Nichts wirklich Neues im Westen
Stolz präsentierten Kulturdezernent Ulrich Holkenbrink und Theaterintendant Gerhard Weber in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz die längst überfällige Programmneukonzeption der Antikenfestspiele. Wirklich neu ist jedoch nichts. Im Prinzip hält man an den drei Säulen Oper, Schauspiel und Festspielkonzert fest, will je nach finanzieller Ausstattung neben dem Symposium noch weitere Rahmenveranstaltungen anbieten. Wie neu der Wein in seinen alten Schläuchen tatsächlich ist, wird nicht nur Arrigo Boitos Oper “Nerone” im Jahr 2010 zeigen, sondern auch die bis ins Detail konkretisierte Konzeption der nächsten Festspiele 2010.
TRIER. Einst von dem umtriebigen Heinz Lukas-Kindermann und seinen Mitstreitern gezeugt und ausgetragen, sollten die Antikenfestspiele eine im Trierer Kulturleben bis dahin noch nicht gekannte Erfolgstory für die Moselmetropole und sein römisches Erbe werden. Doch nicht nur das unberechenbare Sommerwetter am westlichen Rand Deutschlands, wo man erst lernen musste, dass die Wettervorhersagen aus Luxemburg zutreffender sind als die des Deutschen Wetterdienstes in Frankfurt, ließen das neue Festival-Flaggschiff in einer schier endlosen Folge aus Pleiten, Pech und Pannen über die zuweilen unberechenbaren Kulturmeere unter freiem Himmel schlingern.
Die Pleiten waren, abgesehen von dem ein oder anderen Kritiker-Verriss, meist finanzieller Natur, wurden aber stets aus der Tasche des heimischen Steuerzahlers nachträglich retuschiert. Pech gab es, wie schon gesagt, mit dem Wetter, Pannen beim Marketing, der Logistik und so mancher Premierennachfeier. Alles in allem boten die Festspiele stets aber reichlich Nährstoff für die vom Sommerloch geplagten Kulturresorts der Presse. Diese war nun angeblich auch schuld daran, dass das Antiken-Konzept 2009 in der Öffentlichkeit derart heiß diskutiert wurden, dass sich die Verantwortlichen zu einer Auszeit zwecks inhaltlich-konzeptioneller Neuorientierung genötigt sahen.
Doch was ist neu? Die Antikenfestspiele sollen das Aushängeschild einer noch zu entwickelnden Dachmarke “Antikes Trier” werden. Um hierbei besser mit Veranstaltern wie dem “Mosel Musikfestival” oder “Brot & Spiele” kooperieren zu können – erste unverfängliche Gespräche haben wohl schon stattgefunden – werden die Antikenfestspiele in den Juli verlegt. Die Analyse der Wetterdaten der letzten 59 Jahre zeigt denn auch, dass diese terminliche Verschiebung durchaus positive Auswirkungen haben kann. Während die Monate Mai bis August durchschnittlich gleich viele Regentage aufweisen, ist der Juli jedoch mit durchschnittlich 18° Celsius und der längsten Sonnenscheindauer pro Tag der wärmste. Wenn es 2010 dann mal wieder heißt “I’m singing in the rain”, wird man im Hitzestau des Talkessels den Regen nicht mehr als Feind, sondern als dankbare Erfrischung begrüßen.
Die Spielstätte Nr. 1 ist, das hat eine in Auftrag gegebene Untersuchung der Firma “markenmut AG” erzeigt, das Amphitheater, das bei einer gezielten Umfrage mehrheitlich mit den Antikenfestspielen assoziiert worden sei. Allerdings müsse in absehbarer Zeit eine adäquate Infrastruktur geschaffen werden, so eine entsprechende Hangtribüne, sanitäre Anlagen und eine Überdachung des Orchesters. Etwas weit lehnt man sich wohl mit der Forderung nach einer Überdachung des Zuschauerbereichs aus dem Fenster, hat das Land als Eigentümerin hierzu schon ein klares Nein formuliert.
Inhaltlich hält man im Kern weitgehend an der bisherigen Trias aus Musiktheater, Schauspiel und Festspielkonzert fest. Als neue Leitidee für das Musiktheater sollen in Zukunft wiederentdeckte Meisterwerke der Opernliteratur den Ton angeben. Damit will Intendant Weber den Antikenfestspielen ein singuläres Produktprofil geben. Dass das heimische wie überregionale Publikum im Laufe der Jahre darauf zu vertrauen lernt, dass man ihm in Trier hervorragende Aufführungen zu unrecht vergessener Opern mit antikem Sujet präsentieren wird, ist legitimer Wunsch, dürfte bei der Suche nach Sponsoren vorerst jedoch wenig Überzeugungskraft besitzen. Weiter im vorgelegten Konzept heißt es hierzu: “Mit dem überregional ‘verkaufbaren’ Profil kann man sich deutlich von der Massenware ‘Aida’ oder ‘Nabucco’ absetzen und das Publikum nicht nur auf die reinen ‘Spezialisten’ beschränken.” Mit anderen Worten, man will weder das die Massenware konsumierende Massenpublikum ansprechen noch den “Spezialisten”, also den, der sich in der Welt der Oper auskennt und dankbar für jede Repertoireerweiterung sein sollte. Bleibt als Adressat nur der nicht näher definierte Nicht-Spezialist.
Dieser kann folglich nur der Spezies des eventhungrigen Festival-Hoppers zuzuordnen sein, den Herr Weber von der Qualität eines jenem vollkommen Unbekanntem überzeugen und nach Trier locken will. Wenn schließlich innovative, künstlerische Lösungen in der Umsetzung der jeweiligen Werke als weiteres Alleinstellungsmerkmal der Antikenfestspiele angeführt werden, gibt man sich als Vertreter der Kultur schnell der Lächerlichkeit preis. Ist es nicht Ziel einer jeden künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Stoff, egal an welchem Ort der Welt diese gerade stattfindet, innovative Lösungen zu finden? Und wo bleibt letztendlich der Raum für Neues, wenn neben den populistischen gleich auch experimentelle wie zeitgenössische Musiktheaterproduktionen kategorisch ausgeschlossen werden?
Mit dieser Reglementierung und der gleichzeitigen “Auslagerung” des Schauspiels an Gastensembles, die durch “herausragende, überregionale Schauspielinszenierungen mit Bezug zur Antike” des Intendanten Interesse gefunden haben, adressiert man eine wohl unmissverständliche Absage an lokale Autoren, die als einziges Alleinstellungsmerkmal einen in Trier verwurzelten antiken Stoff in zeitgenössischer Bearbeitung sehen (z.B. Klauspeter Bungerts “Die letzten Kaiser von Trier” und “Willkommen, Constantin!”). Stattdessen wird wie bisher die griechische Antike bemüht, eine fragmentarisch erhaltene römische Volksbelustigungsarena mit bedeutungsschweren Worten zu füllen. Schließlich bleibt noch das einstige Festspielkonzert, das nun unter der Überschrift “Klassik international” Kooperationen mit überregionalen Orchestern wie auch Orchestern der Großregion anstrebt.
Bleibt nun abzuwarten, ob man hier nun endlich nach zehn Jahren des Ausprobierens ein sowohl für potentielle Sponsoren als auch für Festivalbesucher tragfähiges Konzept gefunden hat und sich ab 2010 dann jeweils im Juli mit kalendarischer Präzision mediterranes Flair – so die Wunschvorstellung des Kulturdezernenten – in Trier ausbreitet.





19. Juni 2009 (08:14 Uhr)
Das Mittelalter rettet die Antikenfestspiele – Regionalisierung notwendig
Seit einem Jahr diskutieren Fachleute und Bürger über die Zukunft der Antikenfestspiele. Verschiedene Aspekte bestimmen die Diskussion. Organisation, touristische Vermarktung, Finanzierung, Standort und Künstlerische Qualität dienen in der Regel als Aufhänger für Argumentationen. Dem ist zu zustimmen, allerdings greift dies alles zu kurz, weil die Antikenfestspiele nur symbolhaft für ein vorhandenes Strukturproblem stehen. Die Stadt Trier ist aufgrund der finanziellen Vorbelastungen aus der Zeit vor der Wiedervereinigung und Euroeinführung gar nicht in der Lage ihre Aufgabe als Oberzentrum angemessen zu erfüllen. Eine konsequente Regionalisierung und eine intensive Zusammenarbeit zwischen Stadt und Kreis ist die einzige Vorgehensweise, die eine qualitätsbezogene Kulturarbeit ermöglicht. Die Antikenfestspiele sind zwar festgelegt auf die antiken Spielstätten, aber mit einem umfassenden Konzept sollte es möglich sein, auch im Kreis Trier-Saarburg kulturelle Veranstaltungsreihen und in diesem Fall Theaterfestspiele zu etablieren, welche z. B. thematisch das Mittelalter abdecken könnten. Aus touristischer Sicht ist das Mittelalter ohnehin viel attraktiver als die Römerzeit, weil es hier inzwischen zu viele Nachahmer gibt.
Organisation – Finanzierung
Eine privatwirtschaftliche Organisationsstruktur für Antikenfestspiele und Mittelalterfestspiele in Form einer GmbH, getragen von Stadt und Kreis wäre das Ziel. Angeschlossen sollte eine Marketingagentur sein, welche auch noch Brot & Spiele mitbetreut, da offenbar Herr Frank an seine Grenzen gestoßen ist. Durch einen zweijährlichen Rhythmus kann man eine hohe Qualität gewährleisten und hat trotzdem keine Veranstaltungslücke in der Trierer Region. Zudem kann man dann auf die Kaiserthermen als Veranstaltungsort verzichten, da sie keine echte Alternative zum Amphitheater darstellen. Das Sponsoring wird durch die gemeinsame Organisation erleichtert, weil man aus einer Hand ein breites Angebot an Darstellungsmöglichkeiten anbietet. Allerdings wird die Bedeutung des Sponsorings im Kulturbereich häufig überschätzt. Einen Anteil von 10% an der Finanzierung ist bei vielen Kulturveranstaltungen schon ein hoher Wert.
Tourismus
Überschätzt wird auch die Bedeutung des Festivaltourismus. Auch das bekannte Schleswig-Holstein-Festival erreicht nur einen Anteil 10-15% an Touristen bei den Besuchern. Daher sollte man bei den Antikenfestspielen zielgruppenorientiert werben, z.B. die Zusammenarbeit mit Vereinigungen wie der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft suchen, da man dort direkt die Zielgruppe erreicht. Flächendeckende Werbemaßnahmen erzielen nicht den notwendigen Erfolg, gemessen am finanziellen Einsatz.
Stärkung des Theaters
Man gewinnt in der Region neue Besuchergruppen, da man an potentielle Theaterbesucher heranrückt und erzieht langfristig eine breitere Masse an regelmäßigen Theaterbesuchern. Davon profitiert das Stadttheater und ist eventuell in der Lage, seine Künstlerische Qualität auszubauen. Gleichzeitig muss auch das Theater seine Spielorte auf die Region ausdehnen und seinen städtischen Charakter ablegen.
Die Stadt Trier wird die Antikenfestspiele alleine nicht in vernünftiger Form fortführen, da hierfür die strukturellen und finanziellen Grundlagen fehlen. Die neue Schuldenbremse im Grundgesetz wird in einer Art und Weise die Kommunalpolitik verändern, wie sich die Betroffenen jetzt noch nicht vorstellen können. Insbesondere in Rheinland-Pfalz werden die Kommunen aufgrund der maroden Landesfinanzen auf viel Geld verzichten müssen, so dass Gestaltungsspielräume nur über effizientere Strukturen zu erreichen sind.
19. Juni 2009 (10:05 Uhr)
Zitat:
“Die Spielstätte Nr. 1 ist, das hat eine in Auftrag gegebene Untersuchung der Firma “markenmut AG” erzeigt, das Amphitheater, das bei einer gezielten Umfrage mehrheitlich mit den Antikenfestspielen assoziiert worden sei”
Nichts beweist deutlicher den eklatanten Mangel an Professionalität, als wenn für die Beantwortung dieser Frage seitens der Kulturbürokratie Triers tatsächlich reale Steuermittel verschleudert werden. Aber schön, dass der Kulturdezernent in seinen letzten Tagen wenigstens noch ein wenig zur Überschuldung der Stadt beitragen darf, indem er den Seinen etwas Kohle zuschustert. Die Beauftragung einer wie auch immer qualifizierten Agentur für eigentlich Selbstverständliches zeigt auch: es herrscht vollkommene Unsicherheit der Stadtpolitiker, was ein Kulturpublikum will, was die Trierer wollen, was geboten ist, welche Grenzen eine solche Produktion in einer solchen Stadt einhalten muss, und – welche Potenziale in ihr stecken.
Wenn es die Stadt nicht kann, bleibt die Privatisierung mit einem Garantieanteil bei Besucherrückgang durch die Stadt – der Traum jedes konzert- und Eventveranstalters – wie bei BrotundSpiele. Wer je den Kulturausschuss in Aktion erlebt hat, weiss, welcher “Sachverstand” dort herrscht, welche wahren Interessen dort existieren, inwieweit die dort politisch Tätigen unter Kultur eher ein von metallverarbeitenden Azubis hergestelltes Bronzebäumchen verstehen als ein spartenübergreifendes Festival mit überregionalem Anspruch.
Weshalb nochmal war die Konstantin-Ausstellung ein solcher Erfolg? Vielleicht wirklich, weil alle organisatorisch und inhaltsplanerisch Beteiligten von auswärts kamen und auf Trierisches Gemauschel keine Rücksicht nehmen mussten??
19. Juni 2009 (11:38 Uhr)
In Gesprächen wird immer wieder der Wunsch geäußert, daß die Antikenfestspiele sich schwerpunktmäßig auf antike Stoffe oder Werke mit antikem Bezug konzentrieren sollten. Diese Meinung teile ich auch.
Befremdlich finde ich hingegen, daß die Aufführungen bis jetzt alle in modernen Kostümen stattgefunden haben. In einer Kulisse wie dem Amphitheater halte ich es für angemessen, wenn etwa römische Legionäre auch in römischen Legionärsrüstungen aufmarschieren, anstatt – wie etwa 2003 bei Julius Caesar – in seltsam anmutenden Lumpen und mit ausgedienten Polizeischlagstöcken bewaffnet.
22. Juni 2009 (17:52 Uhr)
Sehr geehrter Herr Valerius,
aus Aachen, aber an den Trierer Antikenfestspielen schon seit langer Zeit sehr interessiert, lese ich immer Ihre erfrischenden gelegntliche Berichte zu diesem Thema.Die dabei immer wiederkehrenden Namen verantwortlicher Trierer Lokalgrößen erleichtern mir als örtlich entrücktem Leser aus der Nordeifel etwas die Orientation: Hier Holkenbrinck, Weber, der ‘umtriebige’ Lukas-Kindermann – dem man inzwischen schon nachtrauert, dort dann ohne Namennennung ‘die Kulturressorts der Presse’ (weltweit oder lokal?),- der ‘ein oder andere Kritikerverriss’ als nebulöse Fiktion. Wau !! – Wer sehr sind denn diese Böse namenlose Buben, die uns nötigen, statt gemütlich Viez zu trinken, im “Sommerloch” über die unsägliche Angelegenheit zu palavern? -Mann nenne doch endlich mal “Ross und Reiter”! Warum soviele Nebelkerzen um diese “Presse” zu verhüllen. Ich kann mir zwar schon denken, wer gemeint ist, so gut kenne ich mich mir den Trierer Verhältnissen aus, – aber ich hätte es doch gerne mal offen und laut und deutlich!!!-
Erneut lobe ich eine Kiste der besten Aachener Printen aus, für den, der den Mut aufbringt, diese “Personalie” beim Namen zu nennen. Oder ist man bei Euch in Trier zu bänglich dazu und meint frei nach Lohengrin: “Nie sonst Du mich befragen!”
Ihr Peter Sardoc; Aachen
23. Juni 2009 (01:01 Uhr)
Das KONZEPT, das wir brave Bürger bezahlen sollen, lautet also folgend in Kurzfassung:
2010 Aufführung der Oper „Nerone“ von Boito, 2011 „Die Königin von Saba“ von Goldmark, 2012 die Berlioz-Oper „Die Trojaner“ plus Gastensembles, “die durch herausragende, überregionale Schauspielinszenierungen mit Bezug zur Antike” auftreten sollen.
Letzteres verstehe ich nicht, wir haben doch sowieso schon bezahlte Schaupieler in Trier, und die können sowas nicht?? Da muß man andere, auswärtige, nehmen?? Und da sollen, laut oben angeführtem Artikel, Theaterstücke eines Trierers schon existieren, aber geblockt sein, weil es “inländische” sind? Und weils “inländische” sind, sind sie schlechter als “ausländische”?? Ich verstehe die Logik nicht……wahrscheinlich bin ich noch zu jung und zu dumm, um solche hochkomplexe kulturistische Logarithmen zu verstehen……
…und dann 2012 der ultimative Opern-Orgasmus mit den Trojanern….hierzu schrieb die Wiener Staatsoper: “Im Jubiläumsjahr des Komponisten WAGEN sich Mannheim, Paris und Amsterdam an dieses Hauptwerk von Hector Berlioz”. Und 2012 dann Premiere in Trier….hui….das wird teuer…….
Denn, obwohl ich unwissend bin, aber zu den Trojanern haben mich meine Eltern damals in Duisburg/Düsseldorf mitgeschleppt und dort habe ich sie scheitern sehen…aber in Trier 2012…das wird was für die BILD….
Ok, ich merk schon, ich muß mein Studium abrechen und schuften gehen um diese operischen Ejakulationen mit meinem Steuergeld mitfinanzieren zu können….
Die entscheidenden Organe wie die kulturell und literarisch äußerst gebildeten Stadtratsangehörigen inkl. Kulturausschluß, die versierten Theaterwissenschaftler Weber & Co. sowie die teuer bezahlte markenmut AG mitsamt der aufwendig aufgestellten Analyse der Wetterdaten der letzen 59 Jahre zeigen deutlich, wie professionell man daran arbeitet, Steuergelder zu verschwenden.
Aber ich hab ja keine Ahnung….