Historiker kratzt am Urmythos der Deutschen

Der Vizepräsident der Trierer Universität Professor Wolfgang Klooß (rechts) überreichte Professor Rainer Wiegels den Ausonius-Preis 2009. Foto: Christian JörickeUnser kollektives Gedächtnis verbucht die legendäre Varusschlacht als “Geburtsstunde der Deutschen.” Alles Pustekuchen, sagt Professor Rainer Wiegels. Für seine bahnbrechende Erforschung des genau zwei Jahrtausende zurückliegenden Ereignisses und seiner Folgen wurde der Althistoriker aus Osnabrück am vergangenen Freitag in den Viehmarktthermen mit dem 12. Ausonius-Preis der Universität Trier ausgezeichnet. Zugleich fand die Ausstellung “Das frühkaiserzeitliche Schiff ‘Victoria’ – Eine Flussgaleere im Experiment” ihre feierliche Eröffnung. Jenes von dem Trierer Geschichtswissenschaftler Professor Christoph Schäfer gemeinsam mit Studierenden der Universität Hamburg rekonstruierte Römerschiff legte zudem an diesem Wochenende am Bootssteg der Rudergesellschaft Trier 1883 e.V. am Zurlaubener Ufer an.

TRIER. Die Deutschen mögen ihre Mythen. In “Menschliches Allzumenschliches” beschreibt Friedrich Nietzsche, dass “selbst der Staat […] keine mächtigeren ungeschriebnen Gesetze als das mythische Fundament” kenne. Dementsprechend überschwänglich zeigte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel im Mai bei der Eröffnung der großen Varus-Ausstellung in Detmold, als sie verlautbarte, dass ebenjenes im Triumph der Germanen über die Römer beendete Gemetzel für “uns Deutsche” ein erfolgreicher Teil der Geschichte gewesen sei. Rainer Wiegels, zwischen 1980 und 2008 Professor für Alte Geschichte an der Universität Osnabrück, bezeichnete dieses Geschichtsverständnis in seiner Preisrede als “problematisch.”

Es sind in erster Linie zwei Einwände, die Wiegels gegen die populäre Meinung zur Varusschlacht vorzubringen hatte. Zum einen sei die Gleichsetzung von Germanen und Deutschen völlig unzutreffend: “Der Aufstand der Germanen war schon deshalb keine nationale Erhebung, weil es kein germanisches Gesamtbewusstsein und keine germanische Nation gab. Die deutsche Geschichte beginnt erst lange nach den Wirren der Völkerwanderungszeit” (ca. 375–568).

Darüber hinaus werde die Bedeutung der Schlacht selbst erheblich überschätzt. In der Tradition von Theodor Mommsen, der bereits 1885 zu Zeiten nationalistischer Euphorie des deutschen Kaiserreiches zu behaupten wagte, die Varus-Schlacht sei politisch und in ihrer Folge ein Rätsel geblieben, behauptet Wiegels: “Nachdem Kaiser Augustus im Jahr 10 n. Chr. die Grenze durch neue Truppen gesichert hatte und sah, dass keine weiteren Angriffe folgten, galt das Problem als militärisch gelöst. Ein nachhaltiges ökonomisches Interesse an den Gebieten hatten die Römer ohnehin nicht. Zudem waren die eigenen Kosten an Menschen und Material beachtlich. Viel bedeutsamer als die Schlacht selbst war ihre historische Wirkung.”

Auch über den Ort des Gefechts streiten die Wissenschaftler bis heute. Hierzu kursieren mehr als 700 Theorien innerhalb und außerhalb der Fachwelt. Wiegels stützt sich bei seiner Forschungsarbeit zu dieser Causa vor allem auf antike Quellen. So reduziere sich durch die Angaben des Tacitus die Suche nach dem wahren Ort der Varusschlacht auf wenige Großzonen, darunter das Sauerland, den Raum nördlich von Osnabrück sowie Gegenden um Detmold und Beckum zwischen Lippe und Ems.

Die "Victoria" ist heute und morgen noch zwischen Trier und Neumagen unterwegs. Foto: Marcus StölbIn Hamburg wurde im April 2008 nach einjähriger Bauzeit das von Christoph Schäfer geleitete Projekt zum möglichst originalgetreuen Nachbau des römischen Militärschiffes “Victoria” fertig gestellt. Auch Wissenschaftler der Uni Trier beteiligten  sich daran. Neben dem Werbeeffekt für das Varusjahr und der dazugehörigen Ausstellungen in Haltern am See, Kalkriese und Detmold sieht Schäfer den konkreten Forschungsnutzen in erster Linie darin, Licht ins Dunkel eines Teils der frühen und hohen römischen Kaiserzeit zu bringen. “Bisher weiß man kaum etwas über die Kriegsflotten, die vor rund 2000 Jahren auf den germanischen Flüssen unterwegs waren.” Ein derart gut erhaltener archäologischer Fund wie jener der 1994 bei Ingolstadt entdeckten Kriegsschiffe aus dem Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. sei nun als “sensationeller Glücksfall” für die Geschichtswissenschaft eine ideale Steilvorlage für das Projekt gewesen. Zumal hiervon keine Baupläne existieren, die bis in das 17. Jahrhundert hinein völlig unüblich waren.

Die Testfahrten seien überwiegend reibungslos verlaufen und haben außerdem zu richtungsweisenden Erkenntnissen im Hinblick auf die Praxistauglichkeit solcher Schiffe geführt. Bei einer Länge von 16 Metern wurde das Schiff von 20 Ruderern angetrieben, auch ein Segel konnte bei günstigen Witterungsbedingungen gesetzt werden, wobei eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu sieben Knoten (ca. 13 km/h) erreicht wurde. “Damit können wir beispielsweise berechnen, welche Strecken die römischen Flotten pro Tag zurückgelegt haben. Den üblichen Quellen ist so etwas nicht zu entnehmen”, so Schäfer.

Die “Victoria” legte bereits in 14 Städten an, am Freitag nun durfte sich auch die alte Römerstadt Trier in den Tourplan des Schiffes einreihen, wo bis heute für alle Interessierten Mitfahrgelegenheiten bestehen, um das Gefühl zu genießen, erstmals nach fast 2000 Jahren wieder ein römisches Militärschiff auf der Mosel zu steuern. Um 8.30 Uhr fährt es moselabwärts nach Neumagen und trifft dort auf die “Stella Noviomagi”, dem berühmten Neumagener Weinschiff. Auf beiden Booten kann man am Nachmittag auf der Mosel auf Höhe des Weinschiffhafens von Neumagen mitfahren bzw. mitrudern. Am Montag um 8 Uhr kehrt die “Victoria” zurück nach Trier, wo sie im Hafen wieder aus dem Wasser gehoben wird. Von dort geht es dann weiter auf Promotionstour für das große Varus-Ausstellungsprojekt “Imperium Konflikt Mythos“.

Die Ausstellung “Das frühkaiserzeitliche Schiff ‘Victoria’ – Eine Flussgaleere im Experiment” ist in den Viehmarktthermen noch bis zum 26. Juli zu sehen.

Print Friendly

von

1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Peter Stablo schreibt:

    Gab es bisher einen einzigen ernstzunehmenden Historiker , der die Varusschlacht zur Geburtstunde der “deutschen Nation” machte ?
    Gerade wir als Trierer können uns doch freuen, daß unsere Region über Jahrhunderte den gallorömischen Einflüßen ausgesetzt war.
    Die deutsche (Kultur)Nation ist genauso Melange, wie die deutsche Fussballnationalmannschaft(en) und das ist es was diese (Werte) Gemeinschaft ausmacht – eben nicht die Tradition von Wotananbetenden Analphabeten, die felltragender Weise, sich ein Stück römischer Zivilisation erobern wollten … stelle mir gerade vor wie Runen auf der Tastatur aussähen .. ,-)))

Schreiben Sie einen Leserbrief

Angabe Ihres tatsächlichen Namens erforderlich, sonst wird der Beitrag nicht veröffentlicht!

Bitte beachten Sie unsere Kommentarrichtlinien!

Noch Zeichen.

Unterstützen

In Evernote merken