbstprogramm vom Chat Noir ausführlich berichtet. Allerdings ist dies mehr das Kerngeschäft von unseren Kollegen von hunderttausend.de. Hinzu kommt, dass Vorankündigungen in den Medien leider weniger bewegen, als man glaubt, wie sämtliche Veranstalter bestätigen können.
7. November 2008 (10:46 Uhr)
Moin,
ich geb euch recht, wenn ihr anführt, dass Veranstaltungshinweise eher eine Sache von hunderttausend.de sind, aber euren Artikel von August (sic!) als Beispiel anzuführen , find ich jetzt eher peinlich. Mit den Vorankündigen habt ihr vielleicht auch in Teilen recht haben, aber jeder kleinen Veranstaltung tut Medienpräsenz gut.
Vielleicht könnt ihr in Zusammenarbeit mit hunderttausend.de einen kleinen Kulturveranstaltungskalender auf eurer Seite einbauen, der auf den üblichen Mist verzichtet, und sozusagen die Perlen nochmals herausstellt. Würde nicht nur mich freuen.
Der Exiltrierer
7. November 2008 (13:13 Uhr)
Ja ja, ist ja alles schön und gut, aber Sonntag Abend in Trier mit einem Geheimtipp aus der Kabarett-Szene, in einem Lokal, das sich gerade erst etabliert, das ist schon gewagt. Sowas läuft vielleicht in einem Pantheon in Bonn, das dann auch noch häufig vom WDR übertragen wird.
Es gibt inzwischen fast nur noch Bachelor-Studenten hier. Die haben nen vollen Stundenplan an der verschulten Uni mit Anwesenheitspflicht, und verhalten sich demnach wie (ältere) Schüler. In den Ländern, in denen es schon länger dieses verschulte Uni-System gibt, da tun die Studis kaum was anderes als sich zu betrinken – bei belgischen “Studenten-Taufen” geht’s da noch etwas dekadenter zu, was ich hier nicht weiter erläutern will. Das ist das eine Argument.
Das andere ist der Rest von Trier: wie kann ich eine Veranstaltung organisieren, wo nicht einmal aus meinem eigenen Freundeskreis mehr als 6 Leute zusammen kommen. Es geht um Netzwerke, an die man sich mit seiner Party einklinken muss bzw. die man sogar machen muss. In Trier läuft vieles über Hörensagen. Wenn die FH bei einer Party dabei ist, dann kann man fast davon ausgehen, dass viele Studenten kommen, weil das zum Thema in der FH wird. Heute die AB-Foyer-Party wird trotz mittelmäßigen Programms proppenvoll sein, weil es eben Thema an der Uni ist. Wo meine Freunde hingehen, da will ich auch hin; es geht weniger ums Programm als um die Leute. Flucht nach vorne (oder vorher EMUs) ist das beste Beispiel. Es gibt eine Zielgruppe (Feiern), und das Netzwerk stimmt.
Ich denke das Chat Noir ist ein interessanter Laden mit Potenzial, auch in Trier, aber sie müssen sich ihre eigene Szene aufbauen, der Rest kommt dann schon von Hörensagen…