“Merkel nimmt den Schlafwagen”

Im Anschluss verteilte Renate Künast Autogramme. Foto: Marcus StölbSie tragen den Wahlkampf in alle Winkel der Republik: die Bundespolitiker, die in diesen Wochen durchs Land touren und auch in Trier Station machen. Am vergangenen Freitag trat die Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen, Renate Künast, im Varieté Chat Noir am Kornmarkt auf. Die meisten der gut 150 Zuhörer musste die Ex-Verbraucherschutzministerin nicht mehr überzeugen. Zum Glück für die Grünen, denn was Künast bot, war nicht viel mehr als rhetorische Rohkost, und den größten Teil ihrer Rede widmete sie der Kritik an der Kanzlerin und der Großen Koalition.

TRIER. Als vor vier Jahren der selbst ernannte “letzte Live-Rock’n'Roller der deutschen Politik” von der Berliner Bühne abtrat, wähnten manche Beobachter die Grünen schon auf dem absteigenden Ast. “Jetzt kommt in allen Parteien die Playback-Generation”, gab Joschka Fischer seinen Nachfolgern in einem Aufsehen erregenden Interview der tageszeitung noch mit den auf den Weg. Tatsächlich mutmaßten die meisten Kommentatoren, ohne den populären “Gottvater”, wie der erste grüne Außenminister der Welt in den eigenen Reihen ironisch genannt wurde, würden die Grünen ihre beste Zeit wohl hinter sich haben.

Nun scheint alles anders zu kommen, denn glaubt man den jüngsten Umfragen, dann könnte die Partei am 27. September erstmals auf Bundesebene ein zweistelliges Ergebnis einfahren. Derartiges war den Grünen unter Fischer nie vergönnt, doch forscht man nach den Ursachen für dieses bislang ja nur demoskopische Hoch, so kommt einem der Name Künast nicht auf Anhieb in den Sinn. Gemeinsam mit ihrem einstigen Bundesministerkollegen aus rot-grünen Tagen, Jürgen Trittin, führt die 53-Jährige ihre Partei in die Wahl. Am frühen Freitagabend führte sie ihr Weg nach Trier, ins Varieté Chat Noir am Kornmarkt.

Während vorne die Bitburger Bundestagsabgeordnete Ulrike Höfken (“Ohne uns bleibt alles schwarz”) gegen SPD, CDU und Liberale wettert und den drei Parteien vorwirft, Landwirte zu “billigen Rohstofflieferanten” degradieren zu wollen, schiebt sich Künast durch die Menge und nimmt auf einem der bequemen Plüschsessel am Rand Platz. Der Saal ist gut gefüllt, doch rasch wird auch deutlich, dass sich das Publikum vor allem aus Stammwählern, Sympathisanten und Parteimitgliedern zusammensetzt. Auch ein paar sozialdemokratische Ratsmitglieder, darunter SPD-Fraktionschef Sven Teuber, wollen Künast sehen und hören.

Künast über Gottschalk: “Fast comichaft”

Doch zunächst spricht noch der Grünen-Direktkandidat für den Wahlkreis Trier, Sascha Gottschalk. Es wird ein kurzer Auftritt. Als Gottschalk schon nach wenigen Sätzen den Faden verliert, was selbst einem Vollprofi schon mal passieren kann, bereitet er seiner Vorstellungsrede ein abruptes Ende: “Wählen Sie mich”, sagt er kurz und knapp und etwas unvermittelt. Künast fühlt sich sogleich an “Horst Schlämmer” erinnert, und kaum auf der Bühne, kann sie sich einen hämischen Kommentar denn auch nicht verkneifen: “Fast comichaft” sei das gewesen, attestiert sie dem Parteifreund; Fischer hätte es wohl anders, aber nicht weniger herablassend formuliert.

Es folgt nun eine Stunde Künast. Heftig attackiert sie Merkel, weil diese offenbar “im Schlafwagen” zum Wahltag unterwegs sei und jede inhaltliche Festlegung vermeide. “Derart präsidial” sei die Kanzlerin unterwegs, dass es schon “unverschämt” sei. Künast wirft der Christdemokratin vor, dem Land in der Wirtschafts- und Finanzkrise “nicht gedient” zu haben. Als es darum gegangen sei, die Banker in der Krise stärker in die Pflicht zu nehmen, habe sie versagt: “Da hatte sie keinen Arsch in der Hose”, wird Künast jetzt burschikos.

Auch Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg kommt nicht gut weg bei der Ex-Ministerin: “Ich traue Guttenberg keine zwei Zentimeter”, ruft Künast in den Raum. Dass dieser das kürzlich bekannt gewordene Papier aus seinem Hause kurzerhand als angeblich “obsolet” in der Versenkung verschwinden ließ, könne nur bedeuten, dass der CSU-Mann sich von der Kanzlerin, dem Programm seiner Partei und den Zielen des Wunschkoalitionspartners FDP distanziere, schlussfolgert die Grünen-Spitzenkandidatin. Schließlich hätten in dem Papier zahlreiche Forderungen gestanden, mit denen Union und Liberale auch in den Wahlkampf zögen. Künast nennt beispielhaft die Forderungen nach einer Einschränkung der Mindestlöhne und einer Aufweichung des Kündigungsschutzes.

Wer Grün wählt…

Und der eigene Wunschkoalitionär und Ex-Regierungspartner? “Man kann die SPD nicht alleine lassen”, warnt die Grüne, schließlich stünden die Sozialdemokraten “noch immer mit beiden Beinen in der Kohle”, was in Sachen Klimaschutz eine völlig widersinnige Politik programmiere. Wenig später, Künast ist jetzt endlich bei den eigenen Inhalten, beim “Green New Deal” angekommen, wähnt man sich für einen kurzen Moment Andrea Nahles gegenüber. Die Grüne fordert einen höheren Spitzensteuersatz und eine Vermögensabgabe, “nicht nur die Kleinen dürfen die Zeche zahlen”. Künast wettert gegen Lohndumping und verlangt, dass die Unternehmen sich stärker darum bemühen sollten, ihre Betriebskosten, sprich ihre Ausgaben für Energie-, Wasser und Entsorgung zu senken. Da klatschen auch die anwesenden Genossen und Künast bekommt die Kurve zu einer wirtschaftsfördernden Umweltpolitik. Als sie aber feststellt, dass die “Warmmieten ja bald höher als die Kaltmieten” lägen, werden einige Zuhörer stutzig. Auch der Vorschlag, der Privatwirtschaft eine Frauenquote für die Besetzung von Führungsetagen gesetzlich vorzuschreiben, stößt nicht bei allen im Saal auf Wohlgefallen.

Wer Rot-Grün wolle und eine Fortsetzung von Schwarz-Rot verhindern möchte, müsse garantiert die Grünen wählen, gibt Künast ihren Zuhörern am Ende ihrer charmelosen Darbietung mit auf den Weg. Von denen dürften ohnehin nur wenige nicht die Grünen wählen, doch nach Lage der Dinge könnte, wer Grün wählt, am Ende eher Schwarz-Gelb als Schwarz-Grün bekommen; und auch eine Verlängerung der Großen Koalition scheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt wahrscheinlicher als eine Neuauflage des rot-grünen Bündnisses.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. norbert damm schreibt:

    Marcus Stölb schreibt von rhetorischer Rohkost. Leserbriefmäßig Nulldiät. Mich wundert das nicht. – Die Grünen vergessen seit einiger Zeit 2 Themen: “Frieden schaffen ohne Waffen” und” Kernkraft, nein Danke”. 2 Themen, ohne die die Grünen nicht enstanden wären. – Vor kurzem, im Kommunalwahlkampf, fragte ich einen”Altgrünen” und Weggefährten in vielen BIs in Trier, was denn damit sei. Das wären Themen, die im Kommunalwahlkampf keine Rolle spielten,seine Antwort. Schlecht. Afghanistan kostet die Grünen nicht nur meine Stimme. Der größte Kriegsflughafen Europas liegt direkt neben Trier: Spangdahlem.Das vom Typ her größte AKW liegt tneben Trier: Cattenom. 4 mal 1300 Megawatt. Die Mosel fließt durch Trier. Mehr oder weniger radioaktiv verstrahlt. Aber unsere Politikerinnen reden über Brust und Arsch von Frau Merkel, “Stadt am Fluss. Leuchtturmprojekte. Die eigentlichen Themen kommen im Wahlkampf nicht vor. – Greift “Wurzel-Themen” auf. Dann kann nicht nur ich euch wieder Wählen.

  2. Rainer Landele schreibt:

    @norbert damm

    das die atomdebatte (&energiepolitik) jetzt beim bundestagswahlkampf eine große rolle (auch bei den grünen) spielt, ist doch unübersehbar. daher verstehe ich die kritik in diese richtung nicht.

    hinsichtlich des kriegseinsatzes in afghanistan stimme ich 100% zu. nur, was soll man sagen dazu? das für die mehrheit in der partei militärische mittel seit ’99 etwas normales wurden (danke joschka *grr*)? wir in trier haben dagegen gekämpft – und verloren. so wie leider auch manche mitglieder, die aus der friedensbewegung kamen.

  3. norbert damm schreibt:

    @Rainer Landele

    Du bestätigst genau meine Kritik. – Diese “großen Wurzelthemen” kommen unten, bei uns, nicht mehr an. Hör`doch J. Trittin (tritt in) zu zum Thema Afghanistan. Demnächst wird er weinen über das, was er gesagt hat. Tut er nicht. Schade. Meine Forderung: Die Grünen müssten BrückenbauerInnen sein, DurchdekliniererInnen für “große” Themen nach unten, vor Ort. Ich hasse diese Aufteilungen der Themen in Bundes- und Kommunale. Spangdahlem geht uns alle an, Cattenom sowieso.
    Frieden schaffen, ohne Waffen, Schwerter zu Pflugscharen schmieden, Cattenom, nein Danke, Doudgefeierlech. Eine strahlende Mosel, eine strahlende Zukunft? Wir sind schon voll drin.- Aber Frau K[nast redet lieber dar[ber, ob Frau Merkel einen Arsch in der Hose hat.

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