Kommt das große Revirement?
Keine drei Wochen nach der Kommunalwahl sind die Diskussionen über die künftige Besetzung des Stadtvorstands in vollem Gange. Dabei scheint noch völlig offen, wie die Dezernate in Zukunft zugeschnitten sein werden und ob es im Herbst zwei oder gar drei Posten neu zu besetzen gilt, es also zu einem großen Revirement an der Stadtspitze kommen wird. In den Reihen der Christdemokraten ist man offenkundig vor allem daran interessiert, eine Mehrheit für eine weitere Amtszeit von Georg Bernarding zu organisieren. Notwendig wären hierfür die Stimmen von Bündnis 90/Die Grünen oder SPD, doch in beiden Parteien hält sich die Neigung, Bernarding und dem Wahlverlierer CDU unter die Arme zu greifen, erkennbar in Grenzen. Unterdessen stärkte die Unionsfraktion Baudezernentin Simone Kaes-Torchiani demonstrativ den Rücken.
TRIER. Der Beitrag liest sich wie ein Arbeitszeugnis. Doch weil derlei Schriftstücke gemeinhin erst am Ende einer beruflichen Tätigkeit und als Empfehlung für neue Aufgaben verfasst werden, handelt es sich wohl eher um eine Art Solidaritätsadresse. “Schwierige Aufgabe souverän bewältigt”, titelte die CDU-Stadtratsfraktion vergangene Woche auf Seite 2 der Rathaus-Zeitung, das “Baudezernat zu führen ist eine interessante Herausforderung, aber auch eine sehr undankbare”, erfuhren die Leser des von CDU-Fraktionsvize Thomas Albrecht verfassten Beitrags. Doch diese Herausforderung habe Simone Kaes-Torchiani nicht nur angenommen, sondern “glänzend bewältigt”. Schließlich bringe sie die “Kompetenz, das notwendige Durchsetzungsvermögen und innere Unabhängigkeit” mit, und überhaupt: sie sei halt “eine Frau mit Ecken und Kanten”.
In der Tat, doch an diesen Ecken und Kanten stoßen sich inzwischen nicht zuletzt namhafte Unionsleute. Albrechts Feststellung, Kaes-Torchiani verfüge über “innere Unabhängigkeit”, wird denn auch von manchem Christdemokraten weit weniger freundlich ausgelegt: Die Frau sei “unberechenbar”, heißt es dann, die Baudezernentin “denkt nicht politisch”, wird ihr aus den eigenen Reihen attestiert. Da verwundert es wenig, dass Spekulationen über ihre politische Zukunft ins Kraut schießen und manche Parteifreunde aus der zweiten Reihe nicht mehr ausschließen wollen, dass Kaes-Torchiani zu einem Amtsverzicht gedrängt oder auf einen anderen Posten fortgelobt werden könnte.
Sehr wahrscheinlich scheint das alles nicht, doch dass die Chemie zwischen der Dezernentin und Teilen der Parteiführung, allen voran Kreischef Bernhard Kaster, nicht mehr stimmt, ist offenkundig. Auf die Frage, ob sie sich von der Union noch ausreichend unterstützt fühle, antwortete Kaes-Torchiani jetzt gegenüber 16vor knapp aber vielsagend: “In der Fraktion fühle ich mich wohl. Die Betonung liegt auf Fraktion”. Es ist nicht so sehr ihr dem Vernehmen nach eher rustikaler Führungsstil innerhalb der Verwaltung, der der Baudezernentin in der eigenen Partei noch zum Verhängnis werden könnte. Vielmehr hat sich Kaes-Torchiani in den vergangenen Monaten wiederholt und auch öffentlich dem Versuch widersetzt, allzusehr parteipolitisch zu agieren – sehr zum Missfallen Kasters. Als dieser zum Thema Konjunkturpaket eine Pressekonferenz mit den drei CDU-Dezernenten anberaumte, fuhr die Baudezernentin dem Bundestagsabgeordneten in die Parade: “Ich werde den Teufel tun, und in einer solchen Pressekonferenz dem Stadtrat vorgreifen”, erklärte sie gegenüber dem Trierischen Volksfreund.
Kaster will sich derzeit zu Personalfragen gar nicht mehr äußern. Er begrüße es, dass der Oberbürgermeister nun das Gespräch mit den Fraktionschefs suche, um über einen Neuzuschnitt der Ressorts zu beraten, erklärte der CDU-Kreisvorsitzende auf Anfrage, doch für ihn stünden derzeit “vor allem Sachfragen” im Vordergrund. Mehr will der Unionsmann nicht sagen, auch nicht zu den Inhalten, die ihm besonders wichtig sind. Und kein Wort zu Ulrich Holkenbrink, dessen Ende als Dezernent besiegelt scheint; und auch nicht zu Georg Bernarding. Der hat sich bis dato zwar immer noch nicht öffentlich erklärt, ob er für eine weitere Amtszeit zur Verfügung steht, doch nach allem was man aus der CDU hört, will seine Partei ihn halten. Nur wie? Das ist eine der spannenden Fragen, auf die es schon in wenigen Wochen Antworten geben wird. Denn unmittelbar nach seiner Konstituierung wird der neu gewählte Stadtrat bereits darüber entscheiden müssen, ob und wenn ja, welche Dezernentenstellen neu ausgeschrieben werden. Nur mit einer Zweidrittelmehrheit könnte der Stadtrat beschließen, dass es nicht zu einer Neuausschreibung kommt.
Bernardings Chancen auf eine weitere Amtszeit tendieren nach Lage der Dinge gen Null. Denn sowohl die Sozialdemokraten als auch Grünen-Spitzenkandidatin Anja Matatko haben im Wahlkampf mehrfach und unmissverständlich erklärt, dass aus ihrer Sicht sowohl Holkenbrink als auch der Bürgermeister und Sozialdezernent gehen müssen. Ohne die Unterstützung von zumindest einer der beiden Parteien hat die Union keine realistische Aussicht, einen eigenen Kandidaten durchzubringen, denn gemeinsam mit Liberalen und UBM käme man nur auf 28 von 56 Stimmen. Die SPD, deren Parteivorsitzende Malu Dreyer Bernarding im vergangenen Herbst im Gespräch mit 16vor “die Empathie fürs Soziale” absprach und die anstehende Dezernentenwahl zur “Schlüsselfrage” erklärte, bekäme ein enormes Glaubwürdigkeitsproblem, würde sie dem seit 22 Jahren an der Spitze des Sozialdezernats stehenden Christdemokraten unter die Arme greifen. Sofort würden Erinnerungen an die jahrzehntelange informelle Koalition zwischen CDU und SPD wach, als ein OB Helmut Schröer in einem Baudezernenten Peter Dietze (SPD) seinen engsten Verbündeten im Stadtvorstand hatte. Auch Matatko und ihre Mitstreiter kämen in arge Erklärungsnot, würden sie die Hand für den Bürgermeister heben. Denn für nicht wenige Grüne verkörpert dieser die alte CDU, die von Bürgerbeteiligung und Transparenz noch wenig hielt.
Wahrscheinlicher scheinen deshalb andere Szenarien: Allgemein erwartet wird, dass Klaus Jensen die Zuständigkeit für die Wirtschaft abgibt und es für diesen Bereich künftig wieder ein eigenständiges Dezernat geben wird. Der Oberbürgermeister habe sich keinen Gefallen damit getan, dieses Feld zur Chefsache zu erklären, meinen selbst ihm Wohlgesonnene. Denkbar auch, dass es tatsächlich zu der ebenfalls von der CDU in ihrem Wahlprogramm geforderten Zusammenlegung der Zuständigkeiten für Soziales und Schulen kommt. Und nicht zuletzt in den Reihen der Union hegt man auch Sympathien für die Schaffung eines vierten Dezernats – dei den Christdemokraten hoffen nicht wenige, dass es bei einem wieder vergrößerten Stadtvorstand leichter fallen dürfte, zwei Posten und damit auch Bernarding zu halten.
Doch das dürfte sich als Trugschluss erweisen, denn während die CDU bei der Kommunalwahl als klarer Verlierer vom Platz ging, dürften SPD, Grüne und FDP ein Interesse daran haben, dass sich ihre zum Teil beträchtlichen Stimmenzuwächse und die veränderten Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat auch im Stadtvorstand widerspiegeln werden. Die SPD hätte wohl das größte Interesse an einem Ressort für Soziales und Schulen, die Grünen an einem neu geschaffenen Umweltressort, eventuell ergänzt um den Bereich Kultur. Für die Liberalen käme am ehesten das Wirtschaftsdezernat infrage. Und der OB? Klaus Jensen könnte sich künftig auf das große Ganze und die Finanzen sowie seine vielfältigen respräsentativen Pflichten konzentrieren. Schon jetzt liegt unter anderem das Amt für Stadtentwicklung und Statistik in Jensens Zuständigkeitsbereich, dessen Chef Dr. Johannes Weinand auch das strategische Zukunftskonzept der Stadt verantwortet.
Die CDU beansprucht nach Informationen von 16vor weiterhin zwei Dezernate für sich. Zur Begründung wird darauf verwiesen, dass die Union trotz ihres unerwartet schlechten Abschneidens bei der Kommunalwahl nach wie vor mit Abstand die stärkste Fraktion am Augustinerhof stellt. Im Übrigen gelte es nun im Interesse der Stadt, große Mehrheiten zu finden, heißt es aus Parteikreisen. Zudem wird darauf verwiesen, dass die SPD mit Klaus Jensen ja den Oberbürgermeister stelle. Doch der ist direkt gewählt und steht nicht zur Wahl. Für Jensen geht es in diesen Wochen darum, die personellen Weichen für seine weitere Amtszeit zu stellen. Gelingt ihm im Zusammenspiel mit den ihn unterstützenden Parteien der große Wurf und der Stadtrat wählt im Herbst einen Stadtvorstand, der durch Teamgeist und Kompetenz überzeugt, hat der OB gute Chancen, Trier stärker zu verändern und voranzubringen, als ihm dies in seiner bisherigen Amtszeit gelungen ist.
von Marcus Stölb





29. Juni 2009 (01:05 Uhr)
Ein ausgezeichneter Artikel. Fehlt allerdings die Rolle des schlechten Verhältnisses zwischen Bernarding und Kaes-Torchiani für die anstehenden Personalentscheidungen zu den Dezernentenstellen.
29. Juni 2009 (09:32 Uhr)
Was ich auch nicht begreife: Was ist schlimm daran, wenn eine Dezernentin im Amt nicht sture Parteipolitik betreibt und die Versuche, das Amt für den Wahlkampf zu instrumentalisieren, zurückweist.
Da könnte ja auch der Verdacht aufkommen, es bestünde ein Gegensatz zwischen dem, was die CDU vorhat und dem Wohl der Stadt. Denn ein Dezernent, egal welcher Partei er angehört, hat das Wohl der Stadt voranzustellen, und in einer politischen Konstellation wie in Trier beschädigt man sich durch allzu stramme Parteilinie nur selbst.
29. Juni 2009 (12:03 Uhr)
Ich hoffe doch sehr, daß SPD und Grüne in der Sache hart bleiben und sich nicht beschwatzen lassen, die CDU zu unterstützen. Dafür habe ich die nicht gewählt (und vermutlich viele andere auch nicht), sondern damit sich endlich was ändert in der Kommunalpolitik!
29. Juni 2009 (13:00 Uhr)
Entscheidungen und Arbeit, orientiert an der Sache, statt Klüngel und Linientreue:
Wie kann man nur so UNDANKBAR sein, Frau Kaes-Torchiani?
http://www.16vor.de/index.php/2007/03/21/kaes-torchiani-wird-neue-baudezernentin/
Ja, die “neue” CDU wird umdenken müssen, jetzt, wo die Hinterzimmer zu sind. Klar, dass das nicht von heute auf morgen geht…
30. Juni 2009 (15:37 Uhr)
Bernarding steht für selbstherrliches Missmanagment und überzogenen Geltungsdrang. Es wird höchste Zeit, dass er endlich gehen muss.
30. Juni 2009 (20:28 Uhr)
@genauso: es ist natürlich immer einfach irgendwelche Behauptungen aufzustellen. Ich würde dann doch gerne mal ein paar Beispiele für das angebliche Missmanagement Herrn Bernardings genannt bekommen. Und Geltungsdrang hat doch wohl nun mal jeder in politischen Ämtern.
Ich möchte doch vielmehr auf die vielen positiven Dinge hinweisen, die Herr Bernarding angestoßen hat. Man sollte sich doch mal die gesamte soziale Landschaft in Trier anschauen – sie ist doch in diesem Maße positiv einzigartig. Aber auch die Großprojekte Südbad und Eislaufhalle zeugen doch von Herrn Bernardings Können.
1. Juli 2009 (00:08 Uhr)
@jupp de fupp
“Aber auch die Großprojekte Südbad und Eislaufhalle zeugen doch von Herrn Bernardings Können.”
Ja, das sehe ich auch so. Er hat als zuständiger Dezernent beide Anwesen konsequent verrotten lassen …
1. Juli 2009 (10:14 Uhr)
@ genauso:
Es ist sehr leicht, einem Politiker “selbstherrliches Missmanagement” zu unterstellen, so wie Sie es tun, oder ein Fehlen von “Empathie fürs Soziale”, wie es Frau Ministerin Dreyer ständig tut. Doch sollten diese Behauptungen dann auch einmal belegt werden!
In der Bilanz von Dezernent und Bürgermeister Georg Bernarding ist von Mißmanagement und fehlendem Einfühlungsvermögen nichts zu sehen. Im Gegenteil: Mit großem Engagement hat er es geschafft, aus der Stadt Trier in den letzten Jahren den landesweiten Spitzenreiter bei der Kinderbetreuung zu machen. In den sozialen Brennpunkten der Stadt wurden ambitionierte Maßnahmen und Projekte realisiert. Fragen Sie Feuerwehrleute oder Vereinsvertreter – sie werden Ihnen bestätigen, daß in den Arbeitsbereichen von Georg Bernarding kein Stillstand herrscht, sondern daß es dort vorangeht.
Er hat die Stadt mit seinem Einsatz vorangebracht, anstatt sich in seinem Amt auszuruhen. Dafür verdient er Respekt und Dank.
Michael Merten
1. Juli 2009 (14:27 Uhr)
by the way … Michael Merten, neuer Pressesprecher der CDU-Stadtratsfraktion ;-)
Siehe: http://albrecht-trier.de/
Markus Nöhl, Mitglied im Vorstand der Trierer SPD
1. Juli 2009 (18:16 Uhr)
Lieber Herr Nöhl! Sie Enthüllungsjournalist!
Michael Merten ist 16vor-Lesern nun wahrlich kein Unbekannter – als “Kommissarischer Geschäftsführer der CDU Trier” hat er im Wahlkampf fleißig Leserbriefe geschrieben. Seine CDU-Nähe ist bekannt.
Und unter den aktuellen Meldungen bei 16vor finden Sie einen Leserbrief von ihm, den er bereits in seiner neuen Funktion als “Pressesprecher der CDU-Stadtratsfraktion Trier” gekennzeichnet hat.
Also: Beim nächsten Mal den Mal flach halten. Das Hinterzimmer bleibt zugemauert.
Frank Jöricke
(arbeitet für zweipunktnull, die im Wahlkampf für die CDU gearbeitet hat)
2. Juli 2009 (22:08 Uhr)
Die smarten Herren von der Werbeagentur haben immer noch nicht geschnallt, dass die Konservativen wegen eben dieser dämlichen Kampagne bei der Wahl zu Hause geblieben sind – oder vereinzelt FDP gewählt haben..
Wie stark sich die Partei wohl verschuldet hat um mit diesen Sprüchen – nach HGT und Gesamtschule – auch noch die letzten Stammwähler zu vergraulen?
Im Übrigen kann man das Hinterzimmer, welches in der Vergangenheit von namhaften Persönlichkeiten äußerst erfolgreich zum Wohle der Stadt genutzt worden war jetzt tatsächlich medienwirksam zumauern: Man braucht es schlichtweg nicht mehr: Denn es gibt überhaupt nichts mehr zu diskutieren und zu verhandeln weil in der Fraktion nur noch Abnicker sitzen – ob aber das dem Wohle der Stadt jemals dienlich sein könnte???