Leeve Fastelovendsjecke,

wie heißt es es im rheinsten Karnevalesisch so unschön: et ess widder so wigg! Kölsch ist wieder Leitkultur. Gott stehe uns bei. Wer die erschütternde Archaik der Straßenriten der Bevölkerung in der rheinschen Tiefebene einmal vor Ort studiert hat, der weiß, warum selbst diese Menschen zu diesen Ausbrüchen nur vermummt fähig sind. Und es schwappt über, immer mehr, auch zu uns…

Michael Kernbach Wohin das Auge schweift: Hooligans des Frohsinns, aufgetankt mit mehr Sprit als eine Boeing braucht, um diese Kreaturen auf den Ballermann auszufliegen, marodieren durch unsere Fußgängerzonen und verhalten sich, wie es einst siegreiche Besatzer einer gefallenen Stadt angedeihen ließen.

Wen soll das aber wirklich wundern? “Dschungelcamp”, El Arenal, “Big Brother”, “Bauer sucht Frau”, Heidi Klum: das kann man nicht immer nur dem Prekariat unterschieben. Offenbar sind wir alle ein bisschen Malle. Anders lassen sich die immer weiter anschwellenden Helau-Horden auf allen Marktplätzen der Republik nicht erklären.

Zeit, die eigene Verweigerungshaltung zu überdenken. Schließlich will man ja am Ende nicht als die uncoole und spießige Spaßbremse rumstehen, während alle anderen die Gelegenheit nutzen, sich mal wie Bonobo-Affen zu gebärden.

Was kann man tun? Es gibt etwa die Möglichkeit, über die Aussage des Kostüms einerseits mitzufeiern und den anderen Deppen trotzdem den Abend zu verderben. Als Jesus Christus etwa, als Bischof Williamson oder als Hanns Martin Schleyer verkleidet, lassen sich bestimmt basische Diskussionen über den politischen Wert des Karnevals antriggern. Trümmerfrau-Outfit oder ein Pappschild mit der Aufschrift “Suche Arbeit, mache alles!” könnten dem Karneval durchaus eine kritische Note geben. Und sind ab Herbst auch im realen Leben wieder verwendbar.

Eine andere Möglichkeit wäre es, das Gelände genau zu sondieren und nur mit den Jecken intensiven Kontakt aufzunehmen, die ebenfalls über ihre Verkleidung klar eine Message formulieren und zum Nachdenken animieren wollen. Halbnackte Girls im Krankenschwesternkostüm etwa, die so ihren Protest am Zustand unseres Gesundheitswesen postulieren. Oder “Fluch der Karibik”-Piratenverschnitte aus Daun und Wittlich, die in ihrem Umgang mit dem weiblichen Geschlecht handgreiflich demonstrieren, dass das Seeräuberproblem nicht nur eines der Küste Somalias ist und dringend einer Lösung bedarf.

WerbungWem das alles keine goldene Brücke in den Rosenmontag ist, weil er einfach nicht genug Alkohol verträgt und die Songs von Möhre, Schnitte, Olaf Hennig und den Höhnern auch ohne drei Promille zum Kotzen findet, der kann natürlich wie jedes Jahr abhauen. Problem: Hat ja im Moment jeder Angst davor, dieses in Urlaub investierte Kleingeld morgen beim Bäcker schmerzlich zu vermissen. Und dann womöglich verhungert – nur wegen Karneval. Also diesmal kein Fuerteventura. Aber dann, wohin? In Deutschland gibt es kaum mehr nicht karnevalistisch infizierte Flecken.

Gute Neuigkeiten kommen von einem Ort, an dem keiner die Rettung vermutet hätte. Mitten im Auge des rasenden Orkans, in der Stadt mit den vier Buchstaben und der Lizenz zum Tröten, da schließen barmherzige Möbelhausketten über die tollen Tage ihre Häuser für die vom Konfetti Gequälten bis 22 Uhr auf. Im Möbelzentrum Rösrath bei Köln legen sie dir bei Einkäufen von 1000 Euro am Rosenmontag gleich einen Fernseher mit auf die Sitzecke drauf, die “Porta Möbel” in Köln-Marsdorf machen aus ihrer Kundenkantine eine Pianobar und servieren kostenlos Pina Coladas. Oder war es umgekehrt? Egal. Jedenfalls Möbelhousing gegen die Höhnergrippe. Ist das schon eine kulturelle Konterrevolution? Knautschsäcke statt Knutschflecke, Papierlampen statt Pappnasen? Oder ist das nur das gurgelnde Absaufgeräusch der rheinischen Möbelindustrie in der Wirtschaftskrise? Egal, ich gehe auf jeden Fall in die Pianobar, Longdrinks für lau, lecker. Wir Verweigerer sollten uns dort demonstrativ treffen, im Discount-Möbelmarkt, dem letzen Zufluchtsort des guten Geschmacks. Vielleicht kann der Mann am Klavier auch was von den Bläck Fööss spielen, ist ja schließlich Karneval.

Klatschmarsch bitte,

et Botterblömche

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