Liebes Trier 2.0,

es gibt Momente im Leben, in denen selbst ich nicht mehr weiß, was ich dazu noch sagen soll. Seit der Bekanntgabe der Ergebnisse der Userumfrage von 16vor steht meine virtuelle Welt total auf dem Kopf.

Michael KernbachWer hätte je gedacht, dass Marcus Stölb und Christian Jöricke dieselbe Kernzielgruppe bedienen wie Hugh Heffner vom Playboy (siehe Seite 6)?! Und wer hätte je gedacht, dass ausgerechnet diese Zielgruppe – männlich, Mitte Dreißig, gut gebaut und gut gebildet -, dass also ausgerechnet Alphamänner in den besten Jahren, (übrigens auch das bevorzugte Werbewild der elektronischen Unterhaltungsindustrie), nicht lauthals nach einem “Trier-Mate des Monats” und einer fetten Autoseite schreien, sondern im Gegenteil erklärtermaßen keinen Bock auf multimedialen Schnickschnack auf ihrer regionalen Newssite haben?!

Mir sprengt das fast den Kopf. Vielleicht wollen diese Leute, die ihre Topgehälter eigentlich nur durch ihr ständiges Mithalten gerade auch bei der Entwicklung im Internet sichern können, wenigstens in ihrer knappen Freizeit genüßlich in ihrer Onlinezeitung blättern, ohne dabei von Videoblogs und WebTVs gestört zu werden. Wer die Einstellung eines Teils der Redaktion zu diesem neumodischen Krimskrams kennt, der könnte vielleicht sogar vermuten… aber nein, so unseriös ist bei dieser Zeitung nur der Kolumnist.

Vielleicht haben wir hier die erste echte Nostalgiewelle im Netz. Ach, wie war dat schön, damals, als noch nicht jeder Vollpfosten mit seinen Fotos und Filmchen in unserem Internet rumgeprollt hat. So wie jetzt gerade wieder die ganzen Schmierfinken, die unter ihrem “Echt”-Namen oder einem Webpseudonym über den YouTube-Auftritt von Berti Adams herziehen. Der, auch so ein echter Schädelsprenger, zwar seine eigene Zielvorgabe mit dem Clip locker erreicht hat, davon aber jetzt gar nicht richtig begeistert ist.

“Berti und Bernd” sollte doch nach Wunsch der Macher Kult werden. Und tatsächlich, es finden sich User, die dem Film Trash-Qualität nachsagen: die unabdingbare Grundvoraussetzung für ein Kultvideo im Internet.

Statt sich aber die Hände zu reiben und auf eine Chartnotierung bei YouTube zu hoffen, zeigen sich die Chrissies in der Wurstküche nun von der beleidigten Leberwurstseite. Was denn nun? Kult? Oder doch nur Käsekuchen, wie ihn die ganzen anderen Mitbewerber (wohl schlauerweise) in fußlahmen Bewerberspots und nur der Vollständigkeit halber der tendenziell hämischen Net-Community zum Fraß vorwerfen.

WerbungIch persönlich fürchte fast, dass dies halt passiert, wenn man mit Dingen rumspielt, von denen man keine richtige Ahnung hat. Allein schon der Ansatz mit der Milchmädchenrechnung. Grün, Rot, Nichtwähler = Jung = YouTube-Clip und schon passt das. So doof ist selbst der politische Gegner in den eigenen Reihen nicht.

Vielleicht wäre dieses Malheur auch nie passiert, wenn der CDU zum Drehzeitpunkt die Umfragedaten von 16vor vorgelegen hätten. Wer dreht schon Kultvideos, wenn es nachweislich in der Multiplikatoren- und Entscheiderszene der Region daran gar kein Interesse gibt. Was sage ich – dass man dort derlei Art der Selbstdarstellung eher als peinlich und unseriös empfindet. Das alles macht mich total konfus, und hätte ich so einen Ausgang der Umfrage nur im Entferntesten erwartet, hätte ich noch 50 Bögen mehr ausgefüllt. Dann gäbe es bald in diesem Auftritt das von mir längst eingeforderte Verbraucher-TV “Stiftung Warenteff” oder eine von meiner Mutter moderierte Kochshow. Nächstes Jahr bin ich da fleißiger.

Aus dem Jenseits der Kernnutzergruppe grüßt herzlichst,

Michael Kernbach 3.0

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