Der ganze Meyer zum Hören

Meyer, Conrad Ferdinand. Das Gesamtwerk - vollständig auf 5 MP3-CDs gelesen von Klauspeter Bungert. 2008Seit Anfang 2004 hat Klauspeter Bungert an einer Hörbuchversion von Conrad Ferdinand Meyers Gesamtwerk gearbeitet. In den vergangenen beiden Jahren durchschnittlich 60 Stunden pro Woche. Nach insgesamt etwa 8000 Arbeitsstunden ist der Trierer Autor, Musiker und Meyer-Fachmann im Herbst mit dem Projekt fertig geworden. Auf fünf MP3-CDs hat er die elf Prosawerke, 230 Gedichte und die beiden Verserzählungen des Schweizer Dichters und Erzählers vollständig und ohne Textveränderung aufgesprochen und im Eigenverlag herausgegeben.

TRIER. Was veranlasst einen Menschen, Tausende Stunden Arbeit in ein Projekt zu stecken, von dem kein im Verhältnis dazu stehender finanzieller Ertrag zu erwarten ist? Wie bei seinen literarischen Gesprächskreisen über Conrad Ferdinand Meyer und bei seiner Publikation “Die Felswand als Spiegel einer Entwicklung. Der Dichter C. F. Meyer als Gegenstand einer psychologischen Literaturstudie” (1994) entstand das Hörbuch mit Meyers Werken aus einer “angenehm und dankbar empfundenden Verpflichtung heraus”, so Klauspeter Bungert. Der Verpflichtung, den Schweizer Schriftsteller aus einem Rezeptionstief herauszuholen. “Auch wenn der Dichter nicht zu den meistgelesenen gehört – es gibt nichts Packenderes und Besseres in deutscher Sprache.”

Seit vergangenen Herbst liegt nun eines der ersten Gesamtwerke eines deutschsprachigen Vertreters der Weltliteratur aus dem 19. Jahrhundert geschlossen als Hörbuch vor. Da Meyer sein Werk ständig überprüfte und überarbeitete – nicht nur hier tut es ihm Bungert gleich -, blieb es jedoch vergleichsweise schmal und beansprucht bei sehr deutlicher, gut zu verfolgender Diktion “nur” knappe 59 Stunden.

Conrad Ferdinand Meyer wurde 1825 in Zürich geboren. Materiell sorgenfrei, aber immer wieder im Konflikt mit seiner Umgebung, konnte beziehungsweise musste er sein Schaffen einem langwierigen Reifeprozess unterziehen. Erst als 46-Jähriger veröffentlichte er sein erstes gültiges Werk, die erste Fassung der Versdichtung “Huttens letzte Tage”. Der Dichter, der 1875 heiratete und Vater einer Tochter wurde, starb 1898 in Kilchberg bei Zürich in einem Landhaus, das er 1877 erworben hatte.

Meyer gilt in der Germanistik als “Meister der historischen Novelle” (“Das
Amulett”, “Der Heilige”, “Jürg Jenatsch”), der historischen Ballade (“Die Füße
im Feuer”, “Der Pilger und die Sarazenin”) und des so genannten
Dinggedichts (“Der römische Brunnen”, “Die Felswand”, “Abendwolke”, “Requiem”). Und sicher findet der geschichtsinteressierte Leser packende Anregungen im Werk etwa zum Machtkampf zwischen dem Kanzler, späteren Bischof und Kirchenheiligen Thomas Becket und König Heinrich II. von England, zu den Graubündner Befreiungskriegen um Georg Jenatsch oder zum Hugenottenmassaker der Pariser Bartholomäusnacht.

Tiefergehend handeln die knapp gearbeiteten, konsequent auf Steigerungen
ausgelegten Stoffe aber vom Menschen, seinen Anlagen, Verbindungen und
Konflikten, der Macht der Umstände und der zweideutigen Stellung der
Institutionen. Selten begegnen dem Leser “normale” Liebesgeschichten wie bei den Zeitgenossen Keller, Raabe oder Storm. Die Welt wird modern und brüchig empfunden, und auch die Menschen, die sich in ihr zurechtfinden müssen, sind es.

Ergänzt wird das auf fünf MP3-CDs gebannte Programm durch einen
Einführungsvortrag Bungerts in Leben und Schaffen des Dichters und den
Live-Mitschnitt einer Lesung Clelia Meyers im Meyerhaus Kilchberg. Die
Urgroßnichte des Dichters, die im Zürcher Tourneetheater wirkte und heute in Deutschland lebt, spricht Meyers Novelle “Plautus im Nonnenkloster”.

Die Kassette ist über den Buchhandel zu beziehen oder direkt über
MK-Produktion, Im Eichenhain 23, 54538 Bengel, E-Mail: musikkreis@t-online.de.

C. F. Meyer: Das Gesamtwerk – vollständig auf 5 MP3-CDs gelesen von
Klauspeter Bungert. Inklusive Bonusmaterial 61 Stunden 21 Minuten (Hörproben unter www.autoren-theater.de). Unverbindliche Preisempfehlung für Deutschland: 39,90 Euro.

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1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. melchior frommel schreibt:

    höchst bewundernswert und erfreulich!
    Die frage des herrn Jöricke nach einem “im verhältnis” zum aufwand “stehenden finanziellen ertrag” verwundert mich. Würde man eine liste der bekannten großen kulturleistungen und des jeweils damit erwirtschafteten finanziellen ertrags aufstellen, wäre selbst dort, wo das verhältnis zu stimmen scheint, auf die frage, was denn die veranlassung für tausende arbeitsstunden gewesen sei, eine lediglich auf den gelderwerb verweisende antwort nicht unbedingt vollständig und befriedigend.
    Die “angenehm und dankbar empfundene Verpflichtung” möchte der leser gerne genauer erklärt bekommen. Wann und wie entstand sie und worauf beruht sie vor allem?
    Herrn Bungert gratulation für seine ausdauer, seine begeisterungsfähigkeit, seine unbeirrbarkeit beim anpacken, durchführen und beenden einer solchen selbstgestellten mammut-aufgabe.

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