Kernige “Winterreise”

Daniel Lewis Williams begann seine Theaterlaufbahn in den 1970er Jahren in Trier und wurde einer der jüngsten “Ochs auf Lerchenau” der Operngeschichte. Und er sang, von seinem Mentor Kurt Böhme beraten, so überzeugend, dass er mit dieser Partie den Grundstein einer bis heute anhaltenden internationalen Karriere im seltenen Stimmfach des Basso profondo – tiefer Bass – legte. Dennoch blieb der sympathische Amerikaner seiner rheinland-pfälzischen Wahlheimat verbunden und zieht sich zwischen Engagements in allen Kontinenten, wo es Opernhäuser und Konzertsäle gibt, in die Region zurück, um zu regenerieren, zu unterrichten und in Konzerten öffentlich oder zu besonderen Anlässen, aber auch immer mal wieder im Haus am Augustinerhof mit seinem Können zu glänzen.

TRIER. Glänzen tut Daniel Lewis Williams auch auf der CD-Veröffentlichung, die ab Mitte Januar im Musikalienhandel erhältlich ist und einen Live-Mitschnitt mit Franz Schuberts berühmtem Liederzyklus “Die Winterreise” enthält. Und sie zeigt eindrucksvoll, worauf sich dieses Können stützt. Auf eine in der Tat profunde Stimme, kerngesund, im doppelten Wortsinn: kernig und gesund, ungeachtet der tiefen Lage immer strahlend, mit dem berühmten “Metall”, einem Hauch von Helligkeit, volltönend warm – eben, Sonne leuchtet darin -, fern von allem Mulmigen oder Dumpfen. Dann auf Fleiß. Intonation und Sprachverständlichkeit sind ungewöhnlich gut, jede Phrase bewußt angegangen, jeder Atembogen genau gestaltet. Und dann spürt man: Der Sänger ist, wenn er singt, bei seiner Sache und bei sich selbst.

Am Flügel unterstützt Thomas Schubert. Der Namensvetter des “Winterreise”-Komponisten trat auch selber als Komponist hervor. Unter anderm erstellte er die facettenreichen Klavierparts zu einigen Spirituals, die man aus etlichen Konzerten mit Williams kennt. Er hat eine angenehm natürliche Art, Klavier zu spielen, und gibt einen klassischen, schlanken Schubert. Konsequent hebt er Einzelstimmen hervor. Das klingt nach Klavier und vertraut. Auf die Gesamtlänge der fast 75 Minuten, die die Aufführung dauert, hätte eine etwas orchestralere Spielweise der dramaturgischen Spannung und Geschlossenheit möglicherweise gutgetan.

Populäre Liederzyklen in der Originalbesetzung mit schwarzem Bass gibt es leider kaum. So musste der Sänger für seine erste Solo-CD auf eine transponierte Fassung dieses ursprünglich für Tenor vorgesehenen Werks zurückgreifen. Den Wechsel in die tiefe Tonlage wird mancher, der die dunklen Stimmen bevorzugt, unbedingt begrüßen, ein Purist dagegen allenfalls mit weithergeholten Argumenten monieren. Zu beleuchten bleibt allerdings der Ersatz eines Gesangsideals, das pubertär-manische, kränkelnd melancholische Selbstbilder zum Ausdruck zu bringen scheint (Franz Schubert – Wilhelm Müller), durch den sonoren Vortrag eines von Gesundheit strotzenden stabilen Mannsbildes. Die Verschiebungen, die sich ergeben, sind spannend und bieten reichlich Diskussionsstoff.

Das Konzert im Kloster Walderbach / Ostbayern wurde von Wolfram Kangler mit natürlichem Raumklang eingefangen und für die CD technisch bearbeitet.

Franz Schubert: Die Winterreise. Daniel L. Williams, Bass. Am Flügel: Thomas Schubert. Konzertmitschnitt vom 25. November 1995, Barocksaal, Kloster Walderbach.

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