Wenn die kleine Eva nicht geweint hätte…
Konzerte der “Flippers” sind anders als andere Konzerte. Nirgendwo sonst gehen während der Veranstaltung weniger Digitalkameras und Fotohandys in die Höhe, und nirgendwo sonst sind in der Pause die Schlangen vor den Toiletten länger. Und wenn es für die Auftritte des Trios eine Altersbegrenzung bis 60 gäbe, würde man wahrscheinlich nicht mehr genug Teilnehmer für ein Fußballspiel zusammenbekommen. Weil dem nicht so ist, sorgten am vergangenen Samstag mehrere Tausend Fans für eine fast ausverkaufte Arena.
TRIER. In einem “Flippers”-Forum kann man den Kommentar einer “Schottin” lesen, die das Bedürfnis hatte, dort mitzuteilen, dass sie “Schlager Mukke” hasse. Daraufhin antwortete empört und mit einer eigenwilligen Interpunktion ein “TheOldMan”: “Lieber (sic!) Schottin, es gibt auch Leute die nicht nur immer bummm, bummm, hören wollen!” Entweder ist “TheOldMan” kein “Flippers”-Fan oder er merkt da etwas nicht.
Denn “bumm, bumm” beziehungsweise “uffda, uffda” macht es auch bei den “Flippers”, wenn man mal die neueren Stücke wie “Du bist der Oscar meines Herzens” (2006), “Auch wenn ich Millionär wär (O lala)” (2007) oder “Ay, Ay, Herr Kapitän” (2008) sowie die “aufgepeppten” älteren Songs vor allem bei einem Konzert hört. Manfred Durban war schließlich einer der Ersten im deutschen Fernsehen, der monoton auf zwei lächerlichen, mehr an Operationsgeräte als an ein Musikinstrument gemahnende Elektro-Trommeln herumtippte. Deshalb unterscheiden sich die Delfinkettchenträger auch nur darin von Kirmestechnomusikanten wie “Scooter”, dass ihre Texte deutsch und bloß mit halb so vielen Beats unterlegt sind, so dass man noch gut einen Foxtrott dazu tanzen kann.
Vor 40 Jahren entstanden die “Flippers” (ob auch über die Namen “Die Lassies” oder “Die Mr. Eds” diskutiert wurde?) aus der “Dancing Show Band”, einer Tanzkapelle, die in Festzelten und auf Hochzeiten spielte. Daran hat sich bis heute nichts geändert, nur dass das Trio nicht mehr in Festzelten und auf Hochzeiten spielt. Mucker sind sie geblieben. “Weine nicht, kleine Eva”, ein Stück, auf das wohl keine Trägerin dieses Namens gerne angesprochen wird, machte sie 1969 berühmt, und seitdem wird produziert, dass die Heide weint. Pro Jahr veröffentlichen die drei gelernten Werkzeugmacher im Durchschnitt mindestens ein Album, auf dem Julias, Mamas, Majas, Rosemaries, Marlenas, kleine Sonjas, Bella Senoritas, Rock ‘n’ Roll Ladies, Isabells, Malaikas, Summer Ladies, Mexican Ladies und Mädchen in Capri, Napoli, Cuxhaven, Mexico, St. Tropez, Moskau, auf Rhodos, Barbados, Malle und vom Lago Maggiore besungen werden. Die “Flippers” sind Schlagermalocher, Schlagerfabrikanten. 33 (!) Titel umfasst ihr aktuelles Programm. Die Medleys nicht eingerechnet.
Zu der musikalischen Massenware kommt eine Bühnenshow, die man für eine Überspitzung von Heinz Strunks Roman “Fleisch ist mein Gemüse” halten könnte. Der blonde Michael-Schanze-Typ Bernd, der an diesem Abend etwas indisponierte Manfred (Textprobleme, beim Tanzen fast gestürzt) und der staatlich geprüfte Tennislehrer Olaf tragen Anzüge, die selbst Guildo Horn zu geschmacklos fände. Die Videoprojektionen mit Palmen, Herzen und Kerzen sehen aus wie Vorlagen von einem besonders billigen Animationsprogramm, und die Witze, die die drei Glitzertischfeuerwerke zünden, stammen aus dem Papierkorb von Fips Asmussen. “Und, wie war der Urlaub mit deiner Frau?” “Prima, wir hatten fast jeden Tag Sex.” “Echt?” “Ja, fast am Montag, fast am Dienstag, fast am…”
Wer das Trio auf der Bühne für “ehrlich” und “natürlich” hält, glaubt auch, dass es alle Stücke live singt und spielt. Die Auftritte wirken so spontan, abwechslungsreich und vergnüglich wie ein Zehn-Stunden-Tag in einer chinesischen Textilfabrik. Und genauso gucken die Drei auch. Besonders lustlos und gezwungen klingt von dem Mann an den elektronischen Bratpfannen das durchaus berechtigte Lob, die Stimmung im Publikum sei “super”, “hervorragend” und sogar “weltklasse”. Die “Three Stooges” des Dance-Schlagers beschränken sich auch auf diese Adjektive. Verwundern tut das nicht. Nach mehreren Tausend Konzerten kann die Euphorie nun mal nachlassen. Wenn man 40 Jahre lang verheiratet ist und mit seiner Frau die meiste Zeit vor der Glotze verbringt, fällt es ja auch schwer, später vor dem Einschlafen glaubhaft zu sagen: “Du, das war ein ganz toller Abend”.
Nach der zehnten Nummer dürfen die besonders dankbaren Fans Geschenke an der Bühne abliefern. Eingeleitet wird dieses Ritual durch das wenig charmant geäußerte Stichwort “Eierlikör” von Manfred, der dabei eine Handbewegung wie ein Straßenräuber macht. Am meisten Alkohol bekommt komischerweise der sportliche Olaf. Vielleicht weil ältere Frauen ihn wegen seiner Gitarre und wegen der bei Zeilen wie “Ich brauch’ dich” nach hinten gezogenen Becker-Faust für einen Rockmusiker halten. Und von denen liest man ja immer, dass die so viel trinken.
In der zweiten Hälfte stecken die drei biederen Badener, die alle in Pforzheim oder der Umgebung leben, in anderen grauenhaften Anzügen. Sie machen penetrant Werbung für ihr neues Buch, was sie in dem Maße gar nicht nötig haben. Allein das Konzert in Trier dürfte ihnen an die 100.000 Euro eingebracht haben, und die Anhänger kaufen ihnen eh alles ab. Seit Ende der 60er unter anderem mehrere Millionen Platten.
Ihre Betriebsamkeit, ihre schlichten Melodien und treibenden Rhythmen und das einfache und geordnete Weltbild, das sie und andere Vertreter des Schlagers und der Volksmusik vermitteln, machen ihren Erfolg aus. Sie werden nicht müde zu betonen, wie sehr sie ihre Ehefrauen, ihre Kinder und vor allem die Enkel, die Musik und ihre Fans lieben, und ihre Fans lieben sie dafür. Aber auch für jemanden, der nicht am Leben von Promis in Friseurzeitschriften wie dem “Goldenen Blatt” oder der “Freizeitwoche” teil hat, ist ein Auftritt der “Flippers” bereichernd. Man verlässt das Konzert mit dem Gefühl der Unsterblichkeit. Denn was soll einem jetzt noch etwas anhaben können?!





26. Januar 2009 (11:53 Uhr)
Sehr witzig! Ich harre in freudiger Erwartung auf Reaktionen der älteren Jüngerschaft der beschriebenen Tanzkapelle.
27. Januar 2009 (10:09 Uhr)
Großartige Rezension! Bitterböse…
Habe Tränen gelacht; muss daran liegen, dass ich nicht Eva heiße…
27. Januar 2009 (14:27 Uhr)
Köstlich geschrieben-genial nur eins fehlt: die Tausende von schlagerseeligen Eintrittzahlern merken nicht das alles playback ist….dann ist die Cd zu Hause doch billiger…..einfach nur furchtbar und seit Generationen denkt man: Irgendwann müssen diese “Musik”liebhaber doch mal aussterben. Da kann man nur noch weinen kleine Eva….
28. Januar 2009 (22:35 Uhr)
Sehr geehrter Herr Jöricke,
toll, mal wieder voll die Klientel der 16vor-Leser bedient, sich als “Bela Anda”-der Kulturarroganz die Vorurteilsvolle Meinung in die Welt posauniert und die “Jubelperser” wie z.B. der sog. “Metallkopf” zu Bestätigungskommentaren hinreißen lassen, welche die Deutungshoheit über den deutschen Schlager in Erbpacht haben. Wirklich Journalismus vom Feinsten. Ceaucescus Hofberichterstatter hätte seine helle Freude gehabt. Warum sind Sie dorthin hingegangen? Für lau fressen und saufen auf den Presseausweis? Berufsethos und unvoreingenomme Neugier sind ja wohl daheim auf der Couch geblieben. So blieb das Niveau des Artikels knapp unter dem musikalischem Können der Hauptdarsteller des Abends. “Leute vernennen” kann jeder! Pseudointellektualität und Borniertheit sind wohl einiige Zwillinge. Tipp: Lassen sie doch die Schlagerfuzzis in Ruhe ihr “Tagwerk” verrichten, es ist schade um die Zeit, sich darüber ironisch zu ergießen. Denn wie der Schwede zu sagen pflegt: “smaken är som baken – delat” (Der Geschmack ist wie der… – geteilt”
In diesem Sinne
29. Januar 2009 (10:52 Uhr)
…. Weine nicht (tuff tuff), kleiner Querbeiiiiiiiiiiiideeeeeel….
1. März 2009 (17:41 Uhr)
haha kann nur lachen über diese Kommentare warum gehen sie überhaupt zu solchen KOnzerten? Ich finde die Flippers super bin schon über18Jahre Fan und werde es auch weiter sein.