Stolz, Vorurteil, Happy End
Mit “Pride and Prejudice” von Jane Austen bringt die English Drama Group einen weiteren Klassiker der englischsprachigen Literatur gewohnt kompetent auf die kleine Tufa-Bühne. Das zahlreiche Publikum (alle sechs Vorstellungen sind bereits ausverkauft) war begeistert von einer Inszenierung, die die Klippen eines potenziell verwirrenden Austen-Plots elegant umschifft.
TRIER. Bei der siebenköpfigen Familie Bennet in der englischen Countryside herrscht Stress: fünf unverheiratete Töchter, eine überdreht hysterische Mutter (Victoria Bützler), die alles daran setzt, jene unter die Haube zu bringen – und jetzt auch noch die Nachricht, dass der reiche Junggeselle Mr. Bingley das Nachbargut Netherfield Park gemietet hat. Kein Wunder, dass sich der zur Ironie neigende Mr. Bennet (wunderbar dauergenervt: Sebastian Schmitt) wahlweise hinter seine Zeitung oder in seine Bibliothek flüchtet, wenn ihm seine sechs Frauen all zu sehr auf den Keks gehen.
Die älteste Tochter Jane (Swaantje Siebke) soll mit Bingley verkuppelt werden, so der Plan, der auch aufzugehen scheint; denn als alle Beteiligten auf dem Ball zum ersten Mal aufeinander treffen, hat der überaus sympathische, aber auch etwas farblose Bingley (Thomas Wahrlich) tatsächlich nur Augen für Jane. Viel wichtiger aber, er hat außerdem noch einen ebenfalls begüterten, ledigen Freund dabei: Mister Darcy.
Der allerdings ist mit “dröge” noch schmeichelhaft umschrieben: Lukas Tillmann spielt ihn als einsilbigen Einzelgänger, der stets distanziert ins Leere blickt und bei jeder Gelegenheit sein Missfallen zum Ausdruck bringt – auch der schönste Ball ist, ebenso wie die anwesende Damengesellschaft, allenfalls “tolerable” und tanzen mag er schon gar nicht, vielen Dank. Folgerichtig finden die Mädels ihn arrogant.
Mrs. Bennet sieht die Chance, ihre zweitälteste Tochter Lizzy (herausragend, nicht nur wegen des besten Akzents: Lisa Keimburg) gleich mit an den Mann zu bringen, doch Lizzy hat kein Interesse. So entspinnt sich eine romantische Gesellschaftskomödie im England des späten 18. Jahrhunderts. Es geht um Eindrücke, Vorurteile, das Ansehen der eigenen Familie, Heiratspläne zur Absicherung der Familienexistenz, abgelehnte und angenommene Anträge. Es ist ein Stück der heimlichen Hauptrollen: Während alle darauf warten, dass die älteste Tochter Jane endlich Mr. Bingley heiratet, entwickelt sich die Handlung um ihre Schwester Lizzy und Mr. Darcy zum eigentlichen Plot, um den die anderen Beziehungsgeschichten (Lizzys jüngste Schwester Lydia brennt mit dem zwielichtigen Soldaten Wickham durch, ihre beste Freundin Caroline heiratet den dümmlich dauergrinsenden Pfarrer Collins) herum gebaut werden.
Die gründliche Inszenierung fokussiert die Aufmerksamkeit dabei auf die wichtigsten Punkte. Eine einfach gehaltene Kulisse und vor allem ein stringentes Kostümbild (die Bennet-Schwestern tragen ähnliche Kleider, die sich nur in der Farbe unterscheiden – so weiß man, wer wer ist) helfen, trotz Figurenvielfalt und Handlungssprüngen (alle paar Minuten kommt ein Brief, der laut verlesen wird) den Überblick zu behalten. Jane Austen, gespielt von Regisseurin Elke Nonn, tritt außerdem immer dann auf, wenn es Handlungsstränge zusammenzufassen, zu erklären oder abzukürzen gilt.
Vor allem die präzise choreografierten Tanzszenen auf den beiden Bällen haben es in sich: Nicht nur gibt das gesamte Ensemble beim Menuett eine mehr als ordentliche Figur ab; die Tänze sind vielmehr durch ihre strikt einzuhaltende Form die idealen Gelegenheiten für die wortgewandte Lizzy, ihrem Gegenüber Mr. Darcy auf den Zahn zu fühlen, ohne dass der ausweichen kann. Dass der stocksteife Tanzverächter Darcy erwartungsgemäß absolut kein Talent zum Smalltalk hat, liefert die Grundlage für eine der schönsten Dialogszenen im Stück – Flirten auf hohem Niveau.
Und so kommt alles, wie es muss: Sie kriegen sich. Denn nach vielerlei Verwicklungen stellt sich Darcy weniger als arroganter Schnösel sondern vielmehr als aufrechter Gentleman heraus – nicht umsonst hat Lukas Tillmann das ganze Stück über kerzengerade gestanden, gesessen und getanzt. Die Bennets haben innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit drei ihrer fünf Töchter unter der Haube: Jane und Bingley (wie erwartet), Lizzy und Darcy (“unerwartet”), Lydia und Wickham (problematisch, weil ehrlos; der Gesichtsverlust wird aber dank eines großzügigen Bestechungsgeldes von Darcy abgewendet) – da kann selbst Mr. Bennet beruhigt die Zeitung weglegen.
Alles in allem ein kurzweiliger Theaterabend auf Englisch, dem sich trotz Fremdsprache einigermaßen mühelos folgen lässt – wer bei DVDs den englischen Originalton bevorzugt oder ab und zu mal einen Roman im englischen Original liest, dürfte hier keine Probleme haben.
von Tom Rüdell




