Triers Linke zerlegt sich
Eine Woche vor der konstituierenden Sitzung des neuen Stadtrats hat sich die kleinste der sechs Fraktionen bereits zerlegt: Marc-Bernhard Gleißner erklärte am Montagnachmittag seinen Mandatsverzicht. Als Grund gab der bisherige Linken-Fraktionschef an, dass er mit dem Spitzenkandidaten seiner Partei bei der Kommunalwahl, Dr. Johannes Verbeek, nicht mehr zusammenarbeiten könne. Der konterte, Gleißner habe eine “ganz linke Tour” gedreht. Wenig spricht dafür, dass Verbeek mit Gleißners Nachrückerin Katrin Werner besser zurande kommen wird. Wahrscheinlicher scheint da schon, dass die Linke alsbald ihren Fraktionsstatus verliert.
TRIER. Dr. Johannes Verbeek wartete vergebens. Am frühen Montagabend saß der Kürenzer im neu eingerichteten Saal seiner Fraktion am Augustinerhof, doch niemand wollte zu der regulären Sitzung kommen. Und der, der eigentlich hätte kommen sollen, verschickte zur gleichen Zeit eine Mail an die Medien der Stadt: “Leider hat die Zusammenarbeit zwischen mir und Johannes Verbeek nicht funktioniert”, heißt es in Gleißners Mitteilung in eigener Sache, und weiter: “Dies bedauere ich sehr. Da für mich die politische Arbeit für unsere Wählerinnen und Wähler absolute Priorität hat, ziehe ich die Konsequenzen und lege mein Mandat nieder”. Der Promotionsstudent abschließend: “Ich wünsche meiner Nachrückerin Katrin Werner viel Erfolg und sage für ihre Arbeit im Stadtrat meine volle Unterstützung zu”.
Man kann und muss den letzten Satz wohl so verstehen, dass Verbeek auf die Unterstützung Gleißners nicht mehr hoffen kann. Tatsächlich scheint das Verhältnis zwischen den beiden Genossen, die noch vor zwei Monaten gemeinsam Wahlkampf machten, hoffnungslos zerrüttet. Verbeek wirft dem Promotionsstudenten vor, eine “ganz linke Tour” gedreht zu haben. Konkret geht es um die Besetzung von Ausschüssen. Verbeek und Gleißner waren sich bei nahezu allen Kandidaten einig, doch als es um den Schulträgerausschuss und den Verwaltungsrat der Stadtwerke ging, konnten die beiden kein Einvernehmen erzielen. Verbeek schlug für den Schulträgerausschuss seine Frau Veronika und für die Stadtwerke den Verkehrsexperten Dr. Karl-Georg Schroll vor. Nun ist Schroll schon vor längerer Zeit bei Gleißner und Linken-Kreischefin Katrin Werner in Ungnade gefallen, und auch Frau Verbeek, die der Partei nicht angehört und wie ihr Mann Lehrerin ist, fand nicht die Zustimmung Gleißners.
Der favorisierte denn auch zwei andere Kandidaten: Linde Andersen aus Trier-West für die Stadtwerke und Konny Kanti für die Schulen. Beide Seiten bestanden auf ihren Personalvorschlägen. Zum Eklat kam es dann, als Verbeek, gerade zurückgekehrt aus dem Urlaub, von einer Verwaltungsmitarbeiterin erfuhr, dass Gleißner zwischenzeitlich die Liste mit den Namen der Ausschussmitglieder inklusive seiner Favoriten für SWT- und Schulträgerausschuss beim Sitzungsdienst des Rathauses eingereicht hatte. “So lasse ich mit mir nicht umgehen”, echauffierte sich Verbeek am Abend gegenüber 16vor, er fühle sich”hintergangen”. Von Gleißner sei in den vergangenen Wochen inhaltlich nichts gekommen, kritisierte er weiter.
Die Auseinandersetzung schwelte schon seit Wochen. Als Gleißner für sich das Amt des Fraktionsvorsitzenden reklamierte, brach der Streit offen aus (wir berichteten). Eine Genossin vom Landesverband der Partei wurde als Vermittlerin hinzugezogen und konnte auch schlichten – zumindest vorerst. Der Kompromiss: Gleißner durfte Fraktionschef werden, allerdings nur für das erste Jahr der Wahlperiode. Dann sollte Verbeek an die Reihe kommen. Man darf nun gespannt sein, ob Nachrückerin Katrin Werner Gleißner auch im Fraktionsvorsitz beerben will – dann dürfte das nächste Zerwürfnis schon programmiert sein. Sie müsse das Ganze jetzt erst einmal sortieren, erklärte sie am Abend. Dass ihr der Eklat und seine Folgen denkbar ungelegen kommt, verhehlt sie nicht – schließlich steht Katrin Werner als Direktkandidatin im Bundestagswahlkampf. Das Mandat im Stadtrat werde sie in jedem Fall annehmen, versicherte sie – “das bin ich ja auch der Partei und den Wählern schuldig”.
Auch Verbeek sieht sich den Wählern gegenüber in der Pflicht, weder ein Parteiaustritt noch der Verzicht auf das Mandat zieht er bislang in Betracht. Dass er mit Katrin Werner besser zusammenarbeiten wird, scheint jedoch mehr als fraglich. Denn die stand in den vergangenen Wochen und Monaten Gleißner erkennbar näher als ihm; obendrein gilt Werner in den Augen Verbeeks auch als eine der Drahtzieherinnen im Streit um den Fraktionsvorsitz. Der Kürenzer, der seine Partei als Spitzenkandidat in die Kommunalwahl geführt hatte, war anfangs fest davon ausgegangen, dass diese Funktion ohnehin auf ihn zulaufen würde. Nach Lage der Dinge scheint nicht ausgeschlossen, dass Verbeek über kurz oder lang die Fraktion verlassen und als Fraktionsloser im Stadtrat weitermachen wird. Dann allerdings gäbe es auch keine Fraktion der Linken mehr, denn für diesen Status werden mindestens zwei Ratsmitglieder benötigt.
von Marcus Stölb





17. August 2009 (18:32 Uhr)
Was für eine Polit-Posse! Da kann man doch nur mit dem Kopf schütteln.
17. August 2009 (19:43 Uhr)
Ich finde das gar nicht so dramatisch. Sowas ist in Trier doch eher Tradition ;-)
17. August 2009 (20:46 Uhr)
Diese Parteienpolitik geht mir langsam auf die NERVEN. Hier geht es überall nur noch um eigene Interessen und über Machtkampf. Es war noch nicht eine Sitzung des neuen Stadtrats und die Wähler wurden schon im großen Maße ver…..! Es fing an mit Herr Cordel von der SPD der sich aufstellen lässt mit dem Wissen er geht in spätestens einem Jahr weg! Unglaublich sowas. Nun dies!
Ich wäre für NEUWAHLEN mit der BITTE das alle KANDIDATEN es EHRLICH meinen!!
17. August 2009 (22:18 Uhr)
“Der Klügere gibt nach.” – Und die Dummen regieren…
17. August 2009 (23:47 Uhr)
@lächerlich
finde ich lustig, die aufforderung, denn natürlich “meinen” es alle ehrlich. sie tun es nur nicht! was nicht? ehrlich HANDELN!
an der konsequenz, zu seinen positionen zu stehen, auch wenn es einen preis kostet. daran krankt doch die ganze geschichte. gemeint werden kann ja unglaublich viel und so schön unverbindlich ;-)
18. August 2009 (09:19 Uhr)
@Lächerlich:
Was genau geht Ihnen denn auf die Nerven? Dass Medien darüber berichten, wenn es parteiinterne Konflikte gibt? Beachten Sie, dass auch Parteien eigentlich nur politische Vereinigungen sind, und es dort die gleichen menschlichen Befindlichkeiten geben kann, wie in jedem Rassekaninchen- oder Taubenzüchterverein.
Mit dem Unterschied, dass Parteien gemeinhin politischen Einfluss auch nach außen hin anstreben und über derartige “Eklats” im “Rassekaninchenzüchterverein Langweiler-West” kaum ein Medium mangels Nachrichtenwert berichten wird.
Es menschelt eben in allen Parteien. Das verwundert kaum, handelt es sich doch überall um Menschen. Mich würde es eher beängstigen, wenn ich eine Partei gleichgeschalteter Roboter vor mir sähe, in der Mandatsträger keinerlei eigene Ambitionen und Ideen mehr haben.
Fordert der Wähler das ernsthaft? Das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen.
18. August 2009 (09:32 Uhr)
Das klappt ja im Kleinen
http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/0,1518,641254,00.html
und im Klitzekleinen (untereinander) schon richtig gut!
Da muss man ja wirklich traurig sein, dass dieser Partei nicht endlich die Chance gegeben ist, aus unserer Erde einen besseren Platz zu machen.
“Sozialismus” at it’s best: “Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag’ ich dir…”
18. August 2009 (13:25 Uhr)
Kompromisslos zu 100% die eigene Meinung durchziehen: Das kann halt nicht klappen, weder innerhalb einer Partei noch in irgendeinem gewählten Vertretungsgremium.
Wer lieber sein eigenes Süppchen kocht anstatt zu Zugeständnissen und Kompromissen bereit zu sein, sollte sich ein Leben als Robinson auf einer einsamen Insel überlegen.
18. August 2009 (14:21 Uhr)
Woran man also einmal wieder sieht: Jede Stimme für extreme Parteien ist eine vergeudete Stimme. Wer extreme Parteien wählt, ist am Ende immer der Dümmste.
18. August 2009 (14:39 Uhr)
Wie lächerlich ist das Leben doch,. wenn man es mit dem Abstand von exakt 13.498 Meilen genießen kann. Erst kam der Blender Jensen, und jetzt sind die anderen auch dran. Gut e Nacht. Trier und viele Grüße aus der Ferne. Schlaf´ schön.
18. August 2009 (14:47 Uhr)
@Metallkpof
und mit dem ganz großen Unterschied, dass Parteien nicht nur menscheln sondern auch Regierungen bilden in Stadt und Land. Und diese Regierungen entscheiden und schaffen Gesetze, die ganz erheblich in das Leben der Menschen eingreifen, retten Banken mit Milliarden und haben diese für das Normalvolk dann nicht mehr übrig. Und das kann man dann nur so lange mit dem niedlichen Begriff des Menschelns verharmlosen, wie man selbst davon nicht betroffen ist, z.B. als Parlamentarier oder gut dotierte Lehrerin mit Arbeitsplatzgarantie und viel Zeit für Parteiengagement.
Zu den “Linken” der Linkspartei als Auslöser dieses Artikels muss festgestellt werden, dass sie sich alle mit der Verantwortung für den Bürger entschuldigen in ihrem unwürdigen und lächerlichen Tun, das dem Ansehen der Linken als politische Strömung erheblichen Schaden zufügt. Was Ihr da veranstaltet, Katrin, Verbeek und Genossen, hat nichts mit Linkssein zu tun, nichts mit Verantwortung und schon gar nichts mit dem Bürger. Das ist vollkommen unpolitisch und dient nur der Befriedigung der persönlichen Eitelkeiten und/oder dem Jagen nach gut dotierten Mandaten.
Ihr habt bisher in der politischen Öffentlichkeit in Trier nur durch Eure Streiterein auf Euch aufmerksam gemacht und die Plakate, die Ihr zu jeder Wahl an die Masten hängt. aber dafür haben die Bürger Euch nicht Ihre Stimmen gegeben. Ist das die Alternative, die Ihr darstellen wollt? Ist das die andere politische Kultur? Mir tun nur die Leid, die guten Gewissens und mit anständigen Absichten zu Euch gekommen sind, sich eingesetzt haben und es ehrlich meinten und sich jetzt immer mehr von Euch abwenden, angewidert.
18. August 2009 (15:44 Uhr)
Kann da FDGO nur zustimmen. Was für eine peinliche Geschichte- ob ich nun Verbeek oder Gleißner peinlicher finden soll, weiß ich gerade noch nicht. Nun denn, ich denke, mit dieser Story hat sich die Linke selbst ins Abseits gestellt.
18. August 2009 (15:47 Uhr)
Schade. Typisch linke Zerstrittenheit. Da hat sich in den letzten 100 Jahren nichts geändert…
@ FDGO, Nr.9
Als politisch “extrem” empfinde ich die Linke keinesfalls. Höchstens, wie der interne Streit in der Trierer Linken zeigt, als extrem bescheuert.
Hingegen ist der zunehmend paranoide Überwachungswahn bei unserer CDUSPD ein extremer Anschlag auf unsere Freiheitsrechte und das GG. Aber das ist eine andere Geschichte…
18. August 2009 (21:36 Uhr)
Die Überschrift stimmt; Triers Linke und auch die, die sich dafür halten verlieren einige Ihrer – gewählten oder auch nachgerückten- Mandatsträger schon vor dem eigentlichen Starttermin. Und der Grund ist überall gleichermaßen beschämend: Sie kamen trotz langer Löffel im Wahlkampf schließlich nicht an die Fleischtöpfe dran, die Ihnen das Kommunale Recht mit Ihren Regelungen zur Aufwandsentschädigung und Ihre Fraktionen doch (subjektiv) verdientermaßen zugestehen sollte. Rechts von der Mitte mag das als legitim gelten, aber Achtung: Offenbar funktioniert der Marsch durch die Institutionen auch anderherum