Heike und der Ziegentöter
Die gebürtige Aachenerin Susanne Jaspers studierte an der Trierer Universität Literaturwissenschaften und arbeitet heute in Luxemburg bei einem Verlag. Und weil ihr das anscheinend immer noch nicht ausreichend Beschäftigung mit Literatur ist, schrieb die 38-Jährige einen Roman. “Trio mit Ziege” heißt das gelungene Krimi-Debüt, das vor wenigen Wochen bei Éditions Saint-Paul erschienen ist.
LUXEMBURG/TRIER. “Trio mit Ziege” steht in der Tradition des klassischen Kriminalromans von Agatha Christie. Wie ihre berühmte Vorgängerin hat auch Susanne Jaspers eine Vorliebe für das Kleine und Alltägliche. In ihrem Krimi geht es nicht um globale Verschwörungen, politische Spionage oder die Rettung der Welt. Man findet auch nicht die bei weiblichen Autoren beliebten Themen “unglückliche Liebe” oder “sich rächende Frauen”. Nicht mal eine schöne Frau als Opfer oder als Ermittler gibt es.
Dargestellt wird eine kleine Dorfgemeinde, deren Alltagsroutine wie in David Lynchs Mystery-Serie “Twin Peaks” mit schwarzem Humor Schritt für Schritt durchbrochen wird, um unheimliche Geheimnisse aufzudecken. Diese Verbindung von Komischem und Schaurigem verstärkt die Dissonanz zwischen den ganz unpoetischen Banalitäten des Alltags und der poetischen Sprache des Krimis, die dieses ländliche Einerlei zur Karikatur verzerrt.
In dem kleinen Ort Grünthal führt der Ziegenzüchter Wim van Hout seine “alte Liebe”, die Ziege Sabine, zum Metzgermeister zwecks Notschlachtung. Die erotischen Empfindungen zu dem Tier erinnern an den Film “Was Sie schon immer über Sex wissen wollten…” von Woody Allen, der darin die Liebesgeschichte eines Mannes zu einem Schaf schildert. Dort endet sie allerdings nicht so tragisch wie bei Susanne Jaspers.
An jenem fatalen Tag beginnt in Grünthal eine Reihe von schauerlichen Morden. Erst wird die Haushälterin des Bürgermeisters umgebracht, dann werden die neu gekauften Edelziegen Heike und Gudrun getötet. Lauert im Ort ein Frauen- und Ziegenkiller? Ein originelles Motiv mit raffiniert verstrickten Sujetlinien und imposanten, manchmal zur Groteske entstellten Protagonisten, die sich mehr und mehr in Verbrechen verwickeln, halten die Spannung bis zum Ende. Die Handlung führt den Leser mithilfe von Pseudo-Enthüllungen und bizarr-lustigen Auflösungen in die Irre, da die Autorin geschickt falsche Spuren legt und bis zur letzten Seite den Täter nicht erahnen lässt.
Der Dorfkrimi bietet dabei nicht nur Unterhaltung, sondern problematisiert an belanglosen Dingen tiefgründige Strukturen des sozialen Gebildes. Deutlich wird vor allem, wie schnell unter bestimmten Bedingungen Gesetze übertreten werden. Wenn es um den eigenen Nutzen geht, werden auch unbescholtene Bürger zu Kriminellen. Die Staatsgewalt, selbst auf der Kommunalebene, beruht auf Verbrechen, Betrug und Doppelmoral. Der Bürgermeister ist bereit, buchstäblich über Leichen zu gehen, um die bevorstehenden Wahlen zu gewinnen. Zu diesen zwielichtigen Gestalten passt hervorragend ein unfähiger, unterbelichteter Polizist. Die zivilisierte Ordnung ist also eher Zufall, als Errungenschaft der Politik, der Polizei oder der “gewissenhaften” Bürger.
Einen kritischen Blick auf die Gesellschaft oder zumindest auf ein bestimmtes Milieu wirft Jaspers auch beim Thema Interkulturalität. Der Umgang von deutschen und “nicht deutschen” Protagonisten türkischer und osteuropäischer Herkunft zeigt kein Idealbild von Integration. “Nicht deutsch” steht deshalb in Anführungszeichen, weil schon der Vater des so genannten Türken in Aachen gebürtig ist.
Das Stigma der Fremdheit kann man nicht mal durch mehrere Generationen in Deutschland loswerden. Die “Nicht-Deutschen” werden allen möglichen Diskriminierungen ausgesetzt, selbst wenn am Ende genregemäß die Gerechtigkeit siegt. Sie sind selbstverständlich unter den ersten Verdächtigen, und der Bürgermeister erpresst darüber hinaus die osteuropäische Frau Rusnachenko aufgrund ihres sozialen Status. Sie muss ein Verbrechen vertuschen, um ihre Aufenthaltserlaubnis verlängert zu bekommen.
Der Roman zeigt zum einen die Angst vor (dem) Fremden und entlarvt die Integration als ein unmögliches Projekt. Zum anderen setzt er kulturelle Klischees und Stereotypen in Bewegung und legt bewusst oder unbewusst kulturelle Ausgrenzungstendenzen in der deutschen Gesellschaft frei, die vor allem von den Staatsinstitutionen bedingt werden. Die Lektüre von “Trio mit Ziege” ist sehr zu empfehlen.
Jaspers, Susanne. Trio mit Ziege. Éditions Saint-Paul, Luxemburg. 2009
Irina Gradinari
von 16vor




