Mittelalterliche Klänge in römischen Gemäuern

Das letzte Einhorn (Michael Rhein) sorgte auch ohne Pyrotechnik dafür, dass dem Publikum warm wurde. Foto: Christian JörickeWer es an diesem Wochenende nicht bis nach Wacken geschafft hat, wurde am vergangenen Freitag reichlich dafür entschädigt. “In Extremo” boten im Amphitheater fulminanten Mittelalter-Rock. Mehr als 3.000 Zuschauer lockten die sieben Spielleut’ mit sattem Rock, martialischen Sackpfeifen-Klängen, zartem Harfenspiel und einer beeindruckenden pyrotechnischen Bühnenshow in das alte Gemäuer.

“Der Krieg ist der Vater aller Dinge”, wusste schon Heraklit zu bezeugen. Was sich auf der aktuellen CD von “In Extremo” und der “Sängerkrieg”-Tour 2009 in einem tiefergehenden Sinn bestätigt: Hier geht es nicht um neidvolles Konkurrieren oder das verbissene Ringen um Anerkennung. Vielmehr präsentiert die Band die Resultate eines kreativen Prozesses, in dem Talente und Ideen eines jeden Spielmanns der siebenköpfigen Truppe in ein stimmiges Ganzes eingeflossen sind.

In dieses Selbstverständnis fügt sich auch der Auftritt von “Korpiklaani” ein, die den Abend eröffnen. Denn man kann sie sicherlich nicht als Vorband bezeichnen, die normalerweise die eher leidvolle Aufgabe hat, die Fans auf den Hauptact einzustimmen. Die finnische Folk-Metal-Band genießt unter den Kennern der Szene einen weit über Europas Grenzen reichenden Ruf und begleitet “In Extremo” auf ihrer Tour auf Augenhöhe. So fällt es den Nordmännern, die sich äußerlich durch zottelige Mähne und lange Bärte auszeichnen, nicht schwer, zumindest einen Großteil des Publikums für sich zu gewinnen.

Der “Klang des Waldes”, so die Übersetzung des Band-Namens, verbreitet mit Heavy-Metal-Sound, der vor allem durch die E-Gitarre die guten alten Zeiten von “Blind Guardian” anklingen lässt, gespickt mit Akkordeon und Geige eine Atmosphäre, die an das naturnahe Leben der rauen, trinkfesten Wikinger erinnert. Mit “Karkelo”, ihrem neuesten, sechsten Album, betonen “Korpiklaani” vor allem letztere Eigenschaft, verarbeiten in ihren teils finnischen, teils englischen Texten jedoch auch immer die Liebe zur Natur und damit auch ökologische, politisch relevante Themen.

Der Abgang des Sextetts, das sich über die Ränge des Amphitheaters verabschiedet, läutet die Bühnenshow von “In Extremo” ein. Der Blick in das erwartungsvolle Publikum, das man allenfalls metaphorisch als “bunt gemischt” bezeichnen kann, beweist die Begeisterung für Mittelalter-Rock in fast allen Generationen. Papas Jüngste erhält auf seinen Schultern den Logenplatz, zwei rebellierende Teenies werden von ihrer Mutter begleitet, die diese Phase ihrer Zöglinge offensichtlich nur all zu gut nachvollziehen kann. Selbst Joey Kelly von der gleichnamigen Family lässt sich vom Graben aus das Konzert nicht entgehen. Dominiert wird das Oval vor der Bühne jedoch von eingefleischten Fans, die Schwarz tragen oder doch zumindest ein InEx-T-Shirt.

Über 3000 Besucher feierten In Extremo im Amphitheater. Foto: Christian JörickeUnd bereits beim ersten Laut der Sackpfeifen, der sich noch hinter der Bühne ankündigt, gerät das Publikum ganz aus dem Häuschen. Das letzte Einhorn alias Michael Rhein intoniert “Sieben Köche” und stellt auch im Anschluss mit “Sängerkrieg” die gemeinschaftliche Kreativität unter Beweis. Die Spielfreude der Band steckt auch das Publikum an und führt zu einem kurzen Gastauftritt einer jungen Dame, die aus welchen Gründen auch immer ihr Didgeridoo mitgebracht hat. So überbrückt man mühelos die Distanz zwischen Bühne und Zuschauerraum, wenn es mit dem Mitsingen der estnischen, isländischen und gälischen Texte stellenweise etwas hapert. Latein hingegen scheint eingängiger, wodurch Lieder wie “Ave Maria” und “Hiemali Tempore” lautstarken Widerhall finden.

Mit einem 40-Tonner und einem 12,5-Tonner sowie einer aufgestockten Crew wird eine Bühnenshow möglich, die neben LED-Wänden begeisternde pyrotechnische Effekte enthält, von Feuerbällen, über Flammenwerfer und Feuerwerkselementen bis hin zu Jonglage. Dass ein solcher Auftritt nicht ganz ungefährlich ist, musste Rhein erst kürzlich erfahren, als er sich durch einen unbedachten Schritt am Arm verbrannte. Doch heilsame Lieder wie der estnische “Zauberspruch”, der Gesundheit beschwört, scheinen ihre Wirkung bestens zu entfalten, und so liefern “In Extremo” eine musikalisch und optisch perfekte Show ab. Mit den Zugaben überbieten sich die Sieben noch einmal selbst, wenn Der Morgenstern alias Reiner Morgenroth sein Schlagzeug mit entflammten Sticks bearbeitet und sich abschließend als Feuerschlucker erweist.

Und wenn der headbangende Zwei-Meter-Kerl neben mir aus voller Kehle “Küss mich!” grölt, muss ich dem zwar nicht unbedingt Folge leisten… Aber auf eine seltsame Art und Weise ist die Welt dort wieder in Ordnung, wo zierliche Frauen “Es regnet Blut!” schreien und gestandene Männer gemeinschaftlich emotional werden.

Wieder einmal hat der Boden des Amphitheaters rhythmisches Springen überstanden. Beseelt von so viel leidenschaftlicher Energie, die in den Zugaben noch einmal in besonderem Maße auf das Publikum übersprang, strömen die dunklen Gestalten nun zumindest zum Teil dem pyrotechnischen Ereignis des Olewiger Weinfestes entgegen.

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16 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Frank schreibt:

    Und ich schreibe es jedes Jahr wieder: Ein Open-Air-Rockkonzert mit solcher “extremer” Musik hat nichts in einem Wohnviertel zu suchen!!! Es war eine Zumutung für Anwohner. BAP oder letztes Jahr Fury waren/sind Beispiele dafür, wie es auch angenehm, bzw. nicht so störend sein kann.

  2. Ein Fan schreibt:

    hey frank,

    dann musst du das halt einmal im jahr ertragen!!!!!
    es gibt so viele schlimme dinge auf der welt und du regst dich wegen ein bisschen lärmstörung auf. es gibt oropax. kauf dir doch mal solche genialen ohrstöpsel.

    trotzdem liebe grüße :-)

  3. Römer-Fan schreibt:

    Lieber Fan,

    leider muss man Frank in gewisser Art und Weiße dennoch recht geben. Wacken zu Beispiel findet nicht ohne Grund nicht in Trier oder Hamburg statt, sondern bei einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein.
    Viel mehr beschäftigt mich aber sowieso die Frage, in wie weit das Weltkulturerbe durch Musikfans plattgetrampelt werden sollte und ob es nicht sinnvoller wäre es lieber für weitere 2000 Jahre zu bewahren. Vielleicht schätzen die Menschen in der Zukunft jene Stätte ja doch mehr als wir.

  4. Howie van Zanten schreibt:

    wir haben es engagierten, idealistischen und risikofreudigen konzertveranstaltern zu verdanken, dass für international renommierte künstler trier mittlerweile kein unbekannter weißer fleck auf der karte, sondern ernsthaft in betracht zu ziehende tourstation ist. ich vermisse die achtiger jahre nicht, in denen hier so gut wie “nichts los” war …

  5. Florian Schwarz schreibt:

    Die Diskussion finde ich wirklich sehr sinnvoll. Die Künstler für Konzerte werden im Zukunft einfach nach dem Musikgeschmack der Anwohner entschieden. BAP is’ super und nich ganz so hart, InExtremo ist zu extrem. Weiss ja jeder, sieht man ja schon am Namen. Hein…?

    Und wenn schon Wacken zur Sprache kommt: Bei den Wackenern ‘ne Scheibe abschneiden wäre angesagt:

    http://www.stern.de/unterhaltung/musik/:20.-Wacken-Open-Air-Gr%F6len%2C/707645.html?cp=11

    Zum Beispiel mal mit einem Kissen ans Fenster setzen, sich über/mit Menschen freuen, die zusammen eine schöne Sommernacht verbringen und mit der alljährlichen Miesepeterei aufhören. Echt jetzt.

    F.S.

  6. Hyperboreas schreibt:

    Also, Wacken ist nun doch etwas anderes als ein einzelnes Konzert von 2 oder drei Stunden Dauer. Und Frank nahm offensichtlich ja nicht nur an der Lautstärke Anstoß, sondern vor allem an der Art der Musik. Aber da läßt sich wohl nur sagen: ma muss och jönne könne. Wenn das die größte Zumutung ist, die einem alljährlich widerfährt, dann kann man sich glücklich schätzen. Und zum Punkt Weltkulturerbe: Wenn 1700 Jahre ohne Restauratoren, dafür als Teil der Stadtbefestigung, Nutzung als Steinbruch etc. die Kaiserthermen nicht komplett zerstört haben, dann werden die paar Musikfans das auch nicht schaffen. Und selbst wenn: in 2000 Jahren können die Touris ja dann für viel Geld durch die Ruinen des Stadtbads spazieren…

  7. Ein Fan schreibt:

    es ist ja nicht so, dass ich das gar nicht verstehe. klar ist es für den, der solche musik nicht gerne hört, laut. aber wisst ihr, hier in trier ist so selten mal was für unsere musikrichtung. und wir freuen uns echt jedes jahr aufs neue ins amphitheater zu gehen.
    ich denke nicht dass die musikfans das weltkulturerbe platt trampeln. sonst hätte das die BSA nicht genehmigt.

    könnt ihr uns fans denn nicht auch mal verstehen?????

  8. Sharon Sarah Schmitz schreibt:

    Na, ganz so tot waren die Achtziger in Trier aber nicht, wenn ich meine eigenen Konzertbesuche zum Maßstab nehme. Da hätten wir gleich zwei Mal BAP, weiterhin Udo Lindenberg, Helen Schneider, Ideal, Ian Gillan, Donovan und Grobschnitt, sowie, nicht zu vergessen, die Scherben mit Rio Reiser – und alle anderen, die ich doch vergessen habe, weil ich dabei war.

  9. Stephan Jäger schreibt:

    @Frank

    Wie “Ein Fan” schon geschrieben hat: es ist EINMAL im Jahr.

    Hier mal ein Link für dich:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz

    Ach ja: Mir gefällt die Musik, die mir gefällt auch besser, als die, die mir nicht gefällt. Aber ich mache meinen GESCHMACK deshalb nicht (ungefragt) selbst zum Maßstab für einen ganzen Stadtteil.

    @Römer Fan

    Stimmt! Denk ich manchmal auch, wenn ich die Trierer sehe. Am besten nochmal Deckel drauf für die nächsten 2000 Jahre.

  10. Frank schreibt:

    Aber was spricht denn gegen ein Konzert in der Halle? Oder im Waldstadion? Meines Wissens war das Amphitheater keine Konzertbühne im Mittelalter. Abgesehen davon, geht es mir wirklich weniger um die Musik als um die bescheuerten Pyro-Effekte, die einfach unnötig sind. Da wird was gezündet und es knallt als ob eine Bombe explodiert.

    Wisst ihr, ich mag eigentlich jegliche Art von Musik und manche Lieder von In Extremo hör ich mir auch an. Bin zB ein großer Linkin Park-Fan, die ich ebenso nicht im Amphitheater auftreten lassen würde. Aber in einem so belebten Wohnviertel leben auch Kinder, welche in der Regel um 20 Uhr, bzw. 20.30 ins Bett gehen. Und kleinere Kinder bekommen bei solchen “Explosionen” nun mal Angst und da hilft auch kein Erklären a là “Das ist eine Mittelalterrockband und manche Menschen finden es toll, wenn es so knallt.”

    Mir gefällt das Amphitheater auch als Konzertbühne, aber es gibt nun mal “Mainstream-Sachen” die eine angenehme bzw. weniger störende Lautstärke erzeugen und Sachen, wo dreiviertel der Menschen lieber weglaufen als hinhören. Und als Anwohner geht Weglaufen nun mal nicht und schon gar nicht um 22.30. Deswegen sollte bei Open-Air Veranstaltungen in Wohngebieten grundsätzlich darauf geachtet werden, was da abgezogen wird. Und meiner Meinung nach, passt In Extremo, Iron Maiden, Metallica und Linkin Park ebenso wenig dorthin, wie die Aufführung 2007 der Antikenfestspiele bei dem die Anwohner wochenlang (Proben etc.) mit Babygeschrei aus dem Lautsprecher terrorisiert wurden. (Im Übrigen auch erst abends ab 21 Uhr)

    Und auch wenn ich mich hier als extremer Nörgler präsentiere, ich bin auch Fan von irgendwas und irgendwem, aber deswegen muss ich dies doch nicht auf penetrante Art und Weise jedem um mich herum aufzwängen. Ich hab nichts gegen In Extremo und Konsorten, sie sollen nur nicht in einem Wohngebiet spielen.

  11. Frank schreibt:

    @ Stephan Jäger: Wenn du schon Wikipedia bemühst, dann lies dir direkt den Abschnitt über Ignoranz durch und schau mal in den Artikel über “Egoismus” rein:

    “Egoismus im engeren Sinne:
    Im engeren Sinne ist ein Verhalten dann als egoistisch einzustufen, wenn der Handelnde bewusst einen Nachteil für einen Anderen in Kauf nimmt und alleine auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, obwohl ein alternatives Verhalten, welches den überkommenen Kriterien von Gerechtigkeit und Moral entspricht, möglich wäre. Ist ein Bewusstsein für tatsächlich entstandene Nachteile für einen Anderen als Folge des eigenen Tuns oder auch Unterlassens überhaupt nicht vorhanden, kann nicht mehr von Egoismus im engeren Sinne gesprochen werden, sondern von Egozentrismus. Unter dem Wikipedia-Lemma „Egozentrismus“ ist Egoismus als „reflektierte Selbstverliebtheit“ definiert. Der Andere wird hierbei nicht als gleichberechtigtes Subjekt wahrgenommen, sondern ist nur Instrument des eigenen Lustgefühls. Dieser Egoismusbegriff ist daher negativ belegt und wird oft im Rahmen moralischer Vorwürfe benutzt.”

    Ich denke, ich habe genug dazu geschrieben.

  12. bambam schreibt:

    “ironiemodus an:”

    ich habe nichts gegen fremde,
    solange sie da bleiben, wo sie herkommen!

    “ironiemodus aus”

    (zitat frei nach asterix & obelix)

  13. Stephan Jäger schreibt:

    @Frank

    Gegenfrage: Was spricht dagegen, mal 3 (drei !) Stunden in einem Jahr, das 8760 davon hat, den Ar… zu zukneifen, damit ein paar andere Leute ihren Spass haben können? Genau da, WO sie wollen und WANN sie wollen.

    Der Preis, der winkt, ist unbeschreiblich: Vielleicht tun sie genau das dann auch, wenn Du mal Deinen Spass hast, der ihnen fürchterlich auf den Senkel geht.

    Woher willst Du wissen, ob es Deinem Nachbarn zur Linken nicht bei BAP hochkommt und der zur Rechten nur bei Hard-Techno schlafen kann?

    Und, was das Knallen angeht: Was machen wir denn mit dem Weinfest? Oder mit Zurlauben? (Auch in Pallien wohnen Kinder) Und wie bekommen wir durch, dass Silvester abgeschafft wird? Ganz zu schweigen vom bösen lieben Gott, der ab und zu mal ein Gewitter über den Himmel schickt.

    Ich glaube, ich würde meinen Kindern erzählen: Das ist jetzt halt mal so. Da kann man nix gegen machen. Aber gleich ist es wieder vorbei…

    …damit sie nicht irgendwann auch zu Extremnörglern werden.

  14. Hartwig schreibt:

    @ Frank
    “Ein Open-Air-Rockkonzert mit solcher “extremer” Musik hat nichts in einem Wohnviertel zu suchen”
    Für den Fall, daß Du in einem der Häuser wohnst, die auf dem Gelände der ehemaligen Löwenbrauerei stehen: Dieses Wohnviertel hat nichts neben dem Amphitheater zu suchen und wäre sicher nicht gebaut worden, wenn die UNESCO vor zehn Jahren schon so konsequent gewesen wäre wie jetzt, auch mal einen Welterbestatus abzuerkennen. Und laute Konzerte hat es im Amphitheater auch schon gegeben, bevor diese Häuser standen, wer dort eingezogen ist, konnte also wissen, worauf er sich einläßt.

  15. Kraterwalze schreibt:

    Meine Güte, immer diese Aufregung um den Lärm! Ich wohne in einem Ortsteil, wo x-mal im Jahr der Krach von diversen Feiern und Festen herüberschalt.

  16. revilo schreibt:

    und wie ist das dann mit den Feuerwerkskörpern, die um 23.00 Uhr, also nach den Konzerten im Amphitheater auf dem Olewiger Weinfest abgeschossen werden? Die machen auch Krach und das ist auch ein Wohngebiet.

    Sicher kann man sich nicht immer in die Lage eines betroffenen Anwohners versetzen, aber sobald man in der Stadt wohnt, gibt es immer Anlässe (Feierlichkeiten,Sportveranstaltungen, etc) , die man als störend empfindet. Aber so lange dies keine Dauerbelastung ist, sollte man das akzeptieren können, denn es bringt ja auch Geld in die nicht gerade üppig gefüllten Stadtkasse.

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