Handel im Wandel
Gestern war wieder so ein Tag: Während das benachbarte Großherzogtum seinen Nationalfeiertag beging, strömten mehrere tausend Luxemburger in die Trierer Innenstadt. In der Mehrzahl handelte es sich um Shoppingtouristen, die in der Moselstadt dem Konsum frönten – sehr zum Wohlgefallen des ortsansässigen Einzelhandels. Nicht nur Luxemburgern gilt Trier als attraktive Einkaufsstadt, doch diese Anziehungskraft hat auch ihre Kehrseiten. Studierende der Geographie an der Universität haben sich in einem zweisemestrigen Forschungspraktikum mit der Wechselbeziehung zwischen Stadtentwicklung und Einzelhandel auseinandergesetzt. Unter dem Motto “Stadthandel – Handel in Städten oder Handel mit Städten?” veranstalten sie in der kommenden Woche ein mit zahlreichen Experten besetztes Symposium.
TRIER. Es gab Zeiten, da schien die Zukunft des Einzelhandels auf der “grünen Wiese” zu liegen. Am Rande von Städten machten sich Fachmärkte und Center breit, und wer ein Auto besitzt, weiß die Flachdachkonsumtempel in der Peripherie wohl auch heute noch zu schätzen. Doch inzwischen dürfte die “grüne Wiese” ihre besten Zeiten schon hinter sich haben, weist doch der Trend zurück in die Innenstädte, wo in den vergangenen Jahren Shopping-Center wie die im September 2008 eröffnete Trier-Galerie entstanden. Alles unter einem Dach lautet die Devise, Klotzen statt Kleckern. Mancherorts setzte das dem bestehenden, kleinteiligen Einzelhandel arg zu.
Menschen wie Christian Borgiel zieht es eher selten in Einkaufspassagen, hält sich der junge Mann doch lieber in der Natur auf. Und wenn es ihn doch einmal in ein Shopping-Center verschlägt, dann meist aus wissenschaftlichem Interesse. Denn Borgiel studiert an der Universität Trier Angewandte Geographie mit dem Schwerpunkt Raumentwicklung und Landesplanung. Im Rahmen seines Studiums absolviert er derzeit ein zweisemestriges Forschungspraktikum zum Thema “Stadthandel” – gemeinsam mit 18 Kommilitonen unter der Leitung von Dr. Christian Muschwitz.
“Stadthandel” ist eine Wortschöpfung aus den Begriffen “Stadtentwicklung” und “Einzelhandel”. Beide Sphären sind heute kaum mehr zu trennen, schon gar nicht in Städten, in denen der Einzelhandel eine besonders herausgehobene Stellung einnimmt; in Oberzentren wie Trier etwa, dessen Einzugsgebiet rund eine halbe Millionen Menschen umfasst. Seit Jahren schon hält die Moselstadt in punkto Einzelhandelszentralität, also dem Verhältnis zwischen Einzelhandelsumsatz zu vorhandener Nachfrage am Ort, einen bundesweiten Spitzenplatz. Mit anderen Worten: Die Einkaufsstadt Trier übt auf Konsumenten außerhalb der Stadtgrenzen eine enorme Anziehungskraft aus. Doch einiges spricht dafür, dass die fetten Jahre bald vorbei sein könnten. Denn Luxemburg rüstet auf und schafft im großen Stil neue Einzelhandelsflächen, darunter mehrere Shopping-Center (wir berichteten). Premierminister Jean-Claude Juncker gab vor vier Jahren das Ziel aus, sein Land zum Shoppingparadies für die gesamte Großregion zu entwickeln.
“Jede Stadt ist ein Individuum”
In dieser Großregion liegt auch Bitburg. In der Bierbrauerstadt gibt es Pläne für ein rund 9.000 Quadratmeter Verkaufsfläche umfassendes Shopping-Center, das Rautenberg-Zentrum. Daniela Troes hat sich mit der Situation des Einzelhandels ihrer Heimatstadt intensiv auseinandergesetzt. Von Basel bis Zweibrücken reicht die Liste der Städte, in denen die Forschungspraktikanten um Dr. Muschwitz Innenstadt- und Centeranalysen erstellten. “Wir haben unter anderem auch den jeweiligen Filialisierungsgrad und die Leerstandsquote untersucht”, berichtet Troes. Da die Städte jedoch sehr unterschiedlich seien, lasse sich in den seltensten Fällen ein belastbarer Vergleich anstellen, räumen Borgiel und Kommilitonin Elisabeth Eichmann ein.In der Tat dürfte es schier aussichtslos sein, aussagekräftige Parallelen zwischen der Einzelhandelssituation einer Stadt wie Lingen im Emsland und den Auswirkungen des CentrO in Oberhausen zu ziehen. Und überhaupt: “Jede Stadt ist ein Individuum”, sagt Borgiel, derweil Eichmann darauf hinweist, dass der oder die Einzelne nicht unwesentlichen Einfluss auf dieses Individuum nehmen können.
Denn letzten Endes seien es die Verbraucher, die mit ihrem Konsumverhalten mit darüber entscheiden würden, ob ein Projekt wie ein Shopping-Center realisiert werde oder nicht, sind die Studierenden überzeugt – wobei ihnen natürlich auch klar ist, dass sich ein Angebot auch seine Nachfrage schafft. Was die Trier-Galerie anbelangt, sei es noch zu früh, deren langfristige Auswirkungen auf den Einzelhandel der Stadt zu bewerten, sagt Eichmann, die nicht wirklich überzeugt scheint von dem Komplex in der Fleischstraße. Dass das Parkhaus praktisch in die Passage integriert wurde, mache es möglich, die Trier-Galerie zu besuchen, ohne auch nur einen Fuß in die eigentliche Innenstadt zu setzen, beklagt sie. Mit ihren Arbeiten wollen die angehenden Geographen auch ein Bewusstsein dafür schaffen, wie Konsumenten durch ihr Einkaufsverhalten indirekt Einfluss auf die Stadtentwicklung nehmen können.
Das Phänomen innerstädtischer Shopping-Center ist auch Thema eines zweitägigen Symposiums in der kommenden Woche an der Universität. Initiiert und organisiert von den Teilnehmern des Forschungspraktikums haben sich eine Vielzahl renommierter Experten angekündigt. So wird der Architekt und Stadtplaner Walter Brune einen Überblick über die Entstehung von Shopping-Centern in den USA und Deutschland geben. Brune ist einer der Herausgeber des Buchs “Angriff auf die City”, einer umfassenden und kritischen Auseinandersetzung mit innerstädtischen Shopping-Centern. Der Diplom-Geograph Stefan Kruse wird sich dem Thema “Der Kampf um die Kaufkraft, ein interregionaler Konflikt” widmen. Unter den mehr als ein Dutzend Gastrednern finden sich auch der Bayreuther Professor Rolf Monheim, der über “Die Nachhaltigkeit von Shopping-Centern” referieren wird, sowie Dr. Donato Acocella, der sich mit der Thematik Einzelhandelskonzepte auseinandersetzt. Zudem werde es einen aktuellen Vortrag zur Warenhausproblematik in Trier geben, kündigen die Studierenden an.
Das Symposium beginnt am Donnerstag, 2. Juli, um 10 Uhr auf dem Campus II. Umfassende Informationen sowie die Möglichkeit zur Anmeldung finden sich auf der Website stadthandel.de
Zum Thema Einzelhandel in der Großregion und Shopping-Center: Geballte Konkurrenz für Triers Einzelhandel
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von Marcus Stölb




