Die Grenzen des Gewohnten werden aufgelöst
“Keine Angst vor neuen Tönen!” Mit diesem Aufruf richtete sich Dr. Klaus Reeh, Vorsitzender der Gesellschaft für aktuelle Klangkunst Trier, bei der Eröffnung des Festivals für neue Musik an die kleine, aber sehr interessierte Besucherschar, die sich vor dem Trierer Theater am Donnerstagabend zusammengefunden hatte. Unter dem Motto “Mensch am Limit – Neue Musik ganz nah” erwartet auch die weiteren neugierigen Besucher im Theater, im Forum und in der St. Antoniuskirche bis einschließlich heute ein vielseitiges Arrangement aus Klängen – Klänge, die passiv aufgenommen werden können, aber auch mit den Klanginstallationen und in diversen Workshops aktiv erzeugt sein wollen. In jedem Fall lösen sie die Grenzen des Gewohnten auf und machen damit hellhörig für Musik jenseits der Harmonie und die harmonische Geräuschkulisse mitten im Alltag.
TRIER. Das Publikum wird von “Letter of Intent” empfangen, einem Klangspiel auf dem Dach des Theatereingangs geräuschvoll präsentiert von Thomas Rath und Bernd Bleffert, Mitbegründer der Tonwerke Trier. Die Installation aus zwei parallel angeordneten rostigen Eisenplatten, die von den Experimentalmusikern mit verschiedenem Schlagwerk, aber auch Farbe und kratzendem Material bearbeitet wird, versteht sich als “vielteilige Hommage an den Rechten Winkel in Skulptur, Malerei und Musik”. Da darf auch die rechtwinklige Anordnung nicht fehlen, die das kreischende Phänomen Kreide oder schlimmer: Fingernagel trifft Tafel in schmerzhafte Erinnerung ruft.
Hier kommt bereits zu Ohren, was der Musikdramaturg Dr. Peter Larsen als den vom Hörer auszuhaltenden oder zu überwindenden Kontrast zwischen Störgeräuschen und dem Lauschen beschreibt. Und auch Reeh betont das musikalische Feld vor allem in seiner Weite, die es zu bearbeiten gilt, die Zuhörer wie Musiker herausfordert in den Polaritäten von Stille und Lärm, Programm und Skizze, Formlosigkeit und Formbarkeit. Die angekündigten neuen Töne selbst beinhalten diese Spannung: neu in ihrer atonalen Anordnung, neu aber auch durch neue, weil bewusste Wahrnehmung von Geräuschen und Klängen, die uns täglich begegnen, uns als auditive Kulisse umgeben.
Vor diesem Hintergrund lassen sich die Klanginstallationen Bernd Blefferts verstehen, die sich im Foyer und im Theatergarten finden. Das Nagelpendel erzeugt in der Verbindung von Regelmäßigkeit und Chaos durch das Anschlagen von verschieden dicken und langen Nägeln zufällige, nicht wiederholbare Tonfolgen, die in ihrem Klang dennoch vertraut sind.
Auch das Tropf-Ensemble, in dem Wasser aus mehreren Flaschen auf unterschiedlich lange, mit Folien bespannte Röhren tropft, lässt ein bekanntes Geräusch anklingen. Was der Künstler als “komplexe polyrhythmische Struktur” begreift, die sich in einer “Spreizung der Rhythmik” entfaltet, würde ein nicht so kunstbeflissener Ur-Trierer mit “Et ränt” bezeichnen – Regen, der rhythmisch und dennoch zufällig auf unterschiedliche Materialien prasselt, auf Dach, Balkon, Stühle, Geländer. Kunst im Alltag.
Kunst wird somit zur Definitionssache. Was Kunst ist, legen für moderne Performance-Künstler schon längst nicht mehr die philosophischen Theorien der Ästhetik fest. Alle als einengend empfundenen Systeme befinden sich in Auflösung, Klang-Art verortet sich außerhalb. Und erweitert den Kunstbegriff im Positiven um einen Aspekt, welcher der Kreativität in ihrer Spontaneität ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten gibt.
Vor allem aber lässt sie im vermeintlichen Aufheben der Systeme das reglementierende Gerüst der Tonarten hinter sich und begibt sich mit Atonalität in eine klangliche Sphäre, die für alle Beteiligten eine Herausforderung darstellt.
Ein Beispiel hierfür wurde dem Publikum mit der Uraufführung der halbstündigen Kurzoper “Ledermann” von Wolfram Saalern unter der musikalischen Leitung von Valtteri Rauhalammi im Forum geboten. Die Oper behandelt in dreißig Minuten “Echtzeit” das im musikalischen Bereich kaum erfasste Thema der Exekution von 20.000 deutschen Deserteuren in den letzten Kriegswochen 1945. Die etwa fünfzig Besucher fanden in zwei Stuhlreihen platz, die übergangslos an die zur Bühne umfunktionierte Tanzfläche angrenzten. Das erhöhte die beklemmende Atmosphäre des Werkes, forderte die Sängerinnen Evelyn Czesla und Angelika Schmid in ihrer eindringlichen schauspielerischen Leistung ebenso heraus wie Peter Koppelmann, der die Auflehnung des zum Tode verurteilten Deserteurs darstellte, und Alexander Trauth, einen ekelhaften Gestapo-Mann mimend in all seiner überheblichen Machtgier und Grausamkeit. Alle vier stimmlich beeindruckend facettenreich und den Räumlichkeiten dennoch angepasst. Hautnah eine halbe Stunde Lebenszeit, wie sie auf diese Weise oft in Deutschland erlebt worden sein mag.
Die sieben Musiker des Ensembles, Mitglieder des philharmonischen Orchesters Trier, überzeugten mit hochkonzentriertem Spiel, in dem es ja nicht um harmonische Einheit ging. Vielmehr war sich hier scheinbar jeder selbst der Nächste, jeder brachte seine Tonfolge in dieser atonalen Oper als Solist ein. Der Intention moderner Musik folgend außerhalb jeden Systems, wie in der anschließenden Publikumsdiskussion betont wurde. Doch was findet sich außerhalb des alten Systems? Eine Partitur auf Noten basierend, der Dirigent, der die sieben Solisten seiner Interpretation gemäß durch die Komposition leitet und sie zu einem atonalen Ensemble verbindet, das Libretto, als Grundlage für die Sänger, den Inhalt der Oper vermittels Sprache zu transportieren – Noten, ordnende Gestik, Sprache.
Unüberwindbare Systeme. Die nicht in avantgardistischer Großzügigkeit eliminiert oder auch bloß ignoriert werden können. Sie sind Grundlagen menschlichen Ausdrucksvermögens. Mehr noch: Jeder Einzelne hat Teil an ihnen. Nur so kann der Mensch musikalisch zur Sprache bringen, was er verborgen in der Welt erahnt, den Sinn offen legen und mitteilen.
Es steht außer Frage, dass und auf welche Weise die Atonalität eine Revolutionierung der Musik darstellt. Und der Mut des Trierer Theaters ist anzuerkennen. Man muss in Hinblick auf die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit auch völlig zustimmen, wenn der Komponist das Inhumane der Systeme betont, die jederzeit zu Machtinstrumenten werden können. Aber das musikalische System Tonalität als “per se inhuman” und als “Machtinstrument” zu verstehen denkt den durchaus verständlichen Ansatz nicht in aller Konsequenz zu Ende. Nicht nur, weil es, wie der Trierer Soziologe Professor Hahn in der Diskussion betonte, bereits eine “Tradition des Schrägen” gibt, das heißt, die atonale Musik selbst schon längst wieder ein System geworden ist. Sondern eben auch, weil das System Tonalität die bereits genannten Kommunikationsmittel enthält, die bei ihrer radikalen Verwerfung das Wesen des Menschen zerstören, seine Sprache. Die Fähigkeit, sich selbst und alles Wahrgenommene auszudrücken.
Nichts anderes hat die Kurzoper ja denn auch eindrucksvoll getan: Das Grauen des NS-Terrors zur Sprache gebracht.
Veranstaltungen heute:
11.00 Uhr | Foyer
Experimentelle Musik – Workshop für Kinder
Mit: Elisabeth Flunger (Bridel/Luxemburg)
11.00 Uhr | Orchesterprobenraum
Öffentlicher Orchesterworkshop / Gruppenimprovisation
Mit: Gerhard Stäbler, Kunsu Shim | Mitglieder des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier
13.00 Uhr | Orchesterprobenraum
Musikalische Präsentation des Orchesterworkshops (Konzert) Mitglieder des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier
Musikalische Leitung: Gerhard Stäbler, Kunsu Shim
14.00 Uhr | Malersaal
“PianoPaintings” – Musik- und Kunstperformance
Mit: Patrick M. Rödig und Peter Larsen (Trier)
21.00 Uhr | St. Antoniuskirche
ANTIPHON – Wechselgesänge zwischen Alter und Neuer Musik
Mit: Ensemble “Tonwerke Trier”
SOUND AREAS – CHORPROJEKT MIT SCHLAGWERK
Mit: Gottfried Sembdner (Irsch), Elisabeth Flunger (Bridel/Luxemburg)
23.00 Uhr | Großes Haus
INSECT – Musiktheaterperformance
Mit: “Liquid Penguin Ensemble”: Katharina Bihler und Stefan Scheib (Saarbrücken)
von Annika Hand





11. Juli 2009 (14:34 Uhr)
Klasse, dass was passiert in Trier!